Der Strom.
Den Strom beneid' ich! Frisch durchs Leben eilen, Welch köstlich Los! Bald kühn die Bahn zu finden Durch Klippen, bald durch Blumen sanft sich winden, Und Freud' und Leben ringsum auszuteilen.
Rasch weiß er, was am Ufer auch mag weiden,
Auf seinein Lauf sich liebend zu verbinden,
Kein Blümchen, noch so einfach, darf entschwinden,
Er grüßt es spiegelnd doch im Borwärtseilen.
* Und trübt ein plumper Stein voll Neid die Welle, Setzt er den Schlamm gar bald am Boden nieder, Und zeigt in klarer Flut den Himmel wieder.
So eilt er, fragend nicht zu welcher Stelle,
Bis daß, vertrauungsvoll an seinem Ziel,
Dem ew'gen Meer er an den Busen fiel.
Adolf (Blain.
Wie der Franz! zu seiner Lebensweisheit kam.
Bon F. Lchrönghamer-Heimdal.
Ost, wenn ich so in die Stadt komme und die Buben und Madel sehe, ivie altklug und naseweis sie auf ihre jungen Jahre ichon sind, inuß ich an einen gewissen Franzl denken, den ich einmal recht gut gekannt habe. Dieser Franzl nämlich hat oft, wenn sich die Gelegenheit dazu schickte, den Ausspruch getan: „Die kleinen Buben brauchen nicht soviel zu wissen."
In der Stadt ist es aber so, daß die Buben schon alles wissen, und die Mädchen sind erst ganz gescheidt. In der Stadt lernen sie auch schon soviel in der Schule, als sollten die Buben lauter Professoren und Ratsherren werden. Und was gibt es außerhalb der Schule nicht alles zu sehen, zu hören, zu riechen und zu schmecken! Die Schaufenster, die Kinos, allerhand Au-steltungen und Festlichkeiten drängen sich in Sinn und Seele und so kommt es, daß die Stadtkinder schon alles kennen, vieles, ehe sie sollten. Aber einen laufenden Hasen und eine lebendige Lerche haben wohl die wenigsten von ihnen gesehen. Dafür können sie nichts; auch dafür nicht, daß sie schon soviel wissen und erfahren, was in späteren Jahren auch noch früh genug wäre. Daran sind die Großen schuld, die sich in Gegenwart der Kinder oft kein Blatt vor den Mund nehmen und auch in ihrem Benehmen Ärgernis geben, ohne es zu wollen. Bei den Bauern hat man Ehrfurcht und Rücksicht auf die Kindeiseele rmd alles ist still, wenn „Schindel auf dem Dach" sind, das will heißen, wenn Kinder etwas Unziemliches sehen oder hören könnten, was für ihr Alter noch nicht paßt.
Wie aber der Franzl zu seiner Weisheit kam, will ich jetzt erzählen: Als er noch ganz klein war und eben erst laufen konnte, hopste er einmal die Dorfgasse hinunter. Bor dem Blaslbackofen blieb er stehen, weil die Blaslin gerade schürte. Es war ein großes, lustiges Feuer im Ofen, in dem die Blaslin mit einem langen, eisernen Schürhaken herumstach und die Glut auf den Backherd gleichmäßig verteilte. Wie das geschehen >var, legte sie das glühende Eisen neben sich ins taufrische Gras. Da stieg denn gleich eine heftige, zischende Rauchwolke auf und der Franzl wunderte sich: da ist Rauch, aber kein Feuer. So etwas hatte er noch gar nie gesehen und das mußte er gründlich untersuchen. Er ging hin und hob den Haken aus.
Weil er ihn aber am falschen Ende erwischte, schrie er gleich gottsjämmerlich und ließ das Eisen wieder fallen. Und die Blaslin schimpfte ihn noch dazu: „Du dummer Bub, schau, warum bist so neugierig."
In dem Sommer ist der Franzl ganz brav gewesen, hat nichts mehr angerührt, was nach Heißsein hergesehen hät, und hat sich auch nicht mehr verbrannt.
