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Zreitag, 16. März 1917.
Morgen-Ausgabe.
Nr. 137. . 63. Jahrgang.
Der Umsturz in Petersburg — «in Streich der Ln!ente.
vke Anzettelung des englischen votjchafters vuchanan.
fVon unseres Berliner Abteilung.)
L. Berlin, IS. März. (@ig. Drahtbericht, zb-) In hieji- gen politischen Kreisen überschätzt man nicht die B e - deutung des Regierungssturzes in Petersburg, aus dessen Kommen man durch die Reutermeldungen der letzten Tage einigermaßen vorbereitet war. Die Londoner und Pariser Presse durfte seit acht Tagen zensurfrei Artikel über die Lage in Rußland bringen, welche zeigten, wie durchaus siegesgewiß Botschafter B u ch a n a n seinen großen Putsch erwartete. „Times" und „Temps" richteten die beleidigendsten Angriffe gegen Protopopoff und Stürmer, die in ibrem Kampf gegen die Duma unterliegen würden. Ministerpräsident Galizyn wurde als schwächliche Persönlichkeit abgetan. Die Parole war aus- gegeben, als geschehe der versprochene Umsturz nicht geg-.n den Zaren, der in letzter Zeit der Duma Beweise feines Wohlwollens gegeben habe. Die revolutionäre Regierung, die dem Zaren aufgezwungeu wird, soll für ihn geradezu eine Freude sein. Das Volk klärt Väterchen über seine Wünsche auf. Aus den Besprechungen in der Ententepresse geht auch hervor, daß Sir Buchcman der Mitwirkung der Militärbehörde in Petersburg sicher war. Als M i l j u - kow vor Weihnachten feine erste Revolutionsrede in der Duma gehalten hatte, waren der Kriegs- und der Mavine- mrnifter auf chn zugeschritten und hatten ihm die H ä n de g e s ch ü t t e l t. Die britische Botschaft war zu einer ArtzweitenHauptftadt jetzt geworden. Gewisse hohe Generale hatten sich von dem Botschafter überzeugen lassen, Protopopoff wolle den Frieden unter schimpflichen Bedingungen und unterhandle mit den Mittelmächten, wovon natürlich kein Wort wahr war.
Ob sich der Zar die Bevormundung durch die Duma gefallen lassen wird, ob es zu einem Gegenstoß kommen wird, mutz abgewartet werden. Gegenwärtig triumphiert die Entente über ihren Streich. Wir aber dürfen die Auffassung hegen, dass sich, was den Krieg selbst anbetrifft, nichts geändert hat. da die revolutionäre, sowie die frühere Regierung nicht an einen Frieden dachten. Eine andere Frage ist freilich, obderExekutivausschutz der 12 Dumaak'geordneten der H u n g e r s n o t in den Grotz- städten abzuhel,en vermag. Das ist unwahrscheinlich, da die Verkehrsschwierigkeiten im grossen Rutz- land zu einer unentwirrbarenKatastrophe geworden sind. Hierüber liegen uns sehr genau Nachrichten vor.
. Die Revolution hat aber im Volk als hauptsächlichste Ursache die grimmen Leiden, di« es nicht mehr länger ertragen will. Aus dieser Unzufriedenheit zieht die Duma den Nutzen, sich zum Herrn der Lage aufzuschwingen. Vielleicht. unterschätzt sie die Friedensftrömungen, die in den von Mutopfern furchtbar heimgesuchten russischen Volk tatsächlich vorhanden sind. Alles in allem war der von der Entente geförderte Umsturz eine Verzweiflungstat, die zu furchtbaren Enttäuschungen führen kann. Mit Gelassenheit hegt aber das deutsch? Volk seine deutschen Hoffnungen am besten auf die Schärfe seiner eigenen Waffen.
Ausdehnung der Revolution auf Moskau, Rafan, Charkow und Odessa.
Frankfurt a. M., 15. März. Die „Franks. Ztg." «leidet aus Stockholm vom 15. März: Die Stadtverwaltungen von Moskau, Kasan, Charkow und Odessa erklärten telegraphisch ihren Anschluß an den Petersburger Wohlfahrtsausschuß und konstituierten sich als Ausschüsse der inneren Befreiung Rußlands.
Die Ursachen Ler Aufstanbsbewegung.
Große Streiks verschiedener Arbeitergruppen in Petersburg und Moskau. — Nikolai Nikolajcwitsch im Hintergrund?
