Verlag Laaggaffe 21
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vienslag, 23. Januar 1917.
Kbend-Susgabe.
Nr. 41. » 63. Jahrgang.
Die reinliche Scheidung.
Über die Tragweite des Beschlusses, den der s o z i a I» demokratische Parteiausschuß gefaßt hat, indem er die Treibereien der Haase-Gruppe, der sogenannten Sozialdemokratischen Arbeitsgemeinschaft, als Wider den Bestand der Partei gerichtet kennzeichnete, gehen die Meinungen weit auseinander. Der Parteiausschuß selbst hat in seiner, mit 28 gegen 10 Stimmen angenommenen Entschließung festgestellt, daß die Mitglieder der Arbeitsgemeinschaft durch ihr Berhalten „sich nunmehr auch von der Partei selb st getrennt" haben. Die der Haase-Gruppe angehorende „Königsberger Volkszeitung" betont dagegen, daß der Parteiausschuß lediglich eine begutachtende Körperschaft sei und gar nicht «die Befugnis habe, bindende Beschlüsse zu fassen.
Denselben Standpunkt vertritt die von der Ar- beitsgemeinschaft angenommene Erklärung, die jzugleiw die entschiedene Fortsetzung des Kampfes gegen den gemäßigten rechten Flügel ankündigt, aber mit der ^ausdrücklichen Wendung „schließt euch zusammen zur Wahrung unserer Rechte in den Parteiorganisationen". Wohlgemerkt „in", d. h. die Haase-Gruppe will den Kampf um die Partei in der Partei fortsetzen; sie will sich nicht aussperren lassen, sondern sie gedenkt die Sprengversuche fortzusetzen, um sich in der Parteiorganisation und diese Organisation für sich zu behaupten.
Der Kampf ist also dtirch den Beschluß des Ausschusses keineswegs entschieden, sondern die Entscheidung ist erst eingeleitet worden. Endgültig wird und kann sie nicht vor dem Ende des Weltkrieges fallen; denn wenn sich auch die Geister lind die Fraktionen — jetzt auch die preußische Landtagsfrakfton — geschieden haben, so kann doch, wie von beiden Seiten zugegeben wird, die offizielle Trennung der Partei erst durch einen Parteitag ausgesprochen werden, an dessen Einberufung aber während des Krieges nicht gedacht wird und nicht gedacht werden kann. Daß aber, wie von einigen Seiten gemeint wird, jetzt der Versuch geniacht werden soll, auf Grund der diesbezüglichen Bestimmungen des Organisationsstatuts, di? in dem Paragraphen 26 bis 30 enthalten sind, das Ansschtußverfahren gegen jeden Widerspänstigen einzuleiien weil er „durch beharrliches Zuwiderhandeln gegen Beschlüsse seiner Parteiorganisation oder der Parteitage das Parteiinteresse schädigt", ist natürlich ganz ausgeschlossen, schon weil bei dem langwierigen Verfahren mit dem Appell an Schiedsgerichte ein Ende gar nicht abzusthen wäre, und weil der Ausgang angesichts der Mehrheitsverhältnisse in zahlreichen Bezirksorganisationen am Ende recht zweifelhaft wäre.
Es handelt sich also bei'dem Beschluß des Partei- ausschusies nur um die Schaffung der Grundlagen zur reinlichen Scheidung. Immerhin, daß die mit dem 4. August begonnene Entwicklung der Sozialdemokratie ihren Fortgang nimmt, kann füglich nicht mehr bestritten werden. Die Trennifnq der preußischen Landtagsfraktion hat hierfür einen weiteren Beweis geliefert, wobei zugleich eine erfreuliche Kräfte- verschiebimg zutage getreten ist. Denn während die radikale Grirppe früher über sechs von den zehn Mandaten versüat hatte, haben sich jetzt von den zehn Man- kung des Abgeordneten Hirsch fünf Mann als rechter Flügel konstituiert, während der Kamvf um das Lieb- knecht-Mandat bekanntlich noch bevorsteht. 'Durch den Namen Liebknecht wird man zugleich daran erinnert, daß es innerhalb der Sozialdemokratie nicht etwa nur zwei, sondern vier Gruppen gibt, nämlich 1. den wenigstens in bezug auf die Vertretung im Reichstag weit überwiegenden rechten Flüael, ferner die Arbeitsgemeinschaft. dre im Reichstag über achtzehn, im preußischen Abgeordnetenhaus über vier Abgeordnete verfügt, 3. di? S p a r t a k r: s - Gruppe (so genannt nach den Spartakus-Briefen), die nach Liebknechts Verurteilung im Reichstag jetzt nur noch durch R ü b l e vertreten 'st, und endlich die anarcho-sozialisti- sche Gruppe „International", die Parlamentarisch überhaupt nicht vertreten ist.
