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Montag. 16. HprU 1917.

Kbend-Kusgabe.

Nr. 192. - 65. Jahrgang.

Der Zriedenskeim.

Niemand wird dis raffinierte Geschicklich­keit der britischen Diplomatie leugnen, die es verstanden hat. freilich mit Anwendung der skrupel­losesten Mittel, in diesem Weltkriege fast die ganze Welt gegen irns mobil zu machen. Aber es scheint, als ob ihr letzter großer Trick, mit Hiffs dessen sie die Umwälzung in Rußland für die britischen Kriegsziele nutzbar zu machen versuchte, doch nicht oder mindestens nicht restlos gelungen ist. Zwar die Erklärung, welche der neue russische Minister des Äußern, Herr Mil- j u k o w, abgegeben hatte, war noch ganz im engli­schen Sinne abgefaßt, schien darauf zu deuten, daß die provisorische Regierung entschlossen ist, nicht russi­sche, sondern britische Politik zu treiben. Dann aber machte sich der Einfluß der Partei Kerenski und der der Sozialisten unter T s ch e i d s e geltend, so daß die neue Erklärung der provisorischen Regierung, wo­nach Rußland „einen dauerhaften Frieden auf Grund des Rechtes der Völker, ihr Schicksal selbst zu bestim­men", hecbeifübcen will, doch schon ganz anders klang. Bedenkt man, daß nach einer Meldung aus Stockholm der Ausschuß der Arbeiter und Soldaten unter der Führung Tscheidses auch nach jener Erklärung, die ihnen mithin noch keineswegs genügt, die Absicht aus­gesprochen hat, der provisorischen Regierung das Recht zur selbständigen Bestimmung der auswärtigen Poli­tik zu entziehen, so braucht man wahrlich kein Optimist zu sein, um daraus die zunehmende Stärkung der F r i e d e n s st r ö m u n g e n iin Exzarenreiche zu erkennen.

Und doch ist sogar in der unter dem 10. April er­lassenen Kundgebung der provisorischen Regierung un­verkennbar ein Friedenskeim enthalten, wie das ia in der in der „Nocdd. Allg. Ztg." veröffentlichten lin unserer MontaqsauSgabe wiedecgigebenen) Er­klärung der deutschen Regierung und in der durch das K. und K. Tel. Korr.-Vur. verbreiteten Kundgebung der ö st erreichisch- ungari­schen Regierung zutreffend zuin Ausdruck ge­bracht wird. Dem „Dreiklang dieser Kundgebung" kommt, das ist ohne weiteres klar, auch bei vorsichtigster Betrachtung eine weitgehende volitische Be­deutung zu. Mit Recht wird in der „N. A. Z." mit Bezugnahme auf die Erklärung der russsfchen Regie­rung betont, daß „beide Parteien nichts anderes als die Sicherung des Daseins, der Ehre und der Ent­wicklungsfreiheit ihrer Völker erstreben", und in der Wiener Kundgßbung wird in demselben Sinne festgestellt, „daß die österreichisch-ungarische Re­gierung und die provisorische russische Regierung in gleicher Weise einen für beide Teile ehrenvollen . Frieden anstreben, einen Frieden, welcher, wie es in dem Friedensangebot vom 12. Dezember 1916 heißt, Dasein, Ehre und Entwicklungsfähigkeit der krieg­führenden Staaten sichert."

Nun haben, wie gemeldet wird, die russischen Sozia­listen und der Soldatenverband, eine Resolution gefaßt, wonach der Krieg mit Deutschland in dem Augenblick aufhören müsse, in dem Rußland die Überzeugung haben werde, dast Deutschland dre Reaktion in Ruß­land nicht unterstütze. Run in diestr Beziehung müßte doch die feierliche Versicherung, daß es „Deutschland völlig ternliegt. sich in die Neuordnung der russischen Verhältnisse einzumischen oder gar in der Stunde, wo die russische Freiheit geboren wurde, Ruß­land von neuem bedrohen zu wollen", wahrlich ge­nügen. Wenn ferner in der Erklärung der deutschen Regierung betont wird, daß der in der Kundgebung der provisorisch-'n Regienrng ausgesprochene Frie­denswille des russischen Volkes bei seinen eigenen Verbündeten den entschiedenen Wider­spruch findet, so wird das am deutlichsten durch den außerordentlich bemerkenswerten Vorgang gekennzeich­net, daß England den friedensfreundlichen russischen Revolutionären die Rückkehr nach Rußland verweigerte, so daß sie gezwungen waren, die deursche Regierung um freies Geleit zu bitten, die ihnen auch die Durch- - fahrt durch Deutschland gestattete.

