Verlag Langgaffe 21
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Donnerstag, 5. April 1917.
in orgen» Ausgabe.
Nr. 174. ♦ 65. Jahrgang.
Die Bedeutung der derzeitigen Vorgänge in Zachen der 8rieden§.
„W.T.-B. Köln, 4. April (Drähtbericht.) Die „Köln. Ztg." meldet aus Berlin: Was der Reichskanzler am 29. März im Reichstag über Rußland gelagt hat. gehört zu den bedeutsanisten Kundgebungen, die während des Krieges vom Regie- cungstisch aus erlassen woiden sind. Die ausdrückliche Erinnerung an die Tatsache, daß K a i >' e r Wilhelm 1905 dem Zaren geraten hat, sich den berechtigten Refo'mwünschen seines Volkes nicht zu wid--rsetzen, macht deni Märchen ein Ende, daß die deutsche Regierung sich hcabeigftasien habe zu einer Unterstützung des früheren Regimes in Rußland. Das ist eine wichtige Feststellung gegenüber den Versuchen unserer Feinde, in Rußland die Vorurteile gegen die deutsch? Regierung zu befestigen. Ebenso bedeutsam ist die au^diücklichc Erklärung, daß wir uns nicht in die inneren Verbältnisse Rußlands einmischen. So selbstverständlich auch dies-- st--ts eingenommene Haltung ist, so nötig ist es geworden sie aufs neue dem russischen Volke in Erinnerung zu bringen. Und in dem deutschen Volke wird cs lebhaft begrüßt, daß diese Feststellung--n erfolgt find. Ebenso einmütig stimmt man in Deutschland der Erklärung des Reichskanzlers zu daß wir den W u n l ch haben, möglichst bald wieder mit dem russischen Volke in Fried--' zu leben, und zwar in einem Frieden, der aus einer für alle Teile ehrenvollen Grundlage aufgebaut ist. Diese Kundgebung des Reichskanzlers muß maßgebend sein für die Beurteilung der Gerüchte, dre im Auslände wie im Inland? an die R e d e des Reichskanzlers wie an d'e Äußerung geknüpft worden sind die der österreichisch-ungarftche Minister für auswärtige Angelegenheiten Graf C z e r n i n, dem Leiter des „Wiener Fremdenblattes" gegenüber getan, und an die vom Wolff-Burenn mitgeteilte Stellungnahme der l e i t e n d > n deutschen politischen Kreise zu dieser Äußerung.
Es ist bei unserer Lage u.nve'-ständlich. daß bei allen diesen Äußerungen wie auch an die Nachricht von der Fahrt des Verbündeten ,K a i s - r v a a r e s und der l e i t e n d e n S t a a t s m ä n n -- r in das Große Hauptguartier zahlreuche Kommeuta'-e geknüpft wurden. Es ist bedauerlich, daß einige davon den richtigen Weg verf-hlten und dazu beitragen den Eindruck zu erwecken, als ständen wir im Begriff mit «mein neuen Friedensangebot an mffere Feinde heranzutreten. Diese Bedeutung dessen, was sich in den letzten Tagen abg-st'ielt hat. ist u n r i ch t i g. Daß !oir grundsätzlich bereit sind, in Verhandlungen f i- r einen ehrenvollen Fric- den einzutreten, ist von dcr deutschen Regierung wie- derholt offiziell erklärt worden über die Vorbedingungen dazu kann niemand im . unklaren sein. Daran kann auch die Gestaltung der Dinge in Amerika nichts dern. Düste klare Sachlage darf nicht durch eine > alsche Auslegung der Kundgebungen und Vorgänge d°r letzten Zeit verdunkelt werden. Wir sind in der Lage, in Ruhe abwarten zu könnm, wie sich die Dinge im Lager imserer Feinde entwickeln. Wir lassen uns diest Rübe, ldie sich auf die Erfolge unserer Waffen zu Wasser und p.t Lande stützt, nickst nehmen. Bei der Möglichkeit, daß Gerüchte und Deutungs-Versuche noch weiterbin den salsch-m Weg gehen, erscheint es nötigt 'noch einmal ausdrücklich festznsteücn, was auf Grund der maßgebenden Erklärungen des Reichskanzlers sich von selbst verstehen sollte.
