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Verlag Lauggaffe 21

„Tagtlanhaus".

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«lllags^ wr^die Morgen-Nusg.^^'sÄr^nachmittLg^ Berliner Abteilung des Wiesbadener Tagblatts: Berlin W.| Potsdamer Str.121 L. Fernspr.: Amt Lützow 6202 «.6203.

Montag, 19. Februar 1917.

kibend-Kusgabe.

Nr. 91. ♦ 65. Jahrgang.

Di: Ausgaben der Landwirtschaft in Deutschlands Endtamps.

Staatssekretär tselfferich an die Deutsche Landwirrschaftsgesellschaft.

. XV. T.-B. Berlin, 18.Febr. In der gestrigen 45.Tlenar- Versammlung des Deutschen Landwirtschaftsrates im Herrenhaus hielt Staatssekretär im Rerchsaint des Innern Dr. Helfferich nachstehende Rede:

Meine Herren! Der Herr Reichskanzler ist zu seinem lebhaften Bedauern durch dringende Dienst­geschäfte verhindert, Ihren Verhandlungen persönlich beizuwohnen. Er hat mich beauftragt, Sie herzlich willkommen zu heißen. Indem ich mich dieses Auf­trags entledige, darf ich gleichzeitig im Namen der hier so zahlreich anwesenden Vertreter der verbündeten Ne­gierungen Ihrer Tagung einen glücklichen Erfolg wün­schen und zum Ausdruck bringen, wie sehr wir alle von her Wichtigkeit Ihrer Arbeiten in dieser Zeit der Ent­scheidungen durchdrungen sind.

Meine Herren! Ihre diesjährige Tagung fällt in her Tat in einen Zeitabschnitt so schicksalsschwer und weltentscheidend, wie . er in der ganzen Menschheits­geschichte kaum jemals einem Geschlecht b-.'schieden war. Das ungeheure Ringen steigert sich in nie geahnter An­spannung aller körperlichen, geistigen und seelischen Kräfte zu dem E n d k a m p f, der Völker hebt und niederwirft und den kommenden Jahrhunderten die Bahn vorschreibt.

In diesem Kampf aus Leben und Tod ist der Land­wirtschaft eine Ausgabe von entscheidender Bedeutung zugewiesen. Der Hunger krieg, von England, deni Hüter der Zivilisafton und Mensch­lichkeit, gegen uns heransbeschworen, hat dem deutschen Volk von Anbeginn klar vor Augen geführt, daß es m i t seiner Landwirtschaft steht und fällt. Der Dritte, als er den Hunger gegen uns aufrief, glaubte sich hoch erhaben, über jeder Nahrungssorge. Er hat umgelernt. Vor wenigen Wochen hat der briti­sche Landwirtschaftsnnnister das Wort ausgesprochen: ,D e r Krieg wird ans dem britischen Acker entschiede n."

Dieses Wort wollen wir festhalten. Es zeichnet den Wandel der Ding?. Vor Jahresfrist noch durfte Eng­land wähnen, es könne die Äcker der ganzen Welt mit ihren unbegrenzten Möglichkeiten gegen den deut­schen Acker ausbieten. Heute sieht sich England vor einer neuen, in seiner ganzen Geschichte unerhör­ten Lage. Der überseeische Boden schwindet tlnt>-r seinen Füßen.

Die weiten Gefilde, aus denen der Brite wie aus dem unermeßlichen Meer glaubte schövfen zu können, die Bereinigten Staaten und Kanada. Argenftnien. Indien und Australien, — sie sind in diesem Jahr mit einer schweren Mißernte geschlagen. Wo im Vor­jahr 56 Millionen Tonnen Weizen geerntet wurden, kamen jetzt mr 36 Millionen herein. Vor Jahr und Tag war der Einsnhrbedarf unserer Feinde durch den Überschuß der Erzeugunasländer weit überdeckt; heute stehen England, Frankreich und Italien bei ungewöhnlich knappen Eigenbcständrn vor einem unentrinnbaren Fehlbetrag.

