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Sonntag, 18. März 1917.
Morgen-klusgabe.
Nr. 14l. . 65. Jahrgang.
Der Umsturz in Rußland.
Ein Manifest des Exzaren.
W. T.-E. Petersburg, 17. März. (Drahtbericht) Die Petersburger Telegruphen-Agentur veröffentlicht ein kaiserliches Manifest, worin der Zar erklärt, um dem Volke die enge Vereinigung und Organisation aller Kräfte- für einen raschen Sieg zu erleichtern, in Übereinstimmung mit der Duma die Krone nieder- !z n l e g e n, und um sich von dem geliebten Sohn nicht !ZU trennen, die Nachfolge dem Gros!fürsten Michael Alexandrvwitsch zu übergeben.
Der Wortlaut des kaiserlichen Manifestes.
IV. T.-B. Petersburg, 17. März. I Drahtbericht. Petersburger Telegraphenagentur.) Das kaiserliche Mainfest lautet:
Wir von Gattes Gnaden Nikolaus II., Kaiser aller Reußen, Zar von Polen, Großfürst von Finnland usw. tun unsere» getreuen Untergebenen hierdurch folgendes kund:
In den Tagen des großen Kampfes gegen den äußeren Feind, der sich seit drei Jahren bemüht, unser Vaterland zu unterjochen, hat Gott Rußland eine neue Prüfung schicken gewollt. Innere Schwierigkeiten drehen eine verhängnisvolle Rückwirkung auf den endgültigen Ausgang des hartnäckigen Kriegs ausznüben. Die Zukunft Rußlands, die Ehre unserer Armee, das Gluck deS Volkes und die ganze Zukunft unseres teuren Vaterlands verlangen, daß der Krieg um jeden Preis bis zum siegreichen Ende geführt wird. Der grausame Feind macht seine letzten Anstrengungen, und der Augenblick i st nahe, wo unser tapferes Heer in Übereinstimmung mit unseren glorreichen Verbündeten ihn endgültig zu Boden st recken wird. In diesen für das Leben Rußlands entscheidenden Tagen hielten wir eS für eine Gewissenspflicht, unserem Volke die enge Bereinigung und Organisation aller seiner Kräfte, um den schnellen Sieg zu verwirklichen, erleichtern zu müssen.
Deshalb haben wir in Übereinstimmung mit der Duma des Reiches cs für gut erkannt, der Krone des russischen Staates zu entsagen und die oberste Gewalt niederzulegen. Da wir uns nicht von nuferem geliebten Sohne trennen wollen, übertragen wir unsere Erbfolge auf unseren Bruder, den Großfürsten Michael Alexandra witsch, den wir bei seiner Besteigung des Thrones des ruffischen Staates segnen. Wir beauftragen unseren Bruder, in voller Übereinstimmung mit den nationalen Vertretern zu regieren, die gesetzmäßigen Einrichtungen aufrecht zu erhalten und auf sie im Namen des vielgeliebten Vaterlandes den unverletzlichen Eid zu leisten. Wir fordern alle treuen Söhne des Vaterlandes auf, ihre heilige Vaterlandspslicht zu erfüllen, dem Zaren in dem schweren Augenblick der nationalen Prüfung zu gehorchen und ihm mit den Vertretern des Volkes behilflich zu sein, den russischen Staat auf den Weg des Glückes und des Ruhmes zu führen.
Gott schütze Rußland!
Die Vrrzichtleistung des Großfürsten Michael auf den Thron.
W. T.-B. New York, 17. März. (Drahtbericht.) „Associated Preß" erfährt aus Petersburg: Großfürst Mi ch a e l hat am Freitagnachmittag um 2y> Uhr ebenfalls auf den Thron verzichtet.
Verbringung des Zaren nach der Krim?
Er. Kopenhagen, 17. März. (Eig. Drahtbecicht. zb.) „Dagens Nyheter" meldet aus Stockholm, daß einer Nachricht zuiolge, Zar Nikolaus „zur Er- holung" nach der Krim gebracht werden würde.
