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Verlag Langgaffe S1

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Dienstag, 29. Mai 1917.

Kbend-ktusgabe.

Nr. 269. . 65. Jahrgang.

Österreichs parlamentarische Wiedergeburt.

Von einem deutsch-österreichischen Politiker wird ' uns geschrieben:

Der 30. Mai hat für Österreich die Bedeutung eines geschichtlichen Gedenktages, denn er beendet nach drei­jähriger Pause die parlamentslose, die schreckliche Zeit. Es war keine leichte Arbeit, den Reichs rat, der vor drei Jahren im tiefsten Frieden nach Hause geschickt wurde, jetzt in Kriegszeiten wieder flott zu machen, und wie weit dies dem zweifellos sehr ge­wandten und diplomatisch veranlagten Ministerpräsi­denten, dem Grafen Clam-Martinrtz, gelungen ist, wird erst der Verlauf dieser Tagung ergeben kön­nen. Immerhin deuten die Wetterzeichen trotz der 'nach langwierigen Verhandlungen erzielten Einigung der Parteien mit der Regierung schon jetzt auf Wind, wenn nicht gar Sturm.

, Wie kam es, daß Österreich als einziger unter den kriegführenden Staaten während dieses Weltkrieges ohne. Mitwirkung der Volksvertretung regiert wurde, daß der berüchtigte Paragraph 14 als Parlamentsersatz dienen mußte? Der Urgrund dafür lag in der völki­schen Mischung Österreichs, das eben kein einheitliches Staatengebilde darstellt, und in dem der Nationali­tätenhader von jeher die Politik ausschlaggebend beeinflußt hat. Das hat sich auch in diesem Weltkrieg bemerkbar gemacht. Genaueres darüber, wie weit vor allem die Tschechen und die Ruthenen versagt haben, wird man wohl erst später einwandsfrei erfahren, aber aus ben zahlreichen Hochverrats Prozessen hat man ja einiges Material sammeln, einige Kenntnis gewinnen können.

Eben wegen dieser Unzuverlässigkeit zahlreicher österreichischer Zeitgenossen ging das Verlangen eines Teiles der deutschen Parteien dahin, daß die wichtigsten khrer Forderungen, nämlich die Festlegung der deutschenStaatssPrache, die Durchführung der neuen Kreisordnung für Böhmen und die Regelung der galizischen Autonomie, um durch bi« Ausscheidung der polnischen Abgeordneten aus dem Reichsrat die deutsche Mehrheit zu sichern, auf dem Verordnungsweg« verwirklicht werden sollten. Graf Clam-Martinitz, der ursprünglich damit einverstanden zu sein schien, hat sich, beeinflußt durch die Vorgänge m Rußland, urplötzlich eines anderen besonnen, weil er von dieser Oktroyierung einen ungünstigen Einfluß auf die auswärtige Politik, auf die Friedensaussichten rm allgemeinen und die künftigen Beziehungen zur russischen Republik im besonderen fürchtete.

Es ist heute zwecklos, noch einmal darauf zurückzu­kommen, ob diese Furcht begründet war oder nicht, oder wenigstens übertrieben ivar.- Jetzt handelt es sich darum, ob der Versuch, die Parlaments Maschine in Gang zu bringen, glücken und ob es auf diesem Wege gelingen wird, den Deutschen zu ihrem Recht zu ver­helfen,^ zu dem Recht, das sie sich durch ihre Staatstreue, durch ihre die aller anderen Nationalitäten übersteigen­den Opfer an Gut wie an Blut erworben haben.

über das laufende Arbeitsprogramm hat der Ministerpräsident sich in der Hauptsache mit den Vertretern der Parteien geeinigt. Danach soll zunächst dre Geschäftsordnung geändert werden, um, freilich unter voller Wahrung der Rede- und Handlungsfreiheit des Hauses, allzu ausschweifenden Ö b st r u k t i o n s- gelüsten entgegentreten zu können. Dann sollen die 8 14-Verordnungen erledigt, die Verlänge­rung der Mandatsdauer beschlossen, die Delegationen gewählt und das Budgctvrovisorium durchberaten wer­den. Von sonstigen Gesetzesvorlagen verdienen beson- deve Hervorhebung die Neuregelung des Vereinsrechtes, eine Kriegsgewinnsteuer, ein Gesetzentwurf über Für­sorgeerziehung und Jugendstrafrecht und eine Sozial- dersichernngsvorlage.

