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Verlag Langgasse 21

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Freitag, 23. Februar 1917.

Morgen-Kusgabe.

Nr. 98. . 65. Jahrgang.

Lohlen und Lebensmittel im Austausch.

Im Haushaltsausschutz des Abgeordnetenhauses stellte bei der Beratung des Bergetats der Vertreter der Regierung fest, datz die Steinkohlenwerke nicht blotz das Inland, sondern auch das in Betracht kommende neutrale Ausland voll mit Kohlen versorgen könnten. Schwierigkeiten beständen nur hinsichtlich der Abfuhr, und wenn Stockungen eingetreten seien, so liege das lediglich an den Verkehrsverhältnissen., Wie sehr wir im Inlands diese Schwierigkeiten zu fühlen haben, weiß man. Ob sie nicht aber durch die reichliche Abgabe von Kohlen an die Neutralen in un­zulässigem Maße erhöht worden sind? Un­zulässig kann hier natürlich nur heißen, daß unser Eisenbahnmaterial übermäßig sür die Versendung in das Ausland in Anspruch genommen wird, denn die Kohlen selber sind in ausreichenden Mengen vor­handen, wie der Oberberghanptmann m der Kommission des Abgeordnetenhauses versicherte. Wir brauchen uns also ini Kohlenverbrauch nicht so ungemein zu be­schränken, wenn die Zuführung nur ordnungsmäßig verliefe. Das tut sie jedoch nicht, zum Teil freilich aus Gründen, die mit der Versendung an die Neutralen nichts gemein haben, zilm Teil aber wirklich wegen dieser Sendungen an unsere Nachbarn. Niemand wird wollen, daß den Neutralen unsere Kohlen vorenthalten werden, indessen eines könnten wir fordern, nämlich daß sie ihren eigenen Wagenpark zur Abholung der Vorräte bis auf den letzten Rest bereitstellen. Würde das geschehen, so wäre uns zweifellos manche Erleichte­rung gegönnt, die wir heute zu entbehren haben. Warum sollen die Eisenbahnwagen der Schweiz, der Niederlande, Dänemarks nicht bis an unsere Erzen- gunqsgebiete hercngeführt werden? Warum müssen unsere Wagen die weite Fahrt an die Grenzen machen? Man hat noch nichts davon gehört, daß die Nachbar­staaten ihren Eisenbahnverkehr io verrin- gert und auf das nächste und unmittelbarste Bedürf­nis der Beschaffung voll Kohlen eingerichtet haben, wie es bei uns notwendig geworden ist. Ohne Zweifel könnten die Neutralen durch Anpassung ihrer Fahr- Pläne und durch bessere Ausnutzung ihres Wagenmate- riels sür Kohlenbesörderung manches tun, was sie gegenwärtig noch unterlassen. Es müßte auch möglich sein, mit einigen Neutralen ein Abkommen zu treffen, das uns größere Lieferungen an Lebens- Mitteln für die Hergabe von Kohlen gewährt. Unser Unterseebootskrieg unterbindet, wie wir es wollen und wollen müssen, die Zufuhren von Holland und den skandinavischen Staaten nach England, die däni­sche Schiffahrt ist vollständig eingestellt, die nieder­ländische und die norwegische so gut wie ganz, auch die schwedische. Damit sind die Vereinbarungen, die von den betreffenden Ländern mit England getroffen wor­den sind, tatsächlich hinfällig geworden: besonders holländische und dänische Erzeugnisse, Butter, Eier, Käse, Fleisch usw. können nicht mehr nach England ge­langen, wir aber können diese Waren gut brauchen. Selbst wenn wir keine Kohlen, die jetzt keiner dieser Staaten wegen der Seesperre aus Großbritannien be­ziehen kann, als Gegenwert gegen erhöhte Lcbens- mittellieferungen zur Verfügung hätten, müßte es durchführbar sein, die Nachbarstaaten zur Hergabe größerer Mengen ihrer Landeserzeugnisse zu bringen. Um wie vielmehr sollte das geschehen können, da wir gleichwe-tige Bedürfnisse zu befriedigen oder auch nicht zu bch wigen vermögen! Wir müssen zuerst und zuletzt an uns selber denken, wir wollen den neutralen Nachbarn gewiß jedeGefälligkeit erweisen, die in unserer Macht steht, vorausgesetzt, daß wir dabei keinen Schaden leiden, aber dcffür jedenfalls muß ge­sorgt werden, daß die Großmut nicht eben zu unserer Schädigung führt. Verschiedentlich ist vorgeschlagen worden, daß die Neutralen sogar Arbeitskräfte zu uns schicken sollen, damit unsere Kohlenförderung nicht durch die gleichzeitige Fürsorge siir die Nachbarn über­mäßig große deutsche Arbeitskräfte in Anspruch nimmt. Soweit wollen wir unsererseits gar nicht gehen. Der Vorschlag hat manches Mißliche gegen sich, vor allem dies, daß die Arbeiter aus den rein agrarischen Län­dern, die hier in Betracht kommen, vermutlich keine besondere Leistungsfähigkeit mitbringen würden. Aber, um es zu wiederholen, zweierlei darf und muß ver­langt werden, einmal eine ausreichende Wagen­gestellung und sodann eine angemessene Gegenleistung in der Lieferung von Lebensmitteln. Dies »weite Moment gilt vor allem von Holland und Dänemark, die ganz und gar auf unsere Kohlenlieferungen ange­wiesen sind und die andererseits imstande sind, hoch­wertige Lebensmittel in ansehnlichen Mengen , abzu­geben, in denselben Mengen, die sie bis dahin nach England ausgeführt haben und die den auf uns

