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Samstag, 14. slpril 1917.

Morgen-klusgabe.

Die neue peterrburg« Erklärung.

Miljukows kriegerischer Kundgebung ist die Absage Kerenskis, die Friedenskundgebung des russischen Ar­beiterrates und eine Erklärung des Petersburger Kabi­netts aus dem Fuße gefolgt. Der Widerspruch zwischen Miljukows zaristischer Kriegspolitik und den übrigen Kundgebungen springt so in die Augen, daß die Lon­doner Presse überrascht eine Widerlegung Miljukows feststellt, und daß Herds voller Entrüstung das ganze Eroberungsprogramm der Entente deni russischen Ar- beiterrat ins Gedächtnis zurückruft. An praktischer Wichtigkeit wird aber das Friedensverlangen des Ar­beiterrates durch die ministerielle Petersburger Er­klärung weit übertcoffen. Denn mag sich auch letztere, wie derVorwärts" treffend hervorhebt, als diplomatr- sches Schriftstückalle" Wege offen halten, so ist es doch sachlich eine höchst eindringliche Befürwortung des Friedens. t

Mach Prüfung der militärischen Lage des russischen Staates" veröffentlicht, geht die russische Erklärung da­von aus, daß sich in Rußland wegen des Verschuldens der gestürzten Regierung die Landesverteidigung, die Finanzen, das Verpflegungs- und Tranportwefen so­wie die Munitionsversorgung in Unordnung befinden und die ganze wirtschaftliche Organisation erschüttert ist. Diese Feststellung vor aller Welt bezeugt die Ein­sicht des Ministeriums, daß der Friedensschluß für Rußland eine sachliche Notwendigkeit ist. Der Ausdruck der Hoffnung, mit Hilfe des befreiten russi­schen Volkes würden sich die schlimmen Folgen der alten Mißwirtschaft beseitigen lassen, ändert nichts an der Tragweite des feierlichen Eingeständnisses der Schwäche Rußlands. Wer so offen die Blöße seines eige ren Landes aufdeckt, handelt nur logisch und sachlich, , wenn er die ausschweifenden Eroberungspläne des Zarismus preisgibt. Das Petersburger Ministerium tut dies mit der ausdrücklichen Erklärung, andere Völker nicht be­herrschen. gewaltsam ftemdes Gebiet nicht besetzen, son­dern einen dauerhaften Frieden auf Grund des Selbst­bestimmungsrechtes der Völker anstreben zu wollen. Damit ist Miljukows Trachten nach dem Besitz Konstan- tinopels, der Meerengen und Armeniens, nach der Zer- stückelung Österreich-Ungarns, der Demütigung Deutsch­lands widerrufen.

Ob M i l j u k o w sich dieser Verleugnung unter dem Zwange der Verhältnisse der Notlage Rußlands und des Übergewichtes der Arbeiterschaft fügen oder dem­nächst seinen Posten verlassen wird, ist eine Frage für sich. Vielleicht bleibt er deswegen im Amte, weil die Erklärung des russischen Ministerrates auch Wendun gen enthüllt, die als F e st h a l t e n an der bisher: gen Kriegs Politik gedeutet werden dürften. Überläßt es doch der Ministerrat dem Willen des russi schen Volkes,in enger Gemeinsamkeit mit unseren Verbündeten alle den Weltkrieg und seine Be- endignng betrefienden Fragen endgültig zu entschei- den".' Und an einer anderen Stelle spricht der Ministecrat davon, daß er die gegen die Verbünde­ten eingegangenen Verpflichtungen halte. So zweifellos derartige Wendungen die Fortsetzung der bisherigen Kri-gspolitik gestatten, so unverkennbar ist »s. daß der Petersburger Ministerrat die non ihm dem russischen Heer gestellte Aufgabe der Verteidigung Rußlands in ein.em neuen Sinne erläutert. Der Ministerrat unterscheidet nämlich hierbei einerseits die Verteidigung unseres eigentlichen» rtionalen Erbes (nichtVaterlandes", wie die nach fran- zöstschem Tert übersetzte, früher mitgeteilte Wendung lautete) um jeden Preis", andererseits die

