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Donnerstag, 7. Juni 1917.

Morgen-Kusgabe.

Nr. 285. * 65. Jahrgang.

Österreichisch-ungarischer Tagesbericht.

W.T.-B. Wien, 6. Juni. (Dcahtbericht.) Amtlich verlautet vom 6. Juni, mittags:

östlicher Kriegsschauplatz.

An der Ol toz st raste wurde ein schwacher feind­licher Borstoß durch Sperrfeuer erstickt, synst stellen­weise auflebeude Jnsauterietätipkeit.

Italienischer Kriegsschauplatz.

Der Feiud erschöpfte sich gestern zwischen dem Wippachtale und dem Meere in vergeblichen An­griffen, um die in den vorangegangenen Tagen auf der Karsthochfläche erlittene Niederlage wett zu machen. Seine Anstürme zerschellten. Unsere Truppen erwei­terten durch die Erstürmung einer Höhe bei Jamniano ihren Erfolg und behaiipteten tit erbitterten Kämpfen alles gewonnene Gelände. •

Die Zahl der in den drei verflossenen Schlachttagen eingebrachten Gefangenen ist auf 250 Offi­ziere (unter ihnen 4 Stabsoffiziere) und auf 10000 Mann gestiegen. Mehrere italienische Regi­menter sind fast mit ihrem ganzen Mannschaftsbestande nnverwundet in unsere Hand gefallen, so das Regiment 86 mit 8685 Mann, das Regiment 69 mit 1932 Mann, das Regiment 71 mit 1831 Kämpfern. Die Brrgaden Berona, Siracusa, Pieglio und Ancona, in deren Reihen diese Truppenkörper fochten, sind vernichtet.

Im Tunnel von San Giovanni wurde ein großes Feldspital erobert. Das Schlachffeld ist von italienischen Leichen bedeckt.

In der mondhellen Nacht von gestern auf heute suchten italienische Flieger weit hinter unserer Front Städte und Ortschaften heim. Sie kamen in Niederösterreich bis Laibach, in Tirol bis Bozen. Im Küstengelände und im Krain wurden einige Ein­wohner getÄet. Sachschaden ist nicht zu melden.

Südöstlicher Kriegsschauplatz.

Unverändert.

Der Chef des Generalstabs.

•’ •

Der österreichisch-ungarische Erfolg bei Jamniano.

(Drahtbericht unseres dli.-Sonderberichterstatters.)

Ni. 2Bien, i, Juni, (zb.) Aus dem Kriegspressequartier wird gemeldet: Der gestrige Tag der Jsonzoschlacht brachte den Italienern die schwerste Niederlage seit Beginn ihrer Stürme und Österreich-Ungarn einen glänzen­den Sieg auf der ganzen Linie. Die Italiener büßten jenes Stück, auf dessen Eroberung sie sich besonders viel zugute taten, wieder ein, nämlich den Frontteil im Raume zwischen Jamniano und dem Meere, den die Verteidigung am 23. Mai unter dem Truck der gewaltigen gegnerischen Übermacht räumen mutzte. Der Angriff wurde planmäßig in der Nacht dom 8. zum 4. Juni ausgeführt. Gestern erfolgte ein Stotz gegen die italienische Stellung auf dem Fatij Hrb, der den Angreifern sowohl den Gewinn der vordersten italieni­schen Stellungen, als auch viele Gefangene einbrachte. Gleich­zeitig wurde auch ein Angriff gegen die italienischen Linien östlich ton Gcrz mit vollem Erfolg durchgesühct. Die Italiener wurden in chre Ausgangsstellungen vor der 10. Jscnzoschlacht zurückgeworfen. Unterdessen kam der österreichisö^ungarische Hauvtangciff südlich Jam­niano in Schwung; die Italiener wurden aus den von ihnen besetzten Stellungen geworfen. Sie rafften alle Reserven zusammen, um das verlorene Terrain wiederzugewinnen. An einzelnen Stellen gelang es ihnen, wieder an die öster­reichisch-ungarischen Limen heranzukommen, jedoch im Kampfe Mann gegen Mann wurden sie wieder zurückge- triebeu.. Der außerordentliche Erfolg ist um sd lwber einzuschätzen, als der Gegenangriff nur auf einem relativ kleinen Raum eingesetzt werden konnte.

