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Montag, 2. Kpril 1917.
Kbend-klusgabe.
Nr. 169. . 63. Jahrgang.
Oer Elfte.
Der heute am 2. April in Washington zusammentretende Kongreß der Vereinigten Staaten von Amerika hat eine folgenschwere Entscheidung zil treffen, die anscheinend tautet: Krieg oder Frieden? Allerdings, es gibt vielleicht noch einen Mittelweg, , nämlich weder Krieg noch Frieden, sondern nur dre Kriegserklärung, nicht den aktiven, sondern den passiven Kriegszustand. Ja, es gibt vielleicht, so sonderbar es klingen mag, noch eine vierte Möglichkeit, ern Mittelding zwischen aktivem und passivem Kriegszustand, nämlich einen Krieg, der nur finanziell geführt wird, wie er vielleicht der Grundtendenz im Dollarlands entsprechen würde. Präsiden:: Wilson hat verkünden lassen, daß er erst am Mittwoch oder Donnerstag zum Kongreß sprechen würde, dem bekanntlich die Entscheidung über die Frage, ob der Krieg erklärt werden soll, sowie die Bewilligung der finanziellen Mittel zur Kriegführung zusteht. Aber der Philosoph .und Friedensapostel Woodrow Wilson, hinter dem als die eigentlichen Schieber die amerikanischen Tru st Magnaten und die gesamte Rüstungsindustrie stehen, hat mit Hilfe der gelben Presse schon so vorgearbeitet, daß die Stimmung im Kongreß für einen scharfen Kurs vorbereitet zu sein scheint.
Ärmlich, wie weit er führen wird, muß sich erst zeigen. Jedenfalls schwerlich so weit, wie es das verlogene Renterbureau eilfertig und triumphierend in die Welt hinausposannt. Wenn sich z. B. Reuter kabeln läßt, daß die smarten Ilankees eine oder mehrere Millionen Mann ausrüsten wollen, um sie zu uns über den Ozean zu senden, so mutet uns das wic ein seht ja gerade fällig gewesener Aprilscherz an. Um Soldaten zu uns zu schicken, muß man sie erst haben. Und wenn die Aankees wirkliche ihre Mobilisierungsvläne ins Merck süßen wollten — natürlich nicht unsertwegen, sondern um sich gegen Überraschungen seitens Mexikos und Japans zu sichern — dann könnten wir doch nicht auf eine Visite der Rauhreiter und Genossen rechnen, weil 1. die Union nicht hinreichend Schisse hat. um auch nur einen nennenswerten Bruchteil der Mrllioncn- armeen über den großen Teich zu befördern, und weil 2. in besagtem Teich außcro-deutlich viel Platz ist für Transportschiffe nebst Inhalt. Unsere U-Boote würden den amerikanischen Besuch schon im — Vorzimmer empfangen.
Die gleiche Erwägung spricht gegen die Annahme, daß die Amerikaner sich mit ihrer Flotte an dem europäische Krieg zu beteiligen versuchen könnten. Gewiß, die Flotte der Union nimmt eine der ersten Stellungen ein. Sie bestand schon im Jahre 1913 aus 169 Fahrzeugen (darunter 43 Panzerschiffes mit 1631 Geschützen, wozu noch 110 Hilfskreuzer und 23 Kanonenboote kamen. Ferner waren schon damals 47 weitere Schiffe im Bau, so daß sich also die Flotte seitdem sicherlich wesentlich verstärkt hat, worüber sedoch keinerlei genauere Abgaben vorliegen. Aber wenn sogar das angeblich meerbeherrschende England, das es ja wesentlich näher zil irns hat, seine Schiffe zaghaft z n- rückhält, weim unsere Seestteitträfte bei allen Streifen nach den britischen Küsten vergeblich nach der größten Flotte der Welt Ausschau halten, sollten da die Aantees so wenig smart sein, daß sie ihre teueren Schiffe unseren U-Booten als Zielscheibe dar- bioten zu- Freude Japans, das dann die Frage der Vorherrschaft im Stillen Ozean risikobis entschieden hätte, und zur Freude — Englands, das damit einen weiteren Konkurrenten zur See los würde?
