Verlag Langgaffe 21
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Samstag» 3. Februar 1917.
Kbend-klusgabe.
Nr. 62. . 65. Jahrgang.
Ser uneingeschränkte U-Bootrlrieg. Oie neue Lage.
O Berlin, 1. Februar.
Mit diesem 1. Februar sind alle Z w i st i g k e i t e n über den Unterseebootskcieg, die unser inneres politisches Leben so schwer belastet hatten, endgültig abgetan. Ein freudiges Gefühl der E r l ö s u n g wird durch das ganze deutsche Volk gehen jedes Wort in der Kanzlerrede vom 31. Januar findet jubelnden Widerhall, es gilt, mit c 'Tn unseren gewaltigen Machtmitteln zu kämpfen, und k > wird jetzt geschehen. Die Zeit ist nicht danach angetan, nochmals zu fragen und zu prüfen, ob der uneingeschrantl ’ Nuterseebootskrieg nicht früher begonnen werden l ite. Es mußte durchaus den fachmännischen ' rWägungen und den vonl Gefühl schwer st er Verantwortung getragenen Entschlüssen der politischen Reichs leitun g überladen oleiben, w o n n :tn|eie wirtkainste Waffe anzuwenden war. Die L-cäm.er, die schon früher ihren Gebrauch gefordert hatten, werden jetzt anzuerkennen haben, daß nicht Zaghaftigkeit mrtsprach, sondern daß es eben gewichtige Gründe gewesen sein müssen aus denen so lange gezaudert worden war. Gründe technisch-militärischer Natur, über die selbstverständlich auch nicht andeutungsweise gesprochen werden kann, aber auch Gründe einer politischen Rücksichtnahme, die jetzt fortgekallen sind. Der erste Gedanke, auf den man dabei komnit, kreist schließlich um die Frage noch der Stellung Amerikas. Wir machen auf den wichtigen Satz Hindenburgs auf. merksam, daß die rnilitärische G e s a m t l a g e es zulasse, alle Folgen ouf uns zu nehmen, die der uneingeschränkte Unterseebootskrieg nach sich ziehen könnte. Damit können in der Hauptsache nur die Folgen gemeint sein, die sich aus den Entschlüssen ergeben mögen, mit denen die Neutralen. Amerika voran, ein Verhältnis zu der ne >en Lage suchen werden. Tie Worts Hindenburgs uno die Rede des- Reichskanzlers bedeuten, daß jede dieser möglichen Folgen in Rechnung gezogen worden ist, und daß keine von ihnen imstande sein wird, uns von der einmal betretenen Bahn abzudrängen. So lag es nicht im Februar 1916, als die Reichsleitnng die Küsten Großbritanniens als Kriegsgebiete erklärte und der rücksichtslose Unterseeboots- ' krieg einsetzen zu wollen schien. So lag es auch nicht - im Frühjahr 1916, als die Bewaffnung der englischen Handelsschiffe uns zu Gegenmaßrcgeln herausforderte. Beide Male fehlte das Letzte und Entscheidende, was nunmehr ausgesprochen wird, nämlich der unbedingte Wille, sich durch keine denkbare Wirkung unseres Entschlusses in seiner Durchführung beirren zu lassen. Wir wissen, daß es, wie der Reichskanzler es nnsgedrückt hat, um unser Leben geht, wir können niemand mehr danach fragen, ob ihm unser Tun gefällt oder nicht. Der Ton unserer an Wilson gerichteten Rote ist denn also auch ein ganz anderer als der in den früheren betreffenden Kundgebungen. Ohne, Umschweif, ohne den Versuch, die offene oder stillschweigende Zustimmung der Washingtoner Machthaber zu gewinnen, wird erklärt, daß wir die Beschränkungen lallen lassen müssen, die wir uns bisher in der Verwendung unserer Kriegsmittel auferlegt haben. Zwar hoffen wir, daß die Vereinigten Staaten die neue Sachlage von der hohen Warte der Unparteilichkeit ans würdigen werden, aber