Verlag Langgaffe 21
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Freitag» 2. März 1917.
klbend-klusgabe.
Nr. 112. ♦ 65. Jahrgang.
Unsere Uriegsziele.
O Berlin, 1. März.
Die sorgfältig gewählten Worte, mit Herren der Reichskanzler in der Sitzung vom Dienstag unsere Kriegszlere andeutete, müssen genau gelesen iverden. Der Reichskanzler forderte einen dauerhaften Frreden, „der uns Entschädigung gewährt für alle er- littene Unbill und der einem starren Deutschland em gesichertes Dasein und eine gesicherte Zukunft bietet". Das scheint nur eine Umschreibung der Kciegszrete zu sein, die der verantwortliche Staatsmann am 12. De- zember in Umrissen benannte, aber es steckt mehr darin, wir haben es mit einer Erweiterung gegen da- : mals zu tun. Indem der Reichskanzler „Enycyadigung für alle erlittene Unbill" verlangt, lägt er es ireMch ungewiß, ob damit Landabtretunoen oder die Zahlung von Kriegslasten gemeint sind, aber diese Ungewißheit wird überbrück: durch die Sicherheit, daß so oder so Leistungen der Feinde werden beansprucht werden, die g uns für die gebrachten ungeheuren Opfer wirtlich und sehr real entschädigen. Darüber sind wir uns wohl in allen Lagern einig, daß die Friedensbeüingungen vom s 12. Dezember heute durch die Ablehnung unseres Frre- | densangebots und durch die uns auferlegten neuen I schweren Kämpfe und Opfer iiberholt sind. Der ' Reichskanzler krauchte das nicht zu sagen, indessen war » es gut, daß Spahn, Wiemer und Grus Westarp es sag- { ten, und wenn der Abg. Scbeidemann euren anderen k Ton anschlug, so lassen wir uns nicht von der Uber- I zcugung abdrängen, daß auch er und dre überwiegende Mehrheit seiner Partei stärkere Bürgschaft kür einen I. dauerhaften Frieden nur in der gesteigerten Sicherung M unserer Macht erblicken werden. Wäre es anders, so k käme es ja darauf hinaus, daß die Feinde förmlich ein- geladen werden, ihren Überfalls auf ein nicht etwa stärkeres, sondern trotz seiner siege namentlich Wirt- » schaftlich und finanziell schwächeres Deut'chland bei nächster Gelegenheit zu wiederholen. Das kann nicht die Meinung besonnener deutscher Männer «ein, und sie ist es auch nicht. Herr Scheidemann berief sich auf den Grafen Tisza, dessen Erklärung: der Krieg werde keine Minute länger geführt werden, als zur Rettung von Leben, Sicherheit und Taseinsinteressen notwendig sei beträchtliche und sehr berechtigte Aufmerksamkeit bei' uns erregt hat. Aber wo ist denn gesagt, daß der ungarische Ministerpräsident damit gerade das aus" drücken wollte, was nicht ein>nal Herr Scheidemann zum Endergebnis haben möchte, obwohl er sich — immer so anstellt, als möchte er es? Es kann doch schließlich kein Schaden dabei sein, wenn die feindliche und die neutrale Welt erfährt, der Vierbund verschmähe den Wettbewerb mit den wahnsinnigen VernichtungS- forderungen der Gegner und bleibe in den Grenzen der Mäßigung. Was, wenn es erst einmal zu Verhand- lungen kommt, als Grundbedingung unserer Sicher- heit und unserer Daseinsinteressen notwendig ist, darüber wird der ungarische Staatsmann nicht anders f denken können als unsere Reichsleitung und als unsere überwältigend einheitliche Volksstimmung. Wäre es zu glauben, daß sich die Donaumonarchie mit der bloßen | Wahrung ihres Besitzstandes begnügte und nicht in Serbien, Montmegro und Rumänien Sicherungen beanspruchte, ohne welche der äußerliche Besitzstand wieder nur in die furchtbare Gefahr einer Wiederholung der früheren Unterwühlungen geriete? Liegt das Interesse Österreich-Ungarns an der Befestigung seiner Geltung im Süden des Adriatischen Meeres