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Mittwoch, 23. Mai 1917.

Italiens zweites Uriegsjahr.

(Von unserem militärischen Mitarbeiter.)

Zum zweiten Male kehrt am 23. Mar der Jahres­tag der italienischen Kriegserklärung wieder und aber­mals werden Italiens Volk sowie seine früheren und jetzigen Verbündeten die Ergebnisse der vergangenen 12 Monate überblicken, den Einsatz mit dem Erreichten vergleichen und das Endresultat aus beiden ziehen.

■ Der vorjährige Jahrestag siel in die Zeit der ö st e r- reichisch-ungarischen Offensive rm süd­lichen Tirol. Hierdurch wurde er nicht zu einem Freu- dentage, wie es von den Veranstaltern gedacht, sondern zu einem solchen ernster Not und schwerer Sorge. Am 15. Mai v. I. brachen die Truppen unseres Verbündeten zwischen Etsch und Brenta über die breiten Höhenrücken und steilen Bergeshöhen, zerschlugen die starken serno- lichen Sperrbefestlgilngen und trugen den Angriff bis auf den Rand der Abfälle zwischen Asiago und Arsiero. Schwere Blutsopfer wurden dem Feinde beigebracht, mehr als 30 000 Gefangene und 300 Ge- schütze büßte er ein. In den ersten Junitagen kam die Offensivbewegung zum Stillstand. Dieser Rück­schlag wurde von Italiens Volk und Heeresleitung mit großem Jubel begrüßt. Dennoch kann der Umichwung nicht als ein Ruhmesblatt der feindlichen Heerfuhrung und Truppen angesehen werden. Der Grund hierfür war auf der östlichen Kampffront zu suchen, wo die Heere unseres Verbündeten in Front und Flanke einem übermächtigen russischen Angriff zu be­gegnen hatten. Die Leistungen der italienischen Heere werden noch dadurch in ein besonders trübes ^rchi ge- rückt, daß die rückwärtige Bewegung dem Feinde voll­kommen entging, daß bereits eine Woche vor dem 25. Juni alles schwere Geschützmaterial abgebaut unö zurückgefeührt werden konnte und erst volle 48 Stunden später die Infanterie Cadornas mit schwachen Kräften gegen die Nachhutstellungen vorfühlte, nachdem seine Artillerie während einer ganzen Nacht die verlassenen Stellungen beschossen hatte. Auch in der Hoffnung, daß

■ nun eine große Offensive seitens Italiens rn Trentino erwartet wurde, täuschten sich unsere Feinde. Zu ge­schwächt war der Feind in der dreiwöchigen Offensive, zuviel Geschützmaterial hatte er verloren, zu wenig Selbstvertrauen und Initiative besau seme Heeres­leitung, um die günstige Gelegenheit zum GeMN- cmoriff auszunutzen. Die Verfolgung durch Italiens Truppen war eine 'o matte, daß die weitere Los- los u n g unserem Verbündeten vollauf g l u ck r e. Der Feind besetzte nur die Orte und Bergeshohen, welche jibm ffeiwillig überlassen wurden. Im übrigen er* leichte die Offensive unseres Bundesgenossen das große Ziel, daß sür alle Zeiten die Möglichkeit eines rtaffem- scheu Angriffes auf Trient genommen war, der West- flügel von Cadornas Heeren dauernd rn starker Be- drohung gehalten wurde und der wichtige Aufmarsch- ranni in der westlichen oberitalienischen Tiefebene dem Feinde beschnitten blieb.

