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Verlag Langgaffe 21
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Dienstag, 19. Juni 1917.
Morgen-Kusgabe.
Nr. 306. . 65. Jahrgang.
ErklSrungrn an die russische Adresse.
Der Reichskanzler laßt (durch die „9t. A. Z.") das neue Rußland wissen, daß die Friedensformel „Ohne Annexionen und Kriegskontributionen" keinen Hinderungsgrund für einen Frieden zwischen Rußland und den verbündeten Mächten bildet, „die von Rußland ni.e Annexionen und Kontributionen gefordert haben". Der Zusatz, daß der Vierbuno in freier gegenseitiger Verständigung mit Rußland einen Zustand des Ausgleichs schaffen wolle, der ein dauerndes freundnachbarlich es N ebenein ander gewährleiste, bedeutet ein Angebot von einer Bestimmtheit des Ausdrucks wie des Inhalts, wie es bis dahin noch nicht gemacht worden ist. auch nicht durch die Reden des Reichskanzlers und der Minister Österreichs und Ungarns. Es ist ja kein amtliches Schriftstück, das solches Angebot ausspricht, aber die „N. A. Z." teilt selbstverständlich nur mit. was die R e i ch s- l e i t u n g öffentlich ausgesprochen wissen will, und hinter dem Artikel des Regierungsblattes steht der Reichskanzler selber. Man muß den Unterschied zwischen den Erklärungen der „N. A. Z." und den Forderungen der Sozialdemokratie beachten, den Unterschied, aber auch zum Teil die Übereinstimmung. Durch den Mund der „N. A. Z." kündigt unsere Regierung die Bereitwilligkeit an, für sich und ihre Verbüaderen zu einem Frieden mit Rußland auf der Grundlage der bekannten Formel zu wirken. Mit Ruß lind. Es wird nicht gesagt, daß Gleiches auch gegenüber den anderen Feinden gelten soll, es wird allerdings auch nicht gesagt, daß es schlechterdings nicht gelten soll, vielmehr bleibt die Frage offen, wie sich unser Vierbund verhalten würde, wenn England, Frankreich und Italien ebenso wie Rußland erklären wollten, daß ne auf Eroberungen und Entschädigungen verzichten. Andererseits äußert sich die deutsch-soziildemokrati- s ch e Denkschrift für Stockholm ganz bestimmt dahin, daß nirgends „Annexionen" gemacht iverden sollen, daß ein unabhängiges Belgien wiederhergestellt werden soll, daß auch Serbien seine Selbständigkeit zurückgewinnen soll. Hier also sieht man den tiefgehenden Unterschied zwischen den Erklärungen der ,,N. A. Z." und denen der Sozialdemokratie. Gleichwohl jedoch sagt die Antwort der deutschen Abordnung auf die vom Stockholmer Komitee gestellten Fragen, daß „der Grundsatz eines Frieoens ohne Annexionen . freundschaftliche Vereinbarungen über Grenzbericht i g u n g e n, wo sie auch immer seien, natürlich nicht ausschließt". Mit anderen Worten, Scheidemann und Genossen würden mit sich reden lassen, sie würden u. a. das, was die , N. A. Z." einen Zustand des Ausgleichs in freier gegenseitiger Verständigung mit Rußland nennt, immer noch als Ausführung ihres Programms und nicht als dessen Drrrchkcenzrmg ansehen. Wir befürchten keine mißverständliche Auffassung, wenn wir in unseren Ausführungen die Kundgebung des halbamtlichen Blattes und die Stellungnahme unserer Sozialdemokraten in eine Parallele bringen, die äußerlich den Anschein erwecken könnte, als ob wir den sozialdemokratischen Erklärungen ein entscheidendes Gewicht beilegten. Das tun wir gewiß nicht, aber es hieße, sich absichtlich blind stellen, wenn man die gegenwärtige Tätigkeit der Sozialdemokratie als etwas Gleichgültiges