Br. Berlin, 15. März. (Gig. Drahtbericht, zb.) Die Blätter bringen Nachrichten über die Ereignisse, die im weiteren Verlauf zur Revolution führten. In einer Drahtung des „Hamburgischen Korrespondenten" aus Stockholm heißt es: Auf Anordnung des Münsters des Innern Protopopoff kamen in der Zeit vom A. ibis 6. März täglich durchschnittlich 90 Eisenbahn
wagen mit Lebensmitteln nach Petersburg, obgleich mindestens 370 erforderlich waren. Die Mitglieder der Arbeitervereinigungen, die sich am Generalstreik beteiligt hatten, erhielten nur sehr geringe Lebensmittel oder gar keine. Am 8. März legten die Transport- und Metallarbeiter die Arbeit nieder. Am 10. Marz schlossen sich auch die Drucker der Auf- standsbewegung an, so daß die Zeitungen ihr Erscheinen einstellten. Am selben Tag streikten insgesamt die Transportarbeiter, Metallarbeiter, die Arbeiter der Putilowwerke, die Arbeiter der Werkten, die Textilarbeiter und die Arbeiter der chemischen Industrie.
Auf den Plätzen und in den größten Straßen der Stadt lagern Truppenaiifgebote, die große Wachtfeuer angezündet haben, welche gleichzeitig die Straßenbeleuchtung bilden. Man fürchtet den Ausbruch überaus gefährlicher Straßenkäinpfe. Wilde Gerüchte verbreitet sich von Petersburg aus Es heißt, daß vier Personen auf den „Inseln" verhaftet wurden, die beabsichtigten, ein Attentat gegen Protopopoff auszufilhren. Auch in Moskau ist erneut der Generalstreik ausgebcochen. Hier kam es zii ernsthaften Ereignissen. Zahlreiche Lebensmittelläden sind von einst revoltierenden Menge geplündert worden.
In der „Voss. Ztg." heißt es in einer Besprechung des Sieges der Revolution: Im Hintergrund der Probleme, die die Revolution aufgeworfen, ragt ein Schatten hoch, der möglicherweise bald körperliche Gestast gewinnen und sich in den Vordergrund der Bühne drängen wird: Der Großfürst Nikolai
Nikolajewitsch, dem man nicht erst seit gestern nachsagt, daß ec nur aus die Revolution warte, um sich an die Spitze zu stellen und dem man sogar zutraut, die Revolution selbst zu entzünden.
Der Eindruck in Schweden.
W. T.-E. Stockholm, 15. März. (Drahtbericht.) Die Revolution in Rußland steht im Mittelpunkt des Interesses. „Stockholms Tidningen" erfährt aus Haparanda, daß ani letzten Sonntag keine Zeitungen mehr in Petersburg erschienen sind, außer dem Organ des Finanzministeriums i>vd der Zeitung „Sojet". — Von den schwedischen Blättern stellen nur wenige zu den neuen Ereignissen Betrachtungen an, da das Petersburger Telegramm nachts 2 Uhr eintraf. „Stockholms Tidningen" nennt eine siegreiche Revolution ein welthistorisches Geschehnis von unübersehbarer Tragweite. Ausserdem erklärt das Blatt, es sei auffcllevd, dass das Telegramm mit keinem Wort den Zaren erwähne. Das verstärke den Eindruck, daß sich die Revolution keineswegs gegen die Monarchie richte, wohl aber gegen die Gewaltherrschaft, die im gegenwärtigen Augenblick außer Kraft gesetzt sei.
Oie militärische tage.
(Von unserer Berliner Abteilung.)
L. Berlin, 15. März. (Eig. Druhtbericht. zb.) Seit Beginn der Woche hat, was eine Übersicht über die zu den Heeresberichten eingetrofsenen Zusatzmeldungen besagen, auch weiterhin die Frontzurücknahme an der Ancre im Vordergrund des Interesses gestanden. Die Ängstlichkeit der Engländer hat eher noch zugenommen. Kaum, daß die britische Linie stellenweise seit Sonntag um einen Kilometer vorkam. Überall, wo die feindlichen Patrouillen etwas rascher vorzurücken versuchten, wurden sie mit schweren V e r l u st e n abgewiesen. Am 12. März südlich von Arras, am 13. bei Achiet-le-Petit und Erevillers hatte der Engländer Mut zu ausgedehnteren Bewegungen gefaßt, wurde aber sogleich zum Stehen gebracht und übel zugerichtet. Die Aussagen der recht zahlreichen Gefangenen gingen darin überein, daß die Engländer die gewaltigen Schwierigkeiten erkannt haben, die zu überwinden sind, um der anscheinenden Verlockung von deutscher Seite, geräumtes Gebiet in Besitz zu nehmen, zu folgen. Auch für die Franzosen ist. wie man annehmen muß, noch nicht der Zeitpunkt für die durch eine Havas- note versprochenen „wichtigen Ereignisse" gekommen. Am 11. und 12. März hatte man zwar in verschiedenen Abschnitten heftigeres Artilleriefeuer und auch stärkeren Erkundungsdienst seststellen können; besonders lebhaft an der Avre und Life, in der Champagne und auf beiden Maasufern, aber es entwickelte sich daraus nichts Großes.
