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Ullultrierte

Ilrintler-Ieitung

des

Mesbaclener Tagblatts.

lg. Jabrgang.

1917.

jAlle Rechte für sämtliche Artikel und Illustrationen Vorbehalten.^

Der silberne Schilling.

von t}. L. Andersen.

a s war einmal ein Schilling, blank ging er aus der Münze hervor, sprang und klang, „kiurra! Zetzt geht's in die weite Welt hinaus!" — Und er kam freilich in die weite Welt hinaus.

Das Kind hielt ihn mit warmen fänden, der Geizige mit kalten, krampfhaften löänden; der Ältere wendete und drehte ihn Gott weiß wie viele Male, während die Jugend ihn gleich wieder rollen ließ. Der Schilling war von Silber, hatte sehr wenig Rupfer an sich, und befand sich bereits ent ganzes Jahr in der Welt, das heißt in dem Lande, in welchem er ausgemünzt worden war. Lines Tages aber ging er auf Reifen ins Ausland; er war die letzte Landes­münze im Geldbeutel, den fein reisender Herr bei sich führte, der Herr wußte selbst nicht, daß er den Schilling noch hatte, bis er ihm unter die Finger geriet, „Hier Hab' ich ja noch einen Schilling aus der fjehnat!" sagte er, „nun der kann die Reise mitmachen!" und der Schilling klang und sprang vor Freude, als er ihn wieder in den Beutel steckte, Hier lag er nun bei fremden, kommenden und gehenden Kamera­den, einer machte dem andern Platz, aber der Schilling ans der Heimat blieb immer im Beutel zurück: das war eine Auszeichnung.

Mehrere Wochen waren schon verstrichen, und der Schillnrg war weit in die Welt hinaus gelangt, ohne daß er doch gerade wußte, wo er sich befände; zwar erfuhr er von den anderen Münzen, daß sie französische und ita­lienische seien. Line sagte, sie wären jetzt in der Stadt, eine Andere in jener, allein der Schilling konnte sich keine Vorstellung von alledem machen; inan sieht nichts von der Welt, wenn man immer int Sacke steckt, und das war ja sein Los. Doch eines Tages, wie er so dalag, be­merkte er, daß der Geldbeutel nicht zugemacht war, und so schlich er sich b>is an die «Öffnung hervor, um ein wenig heraus zu schauen; das hätte er nun freilich nicht tun solleir, er war aber neugierig, und das rächt sich; — er glitt hinaus in die Hosentasche, und als des Abends der Geld­beutel herausgenommen wurde, lag der Schilling noch da, wo er hingerutscht war und kam mit den Kleidern auf den Vorsaal hinaus; dort fiel er sogleich auf den Fußboden; nientand hörte das, niemand sah das.

Am andern Morgen wurden die Kleider wieder in das Zimmer getragen, der Herr zog sie an, reiste weiter, nnd der Schilling blieb zurück, er wurde gefunden, sollte wieder Dieirste tun, und ging mit drei anderen Münzen aus. „Ls ist doch angenehm, sich in der Welt nmzusckauen," dachte der Schilling, „andere Rkenschen, andere Sitten kennen zrt lernen."

„was ist das für ein Schilling!" hieß es in demselben Augenblicke. „Das ist keine Landesmünze! Der ist falsch! Der taugt nichts!"

Za, nun beginnt die Geschichte des Schillings, wie er sie später selbst erzählte.

„Falsch! Taugt nichts! Dies fuhr mir durch und durch," erzählte der Schilling. „Zch wußte, ich sei von gutein Klange und habe ein echtes Gepräge. Die Leute mußten sich jedenfalls irren, mich konnten sie nickt meinen, aber sie meinten mich doch! ich war derjenige, 0en sie falsch nannten; ich taugte nichts. „Den muß ich im Dun­keln ausgeben!" sagte der Mann, der mich erhalten hatte, und ich wurde in: Dunkeln ausgegeben nnd am Hellen Tage wieder ansgeschimpft, „falsch, taugt nichts! wir müssen machen, daß wir ihn los werden!"

Und der Schilling zitterte zwischen den Fiirgern der Leute jedesmal, wenn er heimlich fortgeschafft werden und für Landesmünze gelten sollte. „Zch elender Schilling! was hilft mir mein Silber, mein Wert, mein. Gepräge, wenn das alles keine Geltung hat. Zn den Augen der Welt ist man eben das, was die Welt von Linem hält! Ls muß entsetzlich sein, ein böses Gewissen haben, sich auf bösen Wegen umherichleichen, wenn mir, der ich doch ganz unschuldig bin, schon so zu Mute sein kann, weil ich blos das Aussehen habe! Zedes Mal, wenn man mich hervor- suchte, scl^mderte ich vor den Augen, die mich ansehen würden, wußte ich doch, daß ich zurückgestoßen, auf den Tisch hingeworfen werden würde, als sei ich Lug nnd Trug. Linmal kam ich zu einer alten, armen Frau, sie erhielt mich als Tagelohn für harte Arbeit, allein sie konnte mich nun gar nicht wieder los werden. Niemand wollte mich an­nehmen, ich war der Frau ein wahres Unglück. „Zch bin wahrhaftig gezwungen, Zemand mit dem Schilling anzu- fühven," sagte sie, „ich kann mit dem besten Willen einen falschen Schilling nicht aufheben: der reiche Bäcker soll ihn haben, er kann es ain besten verscknterzen, — aber unrecht ist es trotzdem doch, daß ich's tue!"

„Auch das Gewissen der Frau muß ich noch obendrein belasten!" seufzte es in dem Schilling, „Habe ich mich denn in meinen älteren Tagen wirklich so verändert?"

Und die Frau begab sich zu dem reichen Bäcker, aber der kannte gar zu gut die gangbaren Schillinge, als daß er mich hätte behalten sollen, er warf mich der Frau gerade ins Gesicht, Brot bekam sie für mich nicht, und ich fühlte mich so recht von Herzen betrübt, daß ich solchergestalt 311 Anderer Ungemach ausgemünzt sei, ich, der ick iit meinen jungen Tagen freudig und sicher mir meines wertes uitd echten Gepräges bewußt gewesen war! So recht traurig wurde ich, wie es ein armer Schilling werden kann, wenn Niemand ihn haben will. Die Frau nahm ntich aber wieder mit nach Hause, sie betrachtete mich mit einem herzlicken, freundlichen Blick und sagte: „Nein, ich will Niemand mit dir ansühren! Zch will ein Loch durch dich schlagen, damit