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17. Jahrgang W7. «%» «*& «%*>
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Novelle von Wolfgang Remter, Dornbirn.
Flachdruck verboten.)
ine große deutsche Stadt. Dort, wo ihr Puls am stärksten schlug, in der breiten Straße, wo das regste Leben herrschte, vom ersten Milchwagen in grauer Morgenfrühe bis zur letzten Autodroschke lange nach Mitternacht, wo ein Strom von Menschen und Vehikeln aller Art unablässig hin- und herwogte, ohne nur eine Sekunde zum Stillstände zu kommen, wo der Lärm verworrener Stimmen und der tausend Räder wie dumpfe Brandung in die Wohnungen drang, stand ein hochfenstriges, zweistöckiges, altes ^aus, das schon dagestanden, als unten auf der Straße das behäbige, gelassene Leben der Biedermeierzeit vorüberwandelte.
Ulein, wie geduckt und verschüchtert, stand es zwischen seinen sechs- und achtstöckigen Nachbarn. Lin Repräsentant lange verschwundener Zeiten. Zu repräsentieren hatte es freilich streng genommen nichts mehr, denn seine Zeit galt heute nimmer, es.war nur mehr ein Überbleibsel.
So verschnörkelt und kraus seine Zierarten waren, es sah aus ihnen mehr Ruhe und Behäbigkeit, als aus den glattwandigen, gesucht einfachen, modernen Zinskasernen.
So stand das alte Haus in der neuen Zeit, die es mit ihrem ruhelosen Leben rastlos umbrandete, ganz einsam und voll sehnsüchtiger Träume um die Jahre, in denen es jung gewesen war.
Seit vor fahren seine alten Genossen zur Rechten und zur Linken niedergerissen worden waren und es mit ihnen nicht mehr die heimliche Zwiespräche tauschen konnte, war das alte Haus noch einsamer und lebenssatter geworden. So enge es mit seinen Nachbarn wand an wand verbunden war, eine tiefe, unüberbrückbare Kluft trennte es von ihnen.
)m zweiten Stock dieses Hauses, in hohen, kühlen, etwas düsteren Räumen wohnte Alotilde von Pert, kurz Tante Alotilde genannt.
Line wunderbare, verträumte Ruhe lag über den Zimmern, in denen leise und gütig Tante Alotilde herrschte, die überall den Stempel ihrer sorgenden und nimmermüden Hand trugen und in der wüste der großen Stadt wie eine blühende Gase waren.
Stets, ob der rauhe Nord durch die Straßen stürmte und Schneeflocken oder Regenschauer an die Fensterscheiben peitschte, oder ob eine heiße Hochsommersonne über dem Steinmeer glühte, waren in Tante Alotildes Zimmern Blumen, viele Blumen in zartbemalten, alten Vasen und Töpfen, Blumen, die sie sich mit glücklicher Hand selbst zog. Die Bilder ihrer Litern und Großeltern hingen in breiten Goldrahmen an der wand. Photographien von )ugendgespielinnen standen auf der altväterlichen Aommode neben zierlichen Nippes.
Tante Alotilde entstammte einem alten, seit Generationen in der Stadt ansässigen Großkaufmannshause, das heute noch, freilich in etwas veränderter Form, bestand und das ihre beiden Brüder, sowie der Mann ihrer Schwester leiteten.
Alotilde war fünfundvierzig und das jüngste der Geschwister. Trotzdem oder vielleicht auch deshalb war es gerade ste, die noch ganz in der Zeit ihrer )ugend lebte, in der behäbigen Bürgerzeit, während Brüder und Schwester der neuen Zeit lange schon ihren Tribut bezahlten.
Elftere waren moderne Kaufherren, letztere eine moderne Großkaufmannsfrau geworden. Nur Alotilde fand sich in der neuen Zeit nicht zurecht. Solange die Litern lebten, hatte sie keine Sekunde den Wunsch gehabt, das Vaterhaus mit einem eigenen Heim zu vertauschen. Sie war glücklich und zufrieden in den geliebten Räumen. Als Vater und Mutter rasch nacheinander starben, da . war ihr ganzes Sein mit der von ihr unbemerkt weit in den Hintergrund getretenen Zeit so fest verwachsen, daß sie, vielleicht auch wenn sie es wollte, keinen weg in die Gegenwart gefunden hätte. Aber sie suchte ihn gar nicht.
Als die Trauerzeit um die Litern zu Lnde war, behielt sie ihre dunklen Kleider an, denn wieder war ihr etwas Liebes gestorben. Das alte Vaterhaus wurde von den Brüdern niedergerissen und ein riesiger Neubau erhob sich an dessen Stelle, den Tante Alotilde nie, ohne daß leiser Groll in ihr aufstieg, sehen konnte. Die Brüder und der Schwager gründeten ein großes, modernes Warenhaus und Alotilde war es, als ob die alte, hochgeachtete Krina erloschen sei.
Rings in dem Stadtteile sanken die alten Däuser, eines um das andere. Nur das eine, in der breiten, belebtesten Straße, das einem alten, auf seinem Gute lebenden Baron gehörte, blieb stehen und in dieses zog 'Tante Alotilde mit all den Möbeln ihrer Eltern und all den Erinnerungen an sie. Zhren Geschwistern zürnte sie nicht, daß sie alles so geändert hatten, aber sie war ihnen innerlich fremd geworden, wie das alte Haus, in dem sie wohnte, mit seinen Nachbarn, trotzdem es mit ihnen eng verbunden war, nichts gemein hatte, verstand sie ihre Geschwister nicht und hatte sich von ihnen weit getrennt. Nicht die )ahre machten es, sondern die Anschauung und Auffassung des Lebens, die sie von ihren Litern geerbt und treu bewahrt hatte.
So gingen Monate, ja )ahre, ohne daß sie die sah, die ihr am nächsten standen. Nur ihre Nichten und Neffen kamen dann und wann, brachten von den Eltern gleichgültige Grüße und verbanden damit immer ein kleines Anliegen, das besonders die Neffen hatten, wenn ihr Monatswechsel allzufrüh verausgabt war.
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