Verlag Langgasse 21
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Donnerstag, 24. Mai 1917.
Morgen-Kusgabe.
Nr. 261. . 65. Jahrgang.
Der Tagesbericht vom 23. Mai.
W. T.-B, Großes Hauptquartier, 23. Mai. (Amtlich
Die ungarische Kabinettsteife.
(Von unserer Berliner Abteilung.)
L. Berlin, 23. Mai. (Eig. Drahtbericht. zb.) Der Rücktrittsentschluß des Grafen Tisza hat sehr lebhaftes Bedauern hervorgerusen, schon aus dem Grunde, weil das Verschwinden dieses treuen Freundes Deutschlands in London, Paris und Rom zu falschen Deutungen und Freudenausbrüchen Anlaß geben wird. Die Entente hat Tisza als einen der verantwortlichen Kriegsurheber hingestellt und insbesondere aus sein Betreiben die scharfe Politik gegen Serbien im Juli 1914 zurückgeführt. Nach Budapester Meldungen soll die W a h l r e f o r m f r a g e die unmittelbare Ursache des Rücktritts gewesen sein. Das hat viel Wahrscheinliches für sich, da Tiszas Vorschläge zur Wahlreform von den ungarischen Oppositionsparteien als ungenügend zurückgewiesen wurden und da wah- rsnd der parlamentarischen Empfänge durch den jungen Kaiser sich ein frischer Zug von Neuorganisation bemerk- bar machte. Hier wird jedoch angenonnnen, daß eine derartige innere Frage für den starken Mann Tisza nicht ausschlaggebend gewesen ist. Der Rücktrittsentschluß fällt auch zeitlich zusammen mit den Verhandlungen der verbündeten Staats- männer im deutschen Hauptquartier, wo, wie wir eus einer offiziösen Mitteilung wissen, auch die Polenfrage behandelt wurde. Österreichische Blätter verweisen auf die bevorstehende Lösung der Regen- tenfrage, die vom polnischen Staatsrat dringend gefordert wurde. Den Schlüssel zur ungarischen Krise glaubt man darum in den gegensätzlichen Ansichten Tiszas und Czernins über die slawische Frage zu erkennen, sei es, daß Tisza Gegner eines polnischen Königtums unter einem Erzherzog ist, sei es, daß er die Czernin nachgesagten Bestrebungen, aus der Doppelmonarchie eine Triple-Monarchie zu schaffen mit einer slawischen Staatenbildung unter der Stephanskrone — nicht billigt. Allbekannt ist, daß Stephan Tisza als Grundprinzip für die Ausgestaltung der Doppelmonarchie das Vorherrjchon der Deutschen und Ungarn forderte, während er die kulturelle Fortentwicklung der kleinen Nationalitäten nur in dem Maße zu begünstigen gedachte, als der Machtfaktor des Dualismus dadurch nickt beeinträchtigt ivird. Es ist bezeichnend, daß man als Kandidaten für den Nachfolger Tiszas sogleich auch Zichy nennt, der z» den Vertrauten des Erzherzogs Franz Ferdinand zählte, des geistigen Nährvaters der slawischen Staatsnidee. Sollte indessen der ehemalige Ackerbauminister S z e r e n y i mit der Bildung des Kabinetts betraut werden, so dürste der Grund darin liegen, daß dieses Mitglied der Tiszaschen Arbeitspartei, das als erstes die Partei verließ, am meisten Aussicht hätte, eine neue Regierungsmehrheit zu schaffen. Nur von einem Gesichtspunkt wird man in Deutschland das Scheiden Tiszas vielleicht weniger zu bedauern haben: man nimmt an, daß seine Nachfolger den Verhandlungen über den Wir t- schaftsbund Mitteleurovas mehr Verständnis entgegenbringen werden, als der auch hier für die abgeschlossene Entwicklung Ungarns tätige Graf gezeigt hat. ^
Parteigegensätze, aber Einigkeit gegenüber dem Feind! .
