Wiesbadener Tsgbistt.
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Von 8 Uhr morgen» bi» 7 llhr abend», außer Evnuiag».
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Donnerstag, 1. Zebruar 1917.
Morgen-Kusgabe.
Nr. 57. . 65. Jahrgang.
Der uneingeschränkte U-Yootrkmg!
Oer entscheidende Tag.
(VonunsererBerlinerAbteilung.)
I.. Berlin, 31. Jan. (Eig. Meldung, zb.j Die Regierung des Deutschen Reiches hat ihren Entschluß gefaßt; der l. Februar bedeutet den Beginn des uneingeschränkten, ungehemmten Seekrieges, die voll- kommen« Blockade der Ententeländer. Dem Botschafter der Vereinigten Staaten ist kurz nach 6 Uhr eine deutsche Note überreicht worden, die zugleich die hohe Anerkennung des Friedensgedankens bei dem Präsidenten Wilson und die Antwort auf die Kriegsziele des Vierverbandes enthält.
In den Nachmittugsstunden waren Regierungsvertreter und Abgeordnete zahlreich im Reichstag versammelt. Man konnte nahezu von einer Geheimsitzung des Plenums reden. Der Reichskanzler und der Staatssekretär des Innern gaben die Gründe für ihre veränderte politische Haltung, die Vertreter der Landesverteidigung gaben die militärischen Gründe. Alle stimmten in dem Wort überein, daß der T a g für die uneingeschränkte Anwendung der Unterseebootswaffe gekommen ist und daß ein längeres Hinausschicben unmöglich ist.
Aus dieser hiitorischen Tagung des Reichshaushaltsaus- schustes hat der offiziöse Draht ausführliche Berichte weiter- aegekcn. Sie enthalten die allgemeine Begründung, die den Volksvertretern gegeben wurde. Sie enthalten natürlich nicht die strategischen, taktischen und zahlenmäßigen Angaben des Admiral st abes, die in vollem Vertrauen den Abgeordneten unterbreitet wurden. Für die Öffentlichkeit müssen wegen der feindlichen Neugierde die triftigsten Beweise, die vorgebracht wurden, verschwiegen werden. Auch für die Presse besteht die Unmöglichkeit, die Frage des Unterseebootskrieges in allen Einzelheiten zu erörtern; sie ist eine streng militärische geworden, weshalb uns schon die freiwillig- Disziplin untersagt, in irgendwelche Kritik einzutreten, ser es auch der schlagkräftigen wirtschaftlichen Erörterung, mit der Staatssekretär Dr. H e l f f e r i ch sich heute zur teilweisen Überraschung als unbedingter Anhänger des Beschlusses bekannte. Die militärischen Faktoren greifen zu eng über in die politischen und wirtschaftlichen, um auch hier in die unumwundene Aussprache einzutreten. Sie wäre auch zwecklos, da selbst eine parlamentarische Aussprache und gar Abstimmung nicht stattfindet. Die Reichsleitung hat ver- fassungSgemäß, wie seit Kriegsbeginn, die hche Verantwortung für die Probleme der Kriegsführung allein auf sich nkbmen wollen. Es gibt kein Zaudern für einen deutschen Mann, für eine deutsche Partei: auch in diesem gewaltigen Augenblick, ja, noch mehr als je zuvor, tritt ein jeder ein für des Vaterlandes Schirm und Webr! Alle sind wir überzeugt, daß der große Beschluß nach kühner Erwägung von den Staatsleitern gefaßt wurde, denen wir bisher das unverbrüchliche Vertrauen geschenkt haben. Da sie sich entschieden baten, müssen sie auf unsere rückhaltlose Unter» Nutzung rechnen dürfen. Ein einiges Deutschland, gewillt, sich durch nichts vom Siegeswege abbringen zu lassen, vernimmt die Kunde.