behandelte., Dil? Feinde spähen eifrig genug danach aus, was diese Partei erstrebt und verwirft, und sie müssen di? Bedeutung der deutschen Kundgebung schon mit Rücksicht daraus angemessen bewerten, daß die Sozialisten ihrer eigenen Länder nunmehr, ob das in Stockholm oder außerhalb des dortigen Rahmens geschieht, auf die Eröffnungen Scheidemanns -rnd seiner Freunde antworten werden. Was kann nun aber die Erklärung der ,N. 21. Z." bedeuten, daß die Mittelmächte und ihre Verbündeten nach einer freien gegenseitigen Verständigung mit Rußland über einen Ausgleich verlangen? Zunächst ist dabei wohl vorauszusetzen, daß sich die Staatsmänner des Vierbundes über diesen „Ausgleich" bereits verständigt haben. Ein Ausgleich, das ist ein Geben und ein Nehmen. „Annexionen und Kontributionen" und nie gefordert worden, aber Änderungen der Grenze zwischen den Ländern des Vierbundes und Rußland brauchen darum nicht ausgeschlossen zu sein, nur daß die Verständigung frei und gegenseitig sein soll. Es läge nahe, die Nutzanwendung dieser Formel auf den gegenwärftgen tatsächlichen durch die Kriegslage geschaffenen Zustand zu ziehen und somit etwa darauf hinzuweisen, daß wir Litauen und Kurland in der Hand haben, die Russen aber Ostgalizren, die Bukowina und Armenien. Wir widerstehen der Versuchung, aus diesem Tatbestände entsprechende Schlüsse zu ziehen, möchten aber doch nicht unterlassen» ihn der Aufmerksamkeit zu empfahlen, schon weil es ein sehr natürliches Verlangen ist. sich die Andeutungen des halbamtlichen Blattes in bestimmterer Weise zu vergegenständlichen. Jedenfalls würde eine Aussprache
mit Rußland, wenn sie erst einmal möglich werden könnte, ans der Grundlage dieser Andeutungen der „N. A. Z." den Boden schaffen können, auf dem man vielleicht schneller, als es bisher erwartet werden durfte, zum Ziele käme. Es kann wohl nicht ratsam sein, einen Sonderfrieden mit Rußland zu enipfehlen, einmal weil solche Empfehlung nichts nützen würde, wenn Rußland nicht selber Neigung zum Sonderfrieden empfindet, und sodann weil es sogar in diesem Falle zweckmäßiger wäre, jene Neigung reifen zu lassen durch die Erkenntnis der neuen Männer in Petersburg, daß alle ihre Bemühungen, die Verbündeten auf die russische Friedensformel zu vereinigen, an dem fortdauernden Kriegswillen und an der Beharrung bei Kriegszielen scheitern, an denen Rußland selber kein Interesse mehr haben kann. Dies langsame Herinreifen aber vollzieht sich s i ch t b a r. Der Arbeiter- und Soldatenrat wirft jetzt ja beinahe jeden Tag den Verbündeten vor, daß sie Rußland für ihre Sonderzwecke mitz- b rauchen wollen — man vergleiche nur dazu die neue unten wiedergegebene deutliche russische Absage an alle imperialistischen Bestrebungen—, und die russischen Sozialisten bedanken sich mit w achtender E n t r ü st u n g für die ihrem Land? zugemutete Rolle. Es wäre geradezu unnatürlich wenn es nur bei diesen Worten und Gesinnungen bliebe; sie werden sich vielmehr mit unwiderstehlicher Gewalt in Taten umsetzen, wofern sich England und Frankreich nicht auf den Boden der russischen Friedensformel stellen wollen. Wird das _ nach unserer Überzeugung nicht geschehen, so wird die Folge daß Rußland sein Schicksal s e l b st in die Hand nimmt und nach seinen Verbündeten nicht mehr fragt, unvermeidlich ein- treten, ohne daß wir etwas hinzu zu tun brauchten.
Oie Lage im westen.
Der deutsche Abendbericht vom 18. Juni.
