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Dienstag, 22. Mai 1917. IflorgSN-KUSgabe.

allerlei Möglichkeiten.

O Berlin, 20. Mai.

Darüber 'ist kein Wort zu verlieren, daß wir der Friedensmöglichkeit durch die russische Um­wälzung näher gekommen sino; aber die Hinder­nis s e, die dem Frieden entgegenstehen, sind doch nur zu einem Teile verringert. Selbst die radikalsten Ele­mente im Arbeiter- und Soldatenrat verwerfen den Gedanken an einen Sonderfrieden. Das kann unter Umständen sogar nützlich lein, weil England und Frank­reich durch einen von Petersburg ausgeübten Druck ebenso gut zur Nachgiebigkeit gebracht werden könnten, wie durch den offenen Ab: all Rußlands vom Zehnverband. Aber solange Rußland in dem Per­ba n d e bleibt, und das wird es voraussichtlich tun, solange wird der Weg, den der Friediarsgedanke zu macken hat, mindestens verlangt a m t fern. Wir unsererseits müssen uns darauf beschränken, zuzusehen und abzuwarten. Wir müssen sogar mit der Möglich­keit rechnen, daß England, auch wenn Rußland aus- j ch e i d e t, was ja schwerlich durch einen Sonde r- frieden, doch aber durch st i 11 s ch w e i g e n d e E r n- stellung der Feindseligkeiten geschehen könnte, den Krieg im Vertrauen auf Frankreich, dem in seiner Verzweiflung vielleicht nichts übrig bleibt als weiterzukämpfen, jodann aber im Vertrauen auf die Vereinigten Staaten fortsetzt. Der Angriff im Westen wird, was nach dem bisherigen Verlauf des Riesen­kampfes wohl mit Sick>erheit anzunehmen ist, ver­geblich bleiben, aber die Engländer sprechen ja schon von einem neuen Versuch im Jahre 1918. Ge­wiß trifft sie unser Unterseebootskrieg schwer, ob er sie tödlich treffen wird, das kann erst die Zeit lehren. In London selbst wird die Lage freilich e r n st genug genommen, aber von Mutlosigkeit ist doch noch nichts zu sehen. Haben wir mit unseren beschränkten Nahrungsmitteln bisher ducchgehalten, warum könnte es unser Hauptseind ni ht auch tun? Daß England noch immer nicht zur Rationierung der Lebens- mittel geschritten ist, beweist u»s, daß es die Not­wendigkeit dazu einstweilen nicht anerkennt. Die englische Ernte deckt nur etwa Vrs des Bedarfs, aber auch dies Fünftel ist eine gute Hilfe, und im August, wird England darüber verfügen. Zweifellos kommen immer noch Getreideschiffe in die britischen Häfen, un­sere Unterseeboote können nicht überall sein. Ame­rika aber ist in der Lage, unseren Feinden beträchtliche Hilfe zu leisten. Es gab bei uns bis dahin sonderbare politische Dilettanten, die sich ein System aus der Dar­stellung machten, England wünsche gar nicht den Ein­tritt der Vereinigten Staaten in den Krieg, weil an­dernfalls die amerikanischen Hilfsquellen Nachlassen müßten. Amerika habe als „neutraler" Staat schon so diel geliefert, daß es als kriegführender Teilnehmer mehr nicht liefern könnte und durch die Inanspruch­nahme seines Kredits für die eigenen militärischen Zwecke überdies die Fähigkeit, Geld darzuleihen, ein- büßen oder doch verringern würde. Man braucht nur die stürmische Genugtuung unserer Feinde über die Kriegserklärung Wilsons zu beobachten, um zu wissen, wie falsch diese Künsteleien eines übermäßigen Scharfsinns waren und sind. Die 30 Milliarden Mark, die das Repräsentantenhaus als ersten Kriegskredit einstimmig bewilligt hat, werden natürlich den West­mächten und Italien zugute kommen, großenteils in der Form von S u b s i d r e n im alten Stil, also unge­fähr so, wie England im Siebenjährigen Kriege Friedrich den Großen unterstützte. Dafür werden Eng­land und Frankreich große Bestellungen in den Ver­einigten Staaten machen müssen, und Amerika wird doppelt verdienen. Indessen kommt es uns bei dieser Betrachtung hauptsächlich darauf an, daß England selbst bei weiterer Abschwächung des russischen Kriegs- geistes noch nicht den Zwang zum Entgegenkommen anzuerkennen brauchte oder vielmehr unbedingt dazu geneigt sein würde. Es ist wahr, die g r o ß e V e r- ä n d e r u n g, die durch die russische Revolution herbei- geführt worden ist, wird und muß auch auf unseren Hauptfeind wirken, und wir haben sa schon ge­sehen, daß Lord Cecil einen Schutz Master in best Feuerwoin der britischen Kriegsziele getan hat. Aber der Wille zum Frieden ist nicht da, in Lon­don nicht und auch in Paris nicht. Das ist das entscheidende Moment, das wir uns durch die Er- eignisse in Petersburg nicht verdunkeln lasten dürfen. England wird sich bei seiner Rechnung, die es auf die Fortsetzung des Krieges ins Ungemessene ausbaut, ebenso wie bisher täuschen, diese' Zuversicht gibt uns die Kriegslage, gibt uns auch die Sicherung un­serer zwar knappen, jedoch erfahrungsgemäß aus­reichenden Ernährung. Aber trotz jener Täuschung könnte doch wohl der Entschluß das blutige Spiel wei­tergehen zu lasten, in London gefaßt werden, und zum Madestru ist deshalb vor der Darstellung zu warnen,