Befteiung des Landes vom Feinde, der über unsere Grenzen gedrungen ist". In diesen Zusammenhang gehört der Hinweis auf Rußlands Zustimmung zur Befreiung Polens und die daran geknüpfte Ein­schränkung, daß Rußland aus dem Kampf nicht er- niedrig! und in seinen Lebensbedingirngen erschüttert hervorgehen dürfe. Die neue Regierung Rußlands bekundet durch solche Begrenzung ihres, Kriegszieles. daß sie nicht gewillt ist. englischer Kriegspolrtrk zu­liebe bis auf denletzten Russen" zu kämpfen. Die Einstellung der französisch-englischen Krregs. Politik auf die schonungslose Ausnutzung Rußlands ist von russischen Arbeiterführern klar er­kannt worden. Hierfür legt ein Schreiben Zeugnrs ab, das der ru,ssische sozialistische, Organisationsausschuß an den Vorsitzenden des Arbeiterrates, den bekannten Tscheidse, gerichtet hat. Darin wird das Bestreben Englands und Frankreichs, die neue russische Regierung im Interesse der englisch-französischen Kriegspolrftkut eine gegenrevolutionäre Umwälzung zu hetzen", mit voller" Schärfe gebrandinurkt und das, Selbstbesttm- mungsrecht des russischen Volkes energisch, verfochten.

Das Erwachen Rußlands ans der B e t ä n b n g, rn die englisch-französische Drahtzieher es versetzt haben, jst vom deutschen Standpunkt auch dann zu begrüßen, Wenn man, wie das dringend empfehlenswert ist, ferne

unmittelbare Tragweite nicht überschätzt. Je mehr in Rußland die Erkenntnis der eigenen Schwäche, der Unhaltbarkeit ausschweifender Erobe- rungspläne und der englisch-scanzöstschen Selbstsucht wächst, je schärfer die Gegensätze unter den Ernftchrrgen und Verfechtern einer zaristischen Kriegspoliftk sich 2"- spitzen, um so mehr muß sich Nindenburgs Wort bewahrheiten, , daß die Ereignisse in Rußland unsere Pläne fördern". Wird angesichts der Erklärung des Petersburger Ministerrates vomVorwärts" an die deutsche Regierung die Forderung gerrchtet, Rußland entgegenzukommen und ihm zu sagen, daß der Frie­denskonferenz-Vorschlag des Grafen Czernm auch rar eigener sei, so darf daran erinnert werden, wie wert der Reichskanzler in seiner Rede vom 29. Marz Ruß­land entgegengekommen ist. Den Grund der Nlcht- einMischung gegenüber der russischen Revolution nachdrücklich betonend, hat der Kanzler damals unter dem Beifall des Hauses gesagt:Wir begehren nichts anderes, als möglichst bald wieder im Frieden mrt rhm zu leben, in einen: Frieden, der auf einer für alle Teste ehrenvollen Grundlage anfgebaut :st.

Auch das revolutionäre Rußland weiß also, woran es mit Deutschland ist.

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Der provisorische Staatsrat Polens zu der letzten russischen Regierungs­erklärung.

W.T.-B. Warschau, 13. April. (Drahtbelicht.) Der pro­visorische Staatsrat hat in seiner letzten Plenarsitzung am 6. April nach der Prüftmg des Aufrufes der provisorischen ruffischen Regierung an Polen felgende Erklärung ein- siiuimig angenommen:

Der europäische Krieg rückte die polnische Frage als großes Problem der internationalen Politik auf den Weltplan. Unsere Nation fühlte, daß ihre ja.hchundcrte langen Bestrebungen in Erfüllung gehen können. Die opser willige Teilnahme der Freiwilligen und selbstlcs zum Kamps um die Unabhängigkeit Polens ftch stellenden Legionen warm dieser Bestrebungen lebendiger Ausdruck. Die polnische Frage konnte nur durch die S ch a f f u n g eines polnischen Reiches gelöst werden. Diese gebieterische Notwendigkeit erkannten zuerst die Regierungen der Mittelmächte. Der Akt vom 5. November rief den unabbängigen polnischen Staat iiis Leben, wenn ec auch die Landesgrenzen noch nicht be- zeichnete. Nunmehr erkennt auch die provisorische russisch; Regierung die Unabhängigkeit unseres Vaterlandes an und stellt so fest, daß die Wiederherstellung Polens eine unab­weisbare geschichtliche Rotwentägkeit ist. Die neue russische Regierung bietet jedock, den Polen Länder an, welche ihrer Herrschaft nich: unterstehen, iiberschieidt die Festlegung der Grenzen des polnischen Staates einer russischen Konstituante uiid sieht überdies von vornherein die militärische Vereinigung beider Mächte vor Jede uns aufgezwungene Ver- bindung bedrängt das Wesen der Unabbängigkeit und widerspricht der Ehre einer freien Ration. Wir muffen uns überbaupt gegen jede Bedingung verwahren, die unseren fteien nationalen Willen feffelt.