und an der von russischen Umtrieben befreiten Verbindung über das befreite und stärker aufzurichtende Bulgarien zum Ägäischen Meere und zu den Meerengen nicht offen zutage? Läßt es sich vorstellen, daß man in Wien und Budapest nicht verstehen soll, was für uns die Stärkung unserer Westfront gegest England und Frankreich bedeutet, gleichgültig, durch welche Mittel diese Stärkung bewirkt wird? Wie die österreichisch.ungarischen Kriegsziele, die Zertrümmerung der Hindernisse, welche die Donaunwnarchie von ihrem natürlichen wirtschaftlichen wie kulturellen Wirkungsgebiete im Südosten trennen, zugleich unwre eigenen Kriegsziele sind, so liegt es umgekehrt auch, so daß unsere Forde- | rungen gegenüber England und Frankreich, erst recht
aber unsere Forderungen nach der russischen Seite hin, j zugleich österreichisch-ungarische sind und bleiben
I müssen. Das wgen wir nicht, um an den Worten des
| Grafen Tisza Kritik zu üben, vielmehr sind wir der
f Ansicht, daß diese Worte außerhalb jeder spintisierenden
r Kritik stehen und nur eben richtig verstanden sein
I wollen. Geschieht das, so haben sie einen ganz anderen
I als den Sinn, den ihnen, ablehnend wie zustimmend,
1 alldeutsche wie sozialdemokratsiche Beurteiler beigelegt
haben. Wenn Graf Tisza erklärte, das; mit den von ibin ausgesprochenen Kriegszielen alle Bundesgenossen übereinstimmen. und wenn Herr v. Bethinarn Holl- tv-.g inmitten dieser Übereinstimmung von einein ! Frieden sprach, der uns „Entschädigung für alle er-
littene Unbill gewähren soll, so folgt für uns daraus nicht, daß wir die knappste Grenze des Erreichbaren innehalten und den Feinde förrnlich eine Prämie auf Fortsetzung des Blutvergießens zu- wgen, sondern es folgt einzig daraus, daß wir mrt unseren Forderungen soweit gehen, wie es unsere Lebensinteressen gebieten, und etwas anderes kann auch der befreundete Staatsmann nicht wollen. Jeder unserer Bundesgenossen weiß doch, daß er Bürgschaften für die zu erkämpfende Sicherung von Leben und Dasein nur gewinnen kann, wenn nicht alles beim alten bleibt, sondern wenn em stärkeres Deutsches Reich als Schutzmacht vor dem Friedenstempel steht und den Feinden das Gelüste nimmt, das Tor des Friedens wieder aufzubrechen. Es ist kein Zweifel daran, daß die Staatsmänner Österreich-Ungarn wie unsere politische und militärische Leitung Bollwerke aufrichten wollen und müssen, um gegen neue Anstürme von Osten und Südosten her gesichert zu sein. Ter große Unterschied zwischen den Verhältnissen in unserem Vierbund und denen im feindlichen Lager beruht ja gerade darin, daß di? Interessen der Vierbundsstaaten in einem organisch begründeten geographisch-weltpolitischen Einklänge stehen, daß alles, was jeder der Verbündeten für sich erstrebt und erreicht, der Gesamtheit dieses guer durch zwei Weltteile sich erstreckenden Blocks zugute kommen muß, während es schon heute im gekünstelten Bau des Vierverbandes knistert. Wir halten es deshalb für ein bedenkliches Unterfangen, die Worte des Grasen Tisza so zu deuten, als ob in ihnen ein Gegensatz zu unseren eigenen Kriegszielen gefunden werden könnte, wir haben aber auch das Vertrauen darauf, daß diejenigen, die sich mit wichen unangebrachten Unterscheidungen versuchen, den ungarischen Ministerpräsidenten sehr gründlich nrißverstehen. Jedenfalls war und ist es gut, daß im Reichstag jetzt wiederum laut und von allen bürgerlichen Parteien erklärt worden ist, wie wir uns den Frieden denken, und daß er nur einer sein kann, der uns eine Machterweiterung verschafft.
Oer Tauchbootkrieg.
Ablauf der Schonfrist für Segelschiffe.