Deutschland und Amerika.
Die Regierungsvorlage, betr. die Erklärung des Kriegszustandes.
W. T.-B. Washington, 4. -April. (Drähtbericht.) Die Regierung hat beiden Häusern eine Entschließung zugehen kaffen, in der erklärt wird, daß der Kriegszustand mit Deutschland besteht. Die Beratung der Entschließung wurde auf den nächsten Tag verschoben.
Die Aufnahme der Wilsonschen Rede im Kongreß.
Roosevelt will mit einer Division an die Westfront.
W. T.-B. Amsterdam, 4. April. (Drahtbericht.) Nach einer Reutermeldung wurde Wilsons Rede im Kongreß :nit begeistertem Beifall ausgenommen. Der Kongreß will heute, 4. April, die Resolution über den Kriegszustand in Wehandlung nehmen.
Das Reutersche Bureau meldet, daß Roosevelt, oer gestern in Washington war, den Wunsch äußerte, eine Divi- lsion amerikanischer Truppen zusammenzubringen und sich an /ihrer Spitze an die Front in Frankreich zu begebe»».
Der Eindruck des Wilsonschen Pronunziamientos in Paris.
lDrabtbericht unseres Kr.-SonderberrchterstatierS.)
Kr. Genf, 4. April, (zb.) D'e Begeisterung über Wilsons Borgehen scheint in Paris nur gering zu sein. St. Brie schreibt im „Journal": Frankreich erwartet keine große
Sensation, weil der Entschluß Wstsons, Deutschland den Krieg zu erklären, allgemein bekannt war Aber die Entente einp- findct es seltsam, daß Wilson nur gegen die deutsche Regierung austritt und ihre Verbündeten verschonen will. Die radikale Presse erklärt, Wilson hoff? durch seinen Angriff auf Deutschland die Hohenzollern- Dhnastie zu stürzen und eine ähnliche Volksbewegung wie in Rußland hervorzurufen, ein Plan, der, wie selbst dre französij.chen Blätter betrnen, kov.m auf Ersrlg zu rechnen bat. „Eclair" und „Gaule.'s" bekennen, daß der Einfluß der amerikanischen Pazifisten ncch völlig ungebrochen sei. Aber trotzdem weide der Krieg unaufschiebbar. Die sozialistischen Blättec erklären, daß angesichts des Chaos in Rußland die Intervention Amerikas an Wert vertiere.
Wiener Pressestimmen.
V/. T.-B. Wie», 4. April. (Drähtbericht.) Die Presse nimmt die Ankündigung des Präsidenten Wilson im Kongreß mit Ruhe auf, um so mehr, als sie keine Überraschung sei. Sie erklärt, daß das Eingreifen Amerikas weder in wirtschaftlicher noch in politischer Hinsicht irgend eine wesentliche Veränderung der Kriegslage herbeizuführen geeignet sei. Was die Politik Wilwns zur Unterstützung unserer Feircke tun konnte, hat sie schon früher in ihrer neutralen Weise getan.
Die „Neue Freie Presse" erklärt: Der Kriegszustand ist der Zusammenbruch der Neutralitäts- : ä u s ch u n g, DaS Unterseeboot stellt ihr den Willen Deutschlands und der Monarchie entgegen. Amerika kann nicht mehr liefern und will disbalk Krieg führen. Dieser Krieg ist eine der er! ärmlichsten Niederlagen der Zivilisation und eine Demütigung des Stolzes auf den Fortschritt. Der Frieden muß durch den neuen Krieg nicht erschlagen werden.
Die „Reichspost" schreibt: Der Anschluß der großen und reichen deutschkrästigen und und ir irstriegewaltigen Republik Nordamerikas an unsere Feinde darf natürlich nicht auf die leichte Schulter genommen werden, aber wenn die Tauchboote halten, was ihr bisheriger herrlicher Erfolg verspricht, dann kommt Wilson zip spät, wie vorher Salrndra und Lratianu zu spät gekommen sind. So ver- breckerisck der Generalüberfall der Verbäirdler aus Mitteleuropa gewesen ist, sedem einzelnen der damaligen Verschwörer und der spätec hinzugekommenen Teilhaber, selbst Javau und Portugal nicht ausgeschlossen, müsser trift'gere Gründe für ihr blutiges Unternehmen zugebilligt werden, als Präsident Wilson und seine Republik sie jetzt geltend zu macken vermögen.
