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Blätter kür naflauische Geschichte J #jg' und Äultur-Geschichte. W«Wk

Monatliche Kreibeilage des Wiesbadener Tagblatts.

(Nachdruck sämtlicher Original. Beiträge verboten.)

Line Heimsuchung der Rhein- und Maingegend vor rso Jahren.

Bon Th. Schüler.

Im Jahre 1666, also vor 250 Jahren, verbreitete eine verheerende Krankheit, die man die Pest nannte, Jammer und Schrecken unter der Bevölkerung des unteren Main- und des Rheingaus. In ihren Symptomen der Cholera, dem Typhus oder auch dem Milzbrände gleichend, war ihr Auftreten um so unheimlicher, als die £eint> gesuchten unter den größten Fieberqualen schnell dahin­starben, weil die medizinischen Schutz- und ' Heilm'ttel äußerst rückständig waren. Trotz der vielen Opfer, die sic forderte, blieb es immer noch ein trauriger Trost, daß sie gutmütiger einherschlich als in anderen Gegenden, wo sic bei ihrer periodischen Einkehr ganze Ortschaften ent­völkerte. Nach den Mitteilungen der Chronisten soll sich der Selbsterhaltungstrieb des Menschen und seine Furcht vor dem Tode nirgends so beschämend gezeigt haben als bei dieser Krankheit Eltern sollen ihre .Kinder aus Furcht vor der Ansteckung hilflos liegen gelassen und Kinder das Sterbe­bett der Eltern geflohen haben. Um so erhebender sind die wenigen Beispiele von aufopfernder Hingabe und selbst­loser Krankenpflege, die bekannt wurden.

Die Entstehungsursachen und der Herd, von deni aus die Krankheit sich verbreitete, suchte man gewöhnlich rm fernen Osten, in den Sumpfniederungen des Nils. Mit Absperrnngsmaßregeln glaubte man sich schützen zu können, ohne zu bedenken, daß in deir gesundheitswidrigen Ein­richtungen der größeren Städte des Westens die Krank- heitskeime so gut wie dort ihren Nährboden fanden. Bei der in Rede stehenden Epidemie waren Frankfurt und Mainz die Mittel- und Ausgangspunkte derselben. Ver­mutlich von Mainz aus eingeschleppt, hatte zu Schier- stein schon im Frühjahr 1666 die Seuche solchen Um­fang angenommen, daß gelegentlich des Eltviller Marktes am ?3. und 24. Mai die kurmainzischen Behörden des Rheingaus Wächter an der Obecpforte zu Niederwalluf nusstellten, - die die aus Schierstein und Biebrich-Mosbach kommenden nassauischen Marktbesucher zurückweisen mußten. Ain 16. Juni bedrohte der Bieedom des Rheingaus alle diejenigen mit einer Strafe von 50 Reichstalern, die einen von der Pest heimgesuchten Ort betreten oder Be­wohner solcher Orte in ihren Häusern aufnehmen würden. Auch auf die anläßlich der Angst und Sorge nach Not­gottes ziehenden Bittgänger habe sich die Ausschließung aus­zudehnen, wenn sie einen schriftlichen Ausweis über rhren guten Gesundheitszustand nicht vorznzeigen vermöchten.. Doch konnten diese Vorsichtsmaßregeln nicht verhindern, daß die Seuche auch in E l tv i l l e Eingang fand, wie eine Auf­zeichnung vom 18. August besagt.

Etwas später dehnte sich die Krankheit über Winkel aus, wo man sie anfänglich als Dysenterie oder Ruhr betrachtete und ihren grausigen Charakter erst erkannte, als innerhalb zweier Tage ein Familienvater samt seinen sieben Kindern starb. Wie Dekan Spengler in seiner Ge­schichte von Winkel angibt, forderte der „schwarze Tod' bis 18. November 51 Opfer Die Leichen führ man schließ­

lich aus Karren nach dein Totenhofe und zeigte die Sterb­fälle dem Geistlichen nicht mehr an, sodaß bis 5. April 1668 die darauf bezüglichen Einträge im Kirchenbuche fehlen.

Schrecklich soll die Seuche auch in Bingen ge­wütet haben, >vo die damals erbaute Rochuskapelle an die traurige Zeit erinnert; sie zieht noch heute eine große Zahl von Wallern an und, wie Dekan Spengler meint, — auch von vergnügungssüchtigen Weltmenschen, denen die Erinnerung an jene Heimsuchung heilsam sein sollte.

In Lorch waren, wie wir dem Berichte des dortigen Oberschultheißen an den Landschreiber des Rheinqau? vom 21. Oktober 1666 entnehmen, bis dahin 50 Bürger der Krankheit erlegen, und täglich wurden noch 8 bis 10 Per­sonen begraben.

An "den Bewohnern der Orte Oberwalluf, Nendorf und Erbach war das Strafgericht Gottes noch gnädig vor- übcrgegangen, als sie sich am 10. Oktober 1666 zur Verhütung der Krankheitseinschleppung weigerten, lothrin­gische Völker bei sich aufzunehmen, die in den damaligen inneren Wirren des Reiches Winterquartiere dort beziehen wollten

Weit in das Jahr 1667 hinein waren irn Rheingau die Svuren und beängstigenden Verheerungen der Krank­heit zu spüren. Noch am 18. August dieses Jahres verbot der Kurfürst von Mainz die Abhaltung der Kiedricher Wall­fahrt und der Lstricher Kirchweihe, sowie der Jahrmärkte an beiden Orten, wozu der kurmainzische Hofrat am nächsten Tage dem Landschreiber in Eltville erläuternd schrieb, der Kurfürst wünsche, daß nicht nur in den beiden genannten Orlen, sondern allenthalben ini Rheirgau der­gleichen volkreiche Wallfahrten, Jahrmärkte und Ansamm­lungen zur Vermeidung der Krankheitsübertragnng noch zur Zeit unterblieben.

Für die Mainorte kam nicht nur Mainz, sondern auch Franksurt als zu meidender Krankheitsherd in Frage, und es hatte der kurmainzische Oberamtmann für dir Ämter Höchst und Königstein den kurmainzischen Untertanen das Betreten dieser Stadt verboten Beim .Herannahen der Herbstmesse machte am 15. September 1668 der Amtmann in Höchst den Oberamtmann auf die Unzuträglichkeiten aufmerksam, die sich für diejenigen Mainbewohner er­gaben, die in ihrem Verdienst auf den Verkehr mit Frank­furt angewiesen waren. Sie überliefert ihn, schrieb er, täglich mit der Bitte um Erlaubnis zum Besuche Frank­furts, w-il sie sonst ihren Verpflichtungen nicht nachzu- kommen vermöchten. So gern er auch ihren Wunsch erfülle, so trage er doch Bedenken, die Verantwortung für ein zu befürchtendes Unglück auf sich zu nehmen.

Wie und woher es gekommen, sei dahingeft-llt; jeden­falls ist bekannt, daß sich die Epidemie über Edders­heim. Sindlingen, Flörsheim, Weilbach. W i ck e r. H v ch h e i m, K o st h e i m und K a st e l aus­breitete. Die Einwohner Hosheims hatten mit ihrem