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Wiesbadener Tagblstt.

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Berliner Abteilung des Wiesbadener Tagblatts: Berlin W., P-tsdamer Str.121 K. F-rnsyr.: Amt Lutzow 6 .02 u. 6203 . Tagen und Wadmnnrd ,e.ne Gewabr übernommen.

Nr. 108. . 65. Jahrgang.

klbend-klusgabe.

Oie Uanzlerrede.

Die gestrige Kanzlerreöe hat die innere Politik zwar nicht so ausführlich wie die außenpolitische und die militärische Lage behandelt, aber pe widmete der Frage der „Neuorientierung" einen breiteren Raum, als e^ bisher in den Kundgebungen von verantwortlicher Stelle seit dem Kriegsbeginn geschehen ist. Der Reichs­kanzler hat Wohl recht, Denn er das Wort „Neuorien­tierung" stir weniger schön erklärt. Es ist rn der Tal kein gutgeprägtes Wort, schon darum nicht, weil es die falsche Vorstellung erwecken kann, daß es rm freien Belieben der Regierung liege, die alten Bahnen weit-r zu wandeln oder je nach Wahl auch neue einzuschlagen. Daß es so nicht steht, daß vielmehr unserer innerenPolitik derAusdruck einer veränder­ten Zeitstimmung werden muß, das hat der leitende Staatsmann begriffen und er hat für dreie Notwendigkeit Sätze gefunden, die von jedem partei­politischen Standpunkt aus mit Befriedigung oder, wenn das mancher Partei zuviel ist. doch nn. der An­erkennung ausgenommen werden können, daß mit ihnen etwas gesagt ist, was anders -ben nicht sein kann. Der Reichskanzler hat das Problem rn ferner Tiefe erfaßt, wenn er von den lebendigen Kräften sprach, die sich von keinem Partei­programm, weder von rechts noch von links ernschrän- ken lassen wollen, und wenn er es als die Aufgabe bezeichnet,:, den richtigen, politischen und staatlichen Ausdruck für das zu frnden, was dieses Deutsch ist. Nickt diese oder jene Parter- schablone darf gelten, sondern die innere Starke unseres Staatswesens muß aus dem uner'cköpflichen Quell strömen, aus der Liebe des freien Mannes zum Vaterlande. Der Kanzler berührte keine bestimmte Frage der inneren Politik, aber jede wichtigere dieser Fragen, so etwa die preußische Wak> lreform, ge­hört mit in den weitgespannten und dock sehr bestimmt gezooenen Rahmen der neuen Politik, die er verhieß. Wer Zwischen den Zeilen zu lesen versteht, der wird auch sehr gut wissen, was es zu bedeuten hat, wenn Herr v. Bethmann Hollweg erklärte, die Enttäuschun­gen, die unserem Volke nach dem Befreiungs­kriege zuteil wurden, würden sich jetzt nicht wie­derholen, einmal weil der liberale Gedanke feinen kosmopolitischen Charakter abgestrerft habe, sodann aber weil die Zeit der Kabinetts­politik vorüber sei, und das will besagen, daß an der entscheidenden Stelle heute anders ge ^dacht wird als vor hundert Jahren, daß auch anders ge vandelt werden toll und daß der Reichskanzler dre Sicherheit hat. auf die'en Willen zum Handeln in seinem Sinne vertrauen zu dürfen. ES kann gegen wärtig kaum nützlich 'ein, die Einzelheiten dieses rn der Rede geschickt angedeuteten Zustandes näher aus zumalen. Wir halten uns jedoch iür befugt, auf den Älert dieser Aussührungen des Kanzlers gerade wegen der wmterreichend->n Beziehungen hinzuweisen, in denen sie zu veränderten Stimmungen und Ab lichten der höchststehenden Kreise stehen. Die Konservativen haben sich still Verhalten, als der Reichskanzler von die sen Fragen der inneren Politik sprach. Was sie sich dabei gedacht haben werden, darüber ist man ja aus vielen ihrer Kundgebungen genügend unterrichtet, und wir glauben nicht, daß sie den verantwortlichen Staatsmann nach dieser seiner letztenRede mehr als zu vor lieben und gewillt sein werden, ihm ihre Unter stützung zu gewähren. Aber darauf muß es der Reichs kanzler eben ankommen lassen, und man hat nicht pe- iade den Eindruck, daß er vor den Folgen seines aller dings nur in Umrissen angedeuteten innecpolitischen Programms zusammenfchrickt. Wir halten ihn für einen Mann, der zu seinem Wort stehen oder, wenn er es nicht einlösen kann, fallen will.