So spricht denn die Wahrscheinlichkeit dafür, daß, wenn der Kongreß sich in das Kcregs-rbentcuer stürzt, er sich mit der formellen Kriegserklärung und mit dem finanzielle.» Krieg begnügen dürste. Und auch hierbei ist vielen Amerikanern gruselig zumute. Hat doch das amerikanische Bundesschatzamt un- längst die Banken und Kapitalisten vor der Übernahme weiterer Ententeanleihen gewarnt, doch wohl, weil es diese als unsicher ansieht. Und hat doch der republikanische Abgeordnete Bennett gemahnt: „Wenn wir uns der Entente anschlietzen, verzichten wir tatsächlich aus die Forderungen unserer Bürger gegen England, Frankreich und Rußland." Auch sonst erheben sich noch immer warnende Sttmmen. Man verweist aus Mexiko, das auch ohne Aufforderung Deutschlands die Gelegenheit benutzen könnte, um sich durch entschlossenes Eingreifen ein für allemal gegen die amcri- kanische Einmischungs- und Erpansionspolitik sicherzustellen. Man verweist auf Japan, das nicht ohne Grund sich leibst voni europäischem Kriege fernhält, aber die Amerikaner dazu ermuntert, weil sich dem Laude per ausgehenden Sonne dadurch die Veste Gelegenheit böte, die Wirren, in die China gerade ietzt von den Ententemächten gestürzt wird, zur Festlegung seiner Monopolstellung auszunüpen. vielleicht '.auch die Fang
arme nach Hawai und den Philippinen auszustrecken, die infolge ständiger Invasion schon halb j a p a n i s i e r t sind.
Trotz alledKn ist es wenig wahrscheinlich, daß diese Warnungen beachtet werden, denn die Reuterhetze. welche die europasremden Aankees in völlige Unkenntnis über das Kräfteverhältnis, über die Siegetzaussichten in diesem Weltkrieg lullte, hat bereits ihre Wirkung getan, und Engländer- sympathie sowie die Agitation der Rüstungsindustrie, welche nach dem Abflauen der Ententcbesiellung:n neue Munitionskunden braucht, wenn nicht anders, so im eigenen Lande, tun das Ihre. So spricht trotz der Gegenagitation der Friedensfreunde die Wahrscheinlichkeit dafür, daß der Zehnverband sich deinnächst zum Elfverband erweitern wird, wenn auch der Krieg aller Voraussicht nach mehr erklärt als — geführt werden dürfte.
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Die Internierung deutscher Seeleute in Amerika.
Philadelphia, 30. März. (Funkspruch vom Vertreter tes W. T.-B. Verspätet eingetroffen.) Siebenhundert Mit- glieber der Beincnnnngen des Hilfskreuzers .Kronprinz Wilhelm" und .Eitel Friedrich" sind unter Bewachung am Montag nach ihrem neuen Jnternierungs- ort Savannah (Atlanta) abgereist.
Kein Abbruch der Beziehungen zwischen Österreich-Ungarn und Amerika.
W- T.-B. Wien, 1. April. Die „Wiener Allgemeine Ztg." schreibt: Um allen Mißdeutungen vorzubeugen, möchten wir betonen, daß die Reise des hiesigen amerikanischen Botschafters nach Washington keine Veränderungen in den Beziehungen zwischen Österreich-Ungarn und den Vereinigten Staaten von Amerika bedeutet. Der diplomatische Verkehr bleibt weiter aufrecht erhalten und wird von unserem Geschäftsträger in Washington und dem hiesigen amettkanischen Gescbaftstrager mit beiden Regi-- rungeu besorgt. Mr. Penfield soll nach etwa drei Monaten nach Wien zurückkehren.
Selbst Amerika vor einer Lebensmittelkrisis!