W. T.-B. Berlin, 18. Juni, abends. (Amtlich. Drghtbe- richt.) Keine größeren Kampfhandlungen.
«
Die elsaß-lothringische Frage und der Frieden. '
Neutrale und russische Betrachtungen
W.T.-B. Berlin, 18. Jini. (Drrhtüericht.) „Extra- bladed" schreibt in einem Leitartikel silier die elsaß-lothringische Frage und den Frieden, daß vor 1870 eine deutsche Frage bestand, ebenso wie jetzt die französische. Die französischen Nationalisten müßten auf de: Forderung von Elsaß- Lothringen bestehen, da ihn:l sonst jeder Kriegsgrund genommen wäre. — „Nya Daglight Allehanda" schreibt zu dem gleichen Thema: R ich einem statistischen Vergleich der Nationalität und Sprachenverhältnisse, wenn Frankreich dessen ungeachtet für die Befreiung der französischen Nationalität m Elsaß-Lothringen zu kämpfen vorgirdt, muß diese Behauptung vor der ganzen Welt als falsch und unhaltbar dastehen. Wenn die Engländer und Russen gleichfalls fortfuhceu sollten, für dasselbe Ziel zu känpfen, so müsse gesagt werden, daß es empörend ist, daß tie Fortsetzung und Steigerung dieses unerhörten Weltelends mit einem solchen Kriegsziel gerechtfertigt wird.
IV. T.-B. Berlin, 18. Juni. (Drahtbericht.) Die ruffische Zeitung ..Rabotschkaja Gazetta" fragt, welches Recht hat die französische Bourgeoisie, Elsaß-Lothringens wegen den Krieg zu veilär gern und somit ganz Europa und Elsaß-Lothringen selbst mit neuen Verheerungen zu bedrohen?
Ein französisches Blulgericht an den russischen Hilsslrnppen.
IV. T.-B. Berlin, 18. Juni. (Drahtoericht.) Über die jüngst ftattgehabte Meuterei oer russischen Truppen in Frankreich, die man französischecseits bekrnntlich als völlig harmlos hinzustellen versucht, wird aus sicherer Quell? »ekannt. diß aus einer Schar Russen, die nicht weiterhin für Frankreich kämpfen wollten, kurzerhand 50 Leute als Rädelsführer ausgesucht und davon jeder zehnte, also insgesamt 15, erschossen wurden.
Zur Veröffentlichung der Geheimverträge der Allierten.
Nr. Bern, 18. Juni. (Eig. Drahtbericht. zb.) Auf eine Anftage Brizons in der Kammer erklärte der Kriegsminister Painleve. daß die verbündeten HeereSleitung- g e n aus militärischen Gründen einer Veröffentlichung der Verträge der Alliierten nicht zu stimmen können.
Französische Besorgnisse wegen der Armee in Saloniki.
IV. T.-B. Bern. 18. Juni. Lyoner Blätter melden aus Paris. Der Kammerausschutz für auswärtige Angelegenheiten hat nach dem Bericht des Deputierten La Grosilliere über die Qrientarmee einen Beshlutzunlrag angenommen, nach welchem eine Abordnung bei Ribot und Painleve über dringend notwendige Maßnahmen im Interesse des Expeditionskorps vorstellig werden soll.
Das unmenschliche Verhalten der Engländer in dem Seegefecht vom 5. Juni.
Eidliche Aussagen von Geretteten.
W. T.-B. Berlin, 18. Juni. (Amtlich.) Aus den nunmehr vorliegenden eidesstattlichen Aussagen bet Geretteten des Torpedobootes 20, vas, wie seinerzeit veröffentlicht, am 5. Juni nach einem heftigen Gefecht mit überlegenen feindlichen Auftlärungsstveitkräften, bis zum lebten Augenblick fenernd, vor der flandrischen Küste gesunken ist, ist über das Verhalten der Engländer bei der Rettung der Überlebenden von „20" folgendes festgestellt: Kurz nach dem Untergang des Bootes fuhren englische Zerstörer an die im Wasser treibenden Schiffbrüchigen heran. Ein Zerstörer mit der Bezeichnung „F 7" setzte einen großen Torpedobootskutier aus, der bei dem herrschenden ruhigen Wetter gut 20 Mann fassen konnte. Er übernahm jedoch nur sieben Überlebende; die übrigen im Wasser treibenden, teils schwer verwundeten Leute, u. a. die Maschinistenmaate Ihle und Ritsche, die später beide ertranken, wurden durch Schläge ii it Seitengewehren und Hölzern zurückgeschlagen, als sie sich an dem Kutter festhalten wollten; einem hielt der Bootsoffizier sogar die Pistole vor die Stirn. Die Besatzung des Zerstöiers machte keine Anstalten, die etwa zehn Leute, die nur 2 bis 5 Meter vom Zerstörer entfernt schwammen, zu retten. Nach dem Einsetzen des Kutters fuhr der Zerstörer mit hoher Fahrt fort. Weitere Zerstörer, die dicht an den Überlebenden vorbeifuhren, beachteten weder ihre Hilferufe noch ihr Winken. Die englischen Seeleute lachten vielmehr, riefen den Schiffbrüchigen Worte zu, die nicht verstanden wurden, und zeigten ihnen ihre Granaten. Die Vernehmungen ergaben außerdem, daß ein ei glischer Zerstörer durch die artilleristische Wirkung unserer beiden Torpedoboote in Bernd geoiten war und anscheinend von den Engländern später versenkt wurde.
