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Verlag Langgaffe 21

„Tagtlatlhaus".

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Zreitag, 1. Iuni 1917.

Morgen-klusgabe.

Nr. 274. . 65. Jahrgang.

Die unzulängliche zriedenssormel.

O Berlin, 30. Mai.

England und Frankreich mögen sich noch so sehr sträuben, der russischen Einladung zur Einschrän­kung ihrer Kriegsziele nachzukommen, so wer­den sie sich dieser Forderung doch fügen müssen, wenn sie nicht Gefahr laufen wollen, daß Rußland sein Ver­hältnis zu ihnen lockert oder ganz aufgibt. Denn es fft eine unweigerliche Selbstverständllch- keit: Läßt das neue Rußland an den früheren ge- tncinsamen Kriegszielen ein beträchtliches Stück nach, so müssen ferne Verbündeten dasselbe tun, so hart es sie ankommen inag. Nun aber enthält die PetersbuZger Formel „Keine Eroberungen und keine Entschädigun­gen" die Möglichkeit in sich, daß die Westmächte, indem sie sich notgedrungen dieser Formel anpassen, doch wie­der Kriegsziele aufstellen, die für uns so unannehmbar sileiben, wie es die ehemaligen waren. Wir denken dabei u. a. an die neue Fassung der elsaß-lothrin­gischen Frage. Die Franzosen erklären, sie woll­ten dieses Grenzgebiet beileibe nicht „erobern", sie wollten es nur „zurückgegeben" wissen. Denn es sei ihnen „geraubt" worden, es sei französischer Boden, und wenn wir Deutschen Elsaß-Lothringen wieder ln die mütterlichen Arme der Republik legten, dann machten wir eben nur ein Unrecht gut, würden aber an dem uns zustehenden Bestands nicht verkürzt. Gegen diese Formel hat man ersichtlich auch in Petersburg nichts einzuwenden. Tereschtschenko selber hat sich ihrer schon bedient, und es ist auch schließlich nicht zu erwarten, daß die Russen ihren Freunden an der Seine zumuten sollen, einen offenen und rückhaltslosen Ver­zicht auf die Reichslande auszuspcechen. Versucht jeden­falls wird werden, in der Form der Rückerstattung das durchzusetzen, was mit gewaltsamer Eroberung nun einmal nicht zu erreichen ist. Die Wiederherstellung des früheren Zustandes soll nun aber auch, so verlangt man es in Petersburg, in Belgien und in Ser­bien durchgeführt werden. Was Serbien betrifft, so scheinen die Feinde allerdings-eine wichtige Unterschei­dung machen zu wollen. Sie scheinen nicht abgeneigt, Bulgarien ein gewisses Entgegenkommen zu beweisen und ihm ein Stück Mazedonien, vielleicht auch die ganze Dobrudscha zuzuteilen. Aber daß Ästerreich-Ungarn Zeinen besseren Grenzschutz gegen den gefährlichen Feind im Süden erhielte, davon wird man weder an der Newa noch in London und Paris etwas wissen wollen, und schon die Rücksicht auf Italien, das doch nicht ganz ohne Vorteil bleiben soll, wird die feindliche Mächte­gruppe verhindern, einer Neuordnung zuzustimmen, bei der die Interessen des Donaureichs so, wie es sein muh, gewahrt bleiben könnten. Nimmt man einmal an, daß alle unsere Feinde das Schlagwort „Keine Eroberun­gen" gutheißen, so würde die Auslegung, die sie diesen: Schlagworte geben, uns unseren eigenen Zielen kaum viel näher bringen. Im besonderen ein „wiederherge- stelltes" Belgien müßte für uns stets eine Unmöglich­keit bleiben. Dies „wiederhergestellte" Staatswesen, wie man es in London und Paris versteht, wäre für uns etwas viel Schlimmeres, als es das Belgien aus dem letzten Friedensjahre war, einmal nach seinem eigenen todfeindlichen, von jeder Hemmung befreiten Willen zu Haß, Vergeltung und Angriff, und sodann, was ja daraus von selbst folgt, wegen der Selbstver­ständlichkeit, womit es sich zum Vorposten der West­mächte gegen uns machen würde. Wir gestehen bereit­willig, daß wir keine bestimmte Vorstellung davon haben, wie Friedensverhandlungen in Gang kommen sollen, wenn ihre Grundlage die Formel „Keine Er­oberungen" zu bilden hätte, und wenn unsere Feinde sich mit der Erklärung, daß Elsaß-Lothringen nur „zu­rückgegeben", Belgien und Serbien nur „wiederherge­stellt" werden sollen, an den Beratungtztisch sehen würden. Es ist offenbar noch unendlich viel zu tun, damit die Gegner gründlich zu wissen bekommen, sie könnten ein Spiel der spitzfindigen Deu­tungen und Verdrehungen nur zu ihrem eigenen Schaden versuchen. Mit einer gewissen heite­ren Zuversicht aber erwarten wir den Tag, an dem auch unsere Sozialdemokraten einsehen'werden, daß die Redewendung. „Keine Eroberungen und keine Entschä­digungen", in die sie sich wrmlick verliebt haben, keines­wegs der Weisheit letzter Schluß sein kann. Zu dieser Erkenntnis werden sie nicht durck Zureden kommen, sondern durch die Haltung der Feinde. Wir in Deutsch­land, wir von der bürgerlichen Bevölkerung, werden dazu gar nichts weiter beizutraqen brauchen, wir kön­nen es Engländern und Franzosen überlassen, Herrn Scheidemann davon zu überzeugen, daß seine Formel höchstens als Hilfskonstruktion einen äußerlichen Wert hat, daß sich aber nichts Rechtes mit ihr anfangen läßt, wenn die drüben es so gründlich anders mit ihr meinen, als es die ideologische Vorstellung der „Genossen" tut, noch dazu bloß der Genossen aus den Mittelmächten. Denn' daS' wigeu.wir läussi. daß auch, die oemäniatften

