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Mittwoch, 4. Kpril 1917.
Morgen-Kusgabe.
Nr. 172. . 63. Jahrgang.
Eine Bekenntnis der Ohnmacht aller Sntenteftaaten.
Die „Nordd. Allg. Ztg." zum Aufruf der rufstfchen Revolutionsrcgicrung an die Polen.
W. T.-B. Berlin. 3. April. (Drahtbericht.) Die „Nordd. Allg. Ztg." befaßt sich im politischen Tagesbericht mit dem Ausruf der neuen vorläufigen Regierung Rußlands an Polen, zu dem sie u. a. bemerkt: Die russische Regierung verspricht n dem Aufruf die Errichtung eines polnischen Reiches, das sämtliche Teile des ehemaligen Königtums umfaffen soll. Lar Aufruf klingt verlockend und >st nicht ungeschickt verfaßt. Deutlich jedoch wird das wahre Wesen des Aufrufs entschleiert, wenn man sich einigermaßen in den Inhalt vertieft. Der eigenartige Eindruck verstärkt sich noch, wenn man liest, daß die Polen aufgerufen werden, gemeinsam mit Rußland gegen den deutschen Militarismus zu kämpfen, ulld wenn der Aufruf, den polnischen Staat als festen Wall gegenüber dem Truck der Zentralmächte auf die slawische Bevölkerung bezeichnet. Das alles sieht sehr wenig nach lln- eig-nnützigkeit ans, und es läßt vielmehr erkennen, daß es den Verfassern des Aufrufs nicht da"auf ankommt, den Polen die Freiheit zu bringen, sondern ein-ig und allein das durch den Krieg so schwer betroffene Land im russischen Sold erneut zum Schauplatz erbitterter Kämpfe zu machen.
Das Polen der Zukunft, das die Mittelmächte errichten wellen, ist obne weiteren SchN-ertftreich, ohne das Opfer auch nur eines einzigen Lebens der Freiheit gewiß, sobald die neue Regierung Rußlands sich entschließt, denblutigen Weg desKrregszu verlassen. Die Mittelmächte sind es die Polen in der Hand haben. Durch Taten, nicht du^cb Worte haben sie den Beweis geliefert, daß sie dem schwergeprüften Land die Freiheit bringen. Kein Tropfen polnischen Blutes braucht dafür zu fließen, w e n n Rußland wirklich nichts anderes, als einen, gesicherten und ehrenvollen Frieden erstrebt. den es haben kann, sobald es ihn will. Die Prien kennen Rußland so wohl wie uns. Sie wissen, auf w e l ch e r S e i t e die Macht und der ehrliche Wille sind, und deshalb werden sie auch darüber nicht im Zweifel sein, daß der russische Aufruf, des äußeren Flitters entkleidet, nichts weite: ist, als ein Hille ruft und damit ein Bekenntnis de: Ohnmacht aller Ententestaaten.
wilsonr Kriegsrebe im Longreh.
Der Talmi-Friedensapostel verlangt sofortige Schritte, nm ..Deutschlands Anmaßung" ein Gnde zu machen.
Br. Haag. 3. April. (Eig. Drahtbericht, zb.) Das holländische „Nicnwe Bureau" meldet auS Washington: Boa der United Preß wird berichtet: Seit heute ist der Kriegs- zustand erklärt. Wilsou sagte im Kongreß, daß seit heule nacht der Kriegszustand zwischen Deutschland und den Bereinigten Staaten bestehe. (Diese Äußerung Wilsons haben wir bereits in einem W. T.-B.-Telegvamm unseres gestrigen Abendblattes mitgeteilt. Cchriktl.) Er erinnerte in seiner Rede an die Umstände, die er bereits in seiner Rede vom 3. Februar erwähnte. Er drang auf sofortige Bildung eines Heeres von einer halben Million Mann und dir Einführung einer allgemeinen Dienstpflicht, über den Antrag des Senators § l o o d, den Krieg zu erklären, wird noch debattiert. Wilson empfahl, zu erwägen, daß, weil Dentschlands Handlungen als nichts anderes als Krieg bezeichnet werden könnten, Amerika die ihm vukgrzwungene Stellung als kriegführende Nation aninehmen. „Ich empfehle Jknen, s o - fort Schritte zu unternehmen, nm Deutschlands Anmaßung ein Ende zu machen. Der Krieg fordert die engste Zusammenwirkung mit den Verbündeten." Der Kongreß wurde hierauf bis Dienstagmittag vertagt, ohne einen Entschluß gefaßt zu haben.