W. T.-B. Berlin, 1. März. (Amtlich.) In der Nacht vom 28. Febrnar zum 1. März ist die Schonfrist für Segelschiffe auch im Sperrgebiet des Atlantischen Ozeans abgelaufen. Don diesem Zeitpunkt ab gilt in allen Sperrgebieten nunmehr nur noch die allgemeine Warnung, nach der die Schiffahrt auf keine Einzelwarnung mehr rechnen kann.
Auch der zweite amerikanische Versuchsdampfer in Frankreich gelandet.
W. T.-B. Bordeaux, 1. März. (Meldung der Agence Havas.) Der amerikanische. Dampfer „R o ch e st e r" ist in der Girondemündung eingefahren.
Die Wirkung der Seesperre.
— Berlin, 2. März, (zb.) In der „Voss. Ztg." werden die Seesperrswirkungen auf England behandelt: Bei nor
malem Verbrauch würden die Kartoffellager m London in sechs bis sieben Wochen erschöpft sein. In einer am Sonntagabend von der Arbeiterinnentrga abgehaltenen Frauenoersammluntz wurde über dre vorgefchlagene freiwillige Nahrungsmittel - Einschränkung debattiert. Die Frauen sprachen die Mahnung aus, vernünftig und gerecht zu verteilen, sonst könnten Unruhen unter den Arbeiterinnen entstehen.
W. T.-B. Rotterdam, 1. März. Neutrale Schiffe erhalten in England jetzt nur mit schriftlicher Einzelerlaubnis des Handelsministers Schifssproviant.
Zunahme des Lebensmittelmangels in England.
Br. Bern, 2. März. (Eig. Druhtbericht. zb.) In London und in anderen Großstädten macht sich der beginnende L e b e n s m i t t e l m a n g e l immer fühlbarer. Für die am 24. Februar zu Ende gegangene Woche wurde die Minderzufuhr schon gleich auf dem Londoner Markt mit 1507 Tonnen, d. h. gegen die letzte Januarwoche eine Abnahme von 21,7 Prozent, verzeichnet Dabei ist die Zufuhr aus dem Vereinigten Königreich nur um etwa 200 Tonnen zurückgegangen, dagegen die aus Australien und Asien von 1476 Tonnen auf 716 Tonnen, die von Nordamerika von 718 auf 574, die von Südamerika von 1708 auf 1406, die von anderen Ländern von 154 auf 71 Tonnen.
4 hohe serbische Offiziere bei der Versenkung der „Minus" ««»gekommen.
W. T.-B. Bern, 2. März. (Drahtbericht.) Lyoner Blätter melden aus Nizza: Bei der Versenkung des
„Minas" sind der serbische General Geikoitsch und die Obersten Dragumin, Dulity und Ristitsch umgekommen.
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Amerika vor der Entscheidung?
dp. Haag, 2. März, (zb.) Aus Washington wird berichtet: Man erkennt allgemein, daß der gegenwärtige Zustand nicht länger fortbestehen kann, wenn nicht Deutschland seine Stellungnahme vollständig ändert, was nach der Rede des Reichskanzlers als ausgeschlossen gilt. Wenn aber einmal gewisse amerikanische Handelsschiffe in See stechen, könne sehr viel geschehen.
dp. Stockholm, 2. März, (zb.) Nach einer Londoner Meldung des „Aftonkladet" scheint es, daß man in Amerika allgemein Wilsons Rede im Kongreß als letzten Schritt zum Kriege auffaßt. Man meint, daß der Kongreß dem Präsidenten eine formelle Vollmacht erteile und läßt durch- blicken. Laß. wenn auch der Kongreß aus politischen Gründen sich weigern würde, Wilson freie Hand zu lassen, Wilson doch in jedem Falle handeln werde. Es heißt, daß die Dampfer der amerikanischen Europalinien in der nächsten Woche bewaffnet werden.
Die Ansicht in den offiziellen Kreisen Washingtons.
