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Verlag Langgasse 21

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Mittwoch. 14. März 1917.

Kbend-klusgabe.

Nr. 134. ♦ -3. Jahrgang«

vernichtende vuma-llritik an der russischen Regierung.

Äußerliche Ruhe bei stärkster innerer Bewegtheit in derzweiten Reichsdumasitznng

W. T.-B. Kopenhagen, 13. März. Die Weite ReichS- dumcrsitzung, bot das gleiche Bild wie die vorhergegangene: Äußerliche Ruhe bei stärkster innerer Bewegtheit.

Der Sprecher der Kadettenfraktion Miljukow ver­urteilte die allgemeine politische Taktik der Regie­rung, deren Beziehungen zu Duma und Reichsrat weit ent­fernt van dem Wohlwollen und der Würde sind, die in dem Zarenreskript an Galizyn gefordert wurden. Seit dem Schluß der vorigen Tagung ist in der inneren Lage eine schwer­wiegende Änderung vor sich gegangen. Der innere Friede ! ist jetzt notwendiger denn je, da wir uns in dem entscheiden­den Abschnitt des Kriegs befinden. _ Das Land strebt nach einer inneren Organisation, doch die Regierung, die nur um die eigene Existenz besorgt ist, sieht in diesen Bestrebungen eine Gefahr für sich. Rittichs System der Lebens­mittelversorgung erbrachte gegenüber den Ergeb­nissen des gleichen Zeitraums im vorigen Fahre einen gro­ßen Mißerfolg. Die Lage ist ernst, wir wollen den ivah- ren Zustand des Landes nicht verschweigen. Sobald die G e - fahr entsteht, daß die Früchte der ungeheuren Volks - ■ Opfer durch die Unfähigkeit der Regierung vernichtet werden, wird das Volk sein Schicksal in die eigenen Hände nehmen. Überall hat jene patriotische Unruhe Platz gegriffen, die unsere Rettung sein wird. Sobald das Land zur Einsicht gelangt, daß mit dieser Regierung der Sieg unmöglich ist, wird es ohne sie zu siegen trachten.

Der Sprecher her Arbeitspartei K e r e n s k i j führte aus: Man erzÄstt uns, daß die Kräfte des.Feindes im Abnehmen sind, aber auch wir werden schwach. Die Stimmung der Volksmassen sinkt mit unheimlicher Raschheit, wir erleben in unserem Vaterland eine noch nie dagewesene Ver­wirrung. Das ganze Wirtschaftsleben des Landes ist ruiniert, es lst fo weit gekommen, daß die Kohlen- tran Sporte zwischen den einzelnen Gouvernements von bewaffneten Wacheabteilungen beschützt werden mußten. W,r befinden uns in dem gleichen Zustand wie Paris zur Zeit der großen Revolution; überall Desorganisation und Demoralisation. Stürmer, Ritt ich und Protopopow setzen die Arbeit Suchomlinows fort. Dieser desorganisierte den Ber- teidignngsapparat, jene desorganisierende Wirtschaft des Landes. Protopopow zerstörte die Organisation des gesell­schaftlichen Lebens und brachte die Presse in einen Zu­stand vollkommener Stummheit. Das Transport­wesen ist vollkommen desorganisiert, die In­dustrie vernichtet, die Regierung verwirklrcht die Theorie der Antimilitaristen, den Krieg durch Desorganisation und Zersrörung unmöglich zu machen. Kerensrkis wendet sich gegen die imperialistischen Kriegsziele des progressiven Blocks: „Ihr wollt als Resultat des Kriegs Kon­stantinopel, aber die anarchische Tätigkeit der Re­gierung schasst ganz andere Resultate; die Ze't ist vorbei, lda man aus unserem Lande einen Organismus schaffen konnte, de'' imstande gewesen wäre, Heldentaten zu vollführen. Fhr scharet euch um das Ideal des Imperialismus, im Ver­ein mit der Regierung bauet ihr Utopien und strebet un­erreichbaren Zielen zu, ohne die Lage des Landes zu beden­ken. Nach drei Kriegsjahren ist es endlich Zeit, diese Ziele zu liquidieren, wir müssen Bedingungen schaffen, daß unser Volk seine Meinung frei heraussagen darf, wie in Deutsch­land und England. Eure Äriegslosungeu und Er- oberungstendenzen werden voni Volk miß­billigt, das Volk will mitsprechen, wenn über senie Zu­kunft bestimmt wird. Lasset das Volk zu Wort komnien und ) teilet nicht das Bärenfell, bevor ,Jhr den Bären habt"

s • Der Sozialist Skobelew begründete die Inter­pellation wegen der Verhaftung der Arbeiter- gruppe des Kriegsrndustriellen Komitees und führte ans: Die Liquidation der Arbeitergruppe muß als Beginn der Vernickitung der gesellschaftlichen Lrgani- ! sationen überhaupt angesehen werden. In der jetzi­gen Zeit können die Arbeiter nicht schweigen, sie werden die Möglichkeit finden, ihren Willen durchzusetzen.