wenn auch diese Hoffnung fehlschlagen sollte, würde nicht.s an unserem Entschluß geändert werden. Das wird nicht mit dürren Worten gesagt, jedoch ist es die gleichsam automatische Folge des tatsächlich Gesagten. Wir machen den Amerikanern sogar noch ein wichtiges Zugeständnis' sie sind die einzigen, denen wir gestatten werden, P a s s a g i e r damvfer nach England gehen zu lassen, dies aber auch nur nach einem einzigen Hafen und auf einer bestimmt vorgezeichneten Seestraße, ferner nur unter der Bedingung, daß die Schiffe genau die Abzeichen tragen müssen, die wir vorschreiben, sodann unter der Bedingung, daß nur einmal wöchentlich ein Dampfer in jeder Richtung geben darf, und daß die amerikanische Regierung die Bürgschaft für das Fehlen von Bannware an Bord dieser Schiffe übernimmt. Somit werden sich die Vereinigten Staaten zu entscheiden haben, ob sie sich diesen entgegenkommenden Vorschlägen, durch die ihnen immerhin eine Ausnahme- st e l l u n g gegenüber den anderen Neutralen eingeräumt wird, anpassen wollen. Jedenfalls aber wird noch einer kurz bemessenen Frist der Unterseebovtskrieg mit äußer st er Schärfe beginnen; jedes Schiff, gleichgültig ob feindlich oder neutral, wird in den Sperrgebieten ohne weiteres versenkt werden. Wenn unsere Verantwortlichen Stellen das auf sich nehmen, dann haben wir auch die Sicherheit, daß sie imstande fein werden, zu leisten, was sie Vorhaben.
Gewiß ist es etwas Ungeheures, was wir uns jetzt zur Aufgabe gestellt haben, aber die Machtmittel stehen zur Verfügung, das werden die Feinde bald erfahren, und die Neutralen auch, falls diese so unklug sein sollten, sich in Gefahr zu beheben. Ob sie es tun werden, darüber brauchen wir nicht jetzt schon zu urteilen, in kurzem werden wir es ohnehin wissen. Wenn man bedenkt, daß von dem an sich so beträchtlich eingeschrnmpften Frachtraum, über den England 'noch bestimmen kann, rund ein Drittel allein durch die Neutralen gestellt wird, dann muß mau sich sagen, daß die heilsame Wirkung, die wir von unserem neuen Unterseebootskrieg eben auf diese Neutralen erwarten, unmittelbare Folgen größten Umfangs haben kann. Alle Neutralen haben nunmehr endgültig zu wählen. Wenn auch sie durch die eingetretene Wendung leiden werden, so kann und darf uns das nicht mehr kümmern, der Weltkrieg läßt keinen aus seinen wach- senden Wirbeln heraus. Vielleicht allzu lange schon haben wir Rücksichten genommen, wie sie England in gleicher Lage gewiß n i e m a l s genommen hätte. Damit ist es jetzt gründlich vorbei: wir sind in einer Lage, in der wir jedes Mittel gebrauchen müssen, um uns, nach den Worten.des Reichskanzlers, aus der Not und Schmach herauszuhelfen, die unsere Feinde uns zudenken. Sie wollen uns und unsere Verbündeten zerstückeln und vernichten, wir aber verteidigen unser Leben. Wir werden darum nicht aushören, im höheren Sinne der Menschheit zu dienen, und gerade indem wir die von unseren Feinden uns entgegengeschlenderte Herausforderung annehmen, werden wir das tun. Denn mit der Zertrümmerung des teuflischen Vernich tungs Wille ns der Feinde werden wir dem Recht und der- Gerechtigkeit wieder eine Stätte auf Erden bereiten. Wer das in: neutralen Auslande nicht einsehen will, der wird sich aus eigene Gefahr blind machen. Ein besonderes Wort ziemt sich noch für den Abschnitt der Note an Wilson, worin von Belgien gesprochen