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Donnerstag» 24. Mai 1917. KbENd-KUZY(lbE, Nr. 262. . 65. Jahrgang.

Graf Tiszas Glück und Ende.

Der ungarische Ministerpräsident Graf Tisza hat für die Verhältnisse der Donaumonarchie, wenn auch die Ministerabnutzung in Transleithanien nicht ganz so stark ist wie in Cisleithanien, eine bemerkenswerte politische Daseinskraft aufgewiesen. Seit Anfang Juni 1913, also fast 4 Jahre, hat er an der Spitze des ungarischen Staatswesens gestanden, und er hat sich ebenso wie in seinem ersten Fciedensjahr auch in den drei Kriegsjahren trotz der gewaltigen Anstrengungen der Opposition, ihn zu stürzen, auf seinem Posten be­hauptet, freilich nur dadurch, daß er, obwohl im Gegen­satz zur österreichischen Reichshälfte die Parlaments- Maschine weiter funktionierte, eine Art Diktatorrolle spielte. Wenn er jetzt einigermaßen unerwartet fällt, so kommt diesem Sturz eine um so größere politische Bedeutung zu, als Graf Tisza den leidigen Umstand, daß der österreichische ReichSrat während der ganzen Kriegszeit außer Funktion blieb, rücksichtslos dazu benutzt hat, den Einfluß der ungarischen Reichshälfte e.< i Kosten der anderen zu vergrößern.

Was hat den anscheinend so fest im Sattel sitzenden Staatsmann zu Fall gebracht? Es wirkten hier mehrere Gründe mit, die teils rein ungarischer Natur waren, teils die Beziehungen zu Österreich betrafen und endlich auch in die auswärtige Politik hineinspielten. Zu den letzteren gehörte, worauf in unserer Berliner Meldung in der letzten Morgen-Ausgabe schon hinge- wiesen wurde, vor allem die heißumstrittene Regelung der polnischen Frage. Graf Tisza war ein entschiedener Gegner der vom Kaiser Karl verkündeten und vom Standpunkt einer Klärung der innerösterreichischen Verhältnisse wünschenswerten Autonomie für Galizien, weil er fürchtete, daß die Donaumonarchie, die jetzt eine dualistische Staatsforni aufweist, dadurch nicht nur zu einem Trialismus kommen würde, indem sich zu Cis- imd Transleithanien ein polnisches Öster­reich gesellt, sondern datz^man auf diesem Wege durch Selbständigmachung der Slawen zu einem Vier staat gelangen könnte, wie ihn bekanntlich der Erzherzog Franz Ferdinand angestcebt hat.

Eine weitere, noch weit einschneidendere Differenz zwischen Cis- und Transleithanien ergab sich durch Tiszas Widerstand in der Frage des österreichisch­ungarischen Ausgleichs im allgemeinen und in der der Lebensmittellieferung von Ungarn nach Österreich im besonderen. In der Ausgleichsfrage ist ja zum Schluß auf Kosten Österreichs eine Verständi­gung erzielt worden, aber in bezug auf die Abgabe der Lebensmittel hat Ungarn bis in die letzte Zeit an dem Standpunkt festgehalten: Erst komm' ich, dann nochmal ich usw. Mit diesen Fragen hing eng die der Schaf­fung einer Grundlage für die Wirtschaftsbeziehungen zwischen der Donaumonarchie und Deutschland, also die Begründung des sogenannten Mittel­europa zusammen. Man weiß, daß gerade Graf Tisza sehr stark den Standpunkt eines selbstgerechten Magyarentums vertrat.