General Brufsilow, Großfürst Kyrill und Nikolai Nikolajewitsch.
Er. Haag, 17. März. (Eig. Drahtbecicht. zb) Die „Zentral News" meldet aus London: Die Generale Br u s s i l o w und Großfürst Kyrill befinden sich in Petersburg. Sie äußerten ihre bisherige Unzufriedenheit mit der früheren Negierung, die einer kräftigen Ausführung großer Feldzugsvlane stets hindernd im Wege gestanden hatte. Großfürst Nikolai Nikolajewiftch soll sich jetzt in Petersburg befinden.
*
Weitere Einzelheiten über den Petersburger Aufstand und den bestehenden Zustand der Unsicherheit.
W. T.-B. Rotterdam, 17. März. (Drcchtbericht.) Die ^imes" nimmt an, daß die erste Ser-e ihrer Telegramme aus Petersburg über die Ereignisse am Freitag von der alten ruMchen Regierung zurückgehalten worden waren, während .die neue Regierung di« Absendung der Telegramme erleichterte. Rach Meldungen, die den Bericht der „Times" ergän
zen, haben sich die Petersburger Ereignisse vom Freitag am Sonntag vielfach wiederholt. An verschiedenen Stellen des NewSki-Prospekts wurden zahlreich« Menschen getötet oder verwundet. Die Schwierigkeit in der Brotversorgung hatte sich nicht gebessert. Schon am ftühen Morgen wurden die Bäckerläden gestürmt. Die Arbeiter erklärten, daß sie nicht wieder an die Arbeit gehen würden, ehe sie Brot erhielten, ohne stundenlang darauf warten zu müssen. Montagfrüh waren alle Brücken über die Newa für den Verkehr geschlossen. Es hieß. Latz am Nordufer des Flusses Unruhen ausgeorochen seien. Am Donnerstag war der Straßenkarnpf in vollem Gange. Panzerautomobile, die alle in der Hand der Revolutionäre zu sein schienen, wechselten Schüsse mit Maschinengewehren, die von regierungstreuen Truppen bedient wurden. Das Passieren der Straßen war mit Lebensgefahr verbunden. Die Druckereien streikten, es boten sich freiwillig Journalisten und Setzer an, um ein tägliches Nachrichtenblatt herauszugeben, das die Bevölkerung über die Vorfälle auf dem lausenden erhalten sollte Die erste Revolutionszeitung erschien am Montagabend. Der Berichterstatter der „Times" will gehört haben, daß Offiziere, die regierungstreue Truppen koin- mand'-eiten, ihren Leuten sagten, alle Schwierigkeiten känien von den Deutschen. Darauf gaben die Soldaten zahlreiche Salven in der festen Überzeugung ab, daß sie gegen Deutsche kämpften. Dieser Zustand der Unsicherheit, meint der Berichterstatter, wird noch viel Blutvergießen verursachen. ehe die Ruhe in Petersburg wieder hergestellt sein würde.
Üter die Roll«, die die Arbeiterabgeordneten bei der Revolution spielten, meldet der „Times"-Bericht- erstatter: Die Beziehungen zu dem Exekutiv
komitee der Duma, das die ganze Nation vertritt, und der Arbeitervertretung, die sich ausschließlich für Berufsinteressen einsetzt, aber in einer Krise wie dieser eine enorme Macht entwickeln kann, hat zu nicht geringer Besorgnis Anlaß gegeben. Die gemäßigten Abgeordneten rechneten m:t der.Möglichkeit eines Konflikts zwischen oer provisorischen Regierung und der Arbeitervertretung, und eie Folgen eines solche» Konflikts hätten außerordentlich schwer sein können. Glücklicherweise sei diese Gefahr, wenigstens vorläufig, dank dem Einfluß des Zlbgeordneten Kerenski, des neuen Justizministers, a b g e w e n d e t.
Aus den Straßen wird noch immer gefeuert!