Die Folgen des damaligen österreichisch-ungarischen Angriffes zeigten sich im Lause des zweiten italienischen Kriegsjahres bei allen späteren Offensiven, welche Italien unternahm. Bei diesen sechs großen An- griffen wagte die italienische Heeresleitung nicht mehr den Versuch, auf dem Westslugel das heiß ersehnte T r i e n t zu erobern. Hieraus erklärt es sich auch, daß Cadornas Heere in noch stärkerem Maße und mit noch größeren Kräften den Durchbruch auf dem Osts! ü g e l am Jsonzo versuchten. Statt zwei Ausfall wre hatten seine Truppen seit dem Juni v. I. nur das eine östliche und vor diesem die starke Strom schranke, den Jsonzo mit seinen- östlichen steilen Karstufer. Nach- dem die fünfte Jsonzoschlacht in den Märztagen die Ab­sicht, deutsche Truppen von Verdun abzuziehen, nicht erfüllt hatte, trat eine mehrmonatige Pause ein. In den Angusttaqen folgten Schlachten auf Schlachten. Der Eintritt Rumäniens in den Kreis der Feinde war hierfür die gegebene Gelegenheit. Starke Heere führte Anfang August der Herzog von Aosta gegen die Jsonzomauer. Am 6. August gelang es dem Feinde, den Gö-zer Brückenkopf zu er- obern, die von ihm zertrümmerte Stadt zu besetzen und auf der Karsthochfläche aus der Tiefe bis zum halben Hange aufzusteiaen. Das wareii die einzigen Ergcb nisse dieser 6. Jsonzoschlacht. Weitere Folgen zu gunsten unseres Feindes traten jedoch nicht ein -:nd so bildet jener dürftige Angusterfolg den em zigen Lichtblick an dem stark bewölkten Feldherrn Himmel Cadornas. Die Absicht der Italiener, diesen Sieg weiter auszubauen, war der Leitgedanke der kurz darauffolgenden nächsten drei Schlachten. Obwohl da mals Rumänien starke Kräfte der Mittelmächte bean spruchte, erwies sich die Jsonzoverteioigung dennoch als Hinreichend, um allen Anstürmen des Feindes erfolg- reich die Stirn zu bieten. Die September- und Ok- toberschlachten des vergangenen Jahres brachten Italien

Morgen-Kusgabe.

keinen Gewinn, obwohl eine dauernde Steigerung des Einsatzes an Menschen und an Material zu bemer­ken war. In den Wintermonaten ruhte völlig iede größere Kampftätigkeit. Nach siebenmonatrger Pause rafften sich erst jetzt Italiens Heere zur neuen 10. Jsonzoschlacht auf, welche den Höhepunkt an geg- nerischer Kraftentfaltung aus allen Gebieten darstellte, schon äußerlich sichtbar durch dre ausgedehnte Angrfffs- front von über 40 Kilometer. Ungeachtet dieser gewal­tigen Machtmittel bestand auch diesmal die österrerchrsch- ungarische Jsonzomauer die, harte Feuerprobe. Wohl gelang es dem Feinde an einzelnen Stellen das o st- liche Flußufer zu erreichen und die Höhen zu ersteigen. In dem Hin- und Herwogen dieser großen Schlacht ist das ein selbstverständliches Vorkommnis, welches im späteren Laute dann berichtigt werden wird, wenn dies in den Absichten der verbündeten Heeres­leitung liegt. So kann Italien auch diesmal von seinen großen Opfern keinen Gewinn erwarteil. Der Marsch auf Triest bleibt ihm ebenso verschlossen wie der auf Trient.

Auf allen anderen Kriegsschauplätzen erntete Italien ebensowenig Siegeslorbeeren. In M a z e- donien holten sich seine Truppen im Cernabogen blutige Köpfe, die Rückeroberung Albaniens läßt immer noch auf sich warten. Die Unterhaltung der Balkantruppen kostet dagegen viel Menschen, Matena! und wertvolle Schiffe. Die Hauptsorgen bereiten ihm jetzt und in Zukunft unsere U-Boote, da kern Land so sehr auf frernde Hilfe angewiesen ist wre Italien. In Tripolis behaupten die Italiener mit knapper Mühe den schmalen Küstenstreifen gegen die aufständischen Einwohner. Cadornas Heerführung er­lebt hier eine traurige Neuauflage der früheren Kämpfe im Jahre 1911.

Diese Ergebnisse beweisen, daß Italien den Jahres­tag seines Trenbruches mit wenig Freude und Stolz auf das Geleistete begehen kann. Schwer und düster muß es in die Zukunft blicken. Sicherlich werden angesichts dieser großen Mißerfolge manchem einsichtigen Ita­liener die Worte unseres Kanzlers vom 28. Mai 1915 in den Ohren klingen: „Ohne das Leben eines einzi­gen Italieners zu gefährden, konnte Italien die lange Liste der Konzessionen haben: Tirol, den Jsonzo, Be­friedigung seiner nationalen Wünsche in Triest und die Vorherrschaft in Albanien mit dem wertvollen Hafen Valona."

*

österreichisch-ungarischer Tagesdertcht.