entfallenden Anteil ihrer Erzeugnisse beträchtlich über­troffen haben. Bis dahin, wo der neue Wirtschaftsplan für die deutsche Ernte von 1917, also die Erhöhung der meisten Lebensmittelpceise zum Zwecke der Förderung des Anbaus, in Kraft getreten und seine Wirkung ge­übt haben wird, werden Monate verstreichen: in dieser Frist können wir jede Zufuhr aus dem Auslande will­kommen heißen. Diese Zufuhr läßt sich aber jederzeit und gerade fetzt, wo unsere neue Seekriegführung so ausgezeichnete Erfolge hat, durch entsprechende Ver­träge sichern und zugleich beschleunigen. Der Krieg hat gegenwärtig den Charakter eines ausgesprochenen Kohlenkrieges angenommen. Wir bekommen somit eine Waffe in die Hand, von der im bisherigen Ver­laufe des großen Ringens nur selten und nebenbei die Rede zu sein brauchte Heute haben die Verhältnisse durch diese für uns so günstige Wendung ein ganz neues Gesicht bekonimen, und wir müssen aus der ver­änderten Lage auch die Folgerungen ziehen. Ohne unsere Kohlen sind die neutralen Nachbar­staaten in ihrem gesamten Wirtschaftsleben gefähr­det, was im übrigen schon deshalb gebührend beachtet werden muß, weil dies Moment zweifellos mitbestim­mend für den ja selbstverständlichen Entschluß war, die leichtfertige Einladung Wilsons zum Abbruch der Be­ziehungen mit uns schleunigst abzulehnen. So wollen wir denn auch tatsächlich die Folgerungen ziehen, wir wollen damit ja niemand wehetun, ini Gegenteil, es wird ein Vorteil für die Nachbarn sein, sich mit uns auf breiterer Grundlage zu verständigen, und um so mehr zu empfangen, je mehr sie ihrerseits geben. Die Furcht vor England wird bei den Neutralen inzwischen wohl geschwimden sein, aber auch Wenn sie noch vor­handen wäre, dürsten wir auf sie keine Rücksicht nehmen, sondern wir müßten, je nachdem, einen sanften oder auch weniger sanften Druck anwenden, um wirk­liche Gegenseitigkeit zu erreichen.

Der Tauchbootkrieg.

Oberleutnant Steinbrink, ein neuer U-Bootsheld.