Sind das alles schon Materien, die mancherlei Kon- fliktsstoff in sich bergen, so kommt dazu daß schon in der. allernächsten Zeit die Besprechung der Kriegsziele, wenn auch mit gewissen Einschrän­kungen freigegeben werden soll, so daß sich jetzt alles, was die Österreicher zwei Jahre und zehn Monate bei nch behalten mußten, stürmisch an die Öffentlichkeit, auch an die parlamentarische drängen wird. Man muß sich somit auf eine bewegte Tagung gefaßt machen, um w mehr, da die deutschen Parteien, wenn sie auch in der Frage der Oktroyierung Meinungsverschiedenheiten wifwiesen, darin einig sind, daß ihre vorher erwähnten Kardinalforderungen verwirklicht werden müffen, und dafür hat sich ja nicht nur der Ministerpräsident, son-, dern in gewissem Sinne auch Kaiser Karl eingesetzt. Daß man dabei von tschechischer -Seite auf Widerstand stoßen wird, ist nicht zu bezweifeln. Bor allem aber wird es auf die politische Haltung der Polen an- mnrmen. Wenn sie von ihrem bisherigen galizischen Programm, das alle Rechte für die Polen verlangt und

alle Pflichten dem österreichischen Gesamtstaat aufbür­den will, nicht gründliche Abstriche machen, oder wenn man nicht sonst Mittel und Wege findet, die widerstrebenden Elemente gefügig zu machen, dann wird der Roichsrat sein politisches und wirtschaftliches Programm allenfalls zu bewältigen vermögen, bei der unumgänglichen und dringlichen Lösung ferner natio- nalene Aufgaben aber sicherlich Schiffbruch leiden.

ver Tauchbootkrieg.

Neuerdings 27 000 Tonnen!

W. T.-B. Berlin, 28. Mai. (Amtlich.) Neue Unterser- bootserftlge im englischen Kanal und in der Nord­see: 27 vüü Bruttoregistertonnen. Unter den versenkte» Schiffen befanden sich u. a. der bewaffnete englische Dampfer „Highland Corrie" (7582 Br.-R.-T.), der englische Dampfer „Jupiter" (2122 Br.-R.-T.) «nd drei bewaffnete englische Dampfer unbekannten Namens.

Der Chef 1>es Admiralstabes der Marine.

Die fragwürdigen Äußerungen Lloyd Georges über die gefundene neue Kampfart gegen Unterseeboote.

IV. B.-B. Kopenhagen, 28. Mai. „Politiken" befaßt sich in ihrem Leitartikel eingehend mit dem Unterseebootskrieg imd den letzten französisch-englischen Andeutungen über eine neue Kampfart, kommt aber zu dem Schluß, die täglichen Versenkungen ließen vermuten, daß nur alle Mittel mit amerikanisch-japanischer Hilfe verstärkt zur Anwendung kämen, und stellt Lloyd Georges Behauptung, die Mai-Er­gebnisse seien geringer als die vom April, als fragwürdig hin.

•

Erfolge unserer Seekampfflugzuge vor der flandrischen Küste.

W. T.-B. Berlin, 28. Mai. (Amtlich.) Am 25. Mai wurden an der flandrischen Küste zwei feindliche Flugzeuge durch Marineflugzeuge zum Ab stürz gebracht. Am Morgen des 26. Mai trafen drei unserer flandrischen Seekampfflugzeugc vor der fran­zösischen Küste auf ein Geschwader von franzö­sischen Flugbooten und schossen alle vier in wenigen Minuten ab. Bon deren Besatzung konnten vier Offiziere und zwei Unteroffiziere geborgen wer- den; die übrigen Insassen sind ertrunken. Obwohl un- sere bei der Bergung beschäftigten Torpedoboote durch feindliche Seestreitkräfte gestört wurden, konnte ein französisches Flugboot unbeschädigt eing-ebracht werden Die übrigen drei sind vollständig zerstört Keines unserer Torpedoboote ist beschädigt worden.

Eines unserer U-Boote hat am 25. Mai in den Hoofden das englisckte Wasserflugzeug 9060 a b g e s ch o s s e n und zwei Insassen als Gefangene ein- gebracht.

Der Chef des Admiralstabs der Marine.

vie Lage Im wetten.

Der Kaiser bei den Fronttrnppen im Westen.

Berlin, 29. Mai. (zb.) In Sonderberichten verschie­dener Blätter wird von dem Weilen des Kaisers bei den Fronttruppen im Westen erzählt. Dem „B. L.-A." zufolge lautet eine Ansprache des obersten Kriegsherrn wie folgt: „Kameraden! Ich freue mich, euch, von der. be­währten brcmdenburgischen Division . . ., Auge in Auge zu sehen. Bewegten Herzens spreche ich euch meinen kaiserlichen Dank aus für die heldenhafte Tapferkeit, mit der ihr hier im Westen den starken Feind geschlagen habt. Offiziere und Mannschaften haben in edler Aufopferung gewetteifert und alle Versuche des Feindes, die deuffche Mauer zu durch­brechen, abgeschlagen. Mit freudigem Dank und ge- - hvbeuen Herzens gedenken die Eurigen daheim der Vater- londsverteiüiger im Felde. So kommt mein Dank auch im Namen der Eurigen zu euch. Der Gegner hatte große Vor­bereitungen getroffen. Mit ungeheurem Muniftonsaufwand und rücksichtslosem Einsatz von Menschen hoffte er durchzu­kommen An eurem Todesmut sind seine Pläne auch diesmal gescheitert und wie diesmal, würden sie auch immer cheitcrn. Die märkischen Bataillone haben gezeigt, daß das Zeug ihrer Vorsakren in ihnen steckt." — Dem „B. T." zu- alge sagte der Kaiser noch: „Die nahe Entscheidung l r e g t v o r u n s. Ihr werdet auch sie schaffen, wie ihr 'all dies andere bisher geschaffen, denn rhr seid eingedenk, wofür rhr kämpft: für die Zukunft eurer Kinder und Enkel, für die Zukunft unseres geliebten Vaterlandes!"

Die Kämpfe an der Westfront vom 27. Mai.

Der deuffche Ergänzungsbericht.

W: T.-B. Berlin, 28. Mai. Au der Westfront am 27. Mai an verschiedenen Stellen starkes Artilleriefeu« und berder- I fettige örtliche Kampfhandlungen von geringerer und griff,«- 1 rer Heftigkeit. •

Auf dem Whtschaete-Bogen und in der Gegend War ne ton lag seit Mittag stark gesteigertes Feuer, das zum Teil durch Fliegerbeobachtung auf Batterien im Hinter­gelände gelenkt wurde. Der Artilleriekampf hielt auch in den Abendstunden und nachts cm. Die deutschen Batterien nah­men Truppenbewegungen hinter der feindlichen Linie unter wirksames Feuer. Rach einem außerordentlich hefti­gen Feuerwirbel drangen gegen Mitternacht etwa drei feind­liche Kompagnien in unseren vordersten Graben westlich vom Dorf Wyffchaete ein. Sie wurden im heftigen Nachkqmps wieder vertrieben und ließen eine AWahl von Toten, Verwundeten und Gefangenen zurück.

An der Arrasfront verstärkte sich das feindliche Artilleriefeuer im allgemeinen erst am Nachmittag. Der süd­lich der Scarpe nach kurzer heftigster tzeuervorbereituug in breiter Front zwischen Ceresy und Bullecourt vorgetvagene englische Angriff kostete die Engländer außerordent­lich s ch we r e Ver l u st e.

Im Raum von St. Quentin bvechten die Unsrigen au vier verschiedenen Stellen Gefangene aus günsti g verlaufe» neu Bcrfelbkämpfen ein.

An der Aisnefront war das Feuer nur in der Gegend von Craonne heftiger. Ein um 11 Uhr morgens versuch­ter französischer Handstreich rn der Gegend der Hurtebrse- Ferme wurde durch das Feuer der Grabenbesatzung völlig vereitelt.