als ob die Friedensbereitschaft unseres Vierbundes und der Umschwung in Rußland bereits entscheidende Vor­gänge sein müßten, denen der Weltfriede mit natür­licher Folgerichtigkeit Nachfolgen würde. Wir sind noch nicht so weit. Vielleicht wird bei uns mehr als nötig vom Frieden gesproch-n. Wir dürfen das ja auch darum tun, weil wir in guter Lage sind und nur wünschen können, die erlangten Sicherungen aus- zubauen, wie es eben im Frieden möglich ist. Gleich­wohl sollten wir den Eindruck vermeiden, daß wir Ver­handlungen nötiger haben als die Feinde, Wollen diese den Krieg sortsetzen, dann bleibt uns ja schlechter­dings nichts anderes übrig als mitzutun. Diese Not­wendigkeit werden wir stets beklagen, jedoch braucht man sein Bedauern darüber nicht gerade durch weich- niütige und nervöse Wiederholungen einer von den Gegnern mit Behagen mißdeuteten Friedenssehnsucht zu bekunden.

*

Der klbendbericht vom 21. Mai.

W. T.-B. Berlin, 21. Mai. (Amtlich. Drahtberichi.)

Morgens scheiterten bei Bullecourt (Artois) englische, südwestlich von N a u r o y (Champagne) französische Teilan- griffe. Tagsüber in mehreren Abschnitten der A r r a s - und Champagnefront sowie auf dem Westnfer der Maas wechselnd starker Feuerkamps.

Die weiter tobende neue önsonzo- schlacht.

Österreichisch-ungarischer Tagesbericht.

W. T.-B. Wien, 21. Mai.. (Drahtbericht.) Amtlich ver­lautet vom 21. Mai, mittags:

Östlicher und südöstlicher Kriegsschauplatz.

Keine Ereignisse von Belang.

Italienischer Kriegsschauplatz.

Aut I s o n z o setzte der Feind gestern seine Angriffe fort, deren Wucht sich gegea unsere Stellungen zwischen V o d i r e und Salcano richteten.

Alle Anstrengungen des Angreifers blieben erfolg­los; er vermochte nicht, einen Fuß breit Boden zu gewinnen.

