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Verlag Langgasfe 21

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Samstag. 17. Marz 1917.

Oie Umwälzung in Rußland.

Die Abdankung des Zaren noch nicht ausgeführt?

Widersprechende Nachrichten über Abdankung nnd Aufenthaltsort des Zaren.

W. T.-B. London, 17. März. (Drahtbericht.) Mel­dung bei? Reuterschen Bureaus' Im Unterhaus erklärte Bonar Law bei Schluß der Sitzung in Beantwortung einer Anfrage, von der britischen Botschaft in Peters­burg sei ein Telegramm eingelaufen, das scststelle, daß die frühere Meldung von der Abdankung des Zaren und Ernennung des Großfürsten Michael zum Regenten nicht ganz genau zu fein scheine. Dir Abdankung des Zaren und Ernennung des Regenten sei noch nicht ausgeführt, obwohl das Exekutivkomitee einen dahingehenden Entschluß gefaßt habe. Ferner teilte Bonar Law mit, er habe ein weiteres Telegramm erhalten, nach dem der Aufenthaltsort des Zaren nicht bekannt sei.

W. T.-B. Amsterdam, 17. März. (Drahtbericht.) Ent­gegen der Mitteilung Bonar Laws im Unterhaus verbreitet ,ba§ Reuter- Bureau ein Petersburger Telegramm vom ,16. März, nach welchem der Zar zugunsten des Großfürsten jäü i d)ael abgedankt und seinen Thronrechten entsagt !habe. Der Zar habe das Oberkommando über die Armeen im Felde dem Großfürsten Nikolai übertragen.

Ausrufung des Thronfolgers Klexej zum 3aren.

Großfürst Michael Regent bis zur Mündig­keits-Erklärung feines Neffen.

W. T.-B. Stickhalm, 17. März. (Drahtbericht.) Das schwe- (difche Telegravhen-Bureau meldet ans London: AnS PeterS- bürg wird gemeldet: Der Großfürst Thronfolger Alexej ist |äum Aaren ausgerufen worden. 'Großfürst Michael «wird bis zur Mündigkritserklärung des Aaren die Regentschaft führe«.

Zarin und Thronfolaer geflohen?

Br. Genf, 17. März. (Eig. Drahtbericht. zb.)

[ Das „Journal de Genaue" verzeichnet gerüchtweise eine

- Meldung, daß die Zarin und der Thronfolger t mit unbekannter Bestimmung g e k l c h e n sind und k daß der Zar sich in der Umgegend von Moskau aufhalte.

Großfürst Nikolai Nikolafewitsch wieder zum Oberstkommandierenden ernannt.

I Großfürst Michael Alexandrowitsch entsagte seinem Thronrecht

IV. T.-B. Petersburg, 17. März, (Drahtbericht. Meldung

- der Petersburger Telegrapben-Aqentur.) Der Kaiser hat dem Großfürsten Nikolai Nikolajewitsch das Ober kommando der Feldarmee übertragen. Großfürst Michael Alexandrowitsch hat seinen Thronrechten entsagt. Der Minister des Äußern Miljukow erklärte, feine Äußerungen über eine einstweilige Regentschaft des Großfürsten Michael Alexandrowitsch und die Thron- folxe des Großfürsten Alexej gäben seine persönliche

' Ansicht wieder.

Die Proklamation der provisorische« Negierung.

' Weitgehende liberale Reformen verheißen.

IV. T.-B. Petersburg, 17. März. (Drahtbericht. Peters­burger Delegrophenagentur.) Die provisorische Regierung ^veröffentlicht folgende ProNamation:

§ Mitbürger! Der provisorische Vollzugsausschuß «er Reichsduma hat, unterstützt von der Hilfe der Garni­son und den Einwohnern der Hauptstadt, jetzt vollstän­dig den schädlichen Einfluß der alten Regierung » e b r , ch e n, so daß er jetzt zur festen Organisation der «vsführenden Macht schreiten kann. In diesem Augenblick ernennt der Ausschuß folgende Minister des testen nationale« Kabinetts, deren frühere öffentliche vnd politische Tätigkeit ihnen das Vertrauen deS Landes nchert. (Hier folgen di« gestern gemeldeten Nomen.) k Die neue Regierung will ihre Politik a»k folgenden «rnndsStzen aufbauen: 1. Allgemeine unmittelbare