Der Kriegszustand mit Amerika.

Die Bewegung gegen !»en Krieg in den Vereinigten Staaten.

Br. Kopenhagen, 6. Juni. (Eig. Drahtbericht. zb.) Die aus Amerika einlaufendeu Nachrichten sind, so schreibt „Dagens Nyheter", außerordentlich sparsam. Londoner Blätter bringen in den letzten Tagen dunkle Mitteilungen, die nichts Gutes verheißen. In ihnen wird erklärt, daß man von amtlicher Seite in Washing­ton eingeräumt habe, die Lage im Lande sei durchaus nicht zufriedenstellend, der Widerstand gegen die allgemeine Wehrpflicht werde immer größer. Überall fänden P r o t e st v e r s a m m l u n g e n statt und Straßenbilder, wie man sie jetzt in New Aork und anderen amerikanischen Städten sehen kann, wo die Polizei mit Maschinengewehren durch die Straßen rast .und die Dächer mit Scheinwerfern absucht, wären wohl früher undenkbar gewesen. Es unterliege keinem

Zweifel, daß Präsident Wilson energisch vor- gehen werde, um die Ruhe und Ordnung aufrechtzu­erhalten und das Kriegsgesetz durchzuführen. Anderer­seits aber äußert sich die Sturmwarnung und man muß mit einer immer mehr zunehmenden Be­wegung in gewissen Teilen der Bevölkerung rechnen, die teils aus sozialpolitischen, teils aus internationalen Gründen rücksichtslose Gegner der Kriegs- Politik Amerikas sind. Di? revolutionäre Strömung hat seit Beginn der russischen Revolution auch hier an Ausdehnung gewonnen und man kann heute noch nicht sogen, welchen Einfluß diese ganze Bewegung aus Amerikas weitere Teilnahme am Kriegs haben wird.

Die wüste Demagogie der Propaganda für die amerikanische Kriegsanleihe.

Nr. Rotterdam, 6. Juni. (Eig. Drahtbericht, zb.) Aus New Dort meldet der „Daily Telegraph": Der 'Schatzsekretär McA d o o tagte in einer Propagandarede für die Kriegsanleihe, falls Deutschland England und Frank­reich besiegen werde, würde es zweifellos die Union- st a a t e n angreifen und ihnen die demütigendsten Be­dingungen nuferlegen. Der Minister bat seine Landsleute, ihren Wahn, daß die weite Entfernung Amerikas eine dau­ernde Sicherheit gewährleiste, aufzugeben.

Die „Voss. Ztg." bemerkt dazu: Der amerikanische

Schatzsekretär, ein Schwiegersohn Wilsons, unternimmt gegen­wärtig eine Propagaadareise für die Freiheitsanleihe, an der sich das Publikum, wie englische und amerikanische Blätter wiederholt festgestellt haben, in unzulänglichem Matze betei­ligt. Wie unzulänglich diese Beteiligung und wie wenig dos amerikanische Volk von der Berechtigung des Wil- sonschen Kriegs überzeugt ist, zeigt sich in den Mitteln, die Herr MMdoo aufbieten mutz, um Stimmung für die An­leihe zu machen. Er mutz bereits mit dem größten Kaliber aus dem Mooseveltschen Arsenal arbeiten, mit der absur­den Drohung, Deutschland werde im Falle seines Sieges Amerika angrerfen. Nichts kann die w ü sie Demagogie, der der amerikanische Krieg sein Leben verdankt, stärker kenn­zeichnen als diese Art von Propaganda.

»

Heimkehr der deuffchen Kousulatsbeamten aus China.

W. T.-B. Christiania, 6. Juni. (Drahtbericht.) In der Nacht sind hier über Bergen 46 deutsche Konsulatsbeamte aus China einyetroffen und Dienstag nach Deutschland ge­reist. _

Das neue Rufjfanfc.

Die russische Friedensformel und die russische Offensive.

W. T.-B. Bern, 6. Juni. (Drahtbericht.) Die „Times" meldet aus Petersburg vom 31. Mai, obwohl die Stimmung zugunsten einer sofortigen Offensive zunehme, bestehe man in der sozialistischen Presse, dar­unter im Blatte des Arbeiter- und Sotdatenrats dar­auf, daß die Regierung er st die Formel „Keine Annexionen und keine Entschädigungen" annehme^ ehe die Russen marschieren.