Rußland.
Der Empfang der amerikanischen diplomatischen Sondermission in Petersburg.
Der Minister des Äußern über die Zlufgabe der Revolution.
W. T.-B. Petersburg, 18. Juni. (Drahtbericht. Petersburger Telegraphen-Agentur.) Der Minister des Äußern Tereschenko hielt bei dem Empfang der amerikanischen diplomatischen Svnderabordnung mit dem Senator Root an der Spitze eine Ansprache, in der er erklärte, die Revolufton habe das russische Volk vor zwei Fragen von höchster Bedeutung gestellt, nämlich die Frage einer st a r k" n Demokratie im Landesinnern und des Kampfes gegen den Feind, der die letzte Stütze der Autokratie ist. Die russische Revolution bewirke nicht nur eine Änderung in der inneren Verfassung der Regierung, sie ist auch ein moralischer Faktor. Der Wille des russischen Volkes bekundet sich in den Bestrebungen, die Freiheit zu sichern. Dieses will das russische Volk nicht nur in den inneren Angelegenheiten. sondern auch in der internationalen Politik beweisen. Das Volk will auch den Militarismus stürzen. Es sucht einen dauerhaften Frieden, ohne irgend eine Vergewaltigung und ohne imperialistisches Bestreben. Das russische Volk nährt keinen Gedanken der Vorherrschaft und bekämpft ähnliche Gedanken anderer Länder. Aber vor allem wird es nicht die Verwirklichung irgend eines imperialistischen, politischen, finanziellen oder, Wirt- schriftlichen Planes des Feindes dulden. Dies ist eine große Aufgabe Rußlands. Es besteht noch ein großer Gedanke, der durch das denkwürdige Schriftstück ausgedrückt wird, durch das die Vereinigten Staaten von Amerika und das amerikanische Volk ihre Wünsche und Absichten kund gaben, daß die Nationen die besondere Pflicht haben, über ihre Zukunft zn entscheiden. Das russische Volk macht sich die erhabenen Grundsätze zu eigen und ist der Ansicht, daß diese Politik die Nationen leiten soll.
Eine Absage des Arbeiter- und Soldatenrats an die italienischen Kriegshetzer.
W. T.-B. Bern, 18. Juni. (Drahtbericht.) Der Petersburger Mitarbeiter der „Stampa" .neidet, daß die italienischen Abgeordneten Cappa, Labrivla, Rai- mondo und Lorda mit dem Petersburger Arbeiter- und Soldatenrat eine längere Besprechung hatten. Die Italiener hätten die unabweisbare Notwendigkeit der Fortsetzung des Krieges betont, da weder mit einer Revolution in Deutschland noch mit der Möglichkeit eines gereckten Friedens durch die Vermittelung des deutschen Volkes zu rechnen sei. Die russischen Sozialisten dagegen bielten an der Möglichkeit eines Friedens fest, durch den die Absichten der Völker ohne weiteres BIutvergieß e n verwirklicht würden. Trotzdeni die russischen Sozialisten, so bemerkt der Berichterstatter, von einem Sonderfrieden nichts wissen wollen, sind sie fast ausnahmslos nicht gesonnen, sich zu schlagen.