Br. Rotterdam, 3. April. <Eig. Drabtbericht. zb.) Nach den ersten Mitteilungen wollte Wilson seine Botschaft erst am Dienstag dem Kongreß niitteilen, später wurde ang-.- kündigt, daß er sie noch Mcntagalend halten wolle. Associated Preß meldete hierzu' Die Kriegsbotschaft des Präsidenten wird eine der ausführlichsten Petschaften sein, welche jemals an den Kongreß gerichtet wurde. Der Antrog wird lauten
„Da die Handlungen der deutschen Regierung in der letzten Zeit tatsächlich Kriegshand, l u n g e'n gegen die Regierung und das Volk der Vereinigten Staaten waren, beschließt das amerikanische Volk im Kongreß, daß der Kriegszustand zwischen den Vereinigten Staaten und der deutschen katserlrchen Regierung hierdurch formell erklärt und daß der
Präsident ermächtigt wird, die Schritte zu tun, um nicht nur das Land in vrllständigen Verteidigungszustand zu bringen, sondern auch seine ganzen Macht- uns Hilfsmittel zu brauchen, um gegen die deutsche Regierung Krieg zu führen und diesen Krieg zu glücklichem Ende zu bringen." (Ermächtigung, „den Krieg zu glücklichem Ende zu bringen" — eine „seltsame Macht". SchrislI.l
Wilsons Plädoyer für „wirkungsvolles" Zusammenarbeiten mit der Entente.
Krieg gegen Deutschland ohne gleichzeitigen Krieg gegen Dentschlands Verbündete.
Br. Rotterdam, 3. Avril. (Eig. Drahtbericht, zb.) Reuter meldet aus Washington: Wilson erklärte weiter, daß der Krieg gegen Deutschland ein wirkungsvolles Zusammenarbeiten mit den Regierungen der Länder, die jetzt mit Deutschland im Krieg sind, also mit der Entente, bedinge. Die Mitwirkung werde einen großen finanziellen Kredit nötig machen. Wilson erbat Vollmacht zur Aushebung von 500000 Mann durch die allgemeine Dienstpflicht, und setzte weiter auseinander, daß Amerika gegen Österreich-Ungarn und die anderen 'Verbündeten Deutschlands nicht Vorgehen würde.
Das Gröffnungsgebet inr Repräsentantenhaus.
Eine Balgerei zwischen Pazifisten und Senator Lodge.
Br. Rotterdam» 3. April. (Eig. Drahtbericht, zb.) „Associated Preß" meldet aus Washington: Die Sitzung des Repräsentantenhauses wurde von einem Geistlichen mit Gebet eröffnet. Dieser sagte darin: „Die Mittel der Diplomatie haben versagt, die.Stimmen der Vernunft und des Rechts haben kein Gehör gesunden. Wir haben einen Abscheu vor demKrieg und lieben den Frieden, aber wenn der Krieg uns apsaezwungen wird, beten wir, daß die .Herzen aller Amerikaner von Vaterlandsliebe schlagen, und daß das ganze Volk sich um den Präsidenten schart und ihn unterstützt bei allen Maßnahmen."