Im vorigen Ernteiahr konnte England inehr als neun Zehnt-'ile seines Einfnhrbedarfs aus den nächstgelege- nen überseeischen Überschußgebieten beziehen, aus den Vereinigten Staaten und Kanada: jetzt liegt ein großer Teil des für die Verschiffung verfügbaren Getreides bei unseren Antipoden in Australien und braucht für den Transport zu unseren Feinden die dreifache Zeit, das heißt den dreifachen F r a ch t r a u m wie der Transport von Nordamerika.

Und diele knappen Zusiihrmöglichkeiten, sie werden eine weitere Einschränkung, sie werden eine entschei­dende Hemmung erfahren durch die Sperre, die, unsere U-Boote Tag für Tag wirksamer um das seegewaltig? England legen. Wir haben gewagt und haben gewagt.

Wir sind des Erfolges sicher und werden »ns de» Erfolg nicht entwinden lassen, durch nichts und von niemand.

Schon ist die Schiffahrt, die Britanniens Inseln mit der Welt verbindet, auf einen Gefahrpunkt herabge­drückt: der Raum der in britischen Hofen angekomme­nen Schiffe war im Dezember 1916 nur noch 2,2 Millio­nen Nettotonnen, gegen 12 Millionen int Monats­durchschnitt des letzten Friedensjahres. Schon sind Englands Reteroe bestände an den wichtigsten Dingen, die es zum Leben und Kriegführen braucht, soweit ans­geschöpft. daß es mehr denn je auf regelmäßige, sichere und reichliche Zutuhren angewiesen ist. Ten in seinen Grundfesten bereits erschütterten Bau des britischen Welfteichß trifft unsere an Zahl und Leistungsfähigkeit gswalftg vermehrte U-Bootsflotte.ohne Unterlaß mit

wuchtigen und unbarmherzigen Schlägen, bis der Tag gekommen sein wird, den jedes deutsche Herz glühend ersehnt. Schon heute aber sind wir dem Wort des englischen Landwirtschaftsministers nahe: England sieht sich mehr denn je auf die eigene Scholle angewiesen.

Der britische Acker steht gegen den deutschen Acker.

Es müßte ein schlechter deutscher Landwirt sein, dem bei diesem Kamps das Herz nicht höher schlägt, der nicht tue felsenfeste Überzeugung hat, daß wir auf die­sem Boden siegen müssen. Wir wollen gewiß nicht, wie das die Staatsmänner des feindlichen Verbandes zu tun pflegen große Worte machen und Tatkraft und Können unserer Gegner unterschätzen. Sicher wird auch der britische Landwirt das Äiißerste leisten, um den Lebensnotwendiakeiten seines Landes zu genügen; sicher wird auch der englische Verbraucher Einschrän­kungen und Entbehrungen auf sich nehmen. Aber die Leistungsfähigkeit der britischen Landwirtschaft muß an den Grenzen versagen, die ein Jahrhundert Wirt- schaftspolitischer Entwicklung gezogen hat.

Im Vertrauen auf seine Seeherrschast hat England sein .Wirtschaftsleben und insbesondere seine Volksernährung auf die überseeische Zusuh r aufgebaut. Deutschland dagegen hat in seiner Wirt­schaftspolitik die Förderung der auswärtigen Handels­beziehungen vereinigt mit der Erhaltung und Stär­kung der Kräfte der heimischen Erzeugung. In den Gesamtwerten unserer Einfuhr und Ausfuhr sind wir im Lauf der letzten Jahrzehnte England nahe gekommen. Aber wir haben dabei unsere Landwirt­schaft nicht verkümmern lassen, wir haben vielmehr« un­sere Eigenproduktion insbesondere an den wichtigsten Nährfrüchten m noch stärkerem Verhältnis gesteigert als unserer großen Volksvermehrung entsprach. Wir standen in der Volksernährnng, als der Krieg ausbrach, mit 3 6 Millionen Einwohnern unabhän­giger und sicherer da als 26 Jahre zuvor mit einer Bevölkerung von nicht ganz 50 Millionen.