Der provisorische Staatsrat als einziges polnisches Staatsorgan begrüßt mit Genugtuung den Strahl der F r e rh e i t in dem Dunkel der Knechtschaft, in der die Völker des russischen Reiches lebten und stellt mit Beftie- diaung auch die Tatsache fest, daß die neue ruffische R-gisrrng die Unabhängigkeit Polens anerkennt. Gleichzeitiges-tont e: aber, daß der jahrhundertlange pclnisch-russische «streit um die ausgedehnten ethnographisch zwischen Polen und Ruß- land liegenden und in alter Schicksalr-beziehung zu Polen stehenden Länder durch die Kundgebung der russischen Regie­rung nicht entschieden wrrd Die Erledigung des Streites können wir nicht der einseitigen Entscheidung der russischen Konstituante überlassen. Dos Schicksal dieser Länder muy im Sinne der staatlichen Jritereffen des unabhängigen Polens und unter Berücksichtigung des Willens sie bewohnender Völker entschieden werden. Der provisorische Staatsrat sieht die Ziele klar vor sich: eine konstitutionelle

Monarchie, eine starke Regierung und ein zahlreiches H e e r, das sind Aufgaben, die wir lösen werden. Besonders die Bildung einer eigenen Wehrmacht als wirksame Bürg­schaft der unabhängigen staatlichen Existenz ist eine Pflicht, vrn deren Erfüllung uns nichts abzuhalten vermag. Mrt dem russischen Reich wünschen wir freundnachbar. x ich e Beziehungen zu pflegen, müssen uns aber gegen die Zumutung verwahren, Krieg gegen die Mittelmächte zu flihren, deren Monarchen unsere Unabhängigkeit verbürgen. Nicht einen Länderkrieg, sondern den Frieden ersehnen die blutenden Völker Europas, Der durch den Akt vom 5. November verkündete und nunmehr durch die Regierung des neuauflebenden Rußland anerkannte unabhängige pol­nische Staat soll die Grundlage bilden für den B e g i n n de: Friedensv er Handlungen und die Festigung normaler Lebensbedinguugen in Europa."

Die Kadetten alsPartei der Bolksfreiheit".

\f. T.-Ü. Bern, 13. April. (Drahtbericht.) Nach einer Meldung der Agmtur Radio aus Petersburg hat die Kadettenpartei den NamenPartei der Vclksfreiheit" ange- rwrnnren.

Nr. 188. 65. Jahrgang.

Das Drängen der Arbeiter- und Soldaten­abgeordneten auf raschen Friedensfchluh.

Tschehi'dze erklärt auf einem Kongreß den Augenblick für Bolks-Initiative zur Beendigung des Kriegs für gekommen.

W. T.-B. Petersburg, 13. April. (Drahtbericht.) Die Petersburger Telegraphenagentur meldet: Im Ta u r i f ch e n Palast rst ein Kongreß von Vertretern der Kreisräte der Arbeiter- und S o ld at en ab g e o rd n et e n eröffnet worden. Der Abgeordnete Tschehidzc hielt eine Rede, worin er u. a. sagte: Der Augenblick ist gekommen, wo die Kölker selbst die Fragen des Kriegs in Angriff nehmen müssen. Wir können sagen, daß wir uns all denen onschließen, die darauf bestehen, daß alle Regierungen sofortan falle Eroberungenverzichte n und zu einer Umarbeitung ihrer Verträge schreiten. Wir müssen in diesem Sinne arbeiten, da unser Schritt zur Beendigung des Kriegs führen muh. 4

Die baltische Flotte mit der Arbciter- forderung des Achtstundentags nicht einverstanden.