Während in Deutschland die Spaltung der Sozialdemokratie erst durch den Weltkrieg und seine Wirkungen herbeigeführt wurde, ist sie in den meisten anderen Ländern schon viel früher eingetrcten. So gab es in Österreich immer eine deutsche und eine tschechische Sozialdemokratie: in Italien schieden sich die Reform- sozialisten von den offiziellen; in England steht neben der Arbeiterpartei eine unabhängige Partei. In Frankreich hat es sogar drei sozialistische Gruppen gegeben, und die Versuche, sie in diesem Kriege zu- wmmenzuschweißen, hatten keinen ernstlichen Erfolg; ist doch gerade jetzt wieder eine neu? ernstliche Spaltung zu verzeichnen. Wie die weitere Entwicklung der Sozialdemokratie in Deubtschland sich gestalten wird, läßt sich nur schwer Voraussagen, aber immerhin scheint das Ergebnis der. E rs.atz wah.len dafür zu sprechen.
daß die Mehrheit auf Seite derjenigen steht, die sich in vaterländischem Geiste zur Politik des 4. August bekannt haben. Und diese Mehrheit wird hoffentlich auch standhalten und mitmachen, wenn nach einem siegreichen, unseren Bestand, unsere Sicherhsit und unsere Entwicklungsfähigkeit gewährleistenden Frieden die Arbeit an den: inneren Wiederaufbau unseres Vaterlandes sich als unsere vornehmste, aber auch als
unsere schwerste politische Aufgabe erweisen wird.
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Er« Vertrauensvotum von Teltow- Charlotterrbury für die Parteileitung.
In der Generalversammlung der sozialdemokratischen Wahlvereine von Teltow-Beskow - Storkow-Charlottenburg wurde das Vorgehen der Opposition, das eine Zertrümmerung der Partei- und Gewerkschaftsorganisation bedeute, verurteilt. Bei der Größe der Wahlkreise wiegt das rer -Parteileitung ausgesprochene Vertrauensvotum nicht leicht.
Dr. Lensch über die „Bandwurrntheorir" der Opposition.
„Ein klägliches Schauspiel."
Der sozialdemokratische »geordnete Dr. Lensch äußert sich in der „Internationalen Korrespondenz" folgendermaßen zu dem Beschluß des Parteivorstandes und zu dem Verhalten 'der Opposition:
Die Sozialrevolutionären, die der Welt den Frieden diktieren wollen und die zu diesem Zweck tagtäglich ihre Anhänger zu den kühnsten Taten aufrufen, haben nicht einmal so viel Mut, offen der Partei ihr Statut zerrissen vor die Füße zu.werfen und sich als selbständige Partei zu organisieren. Auch für sie galt wie für Herrn Falstaff die Vorsicht als der beffere Teil der Tapferkeit. „Im Rühmen des Parteistatuts' soll die neue Organisation „unermüdlich" sich betätigen. -Allem, wenn der Bandwurm mit seine: unermüdlichen Tätigkeit sich noch so sehr „im Rahmen" des menschlichen Körpers betätigt, so 'hört er deshalb nicht ans, ein Schmarotzer und Fremdkörper zu sein, der den Organismus, der ihn beherbergt, untergrädt und ihm olle Kräfte rauibt. Und aus diese B a n d w u r m t h e o r i e und noch mehr auf die Bandwurmpraxis lies die ganze Rechffertignng der neuen Partei h'naus. Wenn irgend etwas imstande gewesen wäre, dem Wbröckelnngsprozeß 'der M'nderheit einen Schimmer zpschichtl-cher oder wenigstens parteigeschlchtlicher Bedeutung zu geben, so hätte das durch den franken und freien Appell an die Revolution und die Aktionen der Masse geschehen können, das heißt also, an die Kräfte, in beneti die Opposition, ob mit Recht oder UnrÄht, die Elemente ihrer Macht und ihrer Zukunft evbückt. Dadurch wäre wenigstens ein gewisser sozialer und historischer Sinn in die Dinge gekommen. Allein statt dessen ein pfiffig-dummes Klügeln und Schwatzen um die Paragraphen des Ovgain- sationsstatuts. Ein in der Tat klägliches Schauspiel!
Der Parteivorstand wird die Verantwortung um so leichter tragen können, je fester und klarer er nunmehr die Kon- seguenzen aus »er Situation zieht, die die Opposition geschaffen. zumal da der nächste Parteitