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Donnerstag, 5. 5lpril 1917.
Kbend-Kusgabe.
Nr. 175. ♦ 65. Jahrgang.
Die neue ZriedenraKtion.
Br. Berlin, 5. April. (Eig. Drahtbericht, zb.) Die Gerüchte von einem dicht bevorstehenden Friedensschritt der Mittelmächte, über den Verhandlungen im Großen Hauptquartier anscheinend noch andauern, beglmen sich zu verdichten. Nachdem gestern in eir er anscheinend halbamtlichen Auslassung der „Köln. Ztg." be st ritten wurde, daß es sich um ein neues Fried ensan-gebot handle und das Blatt feststellte, daß die Äußerungen des Kanzlers und des Grafen Czernin nur die tatsächliche Bedeutung hätten, die Zentralmächte seien nach wie vor zu Friedensverhandlungen bereit, macht heute die „Vossische Zeitung" Andeutungen, die zeigen, baß es sich in Wirklichkeit doch wohl schon um weitergehende Fragen handelt. Das Blatt schreibt an leitender Stelle:
Die Reise des österreichischen Kaiserpaares ,in das Große Hauptquartier, die unter anderen Umständen vielleicht nur als ein Akt höfischer Courtoiste gedeutet werden könnte, wird im jetzigen Augenblick um so mehr als ein Schritt dem Frieden entgegen erscheinen, als im Gefolge des Kaisers Karl sein Minister des Äußern und sein General st abschef sich befinden, während gleichzeitig im deutschen Hauptquartier neben Kaiser Wilhelm und Hindenburg der Reichskanzler weilte. Mancherlei Anzeichen deuten darauf hin, daß allerdings eine Anregung zu Friedensverhandlungen erfolgt äst, aber nicht von deutscher Seite an England, sondern von englischer Seite an Österreich-Ungarn. Es wäre ein schwerer Irrtum, sich nun der Hoffnung hinzugeben, )>amrt sei der Weg zu dem Frieden auch schon , betreten, htoch ist Englands Kraft nicht gebrochen, und ,streun es wirklich heute uns einen Frieden anbretet, so ist tiefes Mißtrauen geboten, Mißtrauen gegen Englands Endabsicht, Mißtrauen gegenüber der Methode, die es befolgt. Ferner sei uns der Argwobn, daß es England jemals gelingen könnte, durch günstige Scnderangebote an unser; Verbündeten diese einem Frieden geneigt zu machen, der unseren begründeten Ansprüchen nicht gerecht würde. Aber wogegen höchster Argwohn geboten ist, dos ist der Weg zum Friedensschluß, auf den England uns und unsere Verbündeten zu drängen versuchen wird. Friedenskongreß oder Verhandlungen von Regierung zu Regierung: so wird sich vermutlich, von allerhand dazwischen liegenden Nuancen abgesehen, die Frage stellen. Man braucht nicht abergläubisch zu sein, um zu wünschen, daß der Weg zum Frieden nicht durch ein Meer von Tinte und einen Irrgarten vcn Diplcmatenränken führen möge, in dem sich zurechtzufinden nur Staatsmännern von geistigem Riesenwuchs gelingen könnte, Staatsmännern, wie sie einem Belke kaum einmal in einem Jahrhundert gewährt sind.
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Oer Eindruck der Neichskanzler-Nede in Amerika.
W. T.-B. New Zork, 30. März. (Funkspruch vom Vertreter des W. T.-B. Verspätet eingetroffen.) Die amtlichen Kreise sind der Meinung, daß durch die Rede des Reichskanzlers die allgemeine Lage nicht geändert sei. Die öffentliche Meinung des ganzen Landes, wie sie sich in den Leitartikeln des ganzen Lan- des ausdrückt, sei zweifellos für ein entscheidendes Vorgehen. Wenn einige Vertreter des Westens meldeten, daß in ihren Bezirken Gleichgültigkeit herrsche, so werde dies als eine örtlich begrenzte Erscheinung betrachtet. Besonderen Nachdruck wird auf die angeblichen deutschen Verschwörungen gegen Amerika gelegt sowie auf die Befürchtung, daß ein deutscher Sieg zu einem starken Angriff auf Amerika führen werde. Besonders dieser Gedanke werde in der letzte.! Zeit mff erhöhtem Nachdruck betont. Depeschen aus Washington über die Rede des deutschen Kanzlers besagen, daß die R>de keine Grund- läge für die friedliche Beilegung des Streites biete. Gemäß der Erwartung, daß der Reichskanzler Zugeständnisse machen oder die Bereitwilligkeit zur A u f. gäbe des U Bootsdekcets erkennen lassen werdq, weisen einige Depeschen aus dm Eindruck hin, den der Teil der Kanzlerrede aus verschiedene Senatoren und Abgeordneten mache, in dem erklärt wird, daß Deutschland geduldig daraus gewartet habe, daß Amerika England zur Beobachtung des Völkerrechtes zwingen werde. Ein kleiner Teil des Kongresses warre auf die Gelegenheit, um dcs OonxUrs. jHrjr jrrfvnnn-n horoorLutuchen. daß De nt s ch-
land weder Haß noch Feindseligkeit gegen die Vereinigten Staaten empiinde.
Eine Depesche der „Tribüne" ans Washington besagt, daß die Rede des Kanzlers zweifellos ihre Wirkung auf den Kongreß aus-üben werde, während dre „Sun" schreibt, die sriedensfrenndliche Grupp: im Kongreß werde die günstigeren stellen der Reoe hervorheben, um zu beweisen, daß Deutschland keinen Krieg mit Amerika suche. „Sun" Werst auf die Bemühungen der friedensfreundlichen Organe hin, gegen den Präsidenten zu agitieren und teilt mit, daß Telegramme in Washington ankomwen, die den Kongreß auffordern, den Krieg zu :>ei meiden, doch dürfe diesen Kundgebungen kerne übermäßige Bedeutung beigemessen werden. Die Leitartikel des ganzen Landes führen aus, daß Deutschland im Kriege mit den Vereinigten Staaten sei. „Chikago Tribüne' 'chreibt: Wir müssen die Tatsache ins Auge lassen, daß die größte Kriegsmacht der Welt unser Feind ist. „San Francisco Chronicle" hebt hervor, daß die ganze Nation geschlossen hinter dem Präsidenten stehen werde. Wenn Amerika in den Krieg hineingezogen werde, dürfe es sich von nichts anderem als von seinem eigenen Interesse leiten lassen. Es dürfe nicht mebr vervslickn tende Bündnisse eingehen, als unbedingt notwendig seien „New Orleans Times" schreibt. eS werbe für sicher gehalten, daß der Kongreß die Anshedung und Ausbildung einer angemessenen Arme? billigen werde, doch lei man sehr verschwdcner Meinung, ob die Armee über See gesandt werden soll. Gewisse Friedensfreunde eröffnen einen Warnunasfeldzuq und veranstalten Versammlungen in verschiedenen Städten.
Erklärung der Uriegrzustander durch den 5enat.
W. T.-B. Washington, 5, April. (Drahtbericht.) Meldung des Reuterschen Büros: Der Senat hat mit 82 gegen 6 Stimmen die Resolution, die den Kriegszustand erklärt, angenommen. _
Berliner Pressestimmen als Ausdruck des
kalten Gleichmuts im deutschen Volk.
Berlin, 5. April, (z b.) Über die Auswüchse der Kriegs- begeisterung in manchen Teilen Amerikas sagt die „Berl. Morgenpost": Wir kennen die'e Kriegsbegeisterung und ihre Machthaber zur Genüge. Wir können das mißleitete amerikanische Volk nur bedauern.
In der „Bossischen Zeitung" heißt es: Wer noch davon zu reden wagt, daß die Demokratie der Friede und die Gerechtigkeit sei, gehört zu den Unbelehrbaren.