Br. Berlin, 22. Febr. (Eig. Drahtbericht, zb.) Eines der beiden Unterseeboote, von denen heute vor­mittag gemeldet wurde, daß sie zusammen 36 Schiffe versenkten, stand unter dem Befehl des Oberleutnants Steinbrink, der allein mit feinem Boot 23 von den gemeldeten Schiffen versenkte.

Nur noch für einen Monat Lebensmittel in England?

Eine wohl weit übertriebene Schätzung.

V, '. T.-B. Stockholm, 22. Febr. Nach aus England stam­menden Mitteilungen machte die Verschärfung des deutschen Untersoebootskriegs in erster Linie in London tiefen Eindruck, besonders deshalb, weil England itur für etwas über einen Monat Lebensmittelvorräte habe.

Carsvn über den Ernst der Unterseeboots­bedrohung.

W. T.-B. London, 21. Febr. (Unterhaus.) Bei der Vorlegung des Marineetats sprach C a r s o u eingehend über die Unterseebootsbedrohung. Die Bedrohung sei ernst, es gebe lein einzelnes Wundermittel dagegen. Er vertraue aber darauf, daß durch den Ausbau der jetzt er­dachten Mittel ihr Ernst allmählich sehr gemildert mit. Die englischen Verluste seren e r n st, aber sie ent­sprächen nicht der übertriebenen Prahlerei der deutschen Be­richte über sie. Während der ersten achtzehn Februartage seien 134 englische, alliierte und neutrale Schiffe aller Arr versenkt worden. Aber während dieses Zeitraums seien 6675 Schiffe in englischen Häfen ange­kommen und 5873 hätten sie verlassen. Die Politik des Schweigens, betreffend die Vernichtung feindlicher Unter- seebcote, sei eine Politik, die der deutschen Admiralität am wenigstert lieb sei. Ein weiterer Grund gegen die Bekannt­gabe der Zahlen über die feindlichen Verluste sei die Schwie­rigkeit, mit Sicherheit die Vernichtung eines Unterseebootes festzustellen. Carscn sagte, er habe die Berichte von vierzig Kämpfen mit Unterseebooten erhalten. Vierzigmal in achtzehn Tagen mit dem Feind handgemein geworden zu sein, sei eine große Leistung. Carson erwähnte die Gefangen­nahme eines Unterseebootes durch einen englischen Zerstörer als einen der feststehenden Fälle. Er bat die Nation, die Flotte durch Einschränkung der Einfuhr zu Helsen, und erklärte, er vertraue darauf, datz die Bedrohung gelöst werde.

Die französischen Versenkungslistcn.

W. T.-B. Paris, 22. Febr. Liste versenkter Schiffe vom 21. Februar, 7 Uhr abends: Am 19. Februar der englische Dampfer „C o r s o ex C a r a d o c" (3242 Tonnen), das Fischerfahrzevg „989" auL Boulogne, das Fischerfahrzeua „9 7 9" aus Bovlrgi.e; am 20. Februar der norwegische Segler „Falls of Aston" (1963 Tonnen); am 21. Febr der norUegische Dampfer .Dukat" (1452 Tonnen).

Hollands erste Opfer im englischen Frondienst.

Eine bittere holländische Feststellung.

W. T.-B. Haag, 22. Febr. (Drahtbericht.) Zur Ver- seriikung der beiden in englischen Diensten fahrenden hollän­dischen Schiffe „Oostmarsum" und „Trompenberg" schreibt der Haager „Courant" vom 21. Februar: Beide Schiffe waren mit aufgezwungenen Kohlenladungen für eng­lische Rechnung von Holland nach Las Palmas unter­wegs. Das sind die beiden ersten Schlachtopfer des Fron­dienstes, den die bekannte Beschirmerin >der Rechte der kleinen Nationen von uns fordert.

Hollands Kohlenversorgung durch uns. Die Zurückhaltung der holländischen Kohlen­schiffe in England.