Nr. Amsterdam, 17. März. (Eig. Drahtbericht, zb.) Reuter meldet aus Petersburg von Mitternacht vom 15. auf den 16. März: Noch immer wird auf den Straßen gefeuert, da die Polizei sich durch Schüsse von den Dächern in ihren Schlupfwinkeln verrät. Findet man Polizeiagenten, so wird kurzer Prozeß gemacht. Überall sieht man rote Bänder, auch auf den Lanzen, Gewehren und Mützen der Soldaten. Fortdauernd sinden Umzüge aller Art sowohl von Truppen der Land- utrd Seemacht, als auch von Bürgern statt. Viele tragen Fahnen mit der Auffchrist: „Freiheit! Gleichheit! Brüderlichkeit!" — Die Banken sind wieder geöffnet. Es sind strenge Befehle erlassen gegen die Plünderer. Bon anderen Gemeinderäten und Semstwos laufen noch immer weitere Erklärungen zum Anschluß an die neue Regierung ein. Diese organisiert eine Hilfe der Dauern, die bereits in Aktion getreten ist.
Protopopofs und Stürmer noch am Leben!
Nr. Stockholm, 17. März. lEig. Drahtbericht, zb.) Die Petersburger Telegraphen-Agentur dementiert offiziell die Ermordung Protovopoffs und Stürmers sowie verschiedene andere Sensationsgerüchte. Auffallenderweise wird dir Ermordung Buchanans nichi dementiert.
Bon Protopoposss Schutztruppen.
Er. Amsterdam, 17. März. (Eig. Drahtbericht zb.) Der „Times" wird aus Petersburg vom 15. morgens gemeldet: Von den Truppen, die Protopopofs in
Petersburg konsigniert hatte, um jeden Aufruhr im Keime zu ersticken, wucüen 4 0 0 0 Ma n n gefangen, die übrigen halten sich verborgen.
Die augenblickliche Lage in Petersburg.
Er. Amsterdam, 17. März. (Eig. Drahtbecicht. zb.) Die „Times" meldet aus Petersburg vom Donnerstag, morgen- Die Stadt ist ruhig. Seit gestern ist viel Schnee gefallen, wodurch die Fahrt der vielen spracht- und Privatnutos, die jetzt in Regierungshände übergegangenen Lebensmittel nach den Kasernen und den Hospitälern bringen erschwert wird. Mehlzüge sind in Petersburg angekommen, aber in den Großbäckereien sind Schwierigkeiten entstanden. Die Restaurants sind seit drei Tagen geichlossen. Die Wohlhaben- den können sich keine Lebensmittel, die sie gewöhnt sind, verschaffen. Der ärmeren Bevölkerung fällt es dagegen leichter, da die Kleinkrämer die P reffe ffhr herabsetzten. . Es haben deutschfeindliche De- monstrationen stattgefunden. Bei hochgestellten Persönlichkeiten wurden Streiffmgen abqehalten. hauptsächlich bei solchen, die der Deuffchfreundlichkeit verdächtigt sind oder einen deutschen N amen oJl*x 5LiteI führe».
Neuer Luftangriff auf England.
W. T.-B. Berlin, 17. März. (Drahtbericht. Amtlich.) Am
16. März, vormittags, wurden Bahnhof und Schuppenaulage« von M a r g a d e von einem unserer Marineflugzeuge erfolgreich mit Bomben beworfen. Große Brände konnten vom Flugzeug aus feftgestellt werden.
Oie deutsche Note an China.