IV. T.-B Budapest, 23. Mai. (Drahtbericht.) Der „Pester Lloyd" bespricht die innerpolitische Lage und sagt: Heute, da sich die Möglichkeiten einer Kabinettskrise auftun, erachten wir es für notwendig, darauf zu verweisen, daß alle Hoffnungen, die unsere Feinde auf innerpolitische Schwierigkeiten des ungarischen Staats setzen, zerflattern müssen im Licht der Wahrheit, die bekundet, -daß sich in Ungarn nur normale Vorgänge eines parlamentarischen Staats abspielten. Wie scharf auch die Gegensätze zwischen den Parteien nu ungarischen Reichstag sein mögen, und wie sich auch die Möglichkeiten des heute heworgetretenen kriseichaften Zustandes gestalten mögen, sind sich doch alle Parteien, der König und die Regierung, einig in der festen unverbrüchlichen Entschlossenheit, nur einen Feind zu kennen, und das ist der Feind, der ldas Dasein unseres Staats bedroht, und alleKräftezu vereinen, wie sie bisher vereinbart waren, um den Angreifer zu schlagen, der ruchlos die Unversehrtheit unseres teuren Vaterlands, der Heim und Herd unserer Bürger und das Dasein unseres souveränen Staats gefährdet. Unter der Trikolore sind alle Ungarn vom König bis zum letzten Kärtnec im Kampf« für die Sicherheit unseres Staats innig verschmolzen und bilden eine einzige Part« mit einem einzigen Programm, und die- ßes heißt: Sie«!
Westlicher Kriegsschauplatz.
Heeresgruppe Kronprinz Rupprecht.
Lei Hulluch u ad Bullecourt wurden mehrere e u g l i s ch e Vorstöße, die durch starkes Feuer vorbereitet waren, abgewiesen.
Heeresgruppe Deutscher Kronprinz.
An der Aisne- und Champagne-Front hielt fick vormittags die Kampftätigkeit der Artillerie in mäßigen Grenzen.
Nachmittags setzten nach plötzlicher Feuersteigerung von der Hochfläche von Paissy bis zum Walde von La Ville aux Bois französische Angriffe ein, die bis zum Abend mit großer Hartnäckigkeit wiederholt wurden.
In zähem Nahkampf und durch kräftige Gegenstöße hielten bayerische, hannoversche, niederschlesische und posenische Regimenter ihre Stellungen gegen mehrmaligen Ansturm und warfen den Feind zurück; erbitterte Handgranatenkämpfe in einzelnen Grabenstücken dauerten nachts an.
Dem weichenden Feinde fügte unser Feuer erhebliche Verluste zu.
Die Franzose t haben durch das Scheitern ihrer Angriffe eine blutige Schlappe erlitten.
Heeresgruppe Herzog Albrecht.
An der Lothringer Front und im Sundgau wurden feindliche Erkundungsibteilungen vertrieben.
Östlicher Kriegsschauplatz.
Bei kräftigem Wirknagsfeuer beantworteten wir daS in mehreren Abschnitten auflebende Feuer der russischen Artillerie.
An der
mazedonischen Front
war bei Sturm und Regen die Gefechtstätigkrit gering.
Der Erste Gcneralquartiermeifter: Ludendorff.
Der deutsche Abendbericht vom 23. Mai.
IV. T.-B. Berlin, 28. Mai, abends. (Amtlich. Dvähtbe- richt.) Im Westen und Osten keine größeren Kampfhandlungen.
. vie Lage im wetten.
Ribots Antwort auf die verschiedenen Interpellationen.