„Djelo Naroda" schreibt, es würde der Ausliefe­rung der revolutionären auswärtigen Politik an die Alliierten gleichkommen, wenn wir die Offensive er­griffen, ohne ihre f e st e n G a r a n t i e n für die An­nahme eines Grundgesetzes, eines Friedens ohne Annexion, erhalten zu haben.

„Novaja Schizn" schreibt: Die Bemühungen der

einstweiligen Regierung uni die Offensive enthalte eine schwere Gefahr. Keine Agitation, weder Aufrufe, noch Drohungen werden die gewünschten Ergebnisse er- zielen, bis die neue Formel, welche Annexionen, Ent­schädigungen und die Ziele des Imperialismus bei den Alliierten ausschließe, amtlich angenommen ist.

Die „Morning Post" meldet aus Petersburg vom 30. Mai: In einem Artikel des Organs des Delegier- tenrats werde unter Hinweis auf die Rede des Kriegs­ministers Kerenski und anderer über die russische Offensive gesagt, es ist durchaus unwahr, daß wir die Offensive vorbereiten. Was wir tun, ist lediglich, eine solche möglich zu machen, um Deuffchland daran zu hin­dern, Truppen von der Ostfront zu senden und es den Russen zu ermöglichen, bei den Friedensverhandlun­gen mit Deutschland nicht als Besiegte zum Sieger, son­dern als Gleiche zum Gleichen zu sprechen. Der Artikel führt weiter aus' Die Revolutionsarmee könne nicht borrücken, sofern nickst jeder Soldat überzeugt sei, daß er für die Freiheit käurpfe und nicht als Raubtier den internationalen Kapitalismus be­reichere. Nur eine tätige Auslandspoliffk, die jeden Zweifel über Ziel und Charakter des Krieges beseitige, ' könne die Grundlage für eine Offensive legen.

Ausbreitung der monarchistischen gegen­revolutionären Bewegung.

8. Stockholm, 6. Juni, (zb.) Die monarchistische gegen-

revolutionäre Bewegung m Rußland gewinnt täglich an

Boten. Am Freitag fand in Petersburg eine große monarchistische Demonstration statt. Ans dem Saboltcmski- Prospek: versammelte sich eine Gruppe Menschen mit Fahnen, auf denen riesige Inschriften, wie: „Es lebe der russische Zar!", „Gebt uns die russische Monarchie zurück!" standen. Die Manifestanten zogen nach dem Stadtzentrum.. Große Menschenmassen schlossen sich ihnen unter Hochrufen auf die Monarchie an. In Kiew wurde laut der „Kiewskaja Mist" eine Verschwörung reaktionärer Offiziere ovfgedeckt. Die Organisation war durch enge Bande mit den Frontofftzieren verbunden. Stockholmer monarchistische russische Kreise halten sie reaktionäre Bewegung für ver­früht. Die Anarchie in Rußland habe noch nicht den Gipfel erreicht, welcher die Reaktion als letzte Rettung erscheinen lasse Man sieht vielmehr die gegenwärtige Bewegung als e n g l i s ch e Mache an, da die jetzige sozialistische Bewegung für die Engländer außerordentlich verhängnisvoll erscheint.

Eine Rede Kerenskis an den Abgeordneten­rat der Arbeiter und Soldaten.