Bon den Pressestimmen über die zweite Dumasitzung ist , sehr bemerkenswert der Ausspruch des Kadettenorgans j ..Rjetsch". daß Kerenskij in der Frage der Kriegsziele zwar nicht die volle Zustimmung der Duma gefunden habe, daß jedoch in b r e i t e n D o l k s s ch i ch t e n sowie in gewissen Gruppen der Intelligenz Kerensktjs Standpunkt sehr populär sei. „Rjetsch" beklagt die Uneinigkeit der russi­schen Gesellschaft in solch wichtiger Frage. „Rnßkaja Wolja" kommt auf Rittichs Au s f ü h r u n g e n zurück und meint, Rittich hätte zwar das Bestehen eines Lebensmittelchaos nicht zugegeben, doch wirkten seine Mitteilungen im taurischen Palais über den Stand der Lebensmittelversorgung des Lau- des aus jeden beängstigend. Unser Fehler ist, schließt ! „Rutzkoja Wolja", daß wir uns einbilden, gegen den deut- jschen Militarismus zu kämpfen, gegen uns steht das ganze vereinigte gutdisziplinierte und klug- - Organisierte deutsche Volk.

Die Eisenbahnbrncke über die Newa durch Revolutionäre gesprengt?

Br. Kopenhagen, 14. März. (Eig. Drahtbericht, zb.)

Einer Nachricht zufolge, die „Dagens Nyheter" erhielt, ist die Eisenbahnbrücke über die Newa, welche Rußland und Finn­land verbindet, durch russische Revolutionäre ge­sprengt worden.

„Nieder mit dem Zaren! Gebt uns Frieden!"

Die schlimmen Ereignisse in Petersburg.

# Stockholm, 14. März. sD. zb.) In Schweden aus- Ruß­land eintreffende Reifende schildern die Steigerung der Er­regung der Massen in Petersburg, welche fast wie offene Revolution anzuseben gewesen wären. In der ganzen vergangenen Woche herrschte in der Mehrzahl der Fabriken Streik. Die Arbeiter begaben sich in die Fabriken, nahmen jedoch nicht die Arbeit auf. Überall fanden geheime A r b e i t e r v e r s a m m l u n g e n während der ganzen Woche statt. Außerdem wurden allenthalben in der Stadt die Lebensmittelgeschäfte geplündert, was die Polizei stillschweigend duldete. Nur in den Vierteln am Zarskoje-Seloer Bahnhöf, in der Gegend des Obwodnij- kanals, schritt die Polizei ein, wobei die Masse sich auf die Schutzleute stürzte und sie mißhandelte. Am Donnerstag verließen- jedoch tie streikenden Arbeiter die Fabriken und strebten in dichten Massen unter den Rufen: „Nieder mit dem Zaren! Gebt uns Frieden!', dem Stadtzentrum zu. Am Bolschajprospekt, dem Sam- scniewskiprospekt und dem Sabalkarskiprospekt und anderen Hauptstraßen jedoch wurden sie von schießenden Poli- giften in großen Massen enipfangen. Zahlreiche Arbeiter wurden getötet. Dies war das Signal des allge­meinen Aufrubrs.