Am Vormittag führte der Gegner seine Masten zweimal gegen den Monte Santo zum Sturm. Der erste An­griff brach, ehe er sich zu steigern vermochte» in unserem Vernichtungsfeuer zusammen. Beim zweiten bahnten welsche Abteilungen in der Nähe des Klosters Monte Santo den Weg in unsere durch Trommelfeuer zerschoffenen Gräben. Unsere braven Truppen, unter ihnen Marburger Landsturm, trieben de» Feind im Gegenstoß mit dem Bajonett zurück. Am Abend setzten die Italiener, auf Artillerievorbereitung ver­zichtend, zu einem breit angelegten mächtigen Angriff an, der sich diesmal gegen de» ganzen Abschnitt Bodice - Monte Santo richtete. Bei Vodice gelang es den Sturm­kolonnen unter schweren Verlusten den Höhenkamm zn er­klimmen. Das altbewährte Infanterie-Regiment Nr. 41 warf sich aber auf den überlegenen Gegner und zwang ihn i« erbittertem Handgemenge zur Flucht. Die gegen den Monte Santo angesetzten italienischen Divi­sionen wurden durch unser Geschützfruer in ihre Gräben zurückgejagt.

Die gestrigen Kämpfe brachten über 200 Gefangene und 4 Maschinengewehre ein.

Die überaus mannigfaltige Kriegsgliederung unserer Karst-Truppen ermöglichte es nicht, heute ,ch,n einzelne der Trnppenverbände, die sich um den Erfolg deS Tages besonders verdient gemacht haben, nach Bezeichnung und Bodenständig­keit bervorzuheber.

Unsere Flieger haben in Luftkämpfen fünf italie­nische Flugzeuge abgeschossen.

Bon den übrigen Absch.iitter der Südwestfront ist nichts Besonderes zu melden.

Der Stellvertreter drS Chefs deS GeneralstabS: v. Höfrr, Feldmarfchalleutnant.

Die militärische Lage.

(Bon unserer Berliner Abteilung.)

L. Berlin, 21. Mai. (Eig. Drahtbericht, zb.) Süd- östlich von Ypern wurden feindliche Patrouillen in Zugstücke abgewiesen. Der Feind griff nordöstlich von Croisilles in wiederholtem Anlauf mit starken Kräften an und wurde in den bis Mitternacht fortge­setzten Kämpfen unter den schwersten Verlusten abge­wiesen. Insgesamt verstärkt sich nach der Kampftage der letzten Tage der Eindruck, daß die Einheitlich­keit der englischen Offensivaktion nachge­lassen hat. Seit dem stacken Angriff vom 12. Mai erfolgten nur zusammenhanglose Unternehmungen. Der Durchbruchsversuch ist mißglückt, das. geplante Anrennen unserer Front ebenso. Deshalb be-

Nr. 237. ♦ 65. Jahrgang.

gnügte man sich mit dem neuen Schlagwort einer Zer- mürbung unserer angeblichen Hindenburglinie. Im Raume unserer Siegfriedstellung setzte die feindliche Artillerie die Verwüstung der Stadt S t. Q u e n- t i n fort. Gestern richteten die Engländer wieder ihr Feuer auf die Kathedrale, die zwölf schwere Treffer er­hielt.

In Mazedonien brachen sich in den letzten Tagen die feindlichen Angriffswellen, die der Gesamt- offensive Sarrails folgten. Jetzt können auch die fran­zösischen und sdrbischen Nachstöße als gescheitert bezeichnet werden. Bezeichnend ist, daß der „Secolo" schon die „Wucht der deutschen Gegenangriffe" beson­ders hervorhebt.