Trotzdem hätten alle diese Meinungsverschieden­heiten, bei denen man nach und nach, wenn auch in schweren Kämpfen, zu gewissen Kompromissen kam oder doch zu kommen schien, wohl kaum des Grafen Tisza Sturz so bald herbeigeführt, wenn nicht eine inner­politische Frage, die der W a h I r e f o r m, den Ausschlag gegeben hätte. Der Ministerpräsident war an sich ein Gegner jeder Erweiterung des sehr eng­herzigen, einseitigen und exklusiven ungarischen Wahl­rechts, aber angesichts des Ansturms ^der vereinigten Oppositionsparteien sah er sich zum Schluß zum Nach­geben genötigt, und so trat er im vorigen Monat mit dem Wahlrechtsentwurf an die Öffentlichkeit, den die Opposition mit E n t r ü st u n g zurückwies und der nicht einmal in seiner eigenen Partei, der Natio- nalen Arbeitspartei, sonderliche Begeisterung erweckte. Die Reform sollte im wesentlichen darin bestehen, daß den Inhabern der Tapferkeitsnledaille das Stimmrecht verliehen wird, doch wollte die Regierungsich nicht der Erwägung weiterer Vorschläge verschließen, ohne daß jedoch die Grundprinzipien des Wahlgesetzes vom Jahre 1913 erschüttert oder die führende politische Stellung der Intelligenz gefährdet werde". Trotzdem schien die Posiffon Tiszas gesicherter denn je zu sein, als Kaiser Karl ihm am 28. April in einem Hand­schreiben versicherte, daß erkeine Ursache sehe, sich von jener Regierung zu trennen, welche im Abgeordneten- hause über eine feste Mehrheit verfügt". Aber als An­fang dieses Monats die vom Ministerpräsidenten zum Eintritt in das Kabinett aufgeforderten Mit­glieder der Verfassungspartei eine Absage erteilten, kriselte es aufs neue, bis er ach jetzt zur De­mission hat entschließen müssen. So fiel Graf Tiszas Glück und Ende nahe zusammen.

Als fein Nachfolger "st der ehemalige Ackerbau- urinister Graf Szerenyi in Aussicht genommen, der jernerzeit aus der Arbeitspartei ausgetreten war. Man

will also offenbar ein Koalitionskabinett er­richten, das, weil auf breiterer Grundlage ruhend, einen festeren Boden haben wird. Bei der Wahl- r e f o r m wird dabei ein, wenn auch kleiner weiterer Ruck nach links unvermeidlich sein, von einem allzu weitherzigen Wahlrecht wollen die um ihre Vormacht­stellung in Ungarn besorgten Magyaren nichts wissen. Vor allem dürften aber jetzt nicht nur die Be­ziehungen zwischen Ungarn und Ö st e r r e i ch eine Er­leichterung erfahren, sondern auch die Wirtschafts- Verhandlungen zwischen Deutschland und der Donaumonarchie in ein ruhigeres Fahrwasser geraten und einen glatteren Fortgang als bisher nehmen.

*

Die Annahme des Eutlassungsgesuchs.

W. T.-B. Budapest, 23. Mai. Das Ungarische Tele- gvaphen-Korrespondenz-BurLau meldet: Da Seine Majestät der auf das Wahlrecht bezüglichen Vorlage der Regie­rung seine Zustimmung nicht erteilte, hat Ministerpräsident Grat Tisza die Demission des Kabinetts über­reicht, welche Seine Majestät anzunehmen geruhte. Seine Majestät hat den Ministerpräsidenten mit der Weiter­führung der laufenden Angelegenheiten betraut. Hinsichtlich der mit der Bildung des neuen Kabinetts verbundenen Audienzen ist bisher noch keine Entscheidung geiroffen worden.

Die Lösung der Krise bevorstehend?

W. T.-B. Wie», 23. Mai. (Meldung des Wiener k. k. Korrestwndenz-Bureaus.) Infolge der Reise des Kaisers und der Kaiserin nach der ungarischen Stadt Gyöngyös unter­blieb die Reise des Ministerpräsidenten Grafen Tisza nach Wien, der den Kaiser und die Kaiserin vielmehr begleitete. Übereinstimmenden Blättermeldungen zufolge ist die Lösung der innerpolitischen Krise in Ungarn, die auf die äußere Polittk bezw. die Kriegsfragen nicht den geringsten Einfluß hat, unmittelbar bevorstehend.

vre Lage im wetten.

Oie schweren französischen Verluste.

W. T.-B. Berlin, 23. Mai. Bei Regen und schlech­ter Sicht war am 22. Mai nur an einzelnen Stellen der Westfront die Kampstätigkeit rege. Nordwestlich von H u l l u ch unternahmen die Engländer in zwei Kilo­meter Frontbreite einen starken mit Nebetgeschossen untermischten Feuerüberfall. Unter dem Schutz der Rauchwand sowie des schweren Artrlleriefeuecs ins Hintergelände' drangen starke feindliche Patrouillen in den vordersten .Graben an der Kiesgrube nordwestlich von Hulluch ein. Ein sofortiger deutscher Gegenstoß warf sie jedoch umgehend hinaus. Auch in der Gegend von Bullecourt wurden mehrfache feindliche Vorstöße abgeschlagen.