Wie der deutsche Acker zum englischen steht,

dafür will ich Ihnen nur wenige schlagende Zahlen nennen:

Auf den Kopf der Bevölkerung gerechnet, lieferte vor dem Krieg eine normal Ernte an Brot­getreide in Deutschland etwa 230 Kilo? mm, in Groß­britannien und Irland nur wenig me als 30 Kilo­gramm, mne normal? Ernte an Getreid nsgesaint er­gab in Deutschland rund 400 Kilogram, in England nur rund 130 Kilogramm auf den Kops.

An Kartoffeln ernteten wir mehr als 650 Kilo­gramm, die Engländer nur etwa 150 Kilogramm pro Kops.

Dazu kommt unser Zuckerrübenbau, der in Friedensjahcen fast ebensoviel für die Ausfuhr frei- ließ, wie unser gesamter heimischer Verbrauch aus­machte; England hat uns aus diesem Felde überhaupt nichts entgegenzustellen.

Unser Bestand an Rindern betrug etwa 320 Stück auf tausend Einwohner, in England nur etwa 260 Stück. Unser Sch w e i n e b e st a n ) vro tausend Einwohner war etwa 370 Stück gegen wenig mehr als 80 Stück in England. Nur an Schafen und Ziegen war uns England stark überlegeil

Die deutsche Landwirtschaft hat in den z,vei Kriegs­jahren, die hinter uns liegen, gezeigt, daß sie auch mrter den schweren Verhältnissen des Krieges in rastloser und harter Arbeit im Aufgebot aller Kräfte von Mann und Frau ihre große Aufgabe zu erfüllen vermag.

Wir haben der Welt den Beweis erbracht, daß wir mit dem Eigenen bei sparsamer Wirtschaft aus- kommen können.

England dagegen braucht für drei Viertel bis vier Fünftel seines Bedarfs an Brotgetreide Z u- fuhren aus dem Ausland. Nach neueren Daten ist England, das öen Ackerbau durch die Weidenwirtschaft hat verdrängen lasten, für die Deckung seines Bedarfs an Butter mit nahezu zwei Dritteln, an Fleisch mit zwei Fünfteln auf das' Ausland angewiesen.

Wenn England also nach eigenem Bekenntnis stch auf das Schlachtfeld der Ackerscholle gedränor sieht, so dürfen wir das ohne Überhebung als einen Erfolg in der Ge s a m i e n t w i ck l u n g des Krieges verzeichnen als einen Eifolg der uns dem entichei- denden Sieg um einen gewaltigen Schritt näher bringt

Aber, meine Herren, die günstigen Aussichten, die uns das neue Schlachtfeld bietet, dürren uns nicht blind machen, sie dürfen uns nicht einen Augen­blick in der Anspannung aller unserer Kräfte erlahmen lassen.

Während draußen aus hoher See unsere U-Boote die Wache halten, während sic allen Unbilden und Gefahren trotzend, in unerbittlicher Entschlossen­

heit und unermüdlichem Kampf den eisernen Ring des Todes um unseren stärkste n und b i t t e r st e n Feind enger und enger ziehe», darf und wird d»e Heimat nicht r a st e n.

Ich bin überzeugt, daß all"s, was von den Taten un­serer Brüder draußen zu Wasser und zu Lande Tag für Tag an unsere Ohren dringt, für uns alle in der Heimat vor allem auch für die deutschem Landwirt und Land- frauett, ein stets neuer Ansporn zu h ö ch sr e r Anspannung aller Leistungen ist.

Sie werden heute über den W^i r t s ch a f t s p l am für das neue Erntejahr beraten, sie dürfen überzeugt sein, daß Sie bei der Reichsleitung und den Regierun­gen der Einzelstaaren jede nur mögliche Unterstützung und Förderung finden werden in Ihren Bestrebungen, die Erzeugung zu erhalten und zu heben. Wir sind uns darüber klar, daß wir mit der Förderung der Pro­duktion nicht nur der Landwirtschaft, sondern auch den wohlverstandenen Interessen der Verbraucher dienen. Ich weiß, es gibt ans diesem Gebiete stark umstrittene Punkte. Ihre Erörterung wird das aufs neue bestäti­gen. Die Not.vendigkeit des Erfassens und Ver- teilens der Erzeugnisse stößt oft genug hart zu­sammen mit der Notwendigkeit der Produktionsförde­rung. Beide Erfordernisse zu versöhnen, nicht nur durch Gesetz und behördliche Vorschriften, sondern auch durch Einsicht und guten Willen von Erzeu­gern und Verbrauchern, das ist die große Aufgabe, deren Lösung uns Ihre Verhandlungen, wie ich zuversichtlich hoffe, näher bringen werden