Die Kämpfe am Jsonzo erweisen sich als voll­kommener Mißerfolg des südlichen Flügels der Angriffstruppen Cadornas und als kaum nennenswer­ter Teilerfolg des nördlichen Flügels. Im Norden hat die 10. Offensive der Italiener zweierlei R a u m- gewinn geringen Ausmaßes zu buchen: Zu­nächst bei Auzza, wo sich starke Vorposten auf dem linken Jsonzonfer festzusetzen vermochten, dann bei P l a v a, wo dZi Kukberg verloren ging. Der erste Ge­winn ist dem Feind bereits wieder abhanden gekommen, da er die zwecklosen Verluste unter dem konzentrischen Feuer der österreichisch-ungarischen Artillerie nicht mehr länger ausznhalten vermochte; den zweiten über den Kukberg hinaus gegen den Monte Santo zu erweitern, mißlang. Es handelt sich hier um ihre am weitesten nach Westen vorspringende Stellung, denen östlich weite Höhen vorgelagert sind, von wo die Artillerie unserer Verbündeten die neuen Stellungen des Feindes unter wirksames Feuer nimmt. Der Wegnahme des Kuk- berges kommt somit keinerlei entscheidende Bedeutung zu. Viel wichtiger für die Beurteilung der Gesamtlage ist, daß Cadorna seit jenem Tage die Angriffe östlich von Görz wieder eingestellt hat. _

Der Tauchbootkrieg.

Ein Hilfsdampfer der englischen Marine torpediert!

W. T.-B. Paris, 21. Mai. (Tvahtbericht. Amtlich. Mel­dung des Reuterschen Bureaus.) Der von der Marine ge­mietete Dampfer „C o l b e r c" mit einer Anzahl Milltürper- sonen ist am 30. April im Mittelmeer torpediert worden. 51 Personen sind umgekommen.

Der Hafen von Portsmouth wegen Minen­gefahr gesperrt.

W. T.-B. Rotterdam, 21. Mai. Der Hafen von PoriS- uiouth ist wegen Minengefahr bis auf weiteres geschlossen worden. -

Zur Torpedierung des englischen Dampfers „Camcronia".

W. T.-B. London, 19. Mai. (Reuter.) Der Dampfer „Cameionia" wurde am Nachmittag bei ruhiger See torpe­diert. Das U-B o o t blieb unsichtbar. Die E x p l o - s i o n war gewaltig? Viele Mitglieder der Besatzung und wehere Soldaten wurden getütet oder verwundet. Das Schiff sank binnen 30 Minuten.

Das neue Rußland.

Der Nachfolger Miljnkows über fein Programm.

Br. Stockholm, 21. Mai. (Eig. Drahtbericht, zb.) Der Minister des Äußern Tereschenko äußerte sich russischen Pressevertretern gegenüber über fern Pro­gramm u. a. wie folgt: Die Hauptaufgabe sei, m ö g- lichst schnell den allgemeinen Frieden herzu st eklen Es müsse dies ein Friede ohne Annexionen und ohne Kriegsentschädi- gungen sein, der auf der Selbstbestimmung der Völker basiere. Haß bleibe immer zurück, wenn aus dem Kampfe eine Nation auf Kosten der anderen her­vorgehe. 1870 sei ein Beispiel dafür. Elsaß- Lothringens Hoffnungen auf eine bessere Zukunft seien in den 44 Jahren nicht erstorben. Mit Befriedi- gung stellte der russische Minister des Auswärtigen fest, daß keine einzige demokratische Parte: Propaganda für einen Sonderfrieden gemacht habe. Djss Veröffentlichung der G e h e i m b e 1 1 r ä g, e , mit den Ententestaaten müsse eine Sonderstellung Ruß­lands Hervorrufen und sie wäre der Anfang zuni Son­derfrieden, der sich weder mit dem Ehrgefühl vertrage noch mit den Interessen Rußlands, die nur den Krieg mit einem Weltfrieden beschließen können. Darauf be­fürwortete Tereschenko die Neubelebung der russischen Militärmacht. Man könne jetzt nur die Frage der aktiven Verteidigung der nationalen Unabhängigkeit erörtern. Es wäre lächerlich, von An-

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