französischen Sozialisten nicht daran denken, auf Elsaß- | Lothringen zu verzichten. Gerade ihnen ist die Phrase von der „Rückgabe" mundgerecht.

Die Thronrede Kaiser Karls.

Zur feierlichen Eröffnung des öster­reichischen Reichsrnls.

W. T.-B. Wien, 31. Mai. (Drahtbericht.) Bei der heutigen feierlichen Eröffnung des Reichsrates verlas Kaiser Karl die Thronrede, in der es u. a. heiß:: „Der Wille des Allmächtigen hat mich in einer schicksalsvollen Zeit zur -Lenkung des Staates berufen. Des gckeittgen Ernstes der Aufgabe, die die Vorsehung auf meine Schultern gelegt hat, war ich mir von Anfang an beivußt. Aber ich fühle een Willen und die Kraft in mir, in treuer Erfüllung meiner Herrscherpslichten nach dem Vorbilde meines erlauchten Vor­gängers meinem hehren Amte mit Gottes Segen gerecht zu werden. Das Staatsinteresse soll nicht länger jener wirk­samen Förderung entbehren, die ihm die eifrige Mitarbeit einer den Kreis- ihrer Befugnis richtig crfasseitden einsich­tigen und gewissenhaften Volksvertretung zu bieten vermag.

Ich habe die geehrten Herren zur Ausübung ihrer Ver­se sii vosmähigen Tätigkeit berufen und hütze Sie heute an der Schwelle ihres Wirkens lierzlich willkoiumen. In vollem Bewr ßtsein der von meinen Vorgängern übernommenen ver­fassungsmäßigen Pflichten und in alter tiefster Überzeugung will ich Ihnen erklären und feierlich bekräftigen, daß cs mein unabänderlicher Wille ist,

meine Herrscherrechte in einem wahrhaft konstitutionellen Geiste auSjuiibc», die - staatsgrundsätzlichen Freiheiten unverbrüchlich zu achten und den Staatsbürger» jene» Anttzil an der Bildung des Staatswillens unverkürzt zu wahren, den die geltende Verfass»»« vorsieht.