W. T.-B. Haag, 22. Febr. (Drahtbericht. Meldung des Haager KorrespondenzbureauS.) Die Reichs­verteilungsstelle berichtet, daß die Einfuhr deutscher Kohle im Januar nicht ganz 100 000 Tonnen betrug, während man für diesen Monat auf 220 000 Tonnen rechnete, zumal bis heute wegen der Einstellung der Schiffahrt aut dem Rhein die Einfuhr ganz ruhte. Jetzt können mit Extrazügen monatlich 100 OOÖ Tonnen einqefüurt werden Im günstigsten Falle wird Holland, das monatlich 700'000 bis )5>0 000 Tonnen braucht, mit Einschluß der Produktion der Limburger Kohlenwerke über 600 000 Tonnen im Monat verfügen. Was England betrifft, so ist im Dezember die ver­sprochene Kohlenmenge von 220 000 Tonnen pro Monat seit 1. Februar ganz weggefallen, da von eng­lischer Seite an eine Lieferung von Kohlen Forde­rungen bezüglich der niederländischen Schiffahrt ge­stellt wurden.

Von unterrichteter Seite tvird dem Korrespondenz­bureau mitgeteilt, daß in englischen Häfen 21 hollän­dische Kohlenschiffe liegen. England macht die Lieferung von Kohlen davon abhängig, daß die Schiffe mit einer vollen Ladung „Bieeuseck goods", also hauptsächlich mit Ackerbauprodukten und Mar­garine, nach England zurückkehren oder sich ver­pflichten, zwei Reisen mit Steinkohlen nach den französischen Häfen für England zu imternchmen. Auch die Rückreise der 21 Schiffe nach Holland mit Ballast ist nicht möglich, da England nur dann Bunker­kohls geben will, wenn die Schiffe sich verpflichten, zwei Reisen mit Steinkohlen von England nach französischen Kanalhäfen oder nach dem Golf von Biskaya und mit Erz zurück nach England zu machen. Infolge dieser Bedingungen muß unsere Schiffahrt nach England f a st ganz eingestellt werden.

Die Bedingungen holländischer Kapitäne und Steuerleute.

W. T.-B. Amsterdam, 22. Febr. (Drahtbericht.) In einer Versamnilung der Kapitäne und Steuerleute wurde beschlossen, nur auszufahren, wenn zwei Leucht­schiffe in die freie Durchfahrt durch das nördliche Sperrgebiet gelegt werden. Ferner wird verlangt, daß die Schiffe unter Bedeckung fahren.

Einführung einer allgemeinen militärischen Ausbildung in Amerika?

Br. Rotterdam, 22. Febr. (Eig. Drnhtbericht. zb.) Reuter meldet aus Washington: Nach einer Konferenz mit Wilson gab der Kriegsminister bekannt, datz er in'dieser Woche eine vom Großen Generalstob verfaßte Vorlage über eine allge­nreine militärische Ausbildung beim Kongreß eiubringen wird. Der Präsident begünst-ge die Grunvsätze einer allge­meinen militärischen Ausbildung, wenn sie rn praktischer Weise zu verwirknchen sei.

Die Lebensmittelschwicrigkeitrn in New York.

IV. T.-B. New York, 22. Febr. (Drahtbericht. Reuter.) Der Bürgermeister empfing drei Abordnun­gen aus den östlichen Vierteln, die baten, die Gemeinde möge einige Millionen Dollar zum billigen Einkauf und Weiterverkauf von Lebensmitteln zur Verfügung stellen. Der Bürgernieister versprach eine Besserung der jetzigen Hungerznstände.

Nicht unerwünschte Aussichten, den Schwierigkeiten mit Deutschland aus dem Wege zu gehen?

Hist T.-B. London, 21. Febr. Die „Times" meldet aus New Aork vo:n 20. Februar: Man versichere in der Presse, daß die Regierunq zu hoffen beginne, daß Aus­sichten bestehen, den Schwierigkeiten mit Deuffchland aus dem Wege zu gehen. Diese Annahme der Presse sei zum Teil in der Nachricht begründet, daß der Präsi­dent vielleicht doch nicht vom Kongreß, ehe dieser aus­einandergeht. die Machtbefugnisse znm Schutz der ame­rikanischen Interessen verlange. Die unermüdliche Tätigkeit der Pazifisten verfehle auch nicht ihre, Wir­kung.