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Mittwoch. 16. Mai 1917.
vie Uanzlerrede.
Der Reichskanzler hat in seiner gestrigen bedeutungsvollen Rede zwar die Abgabe einer programistati- schen Erklärung zur Frage der Kriegsziele als noch unzeitgemäß grundsätzlich ab g^e I eh n t, praktisch aber trotzdem zu dieser Frag? Stellung genommen. Es geschah zunächst gegenüber der sozialdemokratischen Forderung eines Friedens ohne Annexionen und Kriegsentschädigungen. Hier hat der Kanzler „in bündigster Form" die Verwahrung wiederholt, daß aus den:
cf) tu c t g e n der Regierung irgend welche Schlüsse auf ihre Haltung abgeleitet würden/ und auf Grund der allgemeinen Richtlinien, die von ihm über unsere Kriegsziele im Reichstag gezogen waren, hat der Kanzler die Identifizierung mit anderen Programmen z u r ü ck g e w i e s e n. Damit ist er in negativer Form von dem Verzichtfrieden der Sozialdemokratie abgerückt und daruin hatten wir recht, in der gestrigen Abendausgabe über unserem Bericht diese negative Feststellung herauszuheben, die eine Beruhigung für manche Besorgnisse bedeutet: „Kein Programm des Verzichts und der Entsagung!" Auf diese Form der Zurückweisung hat sich der Kanzler jedoch nickt beschränkt. Vielmehr unterließ er es nicht, auch positiv die Si n n l o s i g k e i t einer Verzichtpolitik nachzuweisen, die von der Sozialdemokratie ohne jede Rücksicht auf die Gegenseite empfohlen wird. Memand anders als LI o v d George hat dem Kanzler diese Waste gegen unsere sozialdemokratischen Verzichtpolitiker in die Hand gedrückt, da sich der englische Schatzkanzler erst vor wenig Tagen zu den alten britischen Vernichtungsplänen bekannte. Mit Recht durfte der Reichskanzler deshalb fragen, ob bei solcher Verfassung unserer westlichen Feinde ein Programm des Verzichts zum Frieden führen könne. Im gleichen Zusammenhänge bat er auf die kriegsverlängernVe Wi'rkrrrrg■ des sozialdemokratischen Verzichtprogramms aufmerksam gemacht. (Krieasverlängernd wirkt übrigens, nebenbei gesagt, sicherlich auch die gestrige, ganz böse Entgleisung Scheidemanns mit. der hypothetischen Drohung einer Revolution!) - Zweifellos liegt ja in einer Verzicht- Politik, wie sie Scheidemann und seine Partei befürworten, für die W e st m ä ch t e 'der Anreiz, den Krieg, von dessen Fortsetzung sie nach dieser famosen sozialdemokratischen Theorie weder Kandverlust noch Geldstrafe zu gewörtiqen haben, immer von neuem zu verlängern. Der Reichskanzler mußte endlich jene Perzichtpolitik. wenn er sich nicht mit den Gefühlen der ganz überwältigenden Mehrheit des deutschen Volkes an der Front wie daheim in Widerspruch setzen wollte, darum verwerten, weil sie der schnödeste Undank gegen unsere Kämpfer wäre und das deutsche Volk bis zum geringsten Arbeiter in seinen Lebensbedingungen dauernd herab- drücken, das Vaterland geradezu preisgeben würde. In diesen Erklärungen des Kanzlers ist nun wirklich die Ablehnung des - sozialdemokratischen Verzicht- friedcns enthalten, die geeignet ist. beruhigend über die Kriegszielpolitik der Regierung zu wirken. Daß man für diele Beruhigung schob >: h e r hätte sorgen können, ist nach wie vor unser? Ansicht.