Eine weitere Reutersche Privatdepesche aus Washington meldet: Einige Pazifisten traten in der Hauptstadt ein, um die Mitglieder beider Häuser zu bearbeiten. Ein Ab- gerrdneter aus Massachusetts begab sch kurz vor Anfang der Sitzung zu dem S e u a t o r Lodge, ihn zu bitten, ihre Ansicht zu unterstützen. Lodge, der republikanischer Abgeordneter für Dtassackiusetts ist, antwortete: „Wenn der Präsident eme Kriegserklärung wünscht, werde ch dafür stimme n." „Das ist F e i g h e i t", sagte einer der Pazifisten. „Degeneration des Belkes ist aber schlimmer als Feigheit", anlwcrtete Lodge darauf. „Du bist ein Feig!.na". erwiderte. Bramwart. „Und du bist ein Lügner", sagte Lodge. Brarnwart verzichtete dann aus seine paz'fistisckcn Grundsätze und versetzte Lodge einen Schlag ins Gesicht. Lodge schlug sofort zurück, so drß der Pazifist auf den 'Boden des Saales niederslog. Lodge 'st 07 Jahre alt.
DaS Kriegsfieber auf dem Höhepunkt.
jfc Haag, 2. April, (zb.) Die „Times" berichtet aus Washington- Dre P r o v i n? p r e s s e, die bisher stark pazifistisch gefärbt war, schließt sich in der Beurteilung der Lage der Presse der großen Zentren an. Tausende von Pazifisten eilen nach Washington, wohin von allen Richtungen Sonderzüge abgelassen werden, um dem großen Moment der Erklärung des Präsidenten beiznwohnen und die Friedenskundgebungen der Deutschenfreunde gy vereiteln. Stone ließ in der Presse eine Mitteilung verbreiten, daß er gegen di» Kriegserklärung stimmen werde, daß er aber, wenn der Kongreß den Krieg gutheiße, sich dem Präsidenten zur Seite stellen werde, kis Deutschland geschlagen worden ist. Diese Erklärung ist kennzeich. nend für die ganze Lage.
Wilsons Gegner im Kongreß.
— Berlin, 3. April, (zb.) Wie verschiedene Blätter berichten, wird sich Wilson im Kcngretz zwei opvositio- n eilen Parteien gegenübersehen, und zwar den Rep-r- blikanern und den vcn Bryan gefühlten Pazifisten. Falls Wilson es wünsche, werden zur Sicherheit seiner Person während der Kongreßsitzung die Galerien vergittert werden.
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Starke Abnahme
des amerikanische« Außenhandels infolge des hemmungslosen Unterfeebootskrieges.
TE>A. Berlin, 2. April. (Drahtbericht.) Laut „Econo- mista d'Jtalia" vom 26. März wird amtlich bekannt gemacht, daß der Außenhandel der Bercrnigten Staaten von Amerika im Februar um 95 0 Millionen Franken abqe- n o m m e n hat. Rach der Erklärung des hemmungslosen Nnterseebootskrieges durch Deutschland hat die Einfuhr um 210, die Ausfuhr um 735 Millionen abgenommen.
Oie Sinnverwirrung auf der Londoner Reichskonferenz.
Der Renegat Smuts und der kanadische Premierminister speien Gift gegen Deutschland.
Gedemütigt, aber nicht anders kann Deutschland den Frieden haben."
W. T.-B. London, 3. April. (Drehtbericht. Meldung des Reutersche» Bureaus.) General Smuts heb weiter währendes Frühstücks zu Ehren der Mitglieder der Reichskonserenz tm Unterhaus dre Grundsätze der Gleichheit und Freiheu hervor, auf denen das englische Reich beruhe, un Gegenteil zu Deutschland, dos ncch immer Macht für Recht halte, uns sagte: Von den Enden Asiens bis zu dem anderen Weitende sehen wir die ganze Welt gegen Deutschland stehen. Wenn die Vereinigten Staaten heute den Krieg gegen Deutschland nicht beginnen, werden sie es inorgen tun muffen Wenn wir weiter unseren Ausgangspunkt von unseren erhabenen Grundsätzen nehmen, dann ist Deutschland schon jetzt moralisch und politisch ge- * schlagen. Unsere Lage ist allerdings schwierig, und ich verhehle nicht, daß schwere Aufgaben vor uns liegen. Deutschland kann nicht mehr lange anehalien und wird den Höhepunkt seiner Leistungen in diesem Scmmer erreichen. Seuic Unterseebootslei st ungen mahnen rurs zur Vorsicht, aber ich bin überzeugt, sie weiden den Krieg nicht zu Errde bringen. Sie werden nnS Unbequemlichkeiten verursachen, aber keine Niederlage bringen. Ich meine vielmehr, wir werden in diesem Sommer den Mißerfolg der Unterseebootsdrohung erleben. Viel früher, als die meisten denken, werden wir abermals von Frlkdcn hören. Durch den Geist, den ich hier gefunden, fühle ich mich stark ermutigt. Er ist ein Unterpfand für die Hoffnung auf den Tirumph.