Ist es doch kennzeichnend, daß die britische Regie­rung jetzt sogar bei der russischen Regierung die Ab­tretung etlicher finnischer Inseln durchzusetzen sucht, angeblich, weil sie diese als Stützpunkte für ihre Flotte benutzen will, in Wahrheit aber, weil sie sich in Besitz von Fau st Pfändern setzen will, um Rußland am Gängelbande zu haben, ebenso wie sie durch die Be­setzung der Calais- Küste Frankreich ihren Kriegs­willen auszunötigen in der Lage rst. Aber die, Dinge liegen doch verschieden. Einen Teil von Frankreich hal­ten die Engländer besetzt, die russischen Faustpfänder wollen sie erst erlangen. Und es scheint, daß wenig­stens von einem Teil derjenigen, die in Petersburg um die Macht ringen, allgemach die Kriegsziele des per- 5id«l Alb io ns erkannt werden, die in einem amtlichen

britischen Schriftstück einmal dahin gekennzeichnet wor­den sind: „Es gelte, die vier Kontrahenten (gemeint sind Deutschland, Österreich-Ungarn, Frankreich und Rußland) so zu schwächen, daß England als a u s- schlagggebender Faktor die Friedensbedingun­gen diktieren könne.

Je mehr diese Erkenntnis bei den Alliierten Englands wächst, desto stärker werden die Aussichten, daß sie das britische Joch abschütteln, und die Vorgänge in Rußland scheinen doch darauf hinzudeuten, daß sich die Entwickelung dort nach dieser Richtung hin voll­zieht. Deshalb scheint die Hoffnung nicht ungerecht­fertigt zu sein, daß dm russische Freiheitswnne wider Englands Rechnung nicht die britischen Kriegs­ziele, sondern zum Schluß doch den freilich noch zarten Friedenskeirn begünstigen dürfte. Noch frei­lich bedrohen Rauhreif und Stürme seine Entwicklung, aber es sind doch nicht mehr Winter-, sondern Früh- lingsstürme, die wir durchmachen.

Die neue Aera in Kuhland.

Die „überwältigende Mehrheit" für den Krieg auf dem Arbeiter- und Soldaten- ansschutz.

Die Petersburger Teleqraphen-Agentur berichtet im Sinne der Entente.

W. T.-B. Petersburg, 14. April. (Meldung der Peters­burger Telegraphen-Agentur.) Die Erörterungen über die beiden ersten Punkte des Programms auf dem Kongreß der Bezirksabgeordneten des Arbeiter- und SoldatenausschusseS lassen deutlich beide sich bekänipfenden Hauptströmungen er­kennen. Die überwiegende Mehrheit hält an der durch den Vollziehungsausschuß tes Arbeiter- und Soldatea- rates vorgeschlagenen Entschließung über die Kriegsfrage fest, während die Minderheit der Kcngreßteilnehmer, namentlich die extremen Sozialdemokraten, nicht nur den Ver­zicht auf Annexionen und Entschädigungen für unerläßlich halten, sondern auch einen baldigen F r i e d e n s s ch l u ß. Es ist bezeichnend, daß zahlreiche Zu- satzanträge zu der Entschließung über den Krieg, die von den extremen Sozialdemokraten eirgebracht waren, von eine: überwältigenden Mehrbeit vernorfen wurden, und daß dieselbe Mehrheit die von einem Scldaten vorgeschlagencu Zusatzanträge annahm, die auf der Notwendigkeit der Operationen an der Front bestanden. Im Lause der Erörterungen über die Kriegsfrage sprachen sich die Redner zugunsten der Fortsetzung des-Krieges aus, di- mit Rußland mit Ehre ans dem Kampfe hervorgehe. Der Kongreß nabm den Vorschlag mit Begeisterung auf uno Rückte seine Entrüstung und seinen Widerspruch durch Pfeilen und Rufe „Nieder!" aus, als ein extremer Sozial­demokrat erklärte, daß Rußland den Krieg forffetze, weil es an die L o u rg e o i s kl a sse Englands und Frankreichs g.'- bnnden sei. Aus den heutigen Erörterungen über die Ent­schließung bezüglich der Haltung gegenüber der provisorischen Regierung, die von dem Vollziebungsausschutz des Rates der Arbeiter- und Soldatenabgeordneten vorgeschlagen war, kann man annehmen, daß das Verhältnis zwischen den beiden Par­teien des Kongresses dasselbe bleibt, wie in der Kriegsfrage. Die exrrcmen Sozialdemokraten fordern den Kongreß aus, der privisorischen Regierung sein Mißtrauen auszu­sprechen, während der Kongreß den Ausführungen des Mit­gliedes des Vollzrehungsausschuffes Tzeretelli zugunsten der genannten Entscbließnng mit größter Aufmerksamkeit lauschte und sie mil begeistertem Beifall arsnahm.