Im „Neuen Wiener Journal" beißt es: Allem Anschein nach battezi Wilsons F t i> t e n den Hauptzweck, wenn auch keine große kriegerische Aktien in Amerika einzuleiten, so sich doch einen Platz an dem Konferenztisch zu sichern, wenn sich die Kriegsiiheenden zu Friedensverhandlungen versammeln. Dort will Bocker Jonathan seine Extravorteile hcransbelen Die Profit-Politik ist trotz aller Phrasen das A und C der Wilsonschen Weisheit und Humanität.
Die .Wiener Arbeiterzeitung" schreibt: Wie man auch die wenig eättckeioend; kitzlige Seite der Sache beurteilt, zeigt uits das Urteil derjenigen, die vorschnell und leichtfertig die von dem Eintritt Amerikas in das Kriegsspiel als von einer nebensächlichen und bedeutungslosen Episode reden. Die Schranken sur die ameukanische Leistungsfähigkeit im europäischen Kriege liegen keineswegs in dem angeblichen un- militärischen S'.nn der Amerikaner, sondern in der Unmöglichkeit, entscheidende große Truppenmassen über den Ozean zu bringen. Die Ergebnisse des Unterseebootskrieges losten uns heute mit Zuversicht erwarten, daß Amerikas Teilnahme an dem Landkrieg keinen irgendwie nbeewältigenden Umsang annehmen kann.
In Erwartung des entscheidenden Beschlusses des Kongresses.
Br. Rotterdam, 4. April. (Eig. Drähtbericht. zb.) Man nimmt nach einer Reuterschen Privatdepesche aus Washington an, daß der Kongreß die Erklärung des Kriegszustandes in zwei bis drei Tagen genehmigen wird und daß bei einer Abstimmung nur kleine Grupven von Pazifisten sich widersetzen werden. Noch einer Depesche des heutigen „Daily Telegraph" aus Washington haben die P a z i f i st c n große Vorbereitungen getroffen, um in das Kapitol einzu- dringen und von den nach dem Kapitol führenden Treppen, welche der Präsident passieren muß, Besitz zu ergreifen. Die Mannschaften des geheimen Dienstes und Polizisten besinden sich auch überall im Gebäude, um zu sorgen, daß dem Präsidenten nichts zu Leid geschieht.
Tag und Nacht Propaganda tev Pazisisten und Deutschfreunde.
Br. Haag. 4. April (Eig. Drähtbericht. zb.) Die „Times" meldet aus Washington: In Washir gton und überall in den östlichen Distrikten herrscht Bigeisterung. In Baltimore fand eine patriotische Versammlung statt die dann eine pazifistische jj» engte. Der Westen scheint sich mehr und mehr
in die Politik des energikchen Handelns zu fügen. Da»beweisen Tausende Telegramme an das Weiße Haus Andererseits machen Pazisisten und Deutsch- freunde Tag und St acht Propaganda. Ein Senator de? Westens eckläite, auf 10 pazifistische Telegramme erhalte er nur ein patriotisches. Diese Klasse aber bestünde ans Leuten von Bedeutung. Auch andere Senatoren und Abgeordnete machen dieselbe Erfahrung. Man ist sich inr Kongreß darüber einig, daß der Präsident nach einer gründlichen Debatte bekommen wird, was er haben will.
Permanenz-Sitzungen bis zur Annahme der Kriegsresolution.
W. T.-B. Washington, 3. April. (Meldung des Reuterschen Bureaus.) Die Führer der demokratischen Partei haben beschlossen, dauernd Sitzungen im Senat abzuhalten, bis die Kriegsresolutton angenommen ist.
Maßnahmen zwecks Zusammenwirkung der amerikanischen Flotte mit der Ententeflotte.