A m a e st i e für alle Personen, die Verbrechen politischer >^er religiöser Natur begangen haben, darunter anch «Uroristische Handlungen, militärische Revolten und Ber­ochen gegen das L-rndwirtschaftsgesetz. 2. Meinungs­freiheit, Pressefreiheit, Vereins- und Ver- f»mmlun,sfreihert sowie Streike echt mit Aus­dehnung dieser Rechte auf Militärpersonen innerhalb der «renzen, die die militärischen und technischen Verhältnisse gc- aetten. 3. Abschaffung aller aus sozialen, reli­giösen vnd nationalen Gründen bedingte« Ei«, f^ednkuagen. 4. vnmittelbare Vornahme von Börde­lungen zur Einberufung einer konstitutionellen Aersammluag, die ans dem allgemeinen Stimm­recht beruht, eine Regierung einrichten und die Verfaffung ^nehmen soll. 5. Die P , l i z e i i n st i t u t i» n wird durch

»»ti,,»l« Min« «it,e»Stzlte» Chefs, die der ,

Abendausgabe.

! Leitung der Selbstverwaltungen unterstellt sind, ersetzt. 6. Tie kommunalen Wahlen finden auf Grund des allge­meinen Stimmrechts statt. 7. Die Truppen, die an der revolutionären Bewegung beteiligt waren» sollen nicht entwaffnet, sondern in Petersburg konsigniert werden. 8. Abschaffung aller Einsch-ränkungen für die Soldaten hinsichtlich der sozialen Rechte, die andere Mit­bürger besitzen, doch nur unter der Bedingung einer strengen militärischen Disziplin im aktiven Dienst.

Die provisorische Regierung legt Gewicht darauf, hinzn- zufügen, daß sie nicht beabsichtigt, den Kriegszustand zu benutzen, um die Durchführung der oben genannten Refor­men aufzuschieben.

Eine Monarchie mit stark begrenzten monarchischen Rechten?

Sr. Haag, 17. März. (E'g. Drahtbericht, zb.) Aus Peters­burg wird über London gemeldet, man erwarte in wenigen Tagen die Proklamation einer Monarchie mit verfassungs­mäßig stark begrenzten Rechten des Monarchen. Der Sieg des Volkes sei vollkommen. Das bedeute die energische Fort­führung des Krieges.

Eine konstituierende Versammlung nach ««gemeinem Wahlrecht?

W. T.-B. Petersburg, 16. März. Die Arbeiterver­treter im Exekutivkomitee der Duma haben ein. Überein­kommen erzielt, daß eine konstituierende Versammlung einberufen werden soll, die auf der Grundlage des allge­meinen Wahlrechts zu wählen ist.

Der Vollziehungsausschuß der Reichsduma.

W. T. -ß. Kopenhagen, 16. März. Der von der Reichsduma eingesetzte Bolia'.eyuiigsausschuß besteht aus folgenden Per­sonen: dem Vorsihend-n der Reichsduma Rodzianko, dem

Führer der sozialdmeokratischen Reichsdumafraktion Tscheioze, dem Führer cer Arbeiterpartei KerenSki. dem Kadetten- fuhcer Miljukow, dem Angehörigen der Oktobristenfraktion Oberst Engelhardt, dem Vizepräsidenten der Reichsd-nna, dem Kaeetten Konowaloiv.' dem Kosakenoffizier Karaulow, dem ersten Reichsdumasekretär Dmitrijukowo, dem zweiten Rcichsdumasekrcrör Rcchowski, dem Oktobristenfüheer Schid- lowski, dem Kadetten Rekraffow, dem Führer der gemäßigten Oktob eisten Fürsten Lwow und dem Führer der linken Natio­nalisten Schulgm.

Die an drängende sozialistische Revolution.