Unsere in der westlichen Champagne kämpfenden Truppen konnten am 27. abermals, wie gemeldet, einen schönen Erfolg buchen. Bereits am frühen Morgen wur­den bei der Säuberung eines Franzosennestes am Hang deL Luginsland eine Anzahl Gefangener und mehrere Maschinen­gewehre ei ngeb rächt. Am Poehlberg überrannten württembergische Truppen nach planmäßiger Feuervorberei- tung in wuchtigem Anlauf ein feindliches Grabenisystvm in 2 Kilometer Breite und erreichten nach wenigen Minuten die befohlene Linie. Die Franzosen hatten schwere Blutopfer. Über 200 Gefangene blieben in unserer Hand. Am benachbarten K e i l b e r g stehende TSüringer schloffen sich aus Eigenem Antrieb dem Angriff der Württemberger an. stürmten hier die vorderste Linie und machten etwa 50 Ge­fangene. Die Franzosen warfen augenblicklich ihre Sturm- Wellen gegen die ihnen entrifienen Stellungen vor, die in­dessen blutig abgcwiesen wurden. Immer frische Reserven führten sie heran. An einzelnen Stellen stürmten sie bis siebenmal; besonders hartnäckig waren die franzö­sischen WieÄereroberungsversuche gegen den Ostbang des Poehlberges, wo wir eine Revalverkanone und mehrere Maschinengewehre erbeutet hatten. Sämtliche bis ffef in die Dunkelheit sich wiederholenden französischen Angriffe wurden indessen von unseren Truppen in erbittertem Ringen unter schweren Verlusten für den Gegner abgeschlagen. Die eroberten Stellungen am Poehlberg fowie am Keilbory blieben fest in unserer Hand.

Dir erfolgreiche Tätigkeit unserer Bvmve«- flieger.

W. T.-B. Berlin, 28. Mai. Am 27. Mai warfen uast« Bombenfkieger in zahlreichen Tag- und Racht- flügen nicht weniger als 10 000 Kilogramm Spreng st off ab. Die meisten ihrer Angriffe galten den Truppenunterkünften und Lagern hinter der Aisne- und Champagnefront. Zahlreiche Treffer im Ziel und mehrere Brände wurden beobachtet. Die Tätigkeit der Bombenflieger ist ein untrennbarer Bestandteil der großen .Kampfhandlung geworde«. Der Bombenflieger stört den nächtlichen Bahnverkehr, vernichtet die Munitionslager weit hinter der Front, bringt Unruhe und Verluste in die Ruhe suchenden Truppen des Gegners und bereitet der feiudircherr Kriegsindustrie schweren Schaden. Die Abwehrmaßnahmen des Feindes haben unsere Bombenflieger nicht zu hindern vermocht, ihre Aufgaben mit Erfolg durchzuführen. — Im übrigen auf der ganzen Front Jagd- und Auf- klärungs-flüge. Bet den Kämpfen in der Champagne gelang es unseren Fliegern, die feindliche Lüfte rkurftung völlig zu unterbinden. Der Gegner verlor 12 Flugzeuge und 2 Ballone.

Die Zuverlässigkeit der amtlichen deutschen Berichterstattung über Luftsiege.

IV. T.-B. Berlin, 28. Mai. Der Pariser Funkspruch vom 2l. Mai veröffentlicht auf Grund von Angaben verschiedener deutscher Zeitschriften des Flugwesens die Zahl der Luft- siege einiger deutscher Flieger und versucht aus einzelnen ungenauen Angaben dieser rein privaten Zeit» schriften, die nicht den geringsten amtlichen Charakter haben, die Unzuverlässigkeit der deutschen Statistiken zu beweisen. So wird ausgesührt, daß das Oktoberhest der „Deutschen Luftfahrerzeituug" die Nachricht vom Tode des Leutnants W i n t g e n mit dem redaktionellen Zusatz daß er 15 feindliche Flugzeuge besiegt habe, kurz darauf dre- elbe Zeitschrift Wrntgens aber 18 Luftsiege zuschreibe. Äie Erklärung dieses Widerspruchs ist sehr einfach: An seinem Todestag betrug die Zahl der anerkannten Siege WintgenS 15. Seinen 16., 17. und 18. Lnstsieg, die er einen und zwei Tage vor seinem Tode errungen hat, wurden erst einige Tage päter nach vollendeter Prüfung der Belage anerkanrrt. Es erübrigt sich, auf die mehr als künstliche Konstruktion der Behauptung des Pariser Fruckspruchs «nzug-hea. — Wied-»