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Mittwoch, 23. Mai 1917.
Kbend-klusgabe.
Nr. 260. ♦ 65. Iahrgang.
Oer französische Ministerpräsident über Frankreichs Zriedensziele.
W. T.-B. Paris, 23. Mai. (Drahtbericht.) Großes Aufsehen verursachte es, als Ribot in der Kammer ein an ihn gerichtetes Telegramm des russischen Ministers des Äußern verlas, tu welchem es heißt, daß Rußland Frankreich nicht vergessen werde, daß es durch seine bewundernswerten Anstrengungen die feindlichen Massen nach dem Westen ziehe und so beim Wiederaufbau der russischen Kräfte helfe. (Lebhafter Beifall beim letzten Satze.) Ribot fügte hinzu: Ich nehme für mein Land diese Worte des
Vertrauens und Dankes an. Ja. wir gehen Haiid- rn-Hant mit dem uns treu gebliebenen Rußland. Bei ihm wird ein Sondersriede niemals in Frage kommen, Ter russische Minister hat den Sophismus richtig gekennzeicbnet, womit Deutschland die Formel ohne Annexio- neit und Entschädigungen mißbraucht in der Absicht, die uns ehemals entrissenen Provinzen für sich zu behalten. (Allgemein wiederholter Beifall.) Deutschland wollte den Krieg! Der Schuldige ist nicht bei uns, sondern dort. Wir werden Wiedererstattungen verlangen. Es werden keine Annexionen sein, sondern sie werden auf Recht und Gerechlig- keit gegründet sein, und Zeugnis ablegen von bet Barbarei, mit der unsere besetzten Gebiete behandelt worden sind. Friede ohne Schadensersatz, das wird Rußland nicht sagen, aber es wird sich nicht um Kriegsentschädigungen handeln, die man als Strafe auferlegt. (Allgemeiner Beifall, besonders bei den Sozialistem) ES handelt sich um eine S ü h n e, um ein Werk der Gerechtigkeit. Die ganze Welt wird den Gerichtshof bilden. Ein russischer General sagte mit Reckt, daß cs läckerl' ch ist, bestimmte Vorschläge über einen Frieden ohne Eroberungen zu machen, während die Deutschen noch Teile von Frankreich, Rußland, Belgien und Serbien besetzt halten. Die russische Demokratie als Herrin ihres Besitzes erklärte, daß sie den Krieg kraftvoll führe, daß sie nicht vom Geiste der- Eroberung geleitet sei. sondern für die (Freiheit kämpfe. (Beifall.) Wir werden den Kampf nicht im' Geiste von Eroberungen und Annexionen fortsübren. sondern um das wiederzunehmen, was unser war. Ich wiederhole, daß Frankreich kein Volk unterdrücken will wckt einmal die Völker seiner Feinde, denn es kämpft für die Freiheit aller Völker. Frankreich wird am Tage des Sieges nicht nach Rache schreien, sondern -nach Gerechtigkeit. (Beifall, besonders bei den Sozialisten.)
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Zunehmende Stärke des Friedensqedankens unter den französischen Sozialisten,
Berlin, 23. Mai. (zb.) Laut „Vorwärts" hat am 2t. der Kongreß des Soz: ilisteuverbands des Seine-Departements in Paris den Vorschlag der Mn-derbeit, an der Konferenz in Stockholm teilzunehmen, angenommen. TB eine Einigung zwischen Mehrheit und Mindert>eit erzielt werden kann, sei zweifelhaft. Eine starke Bewegung bestrebe, sich durchzusetzen, daß das internationale Bureau sofort zusimmen- trete und für die erste Hälfte des Juli eine Konferenz einbc- rufe, zu der S ch e i d e m a n n und andere deutsche Sozialisten eingcladcn werden sollen, um ihre Stellung klarzulegen.
Fast 10 Milliarden französische Staatsausgaben für ein Vierteljahr.
W.'T.-B. Paris, 22. Mai. (Meldung der Agence Havas.) Die Regierung legte heute der Kammer einen Gesetzentwurf über die provisorischen Zwölftel für das dritte Vierteljahr 1917 im Betrage von 9 843 272 556 Franken vor.
Die ungeheuren französischen Verluste bei der neuen Offensive.
