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Zreitag, 6. 5lpril 1917.
Morgen-klusgabe.
Nr. 176. ^ 63. Jahrgang.
Liebe, Mut. Pflicht.
Karfreitagsgedatiken von Dr. W. A. Krannhals (Lübeck).
Leidenswoche reiht sich an Leidenswoche und Tausende von Kreuzen sind aufgerichtet: tausend und abertausend Tränen netzen den blutigen Stamm, und Karfreitag ist jeder Tag im Jahre.
Jeder Tag im Jahre ist Karfreitag, und doch ragt Einer vor allen empor, der voll von Wunder und dunkler Größe ist, der Tag, da wir des Menschensohnes gedenken, der starb, auf daß Ostern werde. Seit jenem Tage lebt in der Welt der Menschheit jener bergever- rückende, heilige Glaubenssatz, der den Menschen vom Tiere löste und ihn in das Reich einer neuen Geistigkeit führte, jener Satz, der wie linder Trost in alle ^Karfreitage unserer Zeit klingt mit seiner znkunfts- jsrohen Zuversicht: „Der Tod ist verschlungen in den Sieg." Weit strahlt er hinaus über seinen Wert als Glaubenssatz, er ist Menschheitsgewinn, ein ragender !Fels, eine hohe Warte, die sicherer Besitz der Menschheit geworden ist im großen Fluten ihrer aus den Urgründen aufsteigenden Entwicklung Dieser Satz bedeutet nichts anderes als die Aufhebung der Sinnlosigkeit des Sterbens, die Aufrichtung der Zweckhastigkeit auch in der Zerstörung: Tod, wo ist dein Stachel? Nicht .nur „Ende" ist sein Sinn, sondern „Anfang". Anfang freilich zu etwas Größerein, Gewaltigerem als das persönliche Leben, dessen Aufgeben er verlangt als Ovfer -für die Gemeinschaft, die wir als größer, dauernder mnd besser erkannten als das Leben des einzelnen.
Nur in Zeiten, da dieser Todessinn aus der Welt der Gedanken zur Wirklichkeit wird, da es fiir alle heißt: „Sterben ist Gewinn" kann eine solche Mensch- cheitsidee der Probe auf ihre Festigkeit unterworfen werden, wird, wenn sie die Probe besteht, ihre lebendige Kraft in alles Leben strahlen und alle Gewalten 'wecken, die nötig sind, um den einzelnen zu dem gewaltigen Schritt zu befähigen, aus seinem Leben heraus ganz in der Gemeinschaft cmfzuaehen. Nur der !Krieg um die Gemeinschaft des Vaterlandes, des nationalen Kulturbesitzes, also nur der Krieg um den Frieden hat heute noch diese Gewalt, stellt heute noch an den einzelnen diese Forderung; die Zeiten sind dahin, da es in der Wirklichkeit hieß, für eine Glaubens- oder Gedankenwelt zu sterben, um Ideen willen das körperliche Leben anfzngeben, weil es weniger weil wa- als der lebendige Gedanke. Scheiterhaufen brennen nicht 'mehr und niemand wird ans Kreuz geschlagen um seines Glaubens willen.