XV. T-B. Petersburg, 13. April. (Drahtbericht.) Der Rat vgn Abgeordneten der baltischen Flotte richtete an den Rest der Arbeiter- und Soldatenabgeordneten eine Er­klärung. worin er die Arbeiter tadelt, daß sie aiis nicht zu verwirklich enden Forderungen und auf dem echt­st ü n d Lg e n A r b e i t s t a g bestehen, er fordert, daß in allen Werkstätten und Fabriken die Arbeit mit voller Kraft ausge­führt werde, inden: jeder seinen Dienst antritt, um diesen Entschluß sogleich zur Ausführung zu bringen.

W. T.-B. Petersburg, 13. April. (Drahtbericht.) In der Pulverfabrik zu Ocbta gehen, wie die Petersburger Telegraphenage ntnr berichtet, die Arbeiten mit voller Kraft weiter, da die Arbeiter, alle Erörterungen über die Vernnn- derung der Arbeit als ein Verbrechen betrachten.

EinVersöhnungskomitee" an der Arbeit zur Ausarbeitung von Lohntarifen.

W. T.-B. Bern, 13. April. (Drahtbericht.) Vertreter des Arbeiter- und Scldateimusschusses besuchten, verschiedene Fabciken in Petersburg und forderten die Arbeiter auf, die Arbeit unverzüglich wieder aufzunehmen und alle wirtschaftlichen Frcgen beiseite zu lassen, bis die Lohntarife für alle Werkstätten durch dos Versöhnnngs- komitce ouSgearbeitet seien.

Die Beschlagnahme des Zarenbesitztums.

Vf. T.-B. Kopenhegen, 13. April. (Drahtbericht) Einer Peters­burger Drahtung zufolge hat die Regierung bestimmt, daß nicht allein dir sogenannten Apanagedomäuen, sondern auch die dem Zaren persönlich gehörenden Domänen. Fabrrken, Minen ufw. als Staatseigentum erklärt werden sollen. Bezüglich de? Privatvermögenk- des Zarm sei noch keine Bestimmung getroffen. Das. verfügbare Kapital d:s Zaren soll jedoch nicht de. schlag« ahmt werden. Zur BesrrcNung der Ausgaben für die Unterhaltung der Zarenfamilie soll eine Zivil liste anfgestellt werden._

Der rttiegrzustand mit Amerika.

8lein amerikanisches Bündnis mit der Entente!

Br. Haag, 13. April. (Gig. Drahtbericht, zb.) DieCen­tral News" meldet aus Washington: In dem unter Borsttz > ilsonS abgehaltenen Staatsrat wurde b e. schloffen, kein Bündnis mit der Entente zu schließen, jedoch den Krieg nach deren Grundsätzen zu führen.

Eine halbe Million Freiwilliger soll nufgerusen werden.

Vf. T.-B. Washington, 12. Avril (Meldung des Router- sthen Bureaus.l Das Kriegsniinisterium hat Vorbereitungen getroffen, um' eine halbe Million Freiwillige aufzurufen, durch die die reguläre Armee und die Natienalgarde verstärkt werden sollen.

Verkehrstechnische und wirtschastliche Kriegsmatznahmen Amerikas.

VV T-B. Amsterdam, 12. April. DasHandelsblad" gibt eine Meldung desDaily Chronicle" aus New York wieder, nach der 28 Mitglieder der Direltionen der cirozten Thenbahnen in Washmoion getagt und eine Komrnission von 5 Perwncn ernannt haben, die das amerikantsche Elfenb rhnwefen während des .Krieges leiten sollen.

Die Bewegung iür die Verinehrimg und Trbaltung der Lebensmittelvorräte nimmt zu. Dir Bnrgermctster alle» Städte in Indiana beschäftigen sich mit dem Plan, rlles unbe­baute Land laut wirtschaftlich nutzbar zu wachen In Illinois wurde beschlossen, hundert Millionen Acres Weizenland landwirt­schaftlich zu bestellen. Die Eierbörsen in T l> i c o g o daben de» Verkauf tiefer Produkte auf spätere Lieferung rerrolen, um Preis- tierbeieien zu verhindern.

Die bedeutenderen Farbfioff-Ftbrikanren baden sich zu einer Gesellschaft mit einem Kapital von 3 Millionen Pfand Sterling zusammengetan, uni es nach dem Kriege mu der deuhche» Konkurrenz aufnehmcn zu können.