Der Reichskanzler konnte bei der Darstellung der Kriegslage und der auswärtigen Lage der Wortführer der freudigen Genugtuung sein, mit der wir die über Erwarten großen Erfolgs unserer ver­schärften Seekriezführung erleben. Er ist auch jetzt der unserer Menschlichkeit und unserer angeborenen Vornehmheit entsprechenden Gewohnheit tceugeblieben, die Schmähungen, mit denen 'unsere Feinde uns bewerfen, nicht mit gleicher Münze heimzuzahlen. Kein Wart ist aus seinem Munde gekommen, das auch nur von weitem an den groben Ton heranreichte, den wir namentlich von den englischen Staatsmännern zu hören bekommen. Es ist vielleicht nicht nach jeder­manns Geschmack aber da es zuletzt auf Taten und nicht, auf Warte ankommt und da wir im Begriff sind, die erforderlichen Taten zu leisten, soll es uns recht sein, daß der Reichskanzler nicht Gleiches mit Gleichen vergilt. Wir halten uns jedenfalls an seiner Verheißung, daß unser Entschluß, die eng lisch« Seeknechtschaft zu brechen, unwrder w u f l i ch ist. daß es kein Zurück mehr gibt, daß jeder, der sich ohne Not in die von uns geschaffen« Ge

fahr begibt, die Folgen sich selber zuzuschreiben hat. Das ist nicht mit besonderer Rücksicht auf Amerika ge­sagt worden, aber es ist auch nicht nötig, das beionders zir betonen. Amerika ist ja auch ge w a r n t und mutz es sich selber zuschreiben, wenn es Schaden leiden sollte. Die Form, in welcher der Reichskanzler aber von Herrn Wilson und seiner vermeintlichen Neutralität ge­sprochen hat, ist die würdigste, zugleich aber auch die sachlich bestimnlteste, die inan von ihm zu hören be­rechtigt war. Die Reichsleitung will die Union nicht entgelten lassen, was ihre gegenwärtige Regierung uns an Benachteiligungen und hundertfältigem Ubelwollen zugefügt hat. Wir können natürlich nicht wissen und hegen in dieser Beziehung auch keine besonderen Er- wartiinaen daß die Erinnerungen des Reichskanzlers an die hundert Jahr alte Frenndschait mit den Ver­einigten Staaten, die Fürst Bismarck ein Vermächtnis Friedrichs des Großen genannt hat, drüben, wo jetzt die Leidenschaften toben, noch irgendwie stärke­ren Eindruck machen sollten, aber für die Zukunft kann ein solches Wort doch wohl Nutzen stiften. Für jetzt freilich haben wir uns unserer Haut zu wehren, und das tun wir — das ist nicht nur ein Vorsatz, son­dern die auch ganz entschiedene Forderung der weitaus überwiegenden deutschen Volksmehrheit gegenüber un­seren leitenden Männern —.ohne einen Rück­fall in die oielberufenen „Sentimental l- täte n", an denen wir allzulange gelitten haben. Sach­lich hat Herr v. Bethmann Hollweg den sonderbaren Standpunkt des Herrn Wilson, als ob wir durch den verschärften Unterseebootskrieg einem im Mai 1916 gegebenen Versprechen untreu geworden 'eien, ohne Mühe in seiner ganzen Haltlosigkeit aufweisen können. Aber Herrn Wilson hat ja nur daran gelegen, einen Vorwand zu haben, und so wird er sich nicht über- zeugen lassen, einfach weil er es nicht will. , Wenn die Reicksleitung einen Vorwurf verdient, so ist es nur der, daß sie nicht schon vor Monaten den Entschluß gefaßt hat. den sie am 1. Februar verkündete. Aller­dings machte der Reichskanzler wichtige Andeutungen, die man sinngemäß hören und lesen muß, um zu er­fahren, daß wir aus triftigen Gründen mit einer Maßnahme gezögert haben, deren Notivendigkeit ge­wiß schon vor bald einem Jahre erkannt worden war, deren Anwendung aber von dem Stande unserer Bewaffnung abhing. Wenn wir heute, wie es der Kanzler feststellt, „viele Male" stärker als vor Jahresfrist sind, so heißt das, daß wir da­mals nicht mit der Zuversicht, die wir heute haben dürfen, an ein Unternehmen Herangehen konnten, dessen ~ irksamkeit nunmehr durchaus verbürgt ist. Das kommt auch in den Reden der Parteiführer, die wir zur gestrigen Sitzung heute unten nachholen, zum einheitlichen Ausdruck. Es gibt keinen Unterschied in der Auffassung und in dem Willen zwischen den Parteien und den Fraktionen, wobei wir natürlich immer die Sozialdemokratische Arbeitsgemeinschaft ansnehmeu müssen. Freilich gibt es Unterschiede in den Krieaszielen. aber das sind Fragen, die, wie es auck der Reichskanzler betonte, vertagt werden nrüssen, weil es zunächst gilt, unsere Erfolge zu sichern. Auf dies Ziel allein müssen a l l e u n s e r e A n str en- gungen gerichtet sein, und sie sind es.

Der Widerhall in der presse.

— Berlin, 28. Febr. Dem Gedanken entsprechend, den der Reichskanzler an die Spitze seiner gestrigen Rede im Reichstag stellte, sagt der „Lokal-Anzeiger": Die Berichte über die furchtbare Wirkung, die unsere Handelssperre schon jetzt augenscheinlich >n England auszuüben -beginnt, sind für das deutsche Volk jetzt weit wichtiger als die besten Reden, die im Reichstag gehalten werden, mögen sie -auch so wohldurchdacht sein wie die, die Herr v. Bethmann gestern gehalten. Die vier Redner, die nach ihm das Wort ergriffen, waren einig, daß unser Friedensangebot vom 12. Dezember den größten Segen gestiftet hat. Es besteht kein Zweifel mehr darüber, daß es sowohl für die Ent­wicklung unserer Kriegführung als auch für die Herber­führung der einmütigen Z u st i m m u n g, die sie ge­funden hat, die notwendig? Vorbedingung war. Immer näher rückt die Stunde, die fast über das Schicksal aller -Völker der -Erde entscheiden mag. Über diese Schicksale ent­scheiden nicht die Parlaniente, sondern die Waffen, und -darin vereinigen sich alle Gedanken unseres Volkes auf ihre Daten.

In der „Bossischen Zeitung" heißt es: Es war von vorn­herein kein Zweifel darüber, daß Deutschland das Angebot, mit seinen Feinden über den Frieden zu verhandeln, an und für sich aufrecht erhält. Es besteht auch kein Zweifel darüber, daß wir unseren Feinden einen Frieden zu gewäh­ren bereit sind, der ihnen -die weitere E x i st e n z unter Be­dingungen gewährt, die es ihnen gestatten, dauernd Frieden zu halten. Eine andere Frage ist es, ob die Bedingun­gen heute noch dieselben sein können, wie sie bei der uiwerzüglichen Annahme unseres Angebots gewesen wären. Die Rückerstattungen, die wir von unseren Feinden

verlangen müssen, werden in dem Maße wachsen müssen, wie der Krieg sich — ohne unser Verschulde — weiter hin­auszieht. Das betonte denn auch der Kanzler sehr deutlich. Auch sind die Bedingungen, d-e -wir fcrdern müssen, dadurch beeinflußt worden, daß. wie die Feinde unser Friedensange­bot a-bgelehnt haben, dem deutschen Volk die Unverantwort­lichkeit unserer Gegner zum Bewußtsein kommen mußte, lind daß wir wissen, wie notwendig es zu unserer Verteidigung

sein wirö, starke Bollwerke aufzuführen..

In der „Germania" wird ausgeführt, was die eigentliche riegspolitik angehe, so habe der Kanzler gestern -wiederholt, daß die Wirkungen unterer Secsperre dre b-ochsten Erwartungen jetzt schon im vollkommenen Maße erfüllen, und er habe dann mit den Vereinigten Staaten in einer Weise a b g e r e ch n e t, die ihres Eindrucks im neutra­len Ausland sicher sein dürste. Auch die sachliche Auseinan­dersetzung mit dem amerikanischen Standpunkt, der der Reichskanzler reichliches Material widmete, sei Zug um Zug überzeugend und durchschlagend gewesen.

Im „Berliner Tageblatt" schreibt das Reichstagsmitglied Ludwig Haas (Karlsruhe): Spätere Geschlechter werden es dem Kanzler Dank wissen, daß er im Gegensatz zu den würde­losen Beschimpfungen, mit denen nicht nur feindliche Journa­listen, sondern auch Staatsmänner sich ergingen, jene Ruhe bewahrte, die im besten Sinne deutsche Art ist. Der Geschichte aber wird auch das angehören, was er über die Neuorientierung der deutschen inneren Politik aus­gesprochen.