W. T.-B. Berlin, 22. Mai. Die nördlich der A i s n e am 16. April eingesetzte bv. französische Dwlsion eelrrt so staute Verluste, daß sie trotz zwölftägig :t Ruhe und dem Eintreffen von Ersatz noch nicht wieder komplett ist. Am gleichen Tage wurde hier auch die 42. Division derart geschwächt, daß sie als Angriffstruppe nicht mehr gewertet werden kann. Von der Aisne bis an den Kanal nordwestlich von R e i m s wurde an, 4. Mai die 4. Division eingesetzt, von der einzelne Teil? mindestens 40 Prozent Verluste erlitten, ferner die
3. Division, von der die Regimenter 51 und 128 über 30 P rozent, dis am 7. Mai eingesetzte Regiment 87 etwa 40 Prozent Verluste hatten. Noch schlimmer erging es ler 167. Division, deren Regimenter 170 und 174 am 4. Mai teilweise bis 50 Prozent des Bestandes auf dem Kampf- relbe ließen. Von der 41. Division werden die Verluste der AngiijfStruppen der Regimenter 23 und 133 mit 3 0 Prvz., :er Regimenter 229 und 363 am 19. April als sehr stark, am
4. Mai mit 4 0 P r o z e n t angegeben. Der Gefechtswert dieser Divisionen hat durch den langen Einsatz besonders stark gelitten Von der 152. Division,verlor das Regiment 114 am 19, April bei Sapigneul etwa 20 Prozent. Von dem Kanal nordwestlich Reims bis Marquise Fe. nordöstlich Pru- nah wurden die Regimenter 403 und 410 der 151. Division am 16. April vorgeworfen, deren Verluste werden als stark bezeichnet, während für das Regiment 410 bis zu 5 0 P r o z. Verluste angegeben werden; ferner wurden hier Territorial- repinlcntcr und die 7. Kavalleriedivifion eingesetzt. Bon der Marquise Fe. bis zur Suippes stand die 169. Dwision. deren
Regiment 13 am 17. April fast aufgerieben wurde. Dos Regiment 296, das nach dem Angriff am 30. April bereits herauSgezcgen war, wurde für den Angriff am 30. April erneut eingesetzt und verlor etwa 40 Prozent seines Bestandes. Von der 20. Division wurden am Angriff am 30. April etwa 80 Prozent verloren. Von dem An- grisfsbataillon des Infanterieregiments Nr. 2 blieben nur wenige Mann übrig. Die 19. Division, die am 30. April und cm 5. Mai angriff, hat fast 50 Prozent liegen lassen. Die 131. Division, die schon bei dem deutschen Gegenangriff am 32. April stark gelitten hatte, verlor bei dem Angriff am 30. April teilweise biszubOProzent, Die 128. Division griff am gleichen Tage mit einer Kompagnie der Jnfanterre- vegimenter 169 und 168 an. Ihre Verluste sind bis zu 56 Prozent anzuuehmen. Endlich kommen für diesen Abschnitt die 8. Division, deren Angriffstruppe 2 0 bis 30 Prozent verlor, und die 60. Division in Betracht..
Die Kämpfe vom 21. Mai an der Siegfried- Front.
Der deuffche Ergänzungsbericht.
W. T.-B. Berlin, 22. Mai. An der A r r a s f r o n t war am 21. Mai das feindliche Artillerieseuer nördlich der Scarpe tagsüber nur stellenweise heftig. Die deutschen Geschütze riefen in feindlichen Batreriestellungen und Munitionslagern verschiedentlich Explosionen und Brände hervor. Gegen Abend schwoll das feindliche Feuer zu großer Stärke an. Die Engländer beschossen mit Vorliebe die französischen Ortschaften hinter unseren Stellungen, besonders Lens lag wiederum unter starkem englischen Fever.
Dem gemeldeten Angriff ans Bullecourt waren in der Nacht zum 21. vereinzelte englische Angriffe vorange- gangen. Bei dem starken Vorstoß, der am Vormittag stattfand und durch stärkstes Trommelfeuer vorbereitet worden war, erlitten die Engländer schwerste Verluste. Wo es ihnen gelang, in unsere Gräben einzudringen, wurden sie im Nahkampf und mit Handgranaten versagt und vernichtet. Unsere Linie blieb unverändert. Am Abend wurden verschiedene englische Vorstöße in der Gegend von Bullecourt zurückgewiescn.
