Einzelbild herunterladen
 

„3u Ostern. . .

Von 6lkred Drall

(Nachdruck verboten.)

uch das Schloß Montferrand .... „irgendwo im Westen" .... ist ein Gpfer des Krieges.

Der alte Rokokobau, der sich einst hoch­mütig und wetterfest auf dem Hügel über einer weiten, von regellosen Gruppen mäch­tiger Eichen gesprenkelten Rasenfläche erhob, ist heute zur Hälfte eine Ruine. Als der Kampf um das Dorf X . . . tobte, fielen deutsche Granaten und französische Schrapnells in das zwischen den Stellungen der Gegner liegende Gebäude. Sie rissen tiefe, von aufgedeckten roten Ziegelsteinen blutende Wunden in die Mauern, die noch zur Glanzzeit des alten Frankreich gefügt wurden. Ein ganzer Flügel wurde durch die erbarmungslose Wucht des Artillerie­duells in eine wüste von Schutt verwandelt, aus der von rissigen Tapeten umflatterte Feuermauern und frei- steljende Kamine wie das Gerippe eines vorsintflutlichen Riesentieres in die klare Luft ragen. Ein großer, einst gedämpft und behaglich eingerichteter Ramn, allem An­schein nach früher das Arbeitszimmer des Schloßherrn, wurde durch eine Granatenexplosion mitten durchge­schnitten. Aber die Hälfte des Fußbodens ist noch,er­halten, gestützt von den Deckenbalken des Erdgeschosses, und man sieht von der wiese her den Schreibtisch, der hoch zwischen den Ecken des Gemäuers steht, wind und Regen ausgesetzt, jeden Augenblick bereit, über die Kante des geborstenen Parketts herabzustürzen. Ls ist ein merkwürdiger Anblick um dieses seiner Abgeschlossenheit beraubte Zimmer, in das der Krieg geradewegs herein­stürzte, in voller Hast, ohne verweilen zu können .... und um diesen Schreibtisch, der zwischen den Mauern zu schweben scheint. . . .

Der Mitteltrakt des Schlosses aber blieb wunderbarer weise erhalten. Und nachdem die deutschen Truppen über das Dorf X . . . weitergedrungen waren, wurde in den Resten des Stammhauses der Grafen von Mont­ferrand ein deutsches Ltappenlazarett errichtet. Jetzt ist der große Festsaal mit den bis zum glatten Estrich herab­reichenden Fenstern in eine Krankenstube verwandelt, Feldbetten stehen in Reih' und Glied zwischen den halb getäfelten, halb mit einer goldroten Brokat-Tapete be­spannten wänden, und die schwebend um den Sims gemalten Amoretten lächeln unverändert auf die ver­wundeten Soldaten herab, stumm und objektiv, als habe sich nicht das Geringste verändert, als sei in den vielen, vielen Jahren, die sie nun schon das Gesims zieren, nichts geschehen, als habe sich nichts gewandelt feit jener Zeit, da in dem kerzenschimmernden Saal Damen in rascheln­den Roben und Herren mit zierlichen Degen und Lpitzen- jabots sich zu den abgezirkelten Klängen eines Menuett» Quintetts über den spiegelnden Estrich bewegten.

Nichts ist absonderlicher als dieser Saal, dessen dem milden Gruß der Vorfrühlingsluft geöffnete Fenster das Echo des Feuers von der Front wie ein fernes Donner­rollen hereintönen lassen, dieser Saal, in dein das Rokoko und die blutige Gegenwartsmusik des Jahres 1916 ein­ander begegnen, in dem fiebernde deutsche Soldaten und lächelnde französische Amoretten einander ins Antlitz blicken. . . .

Der Arzt, dessen sorglicher Leitung dieses seltsamste aller Lazarette anvertraut ist, lebt nun schon seit Monaten in dieser Umgebung der poetisch-tragischen Gegensätze. Er ist ein noch junger Mann, in Zivil ein trotz seiner Jugend bereits bekannter Nervenarzt. Eigenartig und gegensätzlich wie die Örtlichkeit ist auch das Dasein des Arztes, der zwischen den leichtfertig-bunten Seidentapeten die Wunden heilt, die der wütende Streit an dem mehrere Kilometer entfernten Frontabschnitt schlägt. Der Tag und ein großer Teil der Nacht sind von ununterbrochener Arbeit erfüllt. Zede Woche bringt neue verwundete, Freund und Feind oft bunt durcheinander, die soweit hergeftellt werden müssen, um die Strapazen der weiter­fahrt aushalten zu können. Manch einer aber sieht die Welt außerhalb des Schlosses nie wieder. Die Toten werden auf dem weiten, vom Sonnenschein gebadeten Wiesengrund bestattet, der sich allmählich in einen rührend einfachen Friedhof verwandelt.

Zur Abendmahlzeit aber, zwischen dem Sonnen­scheiden und dem ersten unstäten Strahl des Mondes, lebt der vielbeschäftigte Arzt eine Stunde der Ruhe und Erholung. Dann wandert dieser in den langen Kriegs­monaten schweigsam gewordene Mann, der die Leiden des Körpers und der Seele kennt und tagtäglich von neuem studiert, zwischen den Ruinen umher. Manch einsamen Abend verbringt er, auf einer umgestürzten Säule sitzend, zwischen dem alten Gemäuer, das wohl viel zu erzählen wüßte, wenn Steine reden könnten. Dann blickt er oft zu dem entblößten Rest des Arbeits­zimmers empor, und das Dämmerlicht, das hoch droben über dem gespenstisch zwischen Schatten versinkenden Schreibtisch schwebt, scheint ein Geheimnis zu bergen, das zwischen Himmel nnd Erde ruht, zwischen der ein­dringlichen Wirklichkeit des kampfgepflügten Erdreichs und dem ewig stillen Frieden des ins Unendliche sich wölbenden Firmaments.

Diese Stunden der Ruhe sind dem Arzt zu einer lieben, unentbehrlichen Gewohnheit geworden. Lin merk­würdiges, unerklärliches Empfinden ergreift ihn immer wieder an dieser Stelle, die die widerstrebendsten Gedanken und Gefühle aufwachen läßt. Ls ist die Ahnung, als sei hier die Geschichte der Grafen von Montferrand ver­borgen, die die Sturzwelle des Krieges vertrieb.