Sei stell, mei Herz.
Mei Herz, mei Herz eß traurig,
Et giht die Loft su kejhl;
Worem fu angst un schaurig? —
Ich weiß net, wot ich fejhl.
Die Loft kommt kejhl dat Dohl rofs, Die Rocht zejht Henne drenn,
Jwer die Wissesohl noff,
Schleicht mir en't Herz henenn.
Un wie die Rochtloft schaurig,
Su eß 't mer en de Seel, --
Mei Herz, worem su traurig? —
Sei stell, mei Herz, sei stell!
Ein sauberes weißes Hemd.
Bon Berner von Heidenstam.*)
Der Reiter Bengt Geting hatte eine Kosakenpike durch die Brust bekommen, und die Kameraden legten ihn auf einen Reisighaufen im Jungwald, wo Pfarrer Rabenius ihm das Abendmahl reichte. Es war auf den eisgesrorenen Feldern vor den Mauern von Weperik, und ein ;ansender Nordwind riß das dürre Laub von den Sträuchern.
„Der Herr im dir nahe!" flüsterte Rabenius väterlich und sacht. „Bist du jetzt bereit, von hinnen zu gehen nach einem guten Tagewerk?"
Bengt Geting lag mit geballten Fäusten und verblutete. Die harten Augen standen weit offen, und das eigensinnige und knochige Gesicht war von Sonne und Frost so gegerbt, daß die bläuliche Blässe des Todes nur an den Lippen zum Vorschein kam.
„Nein", antwortete er.
„Das ist das erstemal, daß ich ein Wort aus deinem Mund höre, Bengt Geting." Der Sterbende ballte di? Hände fester und fester und kaute mit den Lippen, die sich gegen seinen Willen den Worten öffneten.
„Einmal", sagte er langsam, „darf wohl auch der elendeste und zerlumpteste unter den Soldaten reden."
Er erhob sich angstvoll auf den Ellbogen und stieß einen so schneidenden Jammerschrei aus, daß Rabenius nicht wußte, ob er den Qualen der Seele oder des Körpers entstieg.
Er setzte den Kelch zu Boden und breitete das Taschentuck darüber, damit die herumfliegenden Blätter nicht in den Branntwein fielen.
„Und das", stammelte er und drückte die Hände gegen seine Stirn, „das muß ich, der ich ein Diener Christi bin, Morgen für Morgen, Abend für Abend erleben."
Die Soldaten drängten sich auf allen Seiten zwischen den Sträuchern heran, um den Gefallenen zu sehen und zu hören, aber ihr Hauptmann kam zornig mit gezogenem Degen. !
„Bindet dem Kerl ein Tuch um den Mund!" rief er. „Er ist immer der eigensinnigste Mann im ganzen Bataillon gewesen. Ich bin nicht unmenschlicher als irgend ein anderer,
*l Die Erzählung ..Ein sauberes weißes Hemd" von Berner von Heidenstam, dem im vorigen Jabre durch den Nobelpreis ausgezeichneten schwedischen Dichter, ist seinem Buchen „Karl der Zwölste und seine Krieger" entnommen. Die deutsche Uebersehung in zwei Bänden erschien vor kur,-in bei A. Langen, München, wie srüher der andere große Zyklus Heidenftams aus der schwedischen Geschichte: „Die Schweden und ihre Häuvtlinge". Das Buch gibt mit den höchsten Mitteln erzählender Kunst lebensvolle Ausschnitte au« der wirklich abenteuerlichen Vergangen- heit des schwedischen Volke».
aber ich «nutz meinen Dienst tun, und ich habe eine Menge neue, ungeübte Leute, die mit Lewenhaupt gekommen sind. Tie sind jetzt durch sein Gejammer ängstlich gemacht und weigern sich, vorzugehen . . Warum gehorcht ihr nicht? Hier führe ich den Befehl!"