wird. Dieser Abschnitt ist wichtig. Wiederholt wird erklärt, daß eine Einverleibung Belgiens niemals beabsichtigt war, und daß wir in. dem mit diesem Staate zu schließenden Frieden lediglich dafür sorgen wollen, Belgien dürfe nicht von den Gegnern zur Förderung feindlicher Anschläge ausgenutzt werden. Ausdrücklich wird gesagt, daß wir mit Belgien in gutnachbarlichen Verhältnissen zu leben wünschen, und das kann nicht heißen, daß Belgien aufhören soll, als selbständiger Staat zu bestehen. Wir werden alw nach loie vor „reale Garantien" fordern, aber es ist nicht im Plane, Belgien auszulöschen. In Amerika hat man die belgische Frage bisher so gut wie ausschließlich mit englischen Augen angesehen: die neue Note an Wilson gibt viel- leickst doch die Veranlassung zu einer unbefangeneren Prüfung dieses Problems, und wir Deutschen müssen sa von jedem politischen Standpunkte aus, auch von demjenigen der Befürworter eine' weiter gehenden Einflußnahme auf Belgien nur wünschen daß unser Standpunkt jenseits des Ozeans sachgemäß gewürdigt wird. Ob das geschieht und wie es geschieht, darüber wird uns die Antwort ans Washington aufklären, die wegen der unmittelbaren entscheidenden Wendung in der Unterseebootsfrage ja nicht lange auf sich warten lassen wird.
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Line Nenderunq 6er ivttqrenze des Sperrgebietes um England.
W. T.-B. Berlin, 2. Febr. (Amtlich.) Die Ostgcenze des Sperrgebietes um England wurde folgendermaßen geändert: Vom Punkt 52 Grad 30 Minuten Nordbreite, 4 Grad Ostlänge, über Punkt 56 Grad Nordbreite, 4 Grad Ostlänge, nach Punkt 56 Grad Nordbreite, 4 Grad 50 Minuten Ostlänge. Im übrigen verläuft die Grer ze wie bisher.
Der Zweck der Veränderung.
— Berlin, 3. Febr. (zb.) Das „95. T." schreibt: Bisher griff das deutsche Slwrrqsbiet und das eigentliche Blockade- gebiet ungefähr 30 Seemeilen nördlich von Terschelling etwas übereinander, so daß dort fiir die holländischen Schiffe keine Möglichkeit vorhanden war, in die freie Nordsee zu gelangen, ohne eines der beiden gefährdeten Gebiete zu berübren. Durch die Änderung wurde dieser Übelstand beseitigt.
Die Abänderungen der Qttgrenze des Sperrgebietes werden in Holland bewillkommnet.
Nr. Rotterdam, 3. Febr. (Eig. Drahtbericht, zb.) Die gestern abend hier eingelaufene amtliche deutsche Nachricht über Abänderungen der Oügrenze des Sperrgebietes in der Mordsee rief in den holländischen Schiffahrtskrelsen Befriedigung hervor, weil dadurch zwischen dem deutschen Sperrgebiet und dem englischen Minenfeld eine ge
fahrlose Fahrrinne sreibleibt, was zeigt, daß Deutschland die Holländer in ihrer Seeschiffahrt nicht behindern will.
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Deutsches Entgegenkommen gegenüber der neutralen Schiffahrt.
W. T.-B. Berlin, 3. Februar. (Drahtbericht.) Wie wn hören, ist die Funkenstation Nauen den neutralen Reedern zur Unterstützung von Anweisungen an ihre unterwegs befindlichen Schiffe zur Verfügung gestellt worden. Die deutschen Behörden sind mit allen Mitteln bemüht, die Neutralen 'in ihrem Bestreben, ihre Schiffe aus dem Sperrgebiet um England fern zu halten, zu unterstützen.
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Neue Erfolge.
W. T.-B. London, 2. Febr. „Lloyds" melden' Der norwegische Dampfer „Nortis" (1127 Tonnen) ist versenkt worden. Die Besatzung wurde gelandet.