Der Reichskanzler sprach mit tiefernster Stimme. Niemand konnte ihm ven Vorwurf machen, die möglichen Folgen verheimlicht zu haben. Dreimal habe die U-Boots- ftagc den Rc chsiagsausschuß beschäftigt. Im März und Mai v. I. war die Frage auch politisch noch nicht spruchreif, heute Uber sei der Augenblick da, wo man den Schritt mit g r ö tz - rer Erfolgaussicht wagen dürfte. Die wesentlich: Erhöhung der U-Bootszahl, die schlechte Weltg:- treideernte, die Schiffahrtsnot der Feinde bis zur Unerträgl'ckkeit steigein zu können, fordern den entscheidenden Schlag. Gegenüber den erhöhten Vorteilen sanken die Gefahren. Der Kanzler hat sehr ausführlich die politische Lage erörtert, aber was den größten Eindruck machte, das waren die Hiudenburg-Wcrte, daß unsere Fronten feststehen, daß wir überall die nötigen Reserven ibeifaniWen haben, und daß die Heeresleitung
alle senk baren Folgen des U-VootSkriegs tragen zu Ibimett unerschütterlich überzeugt sei. Wieder erklärte der Kanzler, daß die rücksichtslose st e Kriegführung d>e humanste ist, und daß wir den neuen Seekrieg führen, weil er die sicherste Gewähr biete, dem heutigen furchtbaren Blutvergießen ein schnelles Ende zu bereiten. Vor allem brauche die Welt in dem Beschluß keinen Desperado-Schritt zu sehen. Wir sind zu keiner Verzweiflungstat genötigt.
„Was vorher unzweckmäßig, ist jetzt ein Erfordernis der Stunde", erklärte Dr. Helffe rich. Seine Zahlen über die Lebensmittelzufuhren bei den Feinden in den Jahren 1914 bis 1917 sind vielen nicht ganz unbekannt. Wichtiger und bestimmender erschienen die Auslassungen des Staatssekretärs oerMarine: Herr v Capelle zeigte, wie viel größer die Zunahme als die Verluste unserer Ilnterseebootsflotte war, wie prachtvoll sich unsere geschulten Mannschaften vermehrt haben, was geleistet wurde und wie vernichtend der neue Schlag hie schon zermürbte feindliche Handelsmarine treffen wird. Schon hat sie Mühe, ihre Bemannungen zu finden und verwendet vielfach minderwertige Farbige, Schon die „Lufitania" ser nicht von ihrem Schicksal ereilt worden, wenn sie mit voller Bemannung hätte fahren können. Sie war genötigt, eine ganze Kesselgruppe stillzulegen, fuhr darum mit 18 statt mit 24 Meilen. Das psychologische Moment wird jetzt von größter Bedeutung sein.
In Furcht und Strecken werden die Matrosen nicht mehr auf die B l o ck a d e b r e ch e r gehen wollen. Auch heute schon ist England zu einem Drittel seiner Schiffahrt aus neutrale Dampfer angewiesen, die hinfort nicht mehr werden fahren können. Die 4V bis 50 Schiffe, deren Zufuhr England.täglich braucht, werden nicht mehr ankommen. Dabei nannte der Staatssekretär eine bescheidene Ziffer als voraussichtliches Ergebnis des Versenkungskrieges in den kommenden Monaten, weil er erstens mit einem geringeren Schlffahrtsveckehr rechnet, nnd weil er sich zweitens lieber in der angenehmen Richtung enttäuscht sehen wolle. Selbstverständlich zog der Admiralstab auch jede denkbare Folgern Betracht. Die Kriegsmarine trat an ihre Aufgabe im Vollgefühl ihrer Kraft, nicht, weil sie glaubt, zu vcrzweifelten Mitteln ihre Zuflucht nehmen zu müssen, um den Feind zu besiegen, sondern weil sie in k ü r z e st e r Zeit besiegen will. Sie ivelß genau, was sie tut, und welche Verantwortung üe auf sich nimmt, aber sie weiß auch genau, das; sie eS schaffen wird. Diese Erklärungen wurden schart und klar in überzeugender Sprache abgegeben.
Betrachtet man schließlich technisch unseren Blcckadeöefohl uüd den, den das verbündete Österreich-üi-aarn erläßt, so siebt man, daß er bei weitem weniger streng und schädigend für die Neutralen ist, als der englische. Die Blockadegrenze geht immer nur bis 20 Kilometer on die neutra- l e n Gebiete heran. Im Mittelmeer bleibt eine ganze 20 Kilometer breite Fahrrinne für die neutrale Schiffahrt nach Eriechenlano offen. Im übrigen fährt jetzt ein Schiff nur auf eigene Gefahr in englische ftanzösische und italienische Gewässer hinein. Um den Vereinigten Staaten abermals unseren guten W'llen zu zeigen, wird das Angebot eines geregelten und gefahrlosen Verkehrs für amerikanische Bürger selb st nach englischen Häfen erneuert. Weiter konnte man hier nicht gehen, sobald der Beschluß gekaß: war, den wir um der Vereinigten Staaten willen einmal vertagt hatten, völkerrechtlich ist 'der uneingeschränkte hemmungslose U-Bootskrieg (der Admiralst-rb spricht nicht von einem „verschärften" oder „rücksichtslosen') nicht zu. verurteilen. Er ist nicht mehr als gerechtfertigt durch den schändlichen Aushungerungskrieg unserer Gegner. Mit Ruhe wird man obwarten müssen, ob endlich alle Neutralen zu dieser Einsicht kommen. Wenn nicht, wird das einig geschlossene De u t s ch - l a n d auch ohne ihre Zustimmung mit eiserner Kraft jfeiii R e ch t durchsetzen müssen. Der entscheidende Kriegsaüschnitt hat begonnen!