Ganz außerordentlich befriedigend waren wieder, die Ergebnisse unserer Fliegergeschwader, die (\m 10 ittth 1 o QQWmm Ait Ssixnxan n 5 A JT.it .a „iitth
Fesselballons abschossen. Erinnert man sich daran, daß früher ein Tagesergebnis von vier feindlichen Flugzeugen schon als sehr hoch betrachtet wurde/ dann kann man abmessen, wieviel leistungsfähiger jetzt unsere Kampfflieger sind.
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Der deutsche Abendbcricht vom 15. März.
W. T.-B. Berlin.. 15. März, abends. (Amtlich. Drahtbericht.) Vom Westen und Osten nichts Besonderes zu melden.
Hfterreichisch-ungarischer Tagesderlcht,
W.T.-B. Wien, 15. März. (Drahtberichi.) Amtlich verlautet vom 15. März, mittags:
Östlicher Kriegsschauplatz.
Heeresfront des Generalobersten Erzherzog Joseph. Außer stellenweise lebhafter feindlicher Artillerietätigkeit keine Ereignisse von Belang.
Heeresgruppe des Generalfeldmarschalls Prinz Leopold von Bayern.
Nördlich Stanislau-Solotwien brachten unsere Stoßtrupps von erfolgreichen Unternehmungeil 106 Gefangene. 6 Maschinenegewehre und
1 Minenwersec zurück.
Italienischer Kriegsschauplatz.
Der Artilleriekampf lebte an einzelnen Frontabschnitten wieder auf. An unterer Front nördlich von A s i a g o drangen heute früh Abteilungen des Infanterieregiments Nr. 27 durch Schneetunnels in die feindlichen Gräben östlich des Monte Forno ein, zerstörten die Unterstände, fügten den Italienern ansehnliche blutige Verluste zu, erbeuteten
2 Maschinengewehre und machten 22 Alpini zu Gefangenen.
Südöstlicher Kriegsschauplatz.
An der Vojusa keine besonderen Ereignisse.
Der Stellvertreter des Chefs des GeneralstabS: v. Höfer, FeldmarschaUeutnant.
vie ttrisis in Frankreich.
Rücktritt des Kriegsministers Liautey.
W. T.-B. Paris, 15. März. (Agence Havas.) Infolge der Ereignisse in der Kammer ist der Kriegsminister General Liautey von seinem Amt zurückgetreten.
Stürmische Austritte in der französischen Kammer.
Die Lage äußerst verworren.
(Drahtberichi unseres Kr.-SonderberichterstatterS.)
Kn Genf, 15. März, (zb.) Über die grosse skandalöse Kammersitzung, die den Rücktritt des Kriegsministers Stautet) zur Folge hatte, bringen die Lyoner Blätter folgende Einzelheiten: Es kam gestern zu grossen Stur m-
s z e n e n gegen General Liautey. Die Sitzung begann mit heftigen Angriffen der Abgeordneten Raoul, Angles gegen die heillose Misswirtschaft im französischen Flugwesen, die zw e i verschiede'ten Direktoren untersteht, einem für die K r i e g s z o n e und einem für das Hinterland. Hierdurch werde jegliche Verantwortung ausgeschaltet. Die Regierung verfüge über 42 verschiedene Typen von Flugzeugen, aber keines besitze genügende Schnelligkeit im Aufstieg. Die Deutschen besäßen bessere Typs von.Flugzeugen und brauchten nur sechs Monate für ihre Herstellung. ___
Kriegsminister Liautey hielt eine scharfe Rede und behauptete, jede Aufklärung verweigern zu müssen. Er könne auch in der Geheimsitzung nicht sprechen, weil er cs vermeiden müsse, die nationale Verteidigung zu gefährden. Auf allen Bänken der Linken entstand ein furchtbarer Lärm. Die Sozialisten verlangten, dass der Kriegsminister zum Ordnung gerufen würde. Die Radikalen riefen: „Das ist eine Beleidigung des Parlaments".
Renaudel, der Führer der regierungstreuen Sozialisten verlangte den sofortigen Wiederbeginn der geheimen Sitzungen. Sein Antrag wurde angenommen Nach der dritten Wiederaufnahme der öffentlichen Sitzung waren die Bänke der R e g i e r u n g l e e r. General Liautey hatte es in der geheimen Sitzung ab ge lehnt, das Wort zu ergreifen Die einfache Tagesordnung wurde einftimmtg angenommen, womit sich die Regierung einverstanden erklärte, obschon ler Verzicht auf ein Vertrauensvotum nach einer solchen Debatte dem Zugeständnis einer Nieder« laae aleichkani Die Lage ist Süssertt verworren.