Die Stellung der provisorischen Regierung bereits unhaltbar?

(Drahtbericht unseres L.-Sonderberichterstatters.)

8. Stockholm, 16. April, (zb.) Tie Stellung der provi­sorische» Regierung in Petersburg kann heute bereits als unhaltbar angesehen werden. Die äußerste Linke, die stets die.Dumaherrschaft bekämpfte, fordert jetzt den gewalffamen Umsturz des Ministeriums. Ihre Führer, B o n s ch e w i k i und Lenin, erlassen folgenden Aufruf:

Stürzt die Regierung, welche die mit dem VolkSblut erworbenen Früchte der Revolution vernichten will. Eine Verschwörung englischer und französischer Imperialisten kauften M i l j n k o w, Gutzkow und Konsorten, uw. damit die Fortsetzung des Eroberungskrieges zu sichern, um neue Millionen russischer A> beiter zu opfern, da mit Konstantinopel für Leute wie Gutzkow, Syrien für die französischen, Mesopotamien für die englischen Kapitalisten erobert wird. Das englische Kapital will die Fort­setzung und die Verschärfung des Blutbades forffetzcn, darum stützt England die provisorische Regierung. Die Engländer griffen Deutschland wegen seiner überlegenen Industrie an, ober der Krieg zeigte, daß die deutsche Industrie noch bei weitem mächtiger ist, als Deutschlands Feinde glauben. Das ist der Grund, weshalb der feige Neid aller gegen Deutschland kSwvsenden Länder jetzt um so starker nach dessen Vernich­tung schreit.

Auch die gemäßigten Sozialisten fordern jetzt den Sturz des Ministeriums. Wie die „Petersburger Börsenzeitung" berichtet, wurde in einer allgemeinen sozia- listffcheu Versammlung eine Resolution angenommen, dir

die Verhaftung der provisorischen Regierung forderte, falls diese nicht zu Einleitungen von Friedensverhandlungen unter Verzicht auf alle Annexionen bereit sei. — Schließlich stellt sich auch das Bürgertum dem Ministerium feindlich ent­gegen. Ter „Djen" schreibt: Es zeigt sich, daß Miljutow in allen entscheidenden Fragen nur sür seine persönlichen An­sichten kämpft, nicht aber für die des Volkes. Wenn das> Ministerium sich nicht in allen Fragen den Forderungen der öffentliche» Meinung unterwerfen will, so mutz es ab- gehen.

Die Friedensabsichten der Leninschen v Sozialistengruppe.

;— Berlin, 16. April, (zb.) Fünf Führer der Leninschen Sozialistengruppe mit diesem an der Spitze haben, laut „Voss. Ztg." vor ihrer Weiterfahrt nach Petersburg eine mehrstündige Konferenz mit den Vertretern der schwedischen sozialistischen Minderheitspartei abgehalten. Lenin erklärte, er stehe an der Spitze einer russischen Friedens­agitation, über die er sich bereits mit den Linkssozia­listen der Schweiz, Frankreichs und Deutschlands in Ver­bindung gesetzt habe. Nur aus England sei bisher keine Äußerung über diese Gedanken eilige gangen. Er hofft, schon nach 14 Tagen an der Spitze einer russischen Frie­de nsdeputation in Stockholm zurück zu sein, um dann praktische Vorarbeiten für eine internationale Friedens­konferenz zu treffen.