Oie Note an den amerikanischen Botschafter.
W.T.-B. Berlin, 31. Jan, (Drahtbericht. Amtlich.) Der Regierung der Verninigten Staaten von Amerika ist heute die folgende Note übermittelt worden:
Berlin, 31. Januar 1917. Eure Exzellenz haben die Güte gehabt, mir unter dem 22 d. M. von der Botschaft Mitteilung zu machen, die der Herr Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika am gleichen Lage an den amerikanischen Senat genchtet hat. Die kaiserliche Regierung hat von dem Inhalt der Boffchaft mit der ernsten Auf:nerksamkeit Kenntnis genommen, die den von hohem Verantwortlichkeits- g e f ü h l getragenen Darlegungen des Herrn Präsidenten zukommt. Es gereicht mir zur großen Genugtuung, festzustellen, daß die Richtlinien dieser bedeutsamen Kundgebung in weitem Umfang mit den Grundsätzen und Wünschen überein stimmen, zu denen sich Deutschland bekannt. Hierzu gehört an erster Stelle das Recht der Selbstbestimmung und die Gleichberechtigung aller Nationen. In Anerkennung dieses Prinzips würde Deutschland es aufrichtig begrüßen, wenn Völker, wie Irland und Indien, die sich der Segnung der staatlichen Unabhängigkeit nickst erfreuen, nunmehr ihre Freiheit erlangten. Bündnisse, die die Völker in den Wettbewerb um die Macht hincintreiben und sie in ein Netz eigennütziger Intrigen verstrickten, lehnt auch das deutsche Volk ab. Dagegen ist eine freudige Mitarbeit allen Bemühungen gesichert, die auf die Verhütung künftiger Kriege abzielen. Die Freiheit der Meere als Vorbedingung für den freien Bestand und den friedlichen Verkehr der Völker hat ebenso wie die offene Tür für den Handel aller Nationen stets zu den leitenden Grundsätzen der deutschen Politik gehört. Um so tiefer beklagt es die kaiserliche Regierung, daß das friedensfemdliche Verhalten ihrer Gegner der Welt unmöglich macht, schon jetzt die Verwirklichung dieser erhabenen Ziele in Angriff zu nehmen. Deutschland und seine Verbündeten waren bereit, alsbald in Friedensverhand- langen einzutreten und hatten als Grundlage die Sicherung des Daseins, der Ehre und der vollen Entwicklungsfreiheit ihrer Völker bezeichnet. Ihre Pläne waren, wie sie in der Note vom 12. Dezember 1916 ausdrücklich betonten, nicht auf die Zerschmetterung oder Vernichtung der Gegner gerichtet und nach ihrer Überzeugung mit den Rechten der anderen Nationen wohl vereinbar. Was insbesondere Belgien anlangt, das den G>,genstand warmherziger Sympathien in den Vereinigten Staaten bildet, so hatte der Reichskanzler wenige Wochen zuvor erklärt, daß eine Einverleibung Belgiens niemals in Deutschlands Absichten gelegen habe. Deutschland wollte in dem mit Belgien zu schließenden Frieden lediglich Vorsorge dafür treffen, daß dies Land, mit dem die kaiserliche Regierung in guten nachbarlichen Verhältnissen zu leben wünscht, von dem Gegner nicht zu feindlichen Anschlägen aus ge nützt werden kann. Solche Vorsorge ist um so dringender geboten, als die feindlichen Machthaber in wiederholten Reden und Artikeln seit dem Abschluß der Pariser Wirtschastskonferenz unverhüllt die 2lb° sicht' ausgesprochen haben, Denffchland nach Wieder» Herstellung des Friedens nickt als gleichberechtigt an- zuerkennen, vielmehr systematisch weiter zu b e kä m p f e n.
An der E r o b e r u n g s s u ch t der Gegner, die den Frieden diktieren wollen, ist der Friedensversuch der vier Verbündeten gescheitert. Unter dem Aus- Hängeschild des Nationalität euprinzips