IV. T.-B. Paris, 22. Mai. Unter starker Beteiligung der Abgeordneten wurden in der Eröffnungssitzung der Kammer etwa 40 Interpellationen verlesen. Bei Besprechung mehrerer Interpellationen zur letzten Offensive sagte Ribot: Man inrchte sich übertriebene Hoffnungen. Es kamen Fehler in der Ausführung vor; aber inan darf das Ergebnis weder vergrößern noch verkleinern. Niemals waren die französischen und englischen Soldaten bewundernswerter, und niemals hielten sie die deutschen Massen besser im Schach. Die Regierung hielt Strafen für nötig und führte im Oberbefehl Ander rngen herbei, um alles, was nicht mit den militärischen Maßnahmen im Zusammenhang steht, aus dem Wege zu räumen. Paüüeve arbeitet mit dem Heeresausschuß. Ich bitte die Kammer, die Beendigung dieser Arbeiten abzuwarten, bevor die Interpellationen besprochen werden. — Bei Besprechung der Interpellationen Renaudel und Mahcras über die russische Revolution und den «Antritt der Bereinigten Staaten in den Krieg bat Ribot, sie auf unbestimmte Zeit zu vertagen, da die französische Regierung von oer russischen zu Besprechungen eingeladen worden sei. Wir verfolgten, fuhr Ribot fort, mit unverhülltem Mitgefühl die Entwicklung der russischen Revolution, und wir haben Verständnis für die Schwierigkeiten, auf die die russische Regierung stieß, die ans hervorragenden und tapferen Männern besteht, welche aber von anderen Einflüssen umgeben sind, die ihre Tätigkeit erschweren und die Gesetzlosigkeit begünstigen. Diese mutigen Männer machten Erklärungen, die uns voll befriedigten, da sie vor ollem in der Armee strengste Manneszucht Herstellen wolle», denn dies ist eine Dasetnsfrage für das russische Volk. Wir werde» am Freitag auch die Frage des Untersee- bovtskrieges besprechen, und wir werden uns so bald wie möglich mit der Levensmittelfrage beschäftigen. Violette wird in der Kammer offen die Schwierigkeiten der Leben S- mittelversorgung darlegen.
IV. T.-B. Paris, 23. Mai. Der französische Ministerpräsident Ribot beendete seine Rede in der Kammer mit folgenden Worten: Es kommt vor allem darauf an, daß oer Friede von Dauer ist. Der Alpdruck des Krieges -dauert schon zu lange. Wir müssen daher den Militär- d e s v o t i s m u S vernichten. An dem Tage, an dem das deutsche Volk das einschen wird, ward der Friede leichter ;u erreichen sein. Das ist es. was die Russen und wir immer wieder sagen, und das liegt unseren Demokratien im Herzen. Wir wünschen, daß das russische Heer wieder in die Hanse 'einer F ü hrer kommt und seinerseits eine Offensive unternimmt. während die Bereinigten Staaten sich vorve-
reiten, uns in wenigen Wochen ihre ersten Divisionen zu schicken, denen weitere Divisionen folgen werden. Möge Rußland seine Pflicht tun, und wir werden nichts zu befürchten haben. Unsere Feinde werden ihre Hoffnungen z e r ft ö r i sehen. Sie werden vielleicht um Frieden bitten, nicht scheinheilig wie heute, -vor falschen und hinterlistigen Mitteln, sondern offen. Unsere Bedingungen sind Frankreich würdig. Wenn man nicht um Frieden bittet, werden wir ihn zu erzwingen wissen.
Die energischen Erklärungen Ribots riefen auf allen Bänken größtes Aufsehen hervor und weckten stürmischen Beifall auch bei den Sozialisten. Nack, der Rede Ribots setzte die Kammer die Besprechung der den U-B ootkrieg betreffenden Interpellationen auf Freitag fest. Renaudel willigte ein, daß seine Interpellation über Vie Kriegsziele verschoben wird. Dann setzte die Kammer die Besprechung der Interpellationen über die Absichten der Regierung betr. die Franzosen, die zu der zwischenstaatlichen Zusammenkunft nach Stockholm gehen wollen, auf den 1. Juni fest. Die Besprechung über die militärische Politik wurde ebenfalls auf den 1. Juni festgesetzt. Die Erörterung der Einkommensteuer wurde an die Spitze der Tagescvdnung gestellt.
Die Aufnahme von Ribots Rede.