London, Ll. März. „Dailh Telegraph" meldet aus Rew Dork vom 30. März: Rach hier veröffentlichten Berechnungen von Sachverständigen stehen die Vereinigten Staaten vor einem ernsten Weizenmangel, sodatz es vielleicht notwendig sein wird, vor Ende "des Jahres eine Brotrationierung vorzunehmen. Die optimistischen Schätzungen der Ernte dieses Jahres rechnen auf nicht ganz eine Milliarde Bushels, und man erwartet nach de- Aussage von Regierungspersonen, daß die Vereinigten Staaten rm Falle eines Krieges den Alliierten ungefähr vierhundert Millionen Bushels liefern werden. 100 Millionen müssen als Samenkorn zurückbehalten werden, sodaß nur 500 Millionen übrig bleiben, was den normalen Weizenverbrauch der Vereinigten Staaten in der Forrn von Mehl allein ausmacht. Nach weniger optimistischen Schätzungen ist nur eine Ernte von 800 Millionen Bushels zu erwarten, obwohl 850 000 Acres mehr mit Weizen bestellt worden sind ols früher. Die Wirtschcftspalitiker prophezeien schon jetzt die höchsten Lebensmittel Pr eise in der Geschichte der Vereinigten Staaten.
Carranzas neue Amtsperiode als Präsident von Mexiko.
Nr. Berlin, 2 . April. (Erg. Drahtberrcht. zd.) Wie die hiesige mexikanische Gesandtschaft mitteilt, hat Carranza gestern nach der vor kurzem erfolgten Wiederwahl seine neue Amtsperiode als Präsident auf 4 Jahre amgetreten. Die in einigen Müttern gebrachte Mitteilung von der Festnahme Oregons durch Carranza sind unzutreffend. Oregon, der Kriegsminister Carranzas, ist ein naher Verwandter des Präsidenten. Hierüber von Ententesette ausgestreute Berichte, die a-rch von Unruhen in Mexiko sprechen, bezwecken, die neutrale Welt iw den Glauben zu versetzen, daß Präsident Carranza, der „Deutschenfreund", die Zügel der Regierung nicht mehr fest in lden Händen hätte.
Oie Lage Im Ivetten.
Die schweren englischen Verluste bei Loos.
Der deutsche Ergänzungsbericht.
W. T.-B. Berlin, l. April. Im Vpern -- und W y t - schaete-Bogen war die Artillerietätigkeit lebhaft. Verschiedene kleine deutsche Patrt uillenunternehmungen wurden erfolgreich durchgeführt, englische dagegen abgewiesen. Die Verluste der Engländer bei dem verunglückten Angriff in de: Gegend von Loos baben sich als außerordentlich schwer herausgesteüt. Der englische Angriff gegen das Dorf Henin-sur-Cejeul wurde in den Morgenstunden des 31. März von acht englischen Kompagnien durchgesührt; er chetterte, wie gemeldet, ebenso wie die abendlichen Angriffe östlich von Reclincvurt und westlich von Angres. Die Eng
länder erlitten dabei vor allem durch das gutliegende deutsche Artillerieseuer empfindliche Verluste. In 3 er Champagne sir>d die am 28. März von den Deutschen eroberten Gräben südlich von Ripcn f e st in unserer Hand. Dre Eiffelturmmeldung vom 31. März, 4,30 Uhr nachmittags, von der Rückeroberung duich die Franzosen und vergeblichen deutschen Gegenangriffen beruht auf freier Erfindung.
Von der Kriegsmüdrgkeit nn der französischen Front.
Kennzeichnende Aussagen französischer Gefangener.
W. 1.' B. Berlin, 1. April. Die vielen in der letzten Zelt gefangenen und übergelausenen Franzosen wissen mehr denn je von der Kriegsmüdigkeit daheim und in den Schützengräben zu erzählen. Sie klaaen heftig über ihre Regierung, die den Krieg ohne die leiseste Aussicht auf einen S i e g f o r t s e tz t. Ein Unteroffizier und Mannschaften des 173. Infanterie-Regiment, die am 21. März bei D o u a u m vn t in deutsche Hände sielen, maßen Briands Sturz wenig Bedeutung bei. Die eigens- lichen Lenker der französischen Regierung seien ja doch die Engländer, und es sei ganz gleichgültig, ob Briand oder Ri bot nach der englischen Pfeife tanzen müßten. Seltsamerweise war einigen Gefangenen Briands Rücktritt nicht bekannt, wie denn überhaupt die Bildung der Gefangenen auf einem 6ir Deutschland unver- itändlichen Tiefpunkt steht. So konnte ein Mann dom Infanterie-Regiment 356, der aus Hohe 670 gefangen genommen wurde, weder lesen noch schreiben, was auch in seinem Sold buch vermerkt vor. Er war so interesselos, daß er nicht einmal den Normen seines Kompagnieführers kannte. Dennoch glich er seinen gebildeteren Kameraden darin, daß er kriegsmüde b's zum äußersten war. Ein Offizier und Leute des Infanterie-Regiments' 324, die am 22. Mürz bei Watronville eingelrccht wurden, erzählen, das Vertrauen in Frankreichs Endsieg sei geschwunden. Wer im Graben noch den Kriegsruf gegen die Deutschen gebraucht: On les aura, dcm^wird von allen Seiten die höhnische Antwort zugerufen: Oui, Ie8 plecks gales. Aber die Soldaten zeigen ihnen Unwillen und ihre Kriegsunlwst nicht nur untereinander. Als Ende Oktober der Präsident die Regimenter 31 und 331 besichtigen wollte, wurde er von den Mannschaften mit Joblen und Pfeifen empfangen. Bei dem Höllenlärm flogen ihm die wüstesten Schimpfworte an den Kopf: sale vache, cohon. Diese Angaben stammen von Angehörigen beider Regimenter 31 und 331, die am 16. März von den Deutschen bei Pille aux Bois gefangen wurden.
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Englands hinterhältige Politik hinsichtlich der helgischen Hilfskonrmissionsschiffe.
W. T.-B. Berlin, 1. April. ES ist bereits darauf hingewiesen worden, daß die englische Regierung dem Verlangen der deutschen Regierung, Namen, Ladung und Liegeplätze der 15 rn englischen Häfen liegenden Schiffe der belgischen H i l f s k o m m: 1 s i o n anzugeben, nur für vier Schiffe entsprochen hat. Nachdem ihr der Weg, Zeitpunkt für die sichere Überfahrt dieser Sch'ffe nach den Niederlanden mitgeteilt worden ist erbebt sie die Forderung, daß allen Schiffen Geleitfcheine ausgestellt werden sollen, 'denen zufolge sie zu irgend einer ihnen genehmen Zeit und auf einem von ihnen selbst gewählten Weg auslaufen können. Die engtische Regierung ist sich, natürlich bewußt, daß die deutsche Regierung auf diese Zumutung nicht ein- gehen kann, obne dre ganze Sperrgebietserklärnng über den Haufen zu werfen. Denn die Privilegierung einzelner Schiffe würde die Unterseebootskommandanten verPflickten, jedes Schiff zunächst darauf zu untersuchen, ob es sich um einen Dampfer der Hilfskommission handelt. Die englische Regierung begründet das Verlangen damit, daß die Ladung der vier Dampfer dem Verderben ausgesetzt ist. Tatsächlich besteht die Fracht, abgesehen von einer kleinen Ladung Fischen, aus unverderblichen Lebensmitteln, wie Reis. Kakao und Kaffee. Darüber, daß diese Begründung nur ein Vorwand ist für das Bestreben, dadurch die deutsche Blockade i l l u 1 o r i s ch zu machen, wird bei jedem rechtlich Denkenden kern Zweifel mehr bestehen. Wenn England wirklich den r echten Willen hätte, die belgische Bevölkerung aus eigenen Vorräten mit Lebensmitteln zu versehen, brauchte es nur die vier vorgesehenen Schiffe zu dem für die Überfahrt festgesetzten Termin zu verfrachten. Aber offenbar will England den Vorwand als Deckmantel benützen, um sich im Interesse der eigenen eingeschränkten Ver örgung von dem Hilfswerk z u r ü ck z u z i e h e n. Wenn die englische Regierung darüber hinaus sich die für die Zivilbevölkerung der besetzten Gebiete Frankreichs und Belgiens oe- timmten LebeoSmittel aus allen 15 'Schiffen der Hilfskommission trotz der deutscherseits gegebenen Möglichkeit der Verschiffung für den eigenen Verbrauch aneignen will, so kann es ihr überlassen bleiben, wie sie dies gegenüber den amerikanischen Eigentümern sowie der französischen und belgischen Regierung gegenüber rechtfertigen will. Schwerlich aber wird ihr Versuch gelingen, die Schuld aus das Ausbleiben der Lebensmittel aus England vor dem neutralen Ausland auf die deutsche Regierung abzuwälzen.