Aber, meine Herren, bis zur nächsten Ernte ist noch ein weiter und nicht ganz leichter Weg. Auch der beste Wirtichastsplan für das nächste Jahr, auch die zäheste Arbeit und Aufopferung des Landwirts, für die kommende Ernte enthebt uns nicht der ehernen Notwendigkeit, für eine Reihe von Mona­ten mit dem Vorhandenen auszukommen. Wir haben die Gewißheit, daß unsere Bestände a u s- reichen, wenn überall die gebotene Spar­samkeit waltet, nicht nur bei den Verbrauchern, bei denen sich die Sparsamkeit durch die knappe Zuteilung von selbst erzioinqt, sondern auch bei den Erzeugern, die von den Früchten der eigenen Scholle leben. Die Bevölkerung der Städte und Jndustriebezicke, die Millionen ohne eigeneScholle, habenWochen schwerer En t b e h r u n g e n hinter sich. Ihre ohnedies knap­pen Rationen wurden durch den harten Frost, der wcchenlang die Zufuhren sperrte, ans das empfind- lichste eingeschränkt. Sie haben die Entbehrungen mit bewundernswerter Einsicht und Zähigkeit ertragen, im Bewußtsein, daß Dnrchhalten die erste Voraussetzung des Sieges ist. Dis sind die Hände, die unseren Brü­dern draußen im Feld und auf der See die Waffen schmieden, di: in harter Arbeit unter Tag und vor dem Feuer, an Drehbank und Schraubstock, in Fabriksaal und Schreibstube für den Krieg ihre Arbeit verrichten, eine Arbeit ebenso hart und ebenso wichtig wie die Arbeit des Landwirts. Es gilt, ihrx Arbeits­kraft durch ausreichende Ernährung zu erhalten. Diese Pflicht, dies? Notwendigkeit muß Tag und Nachr einem jeden vor Augen stehen, der in der glücklichen Loge ist, über den eigenen knappen, dem Kriege ange­messenen Bedarf hinaus über eigene Bestände zu ver­fügen.

Wer gibt, was er irgend entbehren kann, der Hilst unsere Schlachten schlagen; wer zu rückhält, der hilft dem Feind.

Wir sind aus dem Wege, planmäßig durch eine über das ganze Land zu erstreckende Organisation die A b- lieferung der entbehrlichen Erzeugnisse zu beför­dern. Aber die besten Maßnahmen und die vollkom­menste Organisation kann nur dann wirksam werden, wenn alle in Stadt und Land von der Überzeugung durchdrungen sind, daß es jetzt umä Ganze gehl, daß von jedem das Höchstmaß an Leistungen und Opfern verlangt werden mich, um in dem großen Entscheidungs- kampf den Sieg zu erringen.

Meine Herren! Ich weiß, daß Ihre Verhandlun­gen von diesem Verständnis getragen sein werden. Ich bin überzeugt, daß Sie alles tun werden, was in Ihrer Kraft liegt, um dieses Verständnis überall draußen im Land zu fördern und zu steigern. Die deutsche Landwirftchaft wird den Kampf mit dem britischen Acker im rechten Geist, in voller Tatkraft und im entschlossenen Opferwillen durch- kämpicn, denn sie wird mit unserer Industrie, mit unserem Heer mit unsere Flotte das Letzte und B e ste an die g r o ß e En t s ch e i d u n g setzen.

Wenn all: ihr: volle Schuldigkeit tun, — und der Deutsche tut seine Schuldigkeit —, dann wer­den wir das Jabo 1917 zur Weltenwcnde gestal­ten, dann wird das J-.chr 1917 die britische See­tyrannei zerbrechen und denr deutschen Volke die Tore einer freien imd großen Zukunft auß- machen.