Im „Borwäits" heißt es: Nach der Darstellung Wilsons müßte es scheinen, als wären wir eine asiatische Despotie des Altertums, in der ern ganzes Volk kür die Interessen einer einzigen Familie geopfert wurde. Um diese Übertreibung zurückzuwcisen, genügt es, daran zu erinnern, daß der amerikanische Botschafter in Berlin, Gerard, erst vor ein paar Wochen gesagt bat: Seit dem Jabre 1870/71 wären die Beziehungen zwischen Deutschland und den Vereinigten Staaten nie so gut gewesen wie gegenwärtig und damals tobte schon über 2%. Jahre der Krieg, von dem Wilson jetzt sagt, er sei von dem autokratisch regierten Deutschland vom Zaune gebrochen worden. Und dennoch Freundschaft! An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen.
Schamlose Konstruktion eines Unterschiedes zwischen der deutschen Regierung und dem deutschen Volk.
Br. Berlin, 5. April, (zb.) Reuter übermittelt in einer Depesche aus Washington den Wortlaut des letzten Teils der Wilson-Botschaft, worin der Präsident den scharfen Unterschied zwischen der deutschen Regierung und Sem deutschen Volk macht. Die Stelle lautet: Wir stehen an der Schwelle eines Zeitabschnittes, worin man fordern wird, daß bei der Verurteilung des Verhaltens und der Verantwortung für üble Taten, die von Völkern und Regierungen begangen werden, der ähnliche Maßstab gebraucht wird wie einzelnen Bürgern von zivilisierten Staaten gegenüber. Den Deutschen gegenüber haben wir nur Gefühle der Freundschaft und Sympathie. Ihre Regierung begann den Krieg nicht auf Drängen des Volkes und er wurde nicht durch Mitwirkung oder Billigung des Volkes beschlossen. Der Krieg wurde beschlossen wie in jenen ftühccen Zeiten, wo die Völker von den Regierungen nicht zu Rate gezogen wurden Der Krieg wurde unternommen im Interesse von Dvnasten oder von kleinen Gruppen ehrgeiziger Männer, denen ihre Landsleute nur als Bauern auf dem Sck>achbrett oder Werkzeug galten. Völker, die sich selbst verwalten, schicken aber nicht eine Menge Spione nach Nachbarländern aus und gebrauchen keine Intrigen, um eine kritische Loge herbeizusübren, die ihnen die Gelegenheit verschafft, einen Schlag zu führen und Eroberungen zu machen. Solche Absichten haben nur Aussicht aus Erfolg,
wenn niemand das Recht hat, Fragen zu stellen. Schlau ausgedachte betrügerische Pläne können nur ausgearbeitet und verheimlicht werden hinter einer privilegierten Kaste. Sie sind unmöglich überall da, wo die öffentliche Meinung vollständige Informationen über alle Angelegenheiten des Volkes fordert. Ein fester Bund zu - gunsten des Friedens ist nur möglich, wo Demokraten Zusammengehen. Auf die Treue einer autokratischen Regierung kann man iich nrcht verlassen, ebensowenig darauf, daß eine solche Regierung die Verträge eines solchen Bundes beachten wird. Es soll ein Bundder Ehreund der Einmütigkeit der Ansichten werden. Kriege würden sein Leben antasten. Verschwörungen im Bund selbst würden ihn verderben. Nur freie Völker können die gemeinsamen Interessen der Menschheit den engen eigenen Interessen vorziehen. Fühlt nicht jeder Amerikaner, daß das Prächtige, Ermutigende in Rußland uns Hoffnung auf einen dauernden Frieden in der Zukunft zur Gewißheit macht?
Wilsons Hinstreben auf ein panamerikanisches Weltreich.
Br. Berlin, 5. April, (zb.) In einer Genfer Meldung der „Nat.-Ztg." wird eine Unterredung veröffentlicht, die ein Mitarbeiter der New Yorker Zeitschrift „Everybodh'S Magazine" mit Wilson in Washington hatte. Die Unterredung wurde mit Genehmigung Wilsons veröffentlicht und drehte sich u. a. auch um die Frage der auswärtigen Politik. Wilson sagte: Was wir anstrcben und erhoffen, ist eine Union aller amerikanischen Staaten, in der jedem einzelnen Staat durch die anderen politische Unabhängigkeit und terrrtoriale Unverletzlichkeit vollkommen garantiert wird und die Amerika gestattet, als eine einzige Macht zu sprechen und zu handeln und eine einige Fahne zu zeigen, wenn es im Jntereffe der Menschheit notwendig erscheint. Dieses unser Ziel ist nicht genügend beachtet worden bei der Beurterlunq unseres Verhaltens gegenüber. Mexiko.