Eine große Versammlung der Vertreter aller Armeen?

— Berlin, 16. April, (zb.) Laut J8. T." findet am 20. April in Minsk eine große Versammlung aller russffchen Armeen statt, um über die Beziehungen des Arbeiter- uns Soldatenrates zu der provisorischen Regierung zu verhandeln. Ferner stehe aus der Tagesordnung die Frage nach der Ein­berufung der Konstituante und die Frage der Durch­führung der neuen Staatsform sowie die Frage über Krieg und Frieden.

Französische Kammersozialisten in Petersburg.

— Berlin, 16. April, (zb.) Wie der ,.L. A." berichtet, trafen in Petersburg drei französische Kammersozialisten ein, »m mit der provisorischen Regierung und dem von Tscheidse geführten Ausschuß zu verhandeln. Die Tscheidseische Gruppe habe einen neuen Effolg erzielt durch die "Schaffung der so­genannten Roten Garde, die die Gemeindepolizei im Stadtbezirk von Petersburg veffieht.

Besorgnis des „Temps" über die Reis: eines italieni­schen deutschfreundlichen Pazifisten nach Petersburg.

ch- Bern, 14. April, (zb.) Der „Temps" ist über die Ent­sendung Morgeris nach Petersburg als Vertreter der italienischen Sozialisten sehr verstimmt. Die Wahl dieses deutschfleundlichcn Pazifisten, der die Zimmerwalder und die Kienthaler Zusammenkunft zustande gebracht habe, berech­tige zu weitgehendsten Besorgnissen.

Die wachsende Unruhe in der französischen und englischen Presse.

— Berlin, 16. April, (zb.) In der ,Tägl. Rundschau" heißt es: Wie stark im russischen Volke die Friedenssebnsucht geworden ist, beweisen nicht nur die gelegentlichen Äuße- rungen der sozialistischen Führer, sondern mich mehr die An­zeichen der Unruhe in französischen und englischen Zeitun- gen, die an der anfänglich so unbegründeten Revolution immer weniger Gefallen finden.

Anarchie in der russischen Industrie.

TDA. Berlin, 15. April. Das „Journal . des D6bats schreibt: Die Industrie in der Gegend von Petersburg scheint sich in einem Zustand der Desorganisation zu befinden. Die Ingenieure sind der Ansicht, daß die Vereinigungen zur Entschei­dung von Lohnstreitigkeitcn ihre Tätigkeit wirklich aus- üben sollen, sie fordern, daß den Arbeitern nicht allein die Entscheidung zustehm tolle, und daß die Verwal­tungsbeamten und Ingenieure, die durch Drohungen verjagt worden sind, wieder zurückberusen werden und ihnen für ihre Sicherheit Bürgschaft geleistet wird. Es solle neben der Arbeitvereinigung eine Vereinigung der Unternehmer geschaffen werden und beide sollten gemeinsam die Grundregeln für die Arbeit in Peters­burg feststellen.

Ein Glückwunsch der Arbeiterrätc sür die Regierung zur Ausgabe der Annexionspolitik.

W. T.-B. Kopenhagen, 14. April. Aus Petersburg wird telegraphiert: Der gestern in Petersburg abgehaltene Kon­greß der lokalen Arbeiterräte beglückwünschte die Regierung zur Aufgabe der Annexionspolitik und versprach ihr die Unterstützung der Arbeiterparteien zur Durchführung ihrer übrigen Programmpunkte.

Empörung unter den englischen und sranzösischen Sozialisten über ihre kriegs­hetzerischen Genossen.

Br. Amsterdam, 15. April, (zb.) Wie der Gewährsmann des Berichterstatters der „Voss. Ztg " aus London meldet, hat die Entsendung von vegiexungsgesinnten englischen und