Bern, 1. März. „Petit Parifien" meldet aus Washingtdn vom 28. Februar: Die Ansicht in maßgebenden offiziellen Kreisen ist, daß die Botschaft des Präsidenten äußerst geschickt sei, weil sie künftig der republikanischen Partei, die sich immer äußerst patriotisch gebärdet habe, eine weitgehende Verantwortung auferlege. Wenn sich in der Tat die Republikaner weigern sollten, dem Präsidenten für sein künftiges Vorgehen das zu gewähren, was sie einen besonderen Kredir nennen, so würden sowohl ihr Ansehen sowie die Interessen der Nation darunter leiden. Tie Republikaner befinden sich heute in der Notwendigkeit, die Vorschläge der Botschaft zu unterschreiben, die Vollmachten zu gewähren und die vorgesehenen 100 Millionen Dollar zu bewilligen. In denselben Washingtoner Kreisen gibt man zu, daß Präsident Wilson nicht weniger habe fordern können, als er verlangt habe, weil die Republikaner selbst berechtigt gewesen wären, ihm vorzuwerfen, daß er seinen am 3. Februar bekräftigten Entschluß aufgegeben habe. Präsident Wilson Hobe nicht mehr verlangen können, weil die Friedensfreunde ihm sicher Schwierigkeiten gemacht hätten. Die allgemeine Ansicht herrsche vor, daß die von Fleed im Repräsentantenhaus eingebrachte Vorlage über die Kredite für die Bewaffnung von Handelsschiffen in beiden Häusern des Kongreffes durchgehen werde.
Die Beschlussfassung über den Antrag Flood.
Munitionstransportschiffe sollen nicht bewaffnet werden.
Br. Genf, 2. März. (Eig. Drahtbericht, zb.) Über den Antrag Flood, der bekanntlich die Munitionstransportschiffe von der Bewaffnung ausnehmen will, entspann sich in den K o n g r e ß a u s s ch ü s s e n eine lange Diskussion, da man die Vollmachten Wilsons einschränken wollte. Die Regierung beschloß aber in einer Kabi nettssitzu n g, sich jeder wesentlichen Änderung zu widersetzen. Die Senatskomm i s s i o n nahm darauf den Antrag in der vor- geschlagenen Fassung an. Zwei demokratische und zwei republikanisch» Senatoren stimmten gegen den Antrag. Die Blätter melden, Wilson beabsichtige dem Kongreß in einer Botschaft von der Tatsache Mitteilung zu machen, daß Anlerikaner mit der „L a c o n i a" untergegangen sind. Ter Präsident wird jedoch nicht io bald vor dem Kongreß erscheinen. Absolut fest steht, daß in der Angelegenheit „Laconra" keine neue Untersuchung vorgenommen!vicd.
ver Bruch zwischen Amerika und Oesterreich unvermeidlich!
dp. Rotterdam, 2. März, (zb.) Reuter berichtet au« Washington: Wie verlautet, kam das Ministerium des Äußern zu der Übecze: gung, daß der Bruch mit Österreich-Ungarn unvermeidlich sei. Es ist deshalb in Bereitschaft, jeden Augenblick alle Konsularvertreter zurückzuberufen.
dp. Wien, 2. März, (zb.) Es scheint, daß Präsident Wilson auch in den Beziehungen zwischen Lsterreich-Ungr-n und den Vereinigten Staaten klar sehen möchte, und zwar noch bevor die Tagung des Kongresses abläuft. Wenigstens hat er hier dem Wunsch nach einer baldigen Beantwortung seiner Anftage Ausdruck geben lassen. Im übrigen aber zeugen die aus Washington hier eintreffenden Berichte, daß Wilson nach wie vor einen Bruch mit Österreich-Ungarn gerne vermeiden möchte. Es unterliegt keinem Zweifel, daß dieser Wunsch auch von Österreich-Ungarn geteilt wird. Seine Erfüllung wird jedoch ausschließlich von Herrn Wilson abhängen.
Die österreichisch-ungarische Antwort an Amerika in Sachen der Seesperrc «och nicht fertiggestellt.
w. T.-B. Wien, 2. Mörz. (Drahtbericht.) Die „Wiener Allgemeine Zeitung" meldet: Entgegen den
Meldungen deutscher Blätter, wonach die Antwort der östereichisch-ungarischen Negierung auf die amerikam»