In der treuen.Mitarbeit des Volkes und, seiner Vertreter erblicke ich eine verläßliche Stütze für dm Erfolg meines Wirkens. Ich meine, das Wohl des Staates, desien glor­reicher Bestaird durch das feste Z rs rmmenstehen der Bürger in den Sturmen des Weltkrieges gewahrt svurdc, kann auch für die Zeiten des Friedens nicht sicherer v-rankest werden, als in der unantastbarenGerechtsame eines einem reifenVater- lor.de dienenden liebenden freien Volles. Eingedenk meiner £ f lieget heit zur Ablegung des Becf «ff «ngsgelöbnisses und festhaltend an der gleich nach meinem Regierungsantritt ver­kündeten Absicht, dieser Obliegenheit getreulich nachzu­kommen, mutz ich mir zugleich die Bestimmung des Slaats- grundgesctzes gegenwärtig halten, die die Entscheidungen im großen Augenblick des Friedensschlusses allein in r eine Hand legt. Ich bin überzeugt, daß das segensvolle Aufblühen des Verfaffungslebens noch der Un­fruchtbarkeit der früheren Jahre unter volittschen Ausnahme- berbältnissen des Krieges, abgesehen von der Lösung jener galizischen Frage, für welche mein erhabener Vorgänger be­reits den Weg gewiesen hat, nicht möglich ist ohne die Aus­gestaltung der verfassungsmäßigen und verwaltungsrecht­lichen Grundlagen des gesamten öffentlichen Lebens, sowohl im Staat als in den einzelnen Königreichen und Ländern, insbesondere in B öHm e n. Ich vertraue darauf, daß die Erkenntnis Ihrer ecMen Verantwortung für die Gestrltung der politischen Verhältnisse und der Glaube an die glückliche Zukunft des in diesem furchtbare» Kriege so herrlich er­starkten Reiches Ihnen, meine Herren, die Kraft verleihen wird, vereint mit mir in Bälde die Vorbedingung -yt schaffen, um im Rahmen der Einheit des Staates unter einer verläßlichen Sicherung seiner Funktionen auch der freien, nationalen und kulturellen Entwicklung der gleich­berechtigten Völker Raum zu geben.

Aus diesen Erwägungen habe 'ch mich entschlossen, die Bblegnvg des Vrrfassungskielöbnisses einem hoffent­lich nicht allzu fernen Zeitpunkt vorzubehalten, wo die Fundamente des neuen stacken, glücklichen Öster­reichs für Generationen wiederum fest ausgebavt sein wer­den noch innen und außen. Schon heute aber erkläre ich, daß ich meinen teuren Völkern immerdar ein gerechtest, liebe­voller und gewiffenhafter Herrscher sein will, im Sinne der kulturellen Idee, die wir als Erbe unserer Väter übernommen haben, und im Geiste jener wahren Idee, die gerade während der Stürme des Weltkrieges in den Lerstun- gen des gesamten Volkes an der Front und daheim die Feuer- probe Nurdorbar bestanden hat. So stehen wir in dem ge­waltigsten Kriege aller Zeiten. Lassen Sie mich aus Ihrer Mitte all den Helden, die seit fast drei Jcchren an unseren weitgespannten Fronten freudig ihre Pflicht er­füllen, an deren eisernen Standhaftigkeit eben jetzt zwischen den. Alpen und der Adrta ein erneuter wütender Angriff des Feindes- zerschellt, dankbaren Herzens meinen kaiserlichen Gruß entbieten. Unsere Mächtegruppe hat die blutige Kraftprobe dieses Weltkrieges nicht gesucht, ja, mehr als das, sie hat von dem Augenblick an, wo dank der unvergänglichen Leistungen der verbündeten Heere und Flotten Ehre und Bestand unserer Staaten nicht mehr ernstlich bedroht erschienen, offen und in unzweideutiger Art ihre Friedensbereit­schaft zu erkennen gegeben in der festen Überzeugung, daß die richtige Friedensformel nur in wechsclsritizer Anerkennung der ruhmvoll verteidigten Machtstellung zu

finden ist. <

Das fernere Leben der Völker sollte »ich unserer Meinung frei bleiben von Groll und Rachsucht und auf Generationen hinaus der Anwendung dessen nicht bedürfen, was man das letzte Mittel der Staaten nennt. Zu diesem lohen Menschlichkeitsziel vermag aber nur ein solcher Ab­schluß des Weltkrieges zu fahren, wte cr je-ier Friedens­formel entspricht. .

Das große Nachbarvolk des Ostens, mit dem uns einst eine alte Freundschaft verband, scheint sich in all­mählicher Besinnung auf seine wahren Ziele und Aufgaben nenestenS dieser Anschauung zu nähern und aus dunklem Grunde heraus eine Orientierung zu suchen, die die Güter der Zukunft rettet, bevor sie die sinnlose Kriegs­politik verschlungen hat. Wir hoffen im Interesse der Menschlichkeit, daß dieser Prozeß der inneren Neugestaltung sich bis zu einer kraftvollen Willensbildung nach außen durch­ringen wird und daß solche Klärung des öffentlichen Geistes auch auf die anderen feindlichen Länder übergreifen >vird. Wie unsere Mächtegruppe mit unwiderstehlicher Wucht füc Ehre und Bestand kämpft, ist und bleibt sie jedem gegen­über, der die Absicht, sie zu bedrohen, ehrlich aufgibt, gern bereit, den Streit zu begraben, und wer darüber hinaus wieder bessere menschliche Beziehungen anknüpfcn will, der wird auf dieser Seite gewiß bereitwilliges und von« Geiste der Versöhnlichkeit getragenes Entgegen- k c m m e n finden.