Nr. Genf, 23. Mai. (Erg. Drahtbericht, zb.) Die Aufnahme der Rede Ribots in der Pariser Presse ist sehr geteilt. «Manche Blätter rühmen den offenen Ton und die Ehrlichkeit, wcmit der Ministerpräsident die Verfehlungen des Oberkommandos zuyab. Die nach dem Manöver Hindenburgs, der Zurückverleguiiq eines Teils der deutschen Front, erfolgte Offensive sei ein unverzeihlicher Mißgriff gewesen. Was Ribot über Rußland gesagt habe, verrate die tief« Unruhe, ob die russische Offensive wenigstens zu jenem Zeitpunkt möglich sein dürfte, wenn Amerikas Heer bereitstehvn wird. Die sozialistische Minderheit erklärte, fie hätte größere Deutlichkeit hinsichtlich der Kriegs ziele gewünscht. Der Schluß der Rede, der va- hin verstanden wurde, daß Frankreich ein ehrliches, seiner würdiges Friedensangebot erwarte, fand einmütig Bestall. Tie Rede wird allgemein versöhnlicher genannt, als es die von Ribot bei seinem Regierungsantritt gehaltene gewesen sei.
ver Tauchbootkrieg.
Vernünftige Beurteilung des deutsch, schwedischen Zwischenfalles.
W. T.-B. Stockholm, 23. Mai. (Drahtbericht.) „Stock- Holms Dagblad" bringt zu der Torpedierung der drei schwedischen Dampfer „Vesterland", „Piken" und „Aspen" einen maßvoll gehaltenen Leitartikel mit der Überschrift „Kaltes B l u t". Es werden darin die hysterischen Ausbrüche mehrerer schwedischer Zeitungen zurückgewiesen, die, so heißt es, keinerlei Nutzen brächten. Der Vorschlag Brantings in der Zeitung „Socialdemokraten", man solle jegliche Lebens- mittelansfnhr nach Deutschland einstellen, sei ein zweischneidiges Schwert, da Schweden Einfuhrbedürfnis habe. Ganz sinnlos N'äre die Forderimg der Zeitung „Aston Tidningen", alle Deutschen aus Schweden auszuweisen, denn eine solche Maßnahme müsse sicherlich zum Kriege führen. Am testen wäre, von jedem weiteren Versuch, durch das deutsche Sperrgebiet zu fahren, abzulassen und vorherige besprechende Maßnahmen zu treffen. Vereinbare man einen neuen Tag für den schwedischen Schiffen zu gewährendes freies Geleit, so könnten auch die Engländer die Ehrlichkeit ihrer Rücksichtnahme auf Schweden beweisen.
Die norwegischen Schiffsverluste.
W. T.-B. Christiania, 23, Mai. (Drahtbericht.) Der „Tidens Tegn" zufolge verlor die norwegische Handelsflotte während des Kriegs zusammen 740000 Tonnen Schiffs ramm, somit ein Drittel der ganzen norwegischen Handelsflotte. Die Schifisverluste für 1917 sind bereits jetzt so groß wie die gesamten Verluste des ganzen Jahres 1910.
Versenkt!
W. T.-B. Rotterdam, 23. Mai. (Drahtbericht.) Nach dein „Maaskwde" wuoche das norwegische Schiff „C a p e l l e" (283 Tonnen) am 10. Mai zum Sinken gebracht. Die Mannschaft wurde in Kingston gelandet.
Das neue Rußland.
Eine Rede Alexesews ans dem Offizierskongretz.
■W. T.-B. Petersburg, 23. Mai. (Drahtbericht. Meldung der Petersburger Telegraphen-Agentur.) Im Hauptquartier ist der erste Kongreß von Abgeordneten von Offizieren des Heeres und der Marine zusainmengctreten. In seiner Er- ösfnmtgsrede wies der Generalissimus Alexejew die Abgeordneten auf die Warnungsrufe „Das Vaterland ist in Gefahr!" hin. die in den letzten Tagen ertöntem Er bestätigte, daß die Warnimgsrufe wohlbevechtigt seien. Dte Schlaasertigkeit des russischen Heeres sei rn der Tat »'folge von Meinungsverschiedenheiten und Mißtrauen» dre