Darum ist uns der Karfreitag ein solcher Tag voll heiligen Wunders, weil er den Gedanken schuf, weil sein lebendiger Träger für seinen Gedanken starb, seine Lehre, seinen Glauben durch die Tat bekräftigte. Vom Kreuze dieses urgewaltigen Totmerffchen Christus strömt all seine Kraft in die Welt, die Kraft seiner Gedanken, die Kraft seines Tuns. Wäre Christus, der Zimmermannssohn, in jenem Ringen in Gethsemane seinem starken Lebenstriebe erlegen, — „Herr, ist's möglich, so gehe dieser Kelch an mir vorüber!" — wäre -er nicht gestorben für seinen Glauben, heute wäre nicht die geistige Kraft in der Menschheit, die so ungeheure Liebe in die Welt gebracht hat, und so hohen Schwung über die Enge des -rdhaft-tierfichen Seins hinai'.s! — Würden heute unserer Brüder nicht sterben, für uns, so hätten wir morgen kein Vaterland mehr, wären morgen ein Nichts, ein Staub im Winde, kein Volk keine Kraftailelle der Welt, wären lebende Wesen und weiter nichts! — Ein gewaltiger Sprung von jenem Kreuze ans Golgatha an di' Fronten, wo im Brüllen der Geschütze, auf zerstampften Boden Ostern Einzug halten will! Ein gewaltiger Sprung und doch nur ein Schritt weiter im Zuge der Menschheit, eine kommend? Erfüllung. Denn jenem Tode nnb diesem Toten sind drei Dinge Voraussetzung und höherer Gewinn: Liebe, Mut. Pflicht. Was war es als unendliche Liebe, eine Liebe, die wir kaum fasten können eine Liebe, di? in seinem Glauben die ganze Menschheit umfaßte, die Christus sich selbst völlig vergessen ließ, da er sein Leben für sie hingab.
Lassen wir, wenn an diesem Tage in Webmut unsere Gedanken zu den Toten wandern, alle Glaubenssätze aus dem Spiele, sie sind nicht unseres Amtes, aber nehmen wir dielen Tod rein als denkende Menschen. Draußen im Feld läßt die wilde Erregung d»s Kampfes der Stille selten Raum. Bei uns ruht die Zeit in ihrer Schwere und die Gedanken ziehen wie wilde Schwäne ruhelos über dem Sehnsnchtsmeer unseres harrenden Lebens dahin. Stahlbact ist die Zeit irnd sie hat nicht Raum für weiches, wehmutsvolles Gedenken; aus ihren Gedanken muß neue Kraft wachsen, wie ans jenem Gedanken, die durch den Tod zur Tat wurden auf Golgatha. Der dort starb, starb, weil nach seiner Gewißheit durch diesen seinen Tod die ganze Menschheit '«rieft würde. Liebe also war es, die ihn trieb. Was 'anderes, als Liebe zur Gesamtheit, die wir Vater-
| landsliebe nennen, ist es, die heute tausend Mütter weinen macht, wie dort die eine am Kreuze? Diese Liebe aber gab den Mut. Sie war es. die Christus tapfer macht zu seinem Heldentum, die ihn bestehen ließ vor der Übermacht, vor dem Hohenvciester und seinen Großen, vor dem Römer vor dem Pöbel Jerusalems. vor Judas und vor den Landsknechten, ihn, den einen. Und dieser aus der Liebe geborene Mut — ftage sich ein jeder bei sich selbst, wer hätte ihn besessen? — gab ihm die Kraft, freiwillig seinen Leidensweg zu gehen, gefaßt und in Würde, dieser ans der Liebe kommende Mut und die Pflicht, die ihm aus dem einmal für Recht erkannten Wege erwuchs.
Ja, Pflicht! Ist es nicht gerade jener Schrei. „Herr, ist es möglich . . ." der uns diesen größten Tatmenschen so unendlich nahe bringt? Wer aufmerksam die kurzen Stellen der vier Evangelien liest, dem wird dieser freiwillige Todesweg niemals mehr als ein spielend leichtes Wunder erscheinen, das kraft seiner Göttlichkeit wohl er vollbringen konnte, das aber kein Mensch sonst zu vollbringen vermöchte. Gewiß, nicht jeder Mensch vermag solche Opfer zu bringen, wohl aber der, in dem Liebe, Mut und Pflicht leben, wie in ihm, die ihn alle Hemmnisse des eigenen Lebens überwinden ließen in jenem Satze: Aber nicht wie ich will, sondern wie du willst! Das ist nicht demütiges Hinsterben, das ist der Sieg des Pflichtgedankens über die eigene Liebe zum Leben, das große Heldentum der Pflicht. Ein Ovfer. und das ist jeder freiwillige Tod des Menschen, bleibt ein Opfer und muß dem Leben abgernngen werden, abgetrotzt werden in innerer Not. „Nicht mein Wille geschehe!" das ist die einfache, schlichte Farm ftir jede schwere Pflichtsrfii.llimg. Wo Höheres ruft, wo der Wille eines höheren Geisttnmes gebietet, das .wir für Recht er- kannten, da muß das „Ich" schweigen. .Ist dieser Sinn lebendig in den Menschen, dreier Karftsitagsstnn, dann wird das scheinbar für alle lebenden Wesen Widernatür- lichste, der freie Tod, zur Selbstverständlichkeit. Kampf. Not und Tod gebären sich aus der'Pflicht. Biel Liebe ist nötig, viel Mut, das größte aber ist die Pflicht: sie ist das wahre Wunder des Karfreitags. ‘
Stahlhart ist die Zeit! Stahlhart ist das Wort!