Im Raume vrn St. O uentin mäßiges Artillerieseuer und für uns günstig verlaufene Borfeldkämpse, die uns Gefangene einbrachten.
Am Höhenrücken des Chemin des Dames schwoll gegen Abend bei guter Sicht das Feuer zu großer Heftigkeit an, besonders gegen den östlichen Teil, ohne daß indessen hier ein Angriff erfolgte.
Im umkämpften Höhmgebiet der westtichen Champagne nördlich ProSnes war das Artillerieseuer außerordentlich stark und steigerte sich gegen Abend gegen den Keil- und Pöhlberg zu größter Wucht. Um 6 Uhr und um 9 Uhr des 21., vormittags, -schlug ein württembergisches Regiment, das auch am Vormittag seine Stellungen südlich Naurvy zäh gehalten hatte, zwei starke französische A n g r r f f e cb. Die Franzosen erlitten dabei empfindliche V e r l u ste und ließen 75 Gefangene in den Händen der Württemberger. Der Erfolg eines anderen in drescm Abschnitt kämpfenden württembergischen Regiments, das 150 Gefangene einbrachte, wurde bereits gemeldet.
Der bereits am 21. Mai einsehende lebhafte Arttllerie- kamvf auf dem östlichen M.rasufer hielt auch am 21. unverändert an.
Oer Tauchbootkrieg.
70 200 Tonnen versenkt.
W. T.-B. Berlin, 23. Mai. (Amllich. Drahtbericht.) 1. Unsere Unterseeboote im M i t t r l m e e r haben von neuem eine große Anzahl Dampfer und Segler mit einem Gesamttonnrngehalt von 53 000 Bruttoregistertonnen versenkt. Hierunter befinden sich der englische TrutzpentranÄ- portdampfer „T r a »s y l v a n i a" (14 315 Tonnen), der sich in einem Zerstörergeleit befand, ein unbekannter vollbeladener 8000-Tonnen-DamPfer auf dem Wege nach Italien, ein unbckannter englischer Dampfer von 5500 Tonnen mit 'demselben Ziel; ferner die italienischen bewaffneten Dampfer , Alrssandria" mit 11000 Tonnen Weizen für Italien, „Ferrara'- (3172 Tonnen), wahrscheinlich mit Munition, der englische bewaffnete Dampfer „Karonga" (4665 Tonnen) auf der Fahrt von Neapel nach Port Said. — 2. Neue Unter» seebootderfolge im Atlantischen Ozean und der Nordsee: 4 Dampfer und 5 Segler mit 17200 Bruttoregistertonnen. Unter den versenkten Schissen befinden sich u. a.: Ter englische Dampfer „Adansy" <2644 Tonnen) mit Lebensmitteln nach England, ein englischer Segler mit Holz nach England, zwei russische Segler mit Kohlen nach England, zwei Segler nach Frankreich und ein unbekannter englischer Dampfer, der aus dem Geleit herausgeschassen wurde. Der Chef des Admiralstabes der Marine.
Der deutsll^schwedischr Zwischenfall.
— Kopenhagen, 22. Mai. Gegenüber der scharten Sprache einiger schwedisch» Zeitungen anläßlich der Versenkung der drei schwedischen Handelsdampfer nimmt, wie „Politiken" meldet, die schwedische Zeitung „Dagens Nyheter" den Standpunkt ein, daß man die Besonnenheit nicht verlieren
dürfe. Man solle sich ein Beispiel an Norwegen nehmen, wo der Kriegsverlust um ein Vielfaches größer war als in Schweden. Der Vorschlag, der in einer gewissen Presse gemacht wurde, auf die Torpedierung mit der Ausweisung aller Deutschen zu antworten, sei nicht durchführbar.
Teils aufgebracht, teils torpediert.
Stockholm, 22 Mai. - (zb.) „Brrlingste Lidende" meldet: In der Nackt auf den Montag brachten deutsche Kriegsschiffe mindestens drei schwedische Dampfer auf, die auf der Reise von Schweden nach Rcrumo, namentlich mit Erntemaschinen, sich befanden. Wahrscheinlich wurden nock) zwei weitere schwedische Dampfer aufgebracht und südwärts geführt. Der schwedische Dampfer „Natala Stroem", der pestern in Göteborg angekommen war, war gleichzeitig mit dem tcrpedierten Dampfer „Westerland" von England algcegangen. Als die „Westerland" torpediert wurde, Ncren beide Dampfer von vier englischen Torpedojägern be» glcitet. Der Dampfer sank im Laufe weniger Minuten.