Sr. Kovenhagen, 17. März. (Eig. Drahtbericht, zb.) Dem neuen russischen Ministerium wird in hiesigen unterrichteten Kreisen keine lange Lebensdauer gegeben. Auch dieser letzte Versuch, die unaufhaltsam andrängende demokratische Revolution in Rußland für die Fortsetzung des Krieges auszunutzen, wird als aussichtslos betrachtet. „Politiken", das Fühlung mit den russischen Sozialisten hat. bemerkt, daß die Sozialisten künftighin in der Duma scharfe Opposition machen werden. Der Regierung wird es dann sicher nicht leicht werden, die einmal bewegten Arbeitermossen zu befriedigen, mit deren Unter­stützung sie doch eigentlich siegte. Das empörte Volk rief während der Hungerrevolte nach Brot, aber Brot hat auch die neue Regierung nicht. Wenn also die Arbeiter­massen sich bei Verlängerung des Krieges auflehnen wer­den, dann wird erst wirklich eine Revolution aus- brechen. Ke re «Skis Gegenwart als Aktivist im neuen Staatsministerium habe nichts zu bedeuten, es sei denn, daß auch dieses Kabinett gestürzt werde und die extreme Linke ans Ruder käme, wobei Kecenski eine führende Stellung zu­kommen werde.

Weitere neue Einzelheiten über den Hergang der Revolution.

Blutige Straßenkämpfe bis zum Dienstag!

W. T.-B. Kopenhagen, 16. März. Über die russische Revo­lution und ihre Entwicklung erfährt der Korrespondent der „Politiken" aus Hcparanda eine Reihe von Einzelheiten, in denen es ,i. a. heisst: Die Revolution wurde am Donners­tag mit Stratzenkundgebung-n eingeleitet, die die Behörden nicht zu unterdrücken vermochten. Am Freitag und Samstag ereigneten sich ernste Zusammenstöße zwischen Gendacuien und Volksmenge. Auch Militär schntt ein und schoß auf das Volk; eirwgroße Anzahl Personen wurde getötet und verwundet. Am Sonntag ging ein großer Teil des Heeres zu den Revolutionären über, worauf eine förm- l r che S ch l a ch t zwischen den Regierungstruppen und den Truppen der Revolutionäre entbrannte. Die letzteren wur­den durch zahlreiche Zivilisten unterstützt, die mit Gewehren und Revolvern ausgerüstet waren. Die Regiertings- truppen setzten sich im Mittelpunkt der Stadt fest. Sie beherrschten alle Hauptstraßen und beschossen das Volk mit Maschinengewehren und Gewehren. Die Revoiurionäre be­herrschten die anOete Newaseite und rückten von dort über die Newabrücken trotz heftiger Beschießung vor. Auf beiden Seiten gab es zahlreiche Verluste. Auch noch am Montag, nachdem bereits der Aufruf der Duma ver­öffentlicht war, dauerten die Straßenkämpfe an. Erst c-m Dienstag hörten sie größtenteils auf, da zehn weitere Regimenter, die den überwiegenden Teil der Garnison aus­machten, zu den Revoluticnären übergingen. Die Revo­lutionäre hatten ihr Hauptquartier beim Finnischen Bahnhof «ifgeschtage» tfnb beherrschten Don dort ine Verbindungen

Nr. 140. ♦ 65. Jahrgang.

mk dem Ausland über Finnland. Seit Montag ist von dort kein Zug mehr abgefahren, mit Ausnahme eines Jn» validenzuges, der gestern in Tornea eintraf. Di« Gen­darmen, die den Zug begleiteten, waren vor der Abreise aus Petersburg von den Revolutionären ihrer Waffen beraubt worden und machten einen bedauernswerten Eindruck. S» teilten mit, die Revolut'onäre hätten die Insassen des Krastw gefängnisses freigegeben.

Die Reisenden, die gestern in Haparanda eintrafen, kamen nicht aus Rußland, sondern aus Finnland, oas mit Rußland kerne Verbindung mehr hat. Ein Augen­zeuge der Vorgänge in Petersburg berichtet, daß am Sonntag der b l u t i g ft e K rmpftag gewesen sei. Die Regierungstruppen hätten in Schützenlinien Aufstellung genommen und von der Kasankirche aus die Straßen beschossen. Auch am Montag waren alle Straßen und Kais von erregten Volksmaffen angefüllt. Militär- automobile, in denen Soldaten und Arbeiter Seite an Seite saßen, fuhren durch die Straßen. In einigen von ihnen be­fanden sich Dunmmitglieder, die an die Volksmassen An­sprachen hielten und den Aufruf des Exekutivkomitees ver­lasen. Alle Straßen bis in die Vorstädte waren von be­waffneten Menschenmassen angefüllt, die singend vorwärts drangen. Selbst Frauen und Knaben waren an diesen Tagen mit Revolvern bewaffnet.