An der A i s n e f r o n t versuchten die Franzosen in der Gegend zwischen Hurtebise-Ferme und südlich von Corbenc einen neuen Angriff. Bereits gegen Nach­mittag wurde zwischen den kahlen zersplitterten Stämmen in den flachen zusammengeschossenen Gräben der Franzosen am Winterberg eine Auffüllung beobachtet und unter Feuer genonunen. Die Franzosen führten neue Truppen heran. Um 5 Uhr 20 Minuten nachmittags brach nach plötzlicher starker Feuervorbe­reitung der A n g r i f f vor. Fernfeuer riegelte den Aillette-Grund ab, aber die in dichten Massen vor- stürmende französische Infanterie bot den deutschen Batterien günstige Ziele. Wo die Franzosen bis an die Gräben herankamen, wurden sie in ruhigem Abwehr­feuer von der Besatzung mit Handgranaten oder der blanken Waffe abgewiesen. Zwischen Hurtebise-Fe. und dem Winterberg vermochten die Franzosen nur an zwei Stellen in den ersten Graben einzudringen. Am Win­terberg selbst, wo die Franzosen auf breiter Front tief gegliedert in mehreren Mellen hintereinander anstürm­ten, brach ihre Angriffskraft bereits zu Anfang im deutschen Artilleriefeuer z u f a m m e n. Wo trotzdem kleine Abteilungen in den ersten Graben einzudringen vermochten, wurden sie nnt Handgranaten wieder ver­trieben. Weiter östlich kam ein Angriff im deutschen Vernichtungsfeuer teilweise überhaupt nicht zur Durch­führung. Die Franzosen wiederholten mehrmals mit größter Hartnäckigkeit die Angriffe, was lediglich zur Steigerung ihrer schweren Verluste beitrug. Der fran­zösische Versuch, den Sturm durch Luftstreitkräfte zu begleiten, scheiterte. Die deutschen Flieger griffen vor allem am Winterberge wirkungsvoll ein und jag­ten die feindlichen Flugzeuge hinter die Linien zurück.

Ein neutrales Urteil über den Mister folg der englisch-französischen Offensive.

W. T.-B. Amsterdam, 22. Mai. 0Meuws van den Dag" schreibt in seinem Kriegsbericht- Daß in der französischen Kammer über die Offensive nicht verhandelt werden kann, versteht sich von selbst, denn die Offensive 1617 ist vor­läufig mißglückt und das kann in der Kammer natür- liH nicht gesagt werden. Jeder Mensch in Frank­

reich weiß, daß die Offensive mißglückt ist, aber die Havasberichte werden trotzdem steif und fest be­haupten. daß das Angriffsziel erreicht wurde. Man kann deshalb nicht plötzlich in der Kammer sagen, daß das nicht der Fall sei.

Englische Anerkennung für den deutschen Soldaten.

W. T.-B. Berlin, 23. Mai. Die Engländer bewundern die Zähigkeit der deutschen Soldaten. Die im April in der Schlacht bei Arras gefangenen Engländer zollen der glänzenden Verteidigung der deuffchen Truppen die höchste Anerkennung. Der einfache englische Soldat kann sich zwar im allgemeinen kein Urteil über militärische Leistungen bilden, er bewundert aber die Ausdauer und die Zäbigkeit der Deutschen, im wahnsinnigen tagelangen Trom­melfeuer auszuharren. Die altgedienten regulären Soldaten und auch ein Teil der aus der Kitchener-Armee hervorge­gangenen Unteroffiziere zollen der Schneidigkeit, mit der die deutschen Gegenangriffe borgetoagen wurden, ihr uneingeschränktes Lob. Die Offiziere bewundern die im Gefecht gezeigte glänzende Disziplin. Sie wissen, daß Disziplin einen großen Teil des Erfolges bedingt, und, sie wissen auch, daß gerade hierin so häufig der englische Soldat versagt und dadurch so viele Mißerfolge und so gewaltige Verluste auf ihrer Seite entstanden sind.