Die „Tägliche Rundschau" schreibt: Daß die Neuorientie­rung kommen wivd und muß, darin ist man einig -von Beth­mann bis Scheidemann. Aber über das Wie und Was gehen die Wünsche und Hoffnungen aus-einander. Heute bleibt die Forderung des Tages: Kampf und Sieg! Und morgen ist auch noch ein Tag! Lasse man ihn für das Seine sorgen I

Die Debatte im Reichstag.

(Fcusetzunk des Trahtberichts in der heutigen Morgen-Ausgabe.)

# Berlin, 27. Februar.

Abg. Spahn fJentr.):

Mit vollem Vertrauen blicken wir auf die Untersee- bootswasfe und freuen uns ihrer Erfolge. Das deutsche Volk steht in seiner Gesamtheit fest zur Reichsverfassung und hält fest an der Gestaltung des Reiches in seinem Verhältnis zu den Einzelstoaten, fest zur M o n a r ch i e. Es genügt für die Beurteilung der Persönlichkeit des Herrschers selbst, aus den Brief zu verweisen, den er am 31. Oktober an den Kanzler gerichtel hat und in dem er es als eine sittliche Tat bezeichnet, den Vorschlag zum Frieden zu machen, und erklärt, dcß er zu diesem Vorschlag den Mut habe. Die Feinde dagegen haben in ihrem Groll und Haß das Frie­densangebot höhnisch zurückgewiesen. Wir wollen einen Frieden, der r.ns Dasein, Ehre und Entwicklungsmög­lichkeit verbürgt.

Die Feiude wellen die Zerstückelung Österreichs und der Türkei, die Verkleinerung Deutschlands und außerdem Sühne für alle Zerstörung und Vernichtung von Werten.

England war es Vorbehalten, die Parole der Vernichtung der sogenannten preußischen Militärmacht auszugeben. Hat der Präsident Wilson die Bemerkung wirklich gemacht, die der Reichskanzler zitierte, so müssen wir von dem schlecht unterrichteten Präsidenten an den besser zu unterrichtenden appellieren. Die neutralen Staaten haben ja sein Ver» langen, ibm Gefolgschaft zu leisten, zurückgewiesen. Unsere Parole muß sein: Durchhalten und siegen! Redner gibt hierauf eine ausführliche Darlegung der Frage des Unterseebcctskrieges und ihrer Behandlung durch die Oberste Heeresleitung, durch den Reichskanzler und die Parteien sowie über die völkerrechtliche Stellung, die dieser neuen Waffe zukomme. Er nimmt zu den vorqeschlagenen Steuern Stellung und trägt bei den einzelnen Etats ver­schiedene Wünsche vor. Ablehnend verhält -er sich gegen die vom preußischen Justizminister gemachten Vorschläge, die jedenfalls keine dauernde Form aunehmen dürsten. Ec spricht am Schluß die Hoffnung aus, daß jeder Mann und jede Frau in der Heimat ihre Pflicht tun würden, um neben unseren Brüdern an der Front zu einem siegreichen Frieden zn gelangen. (Beifall im Zentrum.)

Abg. Scheidemann fSoz):

Wenn auch alles am Boden liegt, was sich uns im Dezember eröffnete, so sind die damals erlebten Stunden doch die arößten und stolzesten meines Lebens. Wlr Sozialdemokreten sind allezeit Träger des Friedens­gedankens gewesen. Wir wollen die Revolution der Vernunft gegen dos Völkermorden. Damals waren wir gegen eine Debatte, weil wir die Befürchtung hatten, daß durch unkluge Äußerungen von einer bestimmten Stelle in diesem Hanse den gegnerischen Regierungen eine gar zu be­queme Gelegenbeit geboten worden wäre, unser Friedens­angebot abzulehnen. '.Hätten wir ähnliche Bedingungen auf­gestellt wie die Entente, so hätten wir damit drüben nur den Willen zum Durchhalten gestärkt.

Die neue Blutschuld an der Menschheit, die durch die brutale Ablehnung unseres Friedensangebotes entstanden ist, werden die Gegner niemals abwaschen können. (Sehr richtig') Der uneingeschränkte Unterseebootskrieg war eigentlich vor der Allüerten-Konferenz in Rom beschlossen