Die Regierung versuchte zunächst eine Beschwichtigung durch die Reichst» uma. Präsident Rodzansko verlas auf Wunsch Galizyns eine Erklärung über Eröffnung der Sitzung, worin der Zusammentritt zu einer besonderen Be­ratung angekündigt wurde. Die Unruhen, heißt es in der Erklärung, welche wegen der Lebensmittelnot in Peters­burg und anderen großen Städten ausgebrochen sind, nehmen einen solchen Umfang an, daß sie sich besonders ernst zu gestalten drohen. Dies sind traurige unduldbcrre Ver­sündigungen in schicksalsschwerer .Kriegszeit. Weil eiligste Maßnahmen notwendig sind, tritt unter dem Vorsitz des Ministerpräsidenten eine außerordentliche Kon­ferenz zusammen, woran die bereits an der Landesver­teidigung arbeitenden Minister der Reichsräte, Präsidenten der Duma, teilnebmcu. Bereits in der Nacht vom Freitag zum Samstag flogen trotz dieser Beschwichtigung groß? Speicher der P a t r o n e n s a b r i k auf der Golavciostraße : n d i e L u f t. Am nächsten Morgen war in der Hauptstadt allgemeiner Aufruhr. Petersburg gleicht nach über­einstimmenden Schilderungen seitdem einem Kriegsschauplatz. Das Volk stürmt die Läden und öffentlichen Gebäude, die Polizei schießt, in den Hauptstraßen sind Maschinengewehre ausgestellt. Die Arbeit ist überall eingestellt. Vor Betreten der Straßen wird gewarnt, große Anschläge ermahnen dir Bevölkerung, zu Hause zu bleiben.

Das Manifest EhapalowÄ, er werde vor keiner Maßnahme znrückschrecken.

# Haag. 13. März, (zb.) Die offizielle Petersburger Meldung, daß alle aufrührerischen Bewegungen sofort gewaltsam unterdrückt werden sollen, steht im Gegensatz zu den beruhigenden Erklärungen, die neulich von Dumergue und anderen führenden Staatsmännern der Entente abge­geben wurden. Der Wortlaut des überall in Petersburg öffentlich verkündeten Tagesbefehls des Stadtkomman­danten Chapalow weist deutlich darauf hin, daß die Krawalle bereits wiederholt ein blutiges Ende nahmen und daß Überfälle aus Soldaten und Schutz­männer wiederholt torgekommen sein mußten. Der Er­klärung Chapalows, daß er vor keiner Maßnahme zurück- schrecken werde, um die Ordnung nach Möglichkeit aufrecht zu erhalten, folgte sofort ein Verlöt aller Tages­zeitungen.

Hungersnot im Militärbezirk von Minsk.

Br. Stockholm, 14. März. (Eig. Drahtbericht, zb.) Die Petersburger Telegraphen-Agentur veröffentlicht einen halv- amtlichen ^Bericht, aus dem hervcrgeht, daß im ganzen Militärbezirk von Minsk große Hungersnot herrscht und üec Generalgouvernenr genötigt war, gegen die zu Tätlichkeiten übergegangenen Massen aufs schärtstc vorzugehen.

Die Bauern wollen höhere Getreidcpreise.

— Berlin, 13. März, (zb.) In der Dumasitzung voni Samstag wandten sich die bäuerlichen Abgeordneten gegen die zu niedrig bemessenen Getreide hoch st Pr eise. Ein Abgeordneter kündigte an, daß die bäuerliche Bevölkerung unter diesen Umständen die Aussaat aufs äußerste ein- schränken werde.

Rus'ischc Ehrlichkeit.

# Haag, 13. März. (D. zb.) Aus Petersburg wird be­richtet, daß General Drashewski, der mit der Presse­überwachung beauftragt ist, wegen U n t e r s ch l a g u n g öffentlicher Gelder in Höhe von 390 000 HAel verhaftet worden ist

Oie Kriegslage im Osten.

(Drahtbericht uifteres Ni.-Sonderberichterstatters.)