Daß der Reichskanzler andererseits die Aufstellung eines Eroberungs Programmes ablehnte, ist aus dem Grunde vollkommen richtig, weil damit weder der Sieg gewonnen noch — wegen der erleichterten Möglichkeit, .die Kriegsmüdigkeit unserer Feinde von frischem anzustacheln — der Krieg v e r« kürzt würde. Die Art, wie der Kanzler in diesem Zusammenhangs von der deutschen Bereitwilligkeit sprach eine ehrliche Verständigung mit Rußland ab- zuschließen, gestattet die Annahme daß die russische Umwälzung Deutschland einem weiteren Entgegenkommen als bisher geneigt gemacht hat- Da sich der Kanzler über unsere Kriegsziele — nach seiner eigenen Angabe — in v o I l e r Ü b e r e i n st i m m n ng mit unserer Ober st en Heeresleitung befindet, dürfen Besorgnisse wegen übertriebener Nachgiebigkeit auch Rußland gegenüber wohl als ungerechtfertigt gelten. Zu wünschen aber bleibt, daß die deutsch-russische Verständigung auf Kosten desselben Rumäniens, dessen Treulosigkeit und Eroberungssucht uns in verschiedenen Richtungen schwere Opfer auferlegte, in einem Deutschland günstigen Sinne zustande kommt. _
Übereinstimmung in der Kriegszielsrage besteht nicht nur zwischen dem Kanzler und der Obersten Heeresleitung, sondern auch zwischen Deutschland und seinen Verbündeten. Letztere Feststellung ist vom Reichstag begreiflicherweise mit besonderem Beifall ausgenommen worden. Läßt es sich doch nicht leugnen, daß gewisse Veröffentlichungen in der Wiener Presse den Anschein erweckten, als ob in Wien eine den Berliner Anschauungen nicht vollentsprechende Initiative 'entwickelt worden sti. Gegen die Ausbreitung solcher, :von unserer Sc^iaUtenpresse vorlaut geförderter Ein
klbend-Kusgabe.
drücke haben die deutschen Amtsblätter ebenso wenig etwas Wirksames getan wie gegen die Beunruhigung, die der Kricgszielbeschluß des sozialdemokratischen Parteiausschusses hervorrief, eine Beunruhigung, die uns,
, wie unsere Leier wissen, die konservative Interpellation und die Forderung der Alldeutschen nach einenr unzweideutigen A b r ü ck e n des Kanzlers von dem Verzichttriedensgedanken als berechtigt erscheinen ließ. Es ist erfreulich, daß nunmehr volle Klarheit in dieser Hinsicht geschaffen ist. Die Sorge ist beseitigt, als ob man in Wien einen schwächeren Faden zu spinnen versuche, als er im Interesse eines für uns günstigen Friedens beschaffen sein muß. Graf Czernin steckt sein Ziel nicht anders als der deutsche Reichskanzler, und dieser konnte die einen Stein non unserer Seele abwälzende Versicherung abaeben, die Heeresleitung sei mit ihm in den betreffenden Fragen ganz eines Sinnes. So sehen wir denn der weiteren Entwickelung der Dinge mit vollem Vertrauen entgegen.
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Eine Unklarheit in dem Stimmungsbild, das wir in unserer heutigen Morgen-Ausgabe über die Aufnahme der Kriegsziel-Erklärung des Reichskanzlers brachten, betrifft einen so wichtigen Punkt, daß wir den Sinn der betreffenden Stelle, der an die vom Abgeordneten Spahn verlesene Erklärung der Parteien der Mitte anknüpft, jeden Zweifels mit folgendem Hinweis entkleiden müssen. In der gemeinsamen Erklärung des Zentrums, der nattonalliberälcn Partei, der Fortschrittlichen Bolkspactei und eines Teiles der Dertschen Fraktion war gesagt worden:
ES genügt, wenn die Reichsleitung erklärt, daß sie weder uferlose Eroberungspläne hat, iwch sich auf den Gedanken eines Friedens ohne Annexionen oder Entschädigungen feftlegt.
Die hierauf bezügliche Stelle unseres Stimmungsbildes ist zu lesen:. Mit der gemeinsamen Erklärung der großen bürgerlichen Mitte, die der Bedeutung einer Tagesorenung in einem parlamentarisch regierten Lande gleich kam, worden die Forderungen der Minderheit rechts und links zurückge- wtescn. In- und Ausland erfuhren, daß eine starke Volks- mehrheit, daß die Reichsregiecung und die Oberste Heeresleitung ihre Kriegsziele dahin formulieren: Weder Eroberungen noch Verzicht auf Entschädigungen noch (nicht „und") Festlegung darauf, daß wir keinerlei Annexionen wollen.
Oer Widerhall der ttanzlerrede.
— Berlin, 16. Mai. Wenn die Blätter auch nicht darin einig -sind, wie weit die gefixtfle Sitzung des Reichstag-. Klarheit über die Kriegszt-lc der Regierung gebracht hat, so geht doch durch alle Betrachtungei: die Hoffnung, das uns die Rede des Kanzlers einem ehrenvollen Frieden um ein gutes Stück näher gebracht hat.