W. T.-B. London, 2. Febr. Die Segelschiffe „Merit W a h" und „We sth er ill" wurden versenkt.
W. T.-B. London, 2. Febr. (Lloydsweldung.) Der englische Dampfer „R av e n sb o urn e" und der norwegische Dampfer „Hekla" sind versenkt worden. Der norwegische Dampfer „Sardinia" (1500- Tonnen) soll versenkt worden fein.
W. T.-B. London, 3. Februar. (Dvähtber.) „Lloyds" meldet: Das englische Fischerfahrzeug „Violet" (141 Tonnen), der englische Dampfer „Escomite" (589 Tonnen), der spanische Dampfer „Algorta" (2117 Tonnen) und das belgische Fischerfahrzeug „Mareelle" (219 Tonnen) sind versenkt worden.
W. T.-B. Madrid» 3. Febr. (Drcchtbericht Agence Havas.) Der spauische Dampfer „Algorta" (2117 Tonnen) mit Apfelsinen und Erz an Bord, wurde versenkt, die aus 12 Köpfen bestehende Besatzung von einem italienischen Dampfer gelandet.
Ein norwegischer Dampfer in die Lust geflogen.
W. T.-B. London, 3. Febr. (Drahtbericht.) „Lloyds" meldet: Der norwegische Dampfer „Jerv" (1112 Tonnen) ist in die Luft geflogen. Ein Mann der Besatzung ist umgc- kommen, der Rest gelandet.
Ein englisches Minenfeld an der norwegischen Küste.
W. T.-B. Kopenhagen, 3. Februar. (Drahtber.) Nachrichten aus Schiffahrtskreissn zufolge ist zwischen Stageu und der norwegischen Küste ein Minenfeld beobachtet worden. Es soll englischen Ursprungs sein.
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Die im allgemeinen ruhige Aufnahme bei den Neutralen.
Br. Berlin, 3. Febr. (Eig. Drahtbericht, zb.) Ein diplomatischer Mitarbeiter schreibt der „B. Z.": Aus
Unterredungen mit einigen iir^Berlin beglaubigten Diplomaten neutraler Staaten, besonders der seefahrenden Nationen habe ich den Eindruck gewonnen, daß die Neutralen den: jetzt etnsetzenden uneingeschränkten Unterseebootskrieg gegenüber zunächst eine abwartende Haltung einnehmen dürsten. Vor allem will man sich auf keiner Seite festlegen, bevor nicht eine klare Antwort aus Amerika eingetroffen ist. Indessen dürsten sich diejenigen Neutralen, die unsere Grenznachbarn sind und diejenigen, deren Gebiet nicht weit von uns entfernt ist, sich sehr wesentlich bei ihren Entschließungen auch von der nüchternen Erwägung leiten lassen, daß sie seit jeher wirtschaftlich auf uns angewiesen sind und nach ihrer geographischen Lage für iinmer auf uns angewiesen bleiben. Das Beispiel Rumäniens hat seine Wirkung nicht verfehlt. Darüber hinaus kann, wie einige neutrale Diplomaten versichern, mit aller Bestimmtheit festgestellt tverden, daß auch das moralische Urteil in den neutralen Staaten sich wesentlich z u g u n st e n Deutschlands geändert hat. Drei Dinge haben in der letzten Zeit besonders zu dieser Änderung beige- tragen' in erster Linie die Befreiung Polens, das zweite Moment zugunsten des Stimmungswechsels war unser Friedensangebot und endlich hat d« Belgien betreffende Stelle unserer Note an Amerika die Ansicht der Neutralen günstig beeinflußt. Sie Hai besonders in Holland kehr angenehm berührt und man verspricht sich in den Kreisen der neutralen Diplomaten auch tiefen moralischen Eindruck in Amerika. Die neutralen Diplomaten verkennen bei allem jedoch keineswegs die schwierige Lage, in die ihre Völker durch die Verschärfung des U-Bootskrieges geraten sind. Ihre Hoffnung geht aber dahin, daß der Krieg durch die Verschärfung, die er jetzt erfährt, nicht mehr allzu lange dauern kann.