Der kanadische Premierminister Borden sagte: Wenn irgend jemand vcn uns mutlos ist. so möge er an die Männer in deu Schützengräben denken; wenn ihm im Unglück das Herz schwach wild, möge er zu den Verwundeten in die Hospitäler gehen, um sich wieder ouszurichten. Die Deutschen fechten verzweifelt in dem von ihrer militärischen Ar tokrotie bervorgerufenen und genährten Wahn, daß wir Deutschland zu zerschmettern und seiimr nationalen Existenz ein Ende zu machen beabsichtigen. Aber das deutsche Volk muß, bevor der Krieg endet, belehrt werden, daß ein militäiischer Griff weder ein rechtmäßiges noch ein vorteilhaftes Unternehmen ist. daß die Weltherrschaft unmögiicb ist, daß Verträge geheiligt siird sowie daß das öffentliche Gewissen der Welt die schrecklichen Methoden der Barbarei n i ca t dulden will. Möge Deutschland sein HavS so in Ordnung krrngen, daß man sich auf dre Veränderungen seiner Ideale und Ziele verlassen kann, möge cs das Übel wieder gulmachen, das es angerichtet bat, und entsprechende Bürgschaften für die Zukunft bieten. So, aber nicht anders, kann es Frieden haben.
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Der Vorschlaft der Zwangsrationierung vor den Hungermonaten!
Dev liberale Abgeordnete Watt forderte laut „Times" vom 24. März im Unterhaus, detz die Regierung die vollständige Kontrolle über die Lebensmittelversorgung übernimmt und die Lebensmittel durch die lokalen Behörden verteilen läßt. Die Zwangsrationierung muß früher oder später kommen, je ftüber, desto besser. Die Deutschen rechnen damit, daß die vclle Wirkung ibces Unter- seebootskrieges im Juni zur Geltung kommt. Es ist die Pflicht der Regierung, dafür zu sorgen, daß ein System der Zwangsrationierrng bereits in Kraft ist, bevor die Hunger, monate kommen.
Dreiste Entstellung der russischen presse über die Stimmung in Deutschland.
Großfürst Nikolai Nikolajewitsch verhaftet.
IDrahtbericht unseres ^.-Sonderberichterstatters.)'
8. Stockholm, 3. April, (zb.) In der russischen Presse machen sich jetzt dreiste Entstellungen über die Stimmung tn Deutschland zu den Vorgängen in Rußland bemerkbar. Die Blätter fast aller politischen Färbungen be- baupten, in Deutschland empfinde man die russische Revolution als schwere Niederlage. „Rjetsch" predigt täglich, daß Deutschland sich auf der Höhe seiner Macht befinde und mahnt, den Ernst der Lage nicht zu verkennen. Man dürre incht zu rosig sehen. Selbst die größten Optimisten müßten die Schwierigkeit erkennen, die darin liegen, gleichzeitig eine Revolution und einen Krieg durchzu führen. Aber, sagt das Blatt, wenn wir nicht siegen, werden wir gänzlich zu Boden gedrückt. Die Deutschen wollen uns unsere neuerworbene Freiheiten treißen.
Großfürst Nikolai Nikolajewitsch wurde in Liv-adia verhaftet. Zur Bewachung wurden die Duma-- mitglieder Tscherm swstow und Tscheistow bestellt.
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