W. T.-B. Washington, 3. April. (Meldung des Reuterschen Bureaus.) .Das Marinedepartement gibt bekannt, dag Maßnahmen getroffen werden zwecks Zusammenwirkens zwischen der amerikanischen Flotte und den Flotten der Ententemächte.
Zusammenziehung amerikanischer Regimenter zu Bewachungszwecken.
»r. Haag, 4. April. (Eig. Drahtbericht, zb.) Die „United Preß" meldet ans Washington' 18 Regimenter der Nationalgarde und 20 Infanterie-Regimenter sowie 6 berittene Bataillone sind in verschiedenen Bezirken des Landes zusammengezogen. um bei inneren Unruhen Regierungsgcbäude, Brücken, Munltwnsfabriken usw. zu beschützen.
Nerenrki
Rußlands kommender Mann.
Der deutsche Reichskanzler hat in seiner letzten Reichstagsrcde dem russischen Volke, „das diesen Krieg gewiß nicht gewollt hat", einen Frieden „auf ehrenvoller Grundlage" vorgeschlagen. Es war keine förmliche Wiederholung unsecrS Angebots vom 12. Dezember. Aber es war doch ein bewußter politischer Schritt, eine Anfrage, auf die nian eine Antwort erwarten darf. Wird man in Petersburg diese Anfrage verstehen? Und wer wird antworten? Wer ist heute der Vertreter des ruf fischen Volkes? Das Rad der Revolution hat in raschester Folg? immer neue Männer empocgehobm und wieder fallen lassen, Michael Alexandrcwiffch, Nikolai Nikolajewftsch, Miljukow, Rußki. Keiner könnt- lagen, daß er das russische Volk hinter sich und damit die Macht in Händen habe. Nur einer ist von Tag zu Tag gewachsen und immer niächtiger geworden Der neue Justiz- minister Kerenski.
Ursprünglich war er nur zu dem Zweck berufen worden, den von der xarffchen Regierung nach Sibirien verbannten Arbeitervertrctern der Duma Genu.g- tunng zu verschaffen. Der 36jährige Rechtsanwalt und Abgeordnete von Saratow, Kerenski, noer im Gerichtsprozeß der Verteidigen jener Arbeitervertreter Petrowskr, Malnow, Schagow, Samoilow und Bajadew. (Miljukow war der Hanptzeuge der Verteidigung.) Die fünf Abgeordneten wurden verurteilt. Als Antwort wollten die Petersburger Arbsiter den Generalstreik erklären. Aber Kerenski redete ihnen das ans und begann nun seinen politischen Aufstieg. Er protestierte feierlich in der Duma gegen die Rechtsbeugungen und kündigte die Revolution an. „Wie ein Hammer an die Glocke schlägt", schrieb ein neurussisches Blatt. KerenSki erklärte. die Verbannung der fünf Abgeordneten werde zur Folge haben „die vorzeitige Explosion der mächti- gen Spannungen die ein neues Rußland Herstellen werden". Und lo kam es schon in der nächsten Stunde. Kerenski hat nichts versäunit, uni die losgelassenen) Kräfte zu sammeln auf bestimmte Ziele zu richten und. wo es ihm nötig schien, zu zügeln und zu dämpfen. Er hat dabei bis jetzt zweifellos st a a t s m ä n n i s ch e Geschicklißkeit gezeigt, größere als der schwankende, von England gegängelte Miljukow, größere auch als der in einseitiger Parteitaktik verharrende T s ch e i d s e.
Kerenski war in der Duma der Führer eines verhältnismäßig kleinen Kreises der „Werktätigen Grupp e", fälschlich und irreführend „A rbeiter- Partei" genannt. Diese Werktätige Gruppe bildete sich im Jahre 1907 während dcr Tagung der zweiten Reichsduma als eine Art re n i s i o ni st i s ch e r Ableger der Sozialrevolutionäre, denen die Negierung das parlamentarische Leben zu verleiden suchte. Es war mehr ein Manöver der Sozialrevolutionäre selbst als eine Auseinandersetzung mit ihnen- Was an „Werktätigen" in die vierte und letzte Djima