Anarnitische Opfertruppen.

W. T.-B. Berlin, 22. Mai. Ebenso wie im Somaliland, hctben die Franzosen auch in Anam zahlreiche Einge­borene unter der Vorspiegelung, gegen hohe Belohnung lediglich Arbeitsdienste leisten zu müssen, nach Frankreich verschickt und dort bei eintretendem Mannschaftsmangel als Öpfertruppen gegen die deuffchen Maschinengewehre vor- getrieben. Es sind bis jetzt 9 Ana miten-Regime n- l e r ausgestellt, die ursprünglich als selbständige Formationen verwendet wurden. Da die Anamiten jedoch sich häutig weigerten, anzugreifen, und da Desertionen nicht selten waren, löste man die Anamitenbataillone auf und teilte einer Kompagnie Ananntenhalbzüge zu, die bei Angriffen als erste Welle gegen die deutschen Gräben vorgetrieben wur­den. Bei den Kämpfen nordwestlich B r a y e wurde eine Anzahl Anamiten als Gefangene eingebracht. Sie machten einen kläglichen Eindruck, da sie durch die Kälte und Raffe in den Gräben sehr gelitten hatten. Nach ihren Angaben sind die Ausfälle im Winter unter ihnen infolge erfrorener Füße sehr groß. Bei der Ausbildung wie beim Einsatz oer Anamiten scheint es nicht immer ohne Gewaltsam­keiten abgegangen zu sein, wenigstens berichten die Ge­fangenen, daß sie von ihren beiden Unteroffizieren geschlagen wurden.

Vivianis und Jofsres Rückkehr aus Amerika

IV. T.-B. Paris, 23. Mai. (Meldung der Agence Havas.) V i v i a n i und I o f f r e sind auf der Rückreise von Amerika in Brest angekommen.

Das neue Rußland.

Das russische Verlangen nach Revision der Kriegsziele der Entente.

Berlin, 24. Mai. (zb.) Wie verschiedenen Blättern berichtet wird, erfahrt ein englisches Blatt aus Petersburg, es gelte jetzt als sicher, daß man in wichtigen und langwierigen Verhandlungen zwischen Rußland und den Alliierten stehe wegen der Revision de: Kriegsziele der Entente, wie sie in der Antwort an Wilson skizziert wurden. Rußland wolle so weit als möglich versuchen, genau zu umschreiben, was es unter einem Frieden ohne Annexion und Kriegsent­schädigung verstehe. Die arbeitenden Klassen Rußlands ständen jedem Gedanken an einen Sonderfrieden ab - jehnend gegenüber, können aber das jetzige Kriegspro­gramm der Alliierten nicht unterstützen. Man nehme rn Petersburg an, daß die Alliierten eine Konferenz zur Er­örterung der ganzen Frage der künftigen Stellung Rußlands zum Kriege einberufen würden. Die Formel: Frieden ohne Annexionen und Kriegsentschädigungen, entspringe nicht deni altrussischen Mottv, sondern beruhe so gut wie ausschließlich auf dem Wunsch nach Frieden, uni Rußlands innere und sozialen Fragen zu lösen. In Miljukow und G u t s ch k o w nahestehenden Kreisen betrachtet man die be­vorstehenden Unterhandlungen zwischen Rußland und den Alliierten mit der größten Unruhe. Trotzdem sei die polttische Lage nach Kerenskis Reden etwas bester.

Englands Widerstand gegen die russische Friedensformel.

Stockholm, 24. Mai. (zb.) Nach Petersburger Mel­dungen hat der Außenminister Tere st schenkt, mit den Botschaftern und Gesandten der Verbündeten eine längere Konferenz, welche äußerst erregt verlief. Teresffchenko setzte den Botschaftern die polittschen Grundsätze der ruffi­schen revolutionären Demokratte auseinander und entwarf dabei einen Plan der praktischen Durchführung eines annexionslosen Friedens, welcher eine Revision der Bündnisverträge nöttg mache. Zwei Tage darauf teilten die Botschafter dem Außenminister mit, die Wefttnächte seien gewillt, eine EittenickmfferLnz zur BehaMung von RuMM

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