W.T.-B. Wien, 22. Mai. (Drahtbsricht.) Amtlich verlautet vom 22. Mai, mittags:

Östlicher und südöstlicher Kriegsschauplatz.

Unverändert

Italienischer Kriegsschauplatz.

Der Feind am Jsonzo sah sich gestern gezwungen, nach 7tägigen ergebnislosen Kämpfen seiner Infanterie R u h e zu gewähren. Nur ö st l i ch v o n G ö r z unter nahmen die Italiener einen Vorstoß, der a b g e wiesen wurde. Unsere Sturnipatrouillen holten in dieser Gegend einen Offizier, 36 Mann und ein Maschinengewehr aus den feindlichen Gräben.

Auf der K a r st h o ch f l ä ch e kam es zeitweilig zu starker Artillerietätigkeit.

Kärnten und Tirol unverändert.

Der Stellvertreter des Chefs des Generalstabs: v. Höfer, Feldmarschalleutnant.

Ver Alldeutsche verband und der Reichskanzler.

Zur Entlastung Scheidemanns, der bekanntlich in der Sitzung des Reichstags vom 15. :Kai eine Revolution in Deutschland an die Wand gemalt hatte, was ihm auf der einen Leite als frevlerische T-oh-ung. auf der anderen Seite nur als bedauerliche Entgleisung angerechnet wurde, ver­öffentlicht der „Vorwärts" einen Brief des Alldeut­schen Verbandes an den Reichskanzler sowie das Antwortschreiben, das der Reichskanzler an den Vor­sitzenden dieses Verbandes, Frhrn. v. G e b s a t t e l, gerichtet bot. Der „Vorwärts" erklärt, daß er die Kenntnis dieses Sck-Rststückes einem Flugblatt verdanke, das bereits seit längerer Zeit umläuft. Der Brief des Alldeutschen Ver baut es ist vom 5. Mai 1915 und die Antwort des Rerchs kcnzlers vcm 13. Mai 1915 datiert. In dem Briefe des Frbru. v. Gedsattel an den Reichskanzler wird gesagt, daß die Reichsregierung das politische Kriegsziel zu eng gesteckt habe und daß gerade die treuesten und poli tisch zuverlässigsten Kreise hierin einen Verzicht auf die Aus Nutzung des sicheren Sieges erblicken müssen. Es herßt in dem Briefe dann wörtlich weiter:

„Mein Gewissen gebietet mir, vor solch einem Verzicht zu warnen. Es wäre der verhängnisvollste poli­tische Fehler, der gemacht werden farmte und seine

Nr. 239. ♦ 65. Jahrgang.

nächste Folge wäre die Revolution. Das Wort muß ausgesprochen werden." Etwas weiter heißt es: „Eine un­geheure Enttäuschung und Erbitterung wird das Ergebnis sein. Es wird kein Halt geben, und das nach solchen Leistungen enttäuschte Volk wird sich erheben. Die Monarchie wird gefährdet, ja gestürzt werden. Damit wird das Schicksal unseres Volkes besiegelt sein." An einer weiteren Stelle heißt es: „Solcher Aussicht gegenüber gibt es ein sicher wirkendes Ableitungsmittel: ein Friede, der die Nclwendigkeiten unseres Volkes nach jeder , Richtung hin er­füllt, ein Kiiegsergebnis, das stimmungsmätzig vom Volke gewünscht, das es mit Stolz und Freude erfüllt. Es geht um unser Volk, es geht um die monarchische Grund­lage des Reiches und der Bundesstaaten. Deshalb be­schwöre ich Euer Exzellenz, im vollen Einverständnis mit nieinen politischen Freunden, den furchtbaren Ge - sabren dadurch entgegenzuarbeiten, daß sie einen Frieden erzielen, der unserem Volke bringt, was es verdient, woraus es Anspruch hat."