Keine Hilfe gegen die Unterseeboote.
# Rotterdam, 23. Mai. (zb,) Aus einem ungenannten englischen Kriegshafen berichtet der marinetechnische Mitarbeiter des Prriser „Journal", Marsillac, über die Anstrengungen, welche gegenwärtig in England zur Vernichtung der deutschen Tauchboote und Minen gemacht werden. Es gebe viele Methoden, auf deren Einzelheiten er nicht eingehen könne, die für die Vernichtung der deutschen Tauchboote angewendet worden seien. Sie mußten aber jeden Augenblick umgestoßeu werden, denn inan mußte anerkennen, daß die „Boches" es verstanden, mit ihren Tauchbooten die englischen Abwehrmittel immer wieder zu durchkreuzen.
W. T.-B. Bern, 22. Mni. Zu der in der letzten Liste der Admiralität nachgewiesrnen Abnrhme der Schiffsber- senkurgen in der Woche vom 7. bis 13. Mai schreibt der Marinemitarbeiter der „Times": Die Behauptung, daß die Admiralität den Aufgaben des Tauchbootkrieges augenscheinlich erfolgreich zu Leibe gehe, sei u n b e g r ü n d e t. Maßnahmen der Marine für Angriff und Verteidigung erfordern erheblich längere Zeit zur Erreichung ihrer vollen Wirkung. Vermutlich beruhe die „anscheinende Besserung" darauf, daß der Feind einen vereinzelten Nackenschlag erhalten Hobe, jetzt aber zu einem neuen starken Schlag aushole, wie drei Wochen zuvor.
Der Uriegrzustand mit Amerika.
Amerikas Militarisierung durch die Entente.
— London, 23. Mai. In Washington wird ein ständiger Kriegssnhrnngsrat der Entente errichtet, um an der weiteren militärischen Organisation der Union mitzuarbeiten. An sämtlichen Universitäten werden Fliegerkorps eingerichtet. Im.Kriegsführungsrat stehen die Frcmzosest den Engländern wert voran, ebenso in der allgemeinen Wertschätzung. Die ersten Einberufungen zum Heere werden bereits im Juni sofort nach Durchführung der Registrierung erfolgen. Vom Heeresdienst befreit bleiben außer den Untauglichen und Familienernährern besonders Werkleute und Landwirte. Danach sollen vier Millionen Wehrpflichtige zur Verfügung stehen.
Schwerer Druck Amerikas ans das neutrale Argentinien.
Amsterdam, 22. Mai. (zb.) Wie die „Times" aus Buenos Aires meldet, werde die Drohung der amerikanischen Regierung, widrigenfalls die Kohle-nausfuhr zu beschränken, durch das argentinische Getreideausfuhr- Verbot gerechtfertigt. Argentinien lerne dadurch verstehen, daß eS sich nicht empfiehlt, eine Politik zu verfolgen, die weder panamerikanisch noch für die Verbündeten angenehm ist. Tie Wahrscheinlichkeit, daß Brasilien seine Neutralität aufgeben und seine Häfen amerikanischen Kriegsschiffen öffnen wird, macht die Isolierung Argentiniens noch dmrt- licher.
Das bevorstehende Ende der brasilianischen Neutralität.
Rio de Janeiro, 22. Mai. (Meldung der Agence Havas.) Der Präsident der Republik Brasilien Unterzeichnete eine Botschaft, die dem Kongreß die Frage der Zurücknahme des Erlasses vom 28. April, der die Neutralität Brasiliens im Kriege zwischen den Vereinigten Staaten und Deuffchland verkündet, unter- breitet. Die Botschaft erklärt, mit dem Erlaß vom 2 8. April, der den brasilianischen Behörden einschärst, die Neutralität zu wahren, bis die Regierung Gegen- beseht gebe, sei die Regierung so weit gegangen, wie sie in der Erwartung der nächsten Kongreßtagung hätte gehen können. Dyn der Erwägung ausgehend, daß die Vereinigten Staaten ein wesentlicher Teil des amerikanischen Bundes 'ei und die überlieferte Politik Brasiliens stets in vollkommener Uberein. st i m m u n g mit den Vereinigten Staaten gehandhabt worden sei und auch mit Mcksicht auf die Wünsch«