Ni. Wien, 13. März, (zb.) Über die militärische Lage wird von zuständiger Seite mitgeteilt: An der O st f r o n t, ausgenommen in Rumänien, hält starkes Schneetreiben und Kälte (nördlich des Pripjet ging die Temperatur bis zu 27 Grad unter Null, südlich davon bis zu 20 Grad unter Null herunter) in unverminderter Stärke an. Die unaufhörlichen großen Schneeverwehungen haben jedoch die Regelmäßigkeit unseres Nachschubes und des Ver­bindungsdienstes nicht zu beeinflussen vermocht. An der Heeressront des Prinzen Leopold von Bayern gelang es Sturmabteilungen, im Narajowka-Abschnitt das ausgedehnte Netz der feindlichen Stützpunkte durch vorge­triebene Minen zu sprengen. Größere Kampfhandlungen fanden zunächst B r z e z a n y statt, wo die Russen mit mehreren Kompagnien in nächtlichem Angriff in die Stellun­gen der osmanischen Truppen einzubrcchen versuchten. An der Heeresfront des Erzherzogs Fist oh steht das Kampf­gebiet zwischen Uiz - und CzobanyoS-Tal im Mittel­punkt des Interesses. Nach Artillerie- und Minenwerfer- vorbereimng erstürmten die Truppen in raschem Anlauf zu­nächst die Höhe. Abteilungen eines deutschen Regiments schlossen sich dem Vorstoß an, der bald den ganzen Grenz­stollen in unseren sicheren Besitz brachte. Die Hohe wurde trotz aller Gegenangriffe fest behauptet. An der rumäni­schen Front beeinflußt das Tauwetter die Durchführung größerer Kämpfe. Das Donaueis ist bereits brüchig und der Strom nicht mehr passierbar. In Mazedonien macht sich bei milderem Wetter rührige Vorfeldbetätigung bemerk­bar. Größere Plänkeleien gab es nur an der Struma und am W a r d a r. Ein deutsches Luftgeschwader stieß ber Saloniki vor und griff große Munitionsmagazine an. Ausgedehnte Brände und eine große Explosion zeigten, daß die Kampfbereitschaft des Sarrailheeres aus der Lust ge­fährdet werden kann. Bei einem Hinterland, das schon gänzlich ausgesogen ist, mutz jedes Knapperwerden der Vor­räte überaus empfindlich berühren. An der albanischen Front ricktcten unsere Marineflieger in den Hafenanlagen von V a l o i! a starken Schaden an. Im großen okkupierten Raum hinter der albanischen Front geht die Wegbarmachung des albanischen Gebiets -nach vielmonatiger Arbeit dem Ende zu. Alle größeren Städte wurden durch breite Verkehrs- straßeii miteinander verbunden. Zahlreiche Feldbahnen uns Drahffeilbahnen sind gebaut worden, um den ungestörteii Traiisport der Materialien zu sichern. Diese Bahnnetze und Brückenbauten erforderten bisweilen die Überwindung ganz außerordentlicher Schwierigkeiten. Was die metho­dische gründliche Arbeit unserer Truppen hier geschaffen hat, ist ein dauerndes Kulturwerk.

Oer Tauchbootkrieg.

Ein belgisches Hilfsschiff im Sperrgebiet versenkt.

W. T.-B. London, 14. März. (Drahtbericht. Reuter.) „Lloyds Weekly News" melden aus Cork: Das belgische Hilss-- schiff „Storstad", ein norwegische« Fahrzeug, wurde von einem deutschen U-Boot bei hellem Tage ohne Warnung ver­senkt. Der Kapitän erklärte, daß die Deuffchen die HilfS- a b z e i ch e n auf den Seiten des Schiffes deutlich sehen konnten. Er bat den deutschen Befehlshaber, die Boote zu schleppen, doch gab dieser keine Antwort. Er sei vielmehr weg­gefahren und habe zu feuern begonnen. Einige Geschosse seien in gefahrdrohende Nähe der Boote gefallen. Zwei Boote mit etwa 30 Mann werden vermißt. Die „Storstad" ist das 'Schiff, daL am 29. Mai 1914 den Dampfer „Empreß of Jre- land" bei einem Zusammenstoß in den Grund bohrte. (Anm. dev Redaktion: Allem Anschein ist die Versenkung im S P e r r g e- b i e t erfolgt; dann aber war es kein ungewarntes Ver­senken, da vor ßem Befahren des Sperrgebiets grund­sätzlich g e w a r nt ist, und Schiffe, die dis Sperrgebiet befahren, dies auf eigene Gefahr tun.)

Dev Kampf zwischen einem Unlevseeboot und dem bewaffneten Tampfee „Alberto Treues".

An der marokkanischen Küste.

ch- Lugano, 14. März. (D. zb.) Über den vom italieur- schen Marineminister im Parlament erwähnten Kampf deS italienischen Dampfers „Alberto Treves" mit einem Unterseeboot erzäblt der erste Offizier des Dampfers: Auf der Fahrt Imn Neapel nach Buenos Aires sichtete der Dampfer am 15. Dezember rm Atlantischen Meer unweit der Marokkoküste ein als Segelschiff maskiertes 70 Meter langes Unterseeboot, dos scfcrt das Feuer eröffnete. Der Dampfer erwiderte und der Kampf dauerte, ohne daß eines der Schiffe getreffen wurde, von morgens bis nachmittags 8,20 Uhr.

Gesunken!

W. T.-B. Amsterdam, 13. März. Der britische Schoner „Moana" ist gesunken.

Tie mißglückte Aushungerung Deutschlands und die evsolgveiche Umkehrung der eng" lischen Waffe.

Berlin, 14. März, (zb.) In der „Nordd. Mg. Ztg." heißt es: In England gibt man sich den Hoffnungen auf die