In der Antwort des Reichskanzlers an den Frhrn. von Gebsottel heißt es u. a.: „Die vom Alldeutschen Verband ausgestellten Forderungen zum Krregsziel werden nach der völligen Niederwerfung aller unserer Gegner zu prüfen sein. Für den Augenblick verbieten die Interessen der auswärtigeir Politik und der Landesverteidigung, die alleck anderen Rück­sichten voranzugehen haben, ein Eingehen auf ihren sachlichem Inhalt. Euer Exzellenz wagen in dem Begleitschreiben, in dem Sie mir namens des AlldeutschenVerbandes dieseForderungen übersenden, auszusprechen, daß die Stimndung in den weite­sten Schichten unseres Volkes erbittert, ja der Verzweiflung nahe sei, weil die Regierung das Kriegsziel zu eng gesteckt habe und ans eine Ausnutzung unfere^sicheren Sieges ver­zichte. Sie scheuen des weiteren nicht davor zurück,' auszu­sagen, daß das nach solchen Leistungen enttäuschte Volk sich erheben und die Monarchie stürzen würde, wenn nicht als einzig wirksames Abteilnngsmittel ein Friede er­reicht weide, der die Notwendigkeiten des Volkes nach jeder Richtung hin, das heißt, wie der Alldeutsche Verband sie ver­steht, crfilllt. Darauf entgegne ich: Ich lasse >das Verdienst gelten, das der Alldeutsche Verband durch die Hebung des nationalen Machtwillens und die Bekämpfung der Völkerverbrüderungsideologie vor dem Krieg errungen hat. Leider aber hat er diesen nationalen Willen mit so viel Mangel an politischer Einsicht verbunden, daß er schon in der Zeit vor dem Krieg das politische Ge» schüft des öfteren erschwert und jede Regierung, die sich nicht die Fensterscheiben zerschlagen lassen will, zu einer Gegnerschaft gegen ihn gezwungen hat. Der Krieg und seine Erfahrungen haben zwar den nationalen Machtwille», auf dessen Hebung sich das Existenzrecht des Alldeutschen Verbands gründet, zum Gemeingut des deutschen Volkes ge­macht, den Mangel an politischer Einsicht in den Kreisen oes Alldeutschen Verbands indessen nicht behoben, sondern ins Groteske gesteigert. Die treu monarchischen Kreise, die Euer Exzellenz vertreten wollen, würden ihre Pflicht gegen die Krone aufs gröblichste verletzen, wenn sie, statt abzuwarten, bis die Regierung den Augenblick der offenen Sprache für gekrmmen hält, im Volk eine Unrude über eine nicht vorhandene, durch nichts bewiesene laue und kleinmütige Politik zu schüren versuchten. Nach Euer Exzellenz Worten soll diese Unruhe bis zur Erbitterung, ja zur Ver­zweiflung und drohenden Hinweisen auf eine Revo­lution gestiegen sein. Hier gibt eS nur zwei Möglichkeiten: Entweder ist das wahr, dann trifft die Verantwortung jene, die diese Stimmung durch Mangel an politischem Urteil und nationaler Disziplin trotz aller unmißverständlichen Er­klärungen der Regierung geschürt haben, statt ihr entgegen­zutreten, oder diese Behauptung ist falsch, dann muß ich in ihr eine Drohung und den Versuch einer Minderheit erblicken, die von der Krone berufenen Leiter der Reichsgeschäfte ihrem Willen zu unterwerfen. Ich vertraue darauf, daß Euer Exzellenz als alter Soldat sowohl den Gesichtspunkt der Disziplin als meine durch die Zeit gebotene offene Sprache »»erstellen, und daß Sie dazu beitragen werden, den Stolz und die Freude des Volkes über den Sieges- v r e i s, den es erkämpfen wird, nick: zu beeinträchtigen. Einer Publikation dieses Briefwechsels durch den Alldenffcherr Verband stebt nichts entgegen. Ich bebalte mir eine solche meinerseits sür eine mir passende Gelegenheit vor."

ver Tauchbootkrieg.

Drei schwedische Dampfer torpediert.

Das Mißgeschick durch englische Ranke verursacht

W. T.-B. Stockholm, 22. Mai. (Drahtbericht.) Die drei von England nach Schweden abgefahrenen Dampfer „V e r st e r l a n d", „Viken" und „Aspen" sind torpediert worden. Von der Besatzung der „Bester, land" kamen zwei Mann, von der Besatzung der „Viken" acht ums Leben, der Dampfer „Aspen" wurde in beschädigtem Zustand in den Hafen von Kirkwall geschleppt. Dieser Vorfall verursacht in der Presse und in der Bevölkerung eine überaus heftige Er-

Von zuständiger Seite erfährt W. T.-B. dazu fol- gMdes: Mit einem lebhaften Bedauern ist in Berlin