Einstweilen aber wird unser Kampfesiville nicht erlahme« und unser Schwert nicht stumpf werden.

In treuer Gemeinschaft mit dem alten verbündeten Deutschen Reiche und den Bundesgenossen, die unsere gerechte Sache iin Laufe des Krieges gewonnen hat, bleiben wir bereit, das gute Kriegsende, das wir gern dem Durchbruch der Vernunft danken möchten, nötigenfalls mit der Moffe zu erzwingen.

Ich beklage die wachsenden Opfer, welche die lange Dauer des Kriegs der Bevölkerung auferlegt, und be­klage das Blut meiner, tapferen Soldaten und die Entbeh­rungen -der braven Bürger und alle Mühsal und Bedrängnis, die um des yelickbten Vaterlands willen so heldenmütig ge­tragen wird. Die Bemühungen meiner von einer voll be­währten Beamtenschaft unterstützten Regierung sind unab- läßlich darauf gerichtet, die Lebenshaltung der Be­völkerung, deren staatstreuer Gemeinsinn und Tüchtig­keit meine dankbare Anerkennung findet, zu erleichtern und durch eine zweckmäßige Organisation das Auslangen mrt den Vorräten zu sichern.

Die Thronrede fordert dann weiter die volle Anspannung aller Kräfte im Staat, um die großen Aufgaben vorzube­reiten, von deren glücklichen Lösung das fernere Gedeihen des Staatsw^sens abhcänge. - Sie 'hebt hervor, daß Österreich die ungeheuren finanziellen Anforderungen die­ses Kriegs aus eigenem Können erfüllen konnte, wofür der Erfolg der 6. österreichischen Kriegsanleihe der beste Beweis sei, und bezeichnet es als erstes Gebot, die Staatswirkschaft, welche durch die Kriegslasten eine ernste Störung erlitt' mietet in geordnete Bahnen zu lenken. Zu diesem Zweck müßten dem Staat ausreichende Einnahmen erschlossen wer­den, webet das Betreten neuer, von den bisherigen ab­weichenden Bahnen der Finanzpolitik unverin-eidlich sein N-erde. Eine weise und ftresiae Ökonomie im Staatshaushalt, besonders die Unterlassung eines jeden nicht durch sachliche Zwecke unbedingt erheischten Verwaltungsaufwandes müsse die Wiederherstellung der finanziellen Leistungen erleichtern. Als dringende Aufgaben bezeichnet ferner die Thronrede die Fürsorge für die Hinterbliebenen der Gefalle­nen und für jene, die im Krieg ihre Arbeitsfähigkeit einge­büßt haben, eine intensive Wohlfahrtspolitik in der doppelten Richtung der Pvaduktionsförderung einerseits und der sozia­len Fürsorge andererseits, sowie namentlich die soziale Für­sorge, eine zielbewußte Bevölkerungspolitik, eine Besserung der Wohnungsverhältnisse der breiten Massen und kinder­reicher Familien, der Hintanhaltung der großen Säuglings­sterblichkeit, Ausgestaltung der Jugendfürsorge, Ausbau der Arbeiterschutzgesetzgebung, Regelung der Arbeitszeit für Frauen und der Jugendlichen. Die Thronrede schließt: Es ist ein großer Augenblick, der den neuen Herrscher zum erstenmal mit den Volksvertretern zuscrmmenführt. Die ge­meinsame Liebe zum Vaterland und der gemeinsame beste Wille, ihm bis zum äußersten zu dienen, sei eine Weihe die­ses Augenblicks! Möge er ein Zeitalter des blühenden Anf- rchwnngs, ein Zeitalter der Macht und des Anschens für das altehrwürdige Österreich und des Glücks und des Segens für meine geliebten Völker einle-ten! Das walte Gott!

Österreichisch-ungarischer Tagesbericht.

W.T.-B. Wien, 31. Mai. (Drahtbericht.) Amtlich verlautet vom 31. Mai, mittags:

Östlicher und südöstlicher Kriegsschauplatz.

Unverändert.

Italienischer Kriegsschauplatz.

Am Jsonzo gestern tagsüber nur Artiller ie- kämpfe. In der Nacht wurden bei San Giovanni südöstlich von Monfalcone zwei italienische Vorstöße abgewiesen.