Liebe, Mut, Pflicht! — das Größte aber ist die Pflicht!
So dröhnt das Wort des tötenden Kriegs in unser Ohr. Glüht solcher Gedanken Kraft am Stamme des Kreuzes, so schweigt die Trauer und die Liebe wandert ins Feld; der Mut hebt Kämpfer lind Beschützte, über allen aber steht ein schwarzes Kreuz, umrankt von roten .Rosen, im Felde und daheim, die Pflicht!
Die letzten kriegerischen Ereignisse im Westen.
(Bon unserer Berliner Abteilung.)
Berlin, 5. April, (zb.) In einem Rückblick auf aie kriegerischen Ereignisse wird von militärischer Seite gesagt, daß im Westen unser Frontteil zwischen A r r o § und Aisre noch inBewegung blieb. Die Briten rühmen sich in ihren Berichten, als handele eS sich um tapfer erstrittenen Gewinn. In Wahrbeit hatten sie es nur mit schwächeren deutschen Sicherungstruppen zu run. Nördlich des Flusses haben die Engländer am wenigsten Beden genwnnen.
Sie haben sich aas der Straße Dapaume-Cambrai uin «inen Kill meter vorgeschoben und mehr Gelände beiderseits de: Straße Prronne-Cambrai gewonnen. Vor allem aber schob sich ihr südlicher Flügel vor in der Richtung aus St. Quentin, das gegenwärtig das Hauptziel der Engländer und Franzosen zu sein scheint Tie Engländer sind bis aus 3y., Kilt meter vom Westen herangekommen, der Franzose von der Q:se her bis aus 2V ? Kilometer. Der Franzose steht südlich der Stadt in der Linie über Gruqis-Urvillers-Moh. Man muß abwarten, ob die Engländer und Franzosen jetzt bei St. Quentin das gleiche Zer störungswerk durch Artillerieb-cschiehung vornehmen werden, wie vorher bei
Peronn'e und Bapaume. Zwischen Oise und Aillette ist es den Franzosen nicht gelungen, unsere Sicherungen zurückzudrängen. Zwischen Aillette und STetve unternahmen sie größere Angriffe, hatten hohe Verluste und nur geringen Bodengewinn. Dort macht sich schm, wie aus den französischen Heeresberichten zu entnehmen ist, die Wirkung unserer Artillerie ziemlich bemerkbar; ebenso in der Gegend von Reims, wo unsere Batterien die französischen unter starkes Wirkungsfcver nahmen. — Im Osten beschränkten sich die Russen :n derselben Zeit aus vereinzelte bedemungslose lln ternehmunger: Unsere Stoßtrupps hatten mehrfach guten Erfolg. Am w i ch t i g st e n war die Wegnahme des Brückenkopfs von T o b o l d am S ? r e t h. — 'Der mazedonische Kriegsschauplatz vcrzeichnete den Zusammenbruch der ftanzüsischen Offensive bei Mmrstir. Der hohe Einsatz verlohnte die gewaltigen Anstrengungen nicht; man kann von einer ftar.zöstichen N > ederläge reden.
Räumung von Reims durch die Zivilbevölkerung.
(Drahtbericht unseres Kr.-SonderberichterstatterS.)
Kr. Genf, 5 April, (zb.) „Petit Journal" meldet: Ntlr eine kleine Anzahl von Beamten ist in Reims verblieben. Die Räumung durch die Zivilbevölkerung hat gestern begonnen.
Italienische Arbeiter im Räumungsgebiet bei Soissons und Nrras.
(Drahtbericht unseres Kr.-SonderberichterstatterS.)
Kr. Genf, 5., April, (zb.) „Petit Parisien" meldet: In Soissons nnd bei Arras sind 3000 italienische Arbeiter cingeftoffen, die die von den Deutschen verlassenen WüstenZonen wiederherstellen sollen. 8000 weitere Arbeiter arrs Süditalien werden erwartet.
Die Zahl der französiscken Gefangenen jetzt 36143V.
I» Berlin, 5. April. (Eig. Drahtbericht. Zb.) Die Zahl der in Deutschland internierten französischen Gefangenen rst infolge des täglich kleinen und größeren Zuwachses an» sehnkichge wachsen. Die heutige „Gazette de Lausanne" veröffentlicht eine neue Liste und teilt mit, daß sie bisher die Namen von 361450 französischen Gefangenen be- kairntgegxben.
Die feindliche Handelsministerkonferenz verschoben.
ZV. T.-B. Bern, 5. April. (Drahtbericht.) Der „Corriere della Sera" meldet aus Rom: Die gemeinsame Konferenz der Hamdelsmin ster der Alliierten, die am 17. April stattfinderi sollte, ist auf den 17. Mai verschoben worden. Es sollen Vertreter Belgiens, Frankreichs, Portugals, Rußlands. Serbiens und Italiens teilnehmen.
Die schlechten Ernteaussichten in Frankreich-
W. T.-B. Bern, 3. April. Die Aussichten für die diesjährige Ernte sind, wie „P^it Parisien" meldet, noch viel schlechter als im Vorjahr. Der Saatenstand lei nur in fünf Departements gegen 24 im Vorjahr befriedigend. In 44 seien die Aussichien mittelmäßig, in 23 mm-gelhaft. Auch für Korn, Hafer. Gerste und Roggen seien die Ernteaussichten nicht zufriedenstellend.
Ein neues Kommando Liauteys in Marokko.
ZV. T.-B. Paris, 4. April. Die Agence Havas meldet- General M a r ch a n d wurde zum Divisionsgeneral im Rahmen der Reserveoffiziere der Kolonialtruppen befördert. — General Liauteh wurde zum Kommissar und Generalresidenten in Marokko ernannt.
Der Reichrschatzsekretär über die 6. Kriegsanleihe.
Der Vorsitzende des Vereins deutscher Zeituugsb erleg er. Dr. F a b e r, und der Vorsitzende de» ReichAierbandes der deutschen Presse, Chefredalteur Marx, hoben sich entschlossen. einige immer wiedcrkehrende Zweifel und Urrllar- heiten in bezug auf die Kriegsanleihe dem Reichs schätz - sekretär Grafen v. Roedern vorzutragen. Der berufene Mann hat dadurch Gelegenheit gefunden, diese Fragen in einer jeden Zweifel behebenden Weise zu beantworten. Über die Unterredung erhalten wir folgenden Bericht:
Können 'Euer Exzellenz schon Mitteilungen über das E r > g e b n i s der 6. Kriegsanleihe machen?
So weit es sich übersehen läßt, laufen die Zeichnungen überall gut ein. Insbesondere bleiben die großen Zeichnungen nicht hinter den ftüheren zurück. Nach den vorläufigen Meldungen ist jedenfalls die Einzahlungssumme am ersten — freiwilligen — Einzahlungstage größer als bei der letzten Anleihe.
Ich möchte auch bei dieser Gelegenheit meiner Freude über die sach loche und erfolgreiche Mitarbeit der Presse bei der im vollen Gange befindlichen Kriegsanleihe-Propaganda Ausdruck geben.