IV. T.-B. Petersburg, 6. Juni. (Drahtbericht. Meldung der Petersburger Telegraphen - Agentur.) Kriegsminister K e r e n s k i sagte in der letzten Sitzung des Abgeordneten­rates der Arbeiter und Soldaten u. a., daß die Erklärung über dre Rechte der Soldaten, die den russischen Truppen Freiheiten zugestehe, wie sie kein Heer der Welt genieße, nicht von ihm, sondern von dem Arbeiter- und Sol­datenrat ausgearbeitet wurde. Der frühere Kriegsminister Gutschkow habe sie nicht einmal unterzeichnen wollen, weil damals viele Truppenbefehlshaber erklärten, sie würden bei der Durchführung der Erklärung ihren A l> s ch i e d nehmen. Deshalb gab ich. sagte KerenSki, vor der Ver­öffentlichung zu allererst den Befehl, allen Offizieren und Truppt nbefehlshabern jedes Abschiedsgesuch zu untersagen. Bei der Erörterung seiner Aufgaben sagte Kerenski, die russische Demokratie, deren getreuer Diener er sei, habe das Bestreben, eine wohlgegliederte Macht zu schaffen, welche dre Forderungen und Erklärungen Rußlands kräftig und wirk­sam stützen könne. Der Einfluß unserer Diplomatie, sagte er, ist abbärgig von der Kraft und Einigkeit unser es Heeres. Ich sage nicht, daß heute oder morgen durchaus eine Offensive ergriffen werden mutz, das ist eine strate­gische Frage. Aber unser Heer mutz jeden Augenblick kampf­bereit sein, nicht nur zur Verteidigung, sondern auch zum Angriff. Darauf erklärten die Vertreter verschiedener Truv- penteile dem Minister in ergreifenden Ausdrücken, daß sie bereit seien, zu marschieren, wohin er sie sende.

Eine Friedensresolnkion der Garnison von Wiborg.

B*. Stockholm, 6. Juni. (Eig. Drahtbericht, zb.) Die Garnison von Wiborg in Finnland beratschlagte in einer acht­stündigen Soldatenverscmnnlung über die Friebensfrage und fotzte einstimmig eine Resolution dahingehend, der Friede müsse sehr schnell hergestellt werden, denn der gefähr­lich st e F e i n d, gegen den sich Rußland zu verteidigen habe, sei die steigende Hungers not.

Oer Krieg gegen England.

Die Konferenz in Leeds.

Sr. Haag, 6. Juni. (Eig. Drahtbericht. zb.) Der merk­würdige Beschluß der englischen Sozialisteirkouserenz in !L e e d §, nach dem Vorbild der russischen Revolution einen englischen Arbeiter- und Soldatenrat einzu­richten, der für einen sofortigen und reibungslosen Frieden arbeiten soll, beweist, daß die russische Revolution einer ge­wissen politischen Bewegung in England, die es aus eigener Kraft nicht zur Geschlossenheit bringen konnte, nun als Mittelpunkt dient. Diese Leistung der russischen Revolution erstreckt sich tief in den englischen Liberalismus hinein. Das Friedensprogramm des Arbeiter- und Soldatenrats, und so weit die provisorische Regierung mit ihm übereinstimmt, auch deren Standpunkt hat in den letzten Monaten den weniger kriegsbegeisterten und nicht zur Vernichtung Deutschlands entschlossenen englischen Kreisen Gelegenheit gegeben, in der Hülle der russischen Formel die eigenen Wünsche vorzutragen. Neuerdings sind nach dem „Manchester Guardian" auch die „Daily News" zu dieser Taktik überlangen. Der Vor­sitzende der Konferenz Smille ist Führer der Bergarbeiter- rrganisotion, die 350 000 Mitglieder hat. Das allein beweist, daß es sich um eine politisch neue Bildung handelt. Wichtig ist. daß die gegen die imperialistische Strömung in der englischen Arbeiterschaft bestehende Gegenbcwegung sich mit einem sehr bestimmten, auf den Augenblick berechneten Programm heranswagt, und die alten pazifistischen Führer, deren Einfluß vor dem Krieg sehr beträchtlich war (Mac- denald) diesen Einfluß zuvückzugewinnen scheinen. Daß die Regierung alles getan, nm die chauvinistische -Stimmu ng in der Arbeiterschaft aufrecht zu erhalten, gchl daraus hervor, daß Henderson im Unterhaus feststelltc, die Regierung habe unter den Streikenden in der letzten Woche Agents provocateurs benützt, um gegen sie Stimmung xu machen. Obgleich diese Streiks ohne Zweifel mit sehr nahe­liegenden und praktischen gewerkschaftlichen Fragen zusam­menhäng en, hat sich nun in Leeds herausaestellt, daß dieie reine Jntereffensrage politischen A ntrie-b hat. Wenn Macdonald mit seiner Organisation vom Soldaten-,und Ar-