Im Winter aber ist das anders, da ist's nicht mehr so heiß. Wie sich der Reitknecht eininal einen Eisstock macht, schaut ihm der Franzl zu, und wie er fertig ist, der Stock, fragt er ihn gleich, wie man das Eisschießen macht. „Das geht so", sagt der Knecht, und schützt den Stock über den Stubenboden hin. „Laß mich's auch probieren", sagt der Franzl. „Gleich", sagt der Knecht, aber weil er ein rechter Schlankl ist, lockert er erst den Handgriff, und wie der Franzl dann zum Schwung ausholen will, fällt ihm der Stock gerade auf die Zehen und der Griff bleibt ihm in der Hand. „Du bist ein dummer Bub", sagt der boshafte Knecht. „Geh' heim zu Deiner Mutter und wein' Dich aus!"
Es ist wieder eine Zeitlang gut und der Franzl hütet sich vor allen Schürhaken und Eisstöcken, wie der Fankerl*) vor dem Weihbrunnen. Im Herbst daraus ist er aber einmal beim Weigl, da macht die Großdirn gerade ein großes Faß zu. Wie der Franzl in die Stube kommt, sieht er zwischen Faß und Deckel einen Spalt, wo man gerade die Nase noch hineinstecken kann. Und weil es kein Eisstock, auch kein Schürhaken, sondern bloß ein Krautfaß ist, steckt er richtig die Nase in den Spalt. Er weiß nämlich nicht gewiß, ob in dem Faß wirklich Kraut ist; es können auch Mostäpfel sein. Aber jetzt dreht die Dirn geschwind an dem Schraubengewinde und die Nase ist eingezwängt. Der Franzl schreit, als wenn er am Messe- stecken täte, und hat seitdem eine breite Nase. Die Dirn aber lacht ihn bloß aus und sagt: „Merk' Dir's, man muß nicht überall seine Nase hineinstecken, und kleine Buben brauchen nicht soviel zu wissen."
Das läßt sich der Franz! wohl gesagt sein und wenn es etwas ist, wo man wieder Finger. Zehen oder Nase veriehren könnte, fragt er erst lieber und schaut sich die Dinge mit den Augen an und nicht mit der Hand oder der Nase. Wenn ihn aber jemand zu einer Spitzbüberei oder sonst etwas haben will, wobei man Schaden nehmen könnte, bedankt sich der Franzl schön und sagt: „Die kleinen Buben brauchen nicht soviel zu wissen."
Wie die Leute sehen, daß sie den Franzl nicht mehr foppen und an der Nase herumführen können, lassen sie ihn stehen. So kommt er ohne weiteren Spott und Schaden durch seine Kinder- und Schuljahre.
Aber inan bleibt nicht immer ein kleiner Franzl, sondern wird auch einmal ein großer Franz, so groß und gescheidt, daß man selber schon kleine Buben ausschmieren könnte. Aber das tut unser Franzl nicht, weil er selber weiß, wie es ist, wenn man eine heiße Feuerzunge ansaßt, oder wenn einem ein Eisstock aus die Zehen fällt, oder wenn man gar die Nase zwischen Faß und Deckel bringt.
Der Franzl denkt sich vielmehr: „Auch die großen Buben brauchen nicht alles zu wissen." Denn jetzt gibt es allerhand Sachen, wo die großen Buben ihre Nasen hineinstecken. Die Feuerzange wird ein Wirtshaus, der Eisstock eine liederliche Gesellschaft und das Krautfaß ein Bierfaß.
Der Franzl aber bleibt rechtschaffen bei der Ordnung und geht an den Wirtshäusern, wenn sie auch noch so gescheidt rede,, und laut schreien drinnen, schön ruhig vorbei. Und daheim bei der Mutter ist's an Sonntagnachmittagen wohl ebenso schön wie auf dem Radfahrerball. Da hat man andern Tags wieder
') Büler Jelild,