Über diese Frage meinte der Präsident: Die Sicherstellung der Grenzen der Vereinigten Staaten gegen Mexiko muß gewäbrleistet sein, im übrigen aber sei.es notwendig, daß Mexiko seine inneren Streitigkeiten aus eigener Kraft ordne. Der Präsident beklagte dann die Haltung der europäischen Mittelmächte, ohne sie mit Namen zu nennen, und entwickelte die politischen Gedanken, die ihn zum Eingreifen in den Gang des Weltkrieges und die Regelung des zukünftigen Welffriedens veranlaßten. Europa, sagte er, sollte au alle edlen Regungen unseres Mitgefühls appellieren und nicht an die verächtlichen unserer Furcht. Möge Gott den Tag beschleunigen, wann unsere Frachten nach europäischen Häfen aus Rohmaterial und den Erzeugniffen des nornralen Handels bestehen werden statt aus Munition für die Vernichtung des Lebens. Es ist meine Überzeugung, daß die kleinen Staaten der Welt dieselben Rccbte haben wie die großen und mächtigen Nationen, ihre Souveränität und territoriale Unverletzlichkeit geachtet zu sehen. Die Welt hat ein Recht darauf, vor jeder Störung des Friedens bewahrt zu bleiben, die in Eroberungsabsichten und der Nichtachtung der Rechte der Völker wurzelt. Die Völker der Welt müssen sich vereinigen und sich gegenseitig garantieren, daß jeder Streit, der das Leben der ganzen Welt stören könnte, zuerst im Gerichtshof der öffentlichen Meinung der ganzen Welt untersucht werden muß, bevor er zum AuStrag zwischen den Parteien gelangen kann, mit anderen Worten, eine allgemeine Vereinigung der Völker mutz feindliche Rivalitäten verhindern und einige Zusammenarbeit und Frieden erzwingen.
Im weiteren Gespräch äußerte Wilson volle Beruhigung gegenüber den Befürchtungen, als ob der W o h l st a n d Amerikas nach dem Kriege abnehmen könne. Er setzt? ausführlich auseinander, daß rn Europa zurzeit 2b Millionen Menschen unter den Waffen stehen und daß nach dem Krieg ein Übergangszustand herrschen werde, der eine Konkurrenz Europas in Amerika unmöglich machen werde.
Weiter sagte Wilson: Die Vereinigten Staaten werden nicht nur beim W'ederaufbau des zertrümmerten Europa eine Rolle spielen, auch die großen Märkte Südamerikas und des Orients rufen nach unserem Handel. Infolge unserer peinlichen Acknung der Rechte der lateinischen Völler Amerikas sollten unsere Handelsbeziehungen mit Zentral- und Südamerika einen Charakter der Bevorzugung annehmen. Ich erwarte, daß der Kongreß unserem Handel wirksame gesetzgeberische Hilfe gewähren 'wird, sich im Ausland zu betätigen, in derselben Weise, wie früher die „Ringe" Englands und die Kartelle Deutschlands. Amerikanische Firmen müssen autorisiert werden, sich zum Verkauf im Ausland zusnmmenzuschließen.
Die Übereinstimmung Wilsons mit der Schönrednerschablonr der Ententemanner.
W. T.-B. Stockholm, 4. April. Zu den Vorgängen in Amerika sagt „Stockholm Dagblad": Daß der Krieg als aufgezwungen erklärt wird, verbirgt nicht die Tatsache, daß es teils ein durch ltze U-Bootsmethoden, teils ein durch das finanzielle Znsanrmengehen mit Deutsch- - landtz Feinden veranlaßter Angriffskrieg Amerikas ist. Auf finanziellem und industriellen Gebiet ein willkommener Bundesgenosse, stellte Amerika ein Expeditionskorps nicht in Aussicht. Über die wortreichen Mott-