Nr. Paris, 17. März. (Eig. Drahtbericht, zb.) Pariser Blätter melden aus Pekrng: In seiner Antwortnote an China gibt Deutschland seiner Überraschung über die in der Protestnote Chinas enthallene Drohung Ausdruck und bemerkt, daß von allen Staaten, die Protesterklärungen abgaben, China der einzige ist, der eine Drohung ankündigte. Die Überraschung Deutschlands sei um so größer, erklärt die deutsche Note, als kein Schiff Chinas in den Sperrgewässern fährt. Was die Verluste von Menschenleben anlangt, so erwähnt sie diesen Umstand Deutschland gegenüber zum erstenmal. Cbinesen sind beim Ausheben von Schützengräben und anderer Kriegsarbeit getötet worden. Deutschland hat gegen eine derartige Verwendung von Chinesen protestiert, was seine ffeundschafllichen Gefühle Chinas gegenüber beweist. Indessen ist Deutschland bereit, so zu handeln, als wenn keine Drohung erfolgt sei, und ersucht China, auf seine Entscheidung zurückzukommen. Die Feinde Deutschlands waren die ersten, die die Blockade erklärten und beharrlich daran festhielten. Sind die normalen Beziehungen abgebrochen, so wird China nicht nur einen Freund verlieren, sondern sich auch unberechenbaren Schwierigkeiten gegenüber befinden. _
Die englische Botschaft als treibende Uraft zum Umsturz. Fortgesetzte Straßenkämpfe in Moskau.
lDrahtbericht unseres ^.-Sonderberichterstatters.)
8- Stockholm, 17. März, (zb.) Von der russischen Grenze erhalte ich weit:r folgende Drahtnachricht. Die Zustände in Moskau sind nach weiter jetzt in Petersburg einge- troffenen Nachrichten durchaus nicht nach den Wünschen der Revolutionäre. Die Truppen sind hier inr Verlauf nicht zu oen Revolutionären übergegangen. In der Stadt finden fortgesetzt Straßenkämpfe statt. Die Polizeitruppen halten sich gegen die Revolutionäre. Es wird jetzt bekannt, daß die Bildung des Revolutions- kab'netts unter lebhaften Streitigkeiten und Meinungsverschiedenheiten erfolgte. Zunächst stand nur die Ernennung des Fürsten Lwow zum Ministerpräsidenten fest; dagegen wäre es den Revolutionsmännern sehr angenehm gewesen, wenn Ssasonow das Ministerium des Äußern und Offiziere das Kriegs- und Marineministerium übernommen hätten. Au Ssasonow erging durch den Präsidenten der Duma ein Angebot, lvelches gleichzeitig von englischer Seite unter st ützt wurde. Ssasonow lehnte jedoch ab, von dieser Seite das Portefeuille ent- gegenzunebmen, ein äußerst bezeichnendes Symptom dafür, wie Ssasonow die tatsächlichen Machtverhältnisse und die Dauer der einoeleiteten Bewegung einschätzt. Ebenso war es dem Exekutivausschuß unmöglich, Offiziere für die Übernahme der beiden anderen Portffeuilles zu finden, über die englischen Intrigen, die als Triebfeder des ganzen Staatsstreichs angesehen werden müssen, geht jetzt eine Reihe authentischer Nachrichten ein. Am Revolutionssonntag fand nach Mitteilungen finnischer Blätter in der englischen Botschaft ein Bankett statt, wozu die im jetzigen Ministerium sitzenden Persönlichkeiten sowie eine Reihe von Dumamitgliedern der Blockfraktionen geladen waren. M j l j u k o w hielt hierbei eine längere Verbrüderungsrede, worin er Hervorhab, daß endlich die Stunde gekommen sei, wo Rußland ganz auf Englands Seite treten könne. Gleichzeitig gab der Botschafter B u ch a n a n seiner Regierung eine feierliche Versicherung ab, daß den Männern der Revolution niemals ein Haar gekrümmt werden soll. Die revolutionären Dumaangehörigen würden, falls das Spiel mit dem hohen Einsatz mißglücken sollte, von der englischen Flotte nach England gebracht werden, wo sie völlige Sicherheit finde» würden. Der Botschafter schloß seine Rede mit derr Worten: Diese Revolution ist die Krönung der englrsch-russtschen Freundschaft oder ihr Untergang. Diele Ereignisse spielten sich am Sonntag ab. Seitdem hat man von Buchanan nichts mehr gehört. Auf jeden Fall hat die englische Bots ch a stt