Die „Bossische Zeitung" sagt: Wir stimmen niit dem Reichskanzler durchaus darin überein, daß eine klare Aufzählung unserer Krieckziele bis ins einzelne nicht nützlich ist. Von pclitischen Reden, die Handwerkszcuge der Politik sind, sollen Wirkungen ausgcbcn Des Kanzlers Worte über R u ß l a n o lvaren ausgczeictnct in ihrer Fassung. Kein Stachel und keine Verstimmung soll nach der c h r I i ch e n Verständigung, die wir Rußland anbieten, zurückbleiden. Deutlicher kann man »ich: sein, und wir hoffen, daß die Worte in Rußland deutlich rcrstandeu lverdeu. Sic wiegen uni so schwerer, als hinter ihnen die ganze überwiegende Mehrheit des deutschen Volkes steht Sie gewinnen dadurch noch ihre Bedeutung, daß der Kanzler die ll h e r e i n st i m m u n g seiner Auffassung mit der unserer östc,lcichi?ch.ungarischen Verbündeten betonte. Der Kanzler hat sich beute Anhänger und Mitläufer erworben. Er ist zum e r s, e n n-. a. l ein Führer gewesen. Hoffen wir, daß das ein verheißungsvoller Anfang war, der kein vorschnelles Ende sindet.
Die „Freisinnige Zeitung" meint: Wenn die an die Inter
pellationen geknüpften Erwartungen der äußersten Linken und der äußersten Rcchten nicht erfüllt worden sind, so habeil sie auf der anderen Seite gezeigt, daß mir die Radikalen ein Interesse an einer vorzeitigen Verpflichtung der deutschen Regierung auf bestimmte Kriegsziele haben.
Die „Germania" führt aus, iaß die Bedeutung der Antwort des Reichskanzlers in der Festigkeit des polttilchen W o l l e n s liege. Zu einer tatkrästigen Führung der Massen gehöre nicht, daß an jedeni Stück Weg dem einzelnen erklärt werde, was zu geschehe» habe, sondern daß der Stern allen deutlich vor Augen bleibe, der den Vorwärtsstrebendcn voranleuchten müsse. Es sei erfreulich und ein neues Zeichen für die politische ist eise des deutschen Volkes, daß in seiner Bolke-vertretung eine feste Parteigruppierung sich gefunden habe, die bereit sei, sich mit den großen Richtlinien für die Kriegsziele zu begnügen, die der Kanzler frühe: aufgestellt habe. Mit Freuden sei die Feststellung zu begrüßen, daß in diesen Dingen die politische Frczp der Verbündeten Mächte auf unserer Seite ebenso unerschütterlich Vastehe wie die militärische.
Die „Kreuzzeitung" sagt: Die Reichstagsverbandlungen stellten klar, daß Drciviertel des Reichstags und die Mehrheit des deutschen Volkes den Frieden nach sozialdemokratischen Formen a b l c h n e, und das. sic einen Sondcrstieden mit Ruß - la n d, der für die Dauer gulvachbarliche Beziehungen besorgt, für richtig und unseren Interessen für entsprechend hält.
Die „Tägliche Rundschau" hebt hervor, daß der Kanzler vor den Reichstag nit der stärksten Rüstung trat, dem neu bekundeten Vertrauen de? Kaisers und mit der beruhigenden Erklärung, daß er in seinen Kriegszielen mit der Heeresleitung über- e i n st i m m c.
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Die .„Köln. Volke,tg." schreibt: Das im Augenblick Wichtigste ist die Erklärung des Kanzlers über die volle Einmütigkeit mit unseren Verbündeten, insbesondere also auch mit Öfterreich-Uwgaru, und über die volle Übereinstimmung seiner
Nr. 248. . 65. Jahrgang.
Kriegsziele mit der Auffassung der Obersten Heeresleitung. Hierin wird das deutsche Volk, das einen Hindenburg- und keinen Scheide mann frieden will, die beste Bürgschaft eines starke» deutschen Friedens erblicken — eines Friedens also, der, wie der Kanzler schloß, ein slteich und Volk erstehen läßt, „st ark, unabhängig, u n b c d r o h t von seinen Feinden, ein Hort des Friedens und der Arbeit"!
ver Tagesbericht vom 16. Mai.
W. T.-B. Großes Hauptquartier, 16. Mai. (Amtlich.) •
Westlicher Kriegsschauplatz.
Heeresgruppe Kronprinz Rupprecht.
Bei ungünstigen Witterungsverüältnifscn war die Gefechtstäligkeit verhältnismäßig gering.
Heeresgruppe Deutscher Kronprinz.
Beiderseits oonCraonne und nördlich von Pres- »es hielt die gesteigerte Artillerietätigkeit ohne Unterbrechung an.
Oestlich von La Neuville brach ein märkisches Bataillon in 600 Meter Breite in die feindlichen Gräben ein und hielt die neugewonnene Stellung gegen mehrere mit starken Kräfte» geführte französische Angriffe. 175 Gefangene, sowie zahlreiche Gewehre aller Art fielen in die Hand der tapferen Truppen.
Östlicher Kriegsschauplatz.
Lage unverändert.
Mazedonische Front.
Das lebhafte Feuer zwischen Prespa- nud Doi- rau-See hat auch auf die Strumafront üdergegriffeu.
Der erste Generalquartiermeister: Ludeudorsf,
Oer Tauchbootkrieg.
weitere 20000 Tonnen!
W. T.-B. Berlin, 18. Mai. (Amtlich. Drahtbeächt.) Neue U-Bootserfolge im Atlantischen Ozean: 5 Dampfer und 4 Segler mit 20 066 Tonnen. Unter den versenkten Schiffen befanden sich u. a.: Der englische Dampfer „Comedian" (4880 Tonnen) und „Jkbal" <5434 Tonnen), beide mit Getreide und Munition belade». Die übrigen versenkten Schiffe fülwten u. a. folgende Ladung: 1 Dampfer mit Holz und Maschinenteilen und 2 Segler mit Kohlen und Holz. ^er Chef des Admiralstabs der Marine.
Ein systematischer Feldzug gegen die deutschen Unterseebootsstützpunkte? '
W. T.-B. Bern, 15. Mai. Stegemann schreibt im „Bund" u. a.: Wie sehr die Tätigkeit der deutschen Unterseeboote auf die englische Flanke drückt, zeigt der große Angriff, den die englische Marine auf den westlichsten Stützpunkt der deutschen Untersecbootsflotte, das seil 2 Jahren ansgebaute Zeebrügge, ausgeführt hak. Offenbar handelt es sich um ein großes und e r n st angelegtes Unternehmen, zu dem so sehr zahlreiche Schiffe und in der Lust starke Bombardierungsgeschwaber in Bewegung gesetzt wurden. Daß das Doppelbombardement Schaden angerichtet hat, ist von vornherein anzuruchmeu. Es fragt sich nur, ob die Anlagen so stark beschädigt würden, daß die Tätigkeit der Unterseeboote dadurch gehemnit wird. In jedem Falle ist einer der am meisten ansgesetzten Stützpunkte der Unterseeboote getroffen worden, deren Aktionsradius längst die Ausfahrt ans dem alten Heimathafen gestattet. Man gewinnt jedoch den Eindruck, daß nun auch die brstische Marine zum Gegenangriff schreitet, um -den Stützpunkten der deutschen Unterseeboote zu Leibe zu gehen, nachdem die Abipehr der Unterseebootsangrisse sich als wirkungslos erwiesen hat. England kämpft jetzt nicht weniger ums Ganze wie Deutschland. Und man muß jetzt mit einem systematischen Feldzug gegen die Stützpunkte der deutschen Unterseeboote rechnen, dessen erster Akt in dem Überfall auf Zeebrügge bestand. An deutschen Gegenmqßnahmen wird es nicht fehlen. Damit rückt auf beiden Seiten d-ie Seeflanke in den Vordergrund des Interesses. Gelingt es den Briten nicht, durch rücksichtskosen Einsatz ihrer See - und Luftstreitkräftc die deutschen Häfen so zu sperren, daß die Verringerung des Frachtraums durch diese oder andere Maßnahmen wieder auf den alten Stand heruntergedrücki wird, so ist England im September kaum noch imstande, den Krieg mit Aussicht auf Erdaueruug des Erfolges zu Ende zu führe». Von einer Revolution im Osten ganz zu fchioeigen.
Die Änderungen in der englischen Marineverwaltung.
W. T.-B. London, 15. Mai. (Meldung des Reuterschen Bureaus.) T a rson gab im Unterhaus gewiffe Änderungen in der Marineverwaltung bekannt, die eine möglichst weitgehende Befreiung des ersten Seelords und des Chefs des Admiralftabes von den Verwaltungsangelegenheiken zum Gegenstand hatten, um sie in den Stand zu setzen, ihre ganze Aufmerksamkeit auf wichtige Fragen der S e eck r-tz-e-g-> führung zu richten. Der Stab der Marine, würde "an-