Rabenius trat einen Schritt vor, und in seiner werßen Lockenperücke hatte er einen ganzen Kranz von gelbem Laub.
„Hauptmann", sagte er, „bei dem Sterbenden befiehlt der Diener des Herrn allein, aber er überläßt gern in Deinut dem Sterbenden selbst das Kommando. Seit drei Jahren habe ich Beugt Geting in Reih und Glied gehen sehen, aber noch niemals habe ich ihn mit jemand reden hören. Jetzt ans der Schwelle zum Gottesgericht kann kein Mensch ihm mehr Schweigen gebieten."
„Mit wem hätte ich reden sollen?" fragte der blutende Reiter bitter. Meine Zunge ist wie sestgewachsen und ge- lähmt. Wochen konnten vergehen, ohne daß i>ch ein Wort sagte. Nieruand hat mich um was gefragt. Nur das Ohr hatte auf seiner Hut zu sein, damit ich nicht versäumte, zu gehorchen. Geh, hat man gesagt, geh durch Sumpf lmd Schnee' Darauf war nichts zu erwidern."
Rabenius kniete und nahln leise seine Hände in die seinen. t .
„Aber jetzt sollst du reden, Bengt Geting. Rede du, rede du, da nun alle sich versammeln, um dich zü hören. Tu bist jetzt der einzige von uns allen, der das Recht hat, frei zu reden. Ist vielleicht ein Weib oder eine hochvetagte Mutter daheim, die ich grüßen soll?"
„Meine Mutter ließ mich hungern und schickte mich zu bett Truppen, und niemals hat ein Weib mir anderes zu sagen gehabt als dasselbe: Geh weg, Billigt Geting, geh. geh! Was willst du von uns?"
„Tu hast wohl etwas zu bereuen?"
„Ich bereue, daß ich nicht als Kind in den Wasserfall an der Mühle sprang, und daß ich, wenn du Sonntags vor dem Regiment standest und uns ermahntest, geduldig zu gehen und zu gehen, nicht hervortrat und dich mit der Muskete erschlug. Nein, willst du erfahren, was inrt Angst macht? Hast du nie die Troßkutscher und die Bor- Posten erzählen hören, wie sie im Mondlicht ihre erschossenen Kameraden haufenweise dem Heer nachhinken und auf ihren verstümmelten Beinen herumhüpfen sahen, und wie sie rufen: Grüß die Mutter zu Hause!? — Sie nennen sie das schwarze Bataillon. In dieses schwarze Bataillon soll ich jetzt hinein. Wer das schlimmste ist, daß ich in meinen zerrissenen Lumpen und meinen: blutrgen Hemd begraben werden soll. Das gerade ist es, was ich nicht aus dem Sinn bekommen kann. Ein ernfacher Reiter verlangt nicht wie der selige General Lieden heimgeführt zu werden, aber ich denke an die gefallenen Kameraden bei Dorksnicki, wo der König jedem Mann einen Sarg ans ein paar Brettern und ein sauberes weißes Hemd schenken ließ. Warum mußten die es so viel besser haben als ich? Jetzt in den Jahren des Unglücks wird man hineingelegt, wie man fällt. So tief biir ich ins Elend gesunken, daß das einzige in der Welt, was ich ersehne, ein sauberes weißes Hemd ist."
„Mein armer Freund," antwortete Rabenius leise. „In dem schwarzen Bataillon — wenn du nun daran glaubst — bekommst du große Gesellschaft. Der Gyldenstolpe und Sperling und Oberstleutnant Mörner liegen schon draußen auf dem Felde erschossen. Und erinnerst du dich der tausend anderen? Erinnerst du dich des freundlichen Oberstleutnants Wattrang, der an unser Regiment herangerittcn kam und jedem Soldaten einen guten Apfel gab, und der jetzt neben den Leibtrabanten und allen Kameraden unter der Wiese bei Holofzin liegt? Und erinnerst du dich meines Vorgängers,