Die SBo , f§hntt ncac’» btt Gendarmen.

W. T.-Bt Stockholm 17. März. (Drahtbericht.) „Aston- bladet" berichtet: Überall in den Straßen Petersourgs liegen Leichen von erschossenen Gendarmen. Alle Gen­darmen. die sich auf der Straße zeigten, wurden ohne Gnade nredergeschossen.

Gehorsanrsverweiaernnq der finnländischen Garnisonen.

ytT. Stockholm, 16. März. lEig. Drahtbericht, zb.) Aus Haparanda wird gedrahtet, daß die finnländischen Garni­sonen, die teilweise von der provisorischen Regierung nach Petersburg beordert wurden, den Gehorsam verweiger­ten untz^ill-McW-.Garnisonen in Finnland v e r b l i e b e.ii.

ssortdaner der blutigen Kämpfe in Moskau.

Laut Depeschen aus Haparanda dauern in Moskau die blutigen Kämpfe fort. Der Oberbefehlshaber des Moskauer Militärbezirkes Rroffowski lehnte die Unterordnung unter die neue Regierung ab und weigert sich, die Gewalt aus den Händen zu geben.

Schweizerische Venrteilung der russischen Revolution.

(Drahtbericht unseres Kr.-SonüerberichterstatierS.)

Kr. Genf, 17. März, (zb.) Die „Tribüne de Geuöve" er­fährt aus Bern, man glaube in maßgebenden Kreisen, die Revolution werde zwar schwerwiegende Folgen für Rußland haben, aber keine direkte Rückwirkung.

Die Freude in England.

Lord Milners vergebliche Einwirkungsversnche nuf den Zaren.

Lr. Rotterdam. 17. März. (Eiss. Drahtbericht. zb.) Der „Nieuwe Rotterd. Courant" meldet aus London: • Die englischen Blätter jauchzen über die Erfolge in Rußland. „Daily News" und „Manchester Guar­dian" erklären, dieses Ereignis sei der schwerste Schlag, der im Kriege Denffchland zttgetügt wurde (>). „Manihester Guardian" teilt mit, es sei nunmehr be­kannt geworden, daß die Reise Lord Milners nach Ruß­land den Zweck hatte, Kaiser und Duma zu versöhnen. Sein Einigungsversuch, eine oarlamentai-iiche Regierung einzuführen. wurde vom Kaiser abge° lehnt. Mikner habe daranf vorgeschlagen,

S s a s o n o w mit der Bildung eines neuen Kabinetts zu beauftragen, auch diesen Bonchlag lehnte der Zar ab. Ebenso seien alle weiteren Lölungsveftuch«, die Milner unternahm, um den Aufstand zu verhindern, vergeblich gewesen.

Die Meinung in Frankreich.

W. T.-B. Bern, 16. März. (Drahtbericht.) Die Pariser Presse meint, die Krisis in Petersburg sei zu sehr zugespitzt, um noch länger andauern zu können und hofft, daß der Zar (der inzwischen bekanntlich abgedankt ist. Schristl.) in Über- einstimmMg mit der Volksvertretung und dem Volk eine schnelle Lösung finden wird. Der „Temps" und die „Humanste" sowie der ehemalige Minister Raymond in der „L'Oeuvre" heben den Ausspruch Miljukows hervor, daß Rußland nötigenfalls den Sieg auch gegen den Willen der Regierung erreichen werde. Es sei dies eine besonders kenn- zeichnende Erklärung und beinahe ein Revolutionspcogramm gegen eine Regierung, die dem Volkswillen nicht Rechnung tragen wolle. „Journal des Döbats" meint, die Krisis sei auf Mißverständnisse zurückzufiihren. Es sei noch nicht alles verloren. In- der „Victoire" wird ein ven der Zensur stark zufammengestrichener verspätet eingetroffener Brief ans Petersburg veröffentlicht, wekck^r zu dem Schluß kommt, Inch, so lange nicht ein dem Volksempfinden gemäß gebildetes Kabinett in loyaler Weise mit der Duma Sand in Hand arbeite, die Lage in Rußland unklar bleiben werde. ES. sei gefährlich, die Augen vor der Wahrhest zu verschließen SS gebe eine russisch« ««fahr.