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Kllultrkrte
Mtler-Zeitung
He
Wiesbadener Tagblatts.
Hr. 5.
19. Labrgsug.
1917.
(Alle Rechte für sämtliche Artikel und Illustrationen vorbehalten.>
Die Glockentiese.
vonH. L. Andersen.
» mg ■ — dang! Ding — dang! klingt es ans der | „Glockentiefe" herauf in der Gdense-Au. — Jedes Kind in der alten Stadt Vdenfe auf der Insel Fühnen kennt die Au, welche die Gärten rings um die Stadt bespült und die sich von der Schleuße bis zur Wassermühle unter die hölzernen Überbrückungen dahinzieht. In der Au blühen gelbe Wasserlilien oder Auknöpfe und braungefiedertes Röhricht; es wächst dort die schwarze, sammetartige Rohrpompe, hoch und Lick; alte geborstene Weiden, gereckt und gestreckt, hängen weit über den Strom hinaus an der Seite der Mönchswiese und der Bleiche, aber dieser gegenüber ist Garten an Garten, einer anders als die anderen, bald mit schönen Blumen und Lauben, glatt und zierlich, wie kleiner jduppenstaat, bald nur mit Kohl und anderem Gemüse bestanden; oder es ist auch gar kein Garten zu erblicken, -ndem die großen Holunderbäume sich an den Ufern ausbreiten und weit über die strömenden Gewässer hinaushängen, die hier nnd da tiefer sind, als daß die Ruderstange ihren Grund erreichen könnte. Dem alten Fräuleinkloster gegenüber ist die tiefste Stelle, Glockentiefe genannt, und dort unten wohnt der alte Wassergeist, der „Aumann". Derselbe schläft den Tag über, während die Sonne durch das Wasser hinab- strahlt, aber er zeigt sich bei sternenhellen Nächten und Mondschein. Er ist sehr alt; die Großmutter sagt, sie habe von ihm erzählen hören von ihrer Großmutter; er lebe ein einsames Leben, habe gar Niemand, mit Lern er reden könne, außer der großen, alten Kirchenglocke. Linst hing die Glocke im Kirchturme — ja, jetzt ist keine Spur mehr da, weder mm Turme noch von der Kirche, welche St. Albani hieb.
„Ding-dang! Ding-dang!" klang die Glocke, als der Turm noch dastand, und eines Abends, während die Sonne sank und die Glocke im stärksten Schwünge sich befand, riß sie sich los und flog dahin durch die Luft; das blanke Metall blitzte glühend in den roten Strahlen.
„Ding-dang! Ding-dang! Jetzt will ich mich zur Ruhe betten!" fang die Glocke und flog hinaus in die Mdsnfe-Au, wo sie anr tiefsten ist, und deshalb heißt diese Stelle die Glockentiefe. Allein ihr ward keine Ruh' und kein Schlaf Unten bei dem Aumann singt und klingt sie, daß es zuweilen herauf tönt durch die Gewässer, und viele Leute sagen, solch Klingen bedeute, daß Jemand sterben solle, aber es ist nicht an dem, nein, sie singt und unterhält sich mit dem Aumann, der jetzt nicht mehr allein ist.
Und was erzählt wohl die Glocke? — Sie ist alt, sehr alt, wie wir schon bemerkten, sie war schon lange da, bevor die Großmutter der Großmutter geboren ward, und doch ist s>e an Alter nur ein Kind gegen den Aumann, der ein alter, stiller Mann, ein Sonderling ist mit seinen
Gosen von Aalfell uird seiner schuppigen Jacke mit den gelben Auknöpfen, mit einem Schilfkranz im Haar und Meerlinsen im Barte — aber er sieht so doch hübsch aus.
Was die Glocke erzählt — das wiederzugeben würde Jahre und Tage erfordern; sie erzählt Jahr ein Jahr aus gar oft die alten Geschichten wieder aufs Neue, bald kurz, bald lang, wie es ihr die Stimmung gibt; sie erzählt von alten Zeiten, den harten, finstern Zeiten.
„In der St. Albanikirche, hinaus im Turme, stieg der Mönch; er war jung und schön, aber sinnnend wie kein Anderer. Lr schaute aus der Lucke dort oben über die Gdense-Au hinaus, als noch ihr Bett ein breites und die Mönchswiese ein See war; er schaute über sie und über den grünen Wall und den „Nonnenhügel" drüben, wo das Kloster lag, wo das Licht von der Zelle der Nonne herausstrahlte; er hatte die Nonne sehr gut gekannt, und er erinnerte sich ihrer und sein Herz klopfte stärker dabei — „Ding-dang! Ding-dang! —"
Ja, so erzählte die Glocke.
„Den Turm hinauf stieg auch der dämliche Diener des Bischofs, und nenn ich, die Glocke, die aus Metall gegossene, hart und gewichtig sang und mich schwang, hätte ich ihm das Gehirn zerschmettern können; er setzte sich dicht unter mich und spielte mit zwei Stückchen, als wenn dieselben gar ein Saitenspiel gewesen, und er sang dazu: „Jetzt darf ich es laut heraussingen, was ich sonst nicht flüstern darf, von allem singen, was hinter Schloß und Riegel verüeckt gehalten wird. Dort ist es kalt und naß! Die Ratten fressen sie bei lebendigem Leibe! Niemand weiß darum! Niemand hört davon! Auch jetzt nicht, denn die Glocke klingt und singt ihr lautes Ding-dang! Ding-dang!"
„Lin König war damals, sie nannten ihn Kanut, er beugte sich vor Bischof und Mönch; als er aber den Wcndelbauern zu nahe trat mit schweren Steuern und harten Worten, nahmen diese Waffen und Stangen zur Hand und jagten ihn in die Flucht gleich einem wilden Tiere; er suchte Schutz in der Kirche, schloß Tor und Tür hinter sich; die gewalttätige Schaar lagerte draußen vor der Kirche, ich hörte davon erzählen; Krähen, Raben und Dohlen fuhren auf vor Schreck bei dem Geschrei und Gebrüll, welches ertönte; sie flogen in den Turm hinein und wieder hinaus, sie schauten auf die Menge dort unten hinab, sie blickten auch durch die Lenster der Kirche.hinein, sie schrieen es laut aus, was sie sahen. König Kanut lag betend vor dem Altar, seine Brüder Lrich und Benedikt standen dort als Wache mit gezogenen Schwertern, allein der Diener des Königs, der falsche Blake, verriet seinen Herrn; die Menge vor der Kirche wußte, wo der König zu treffen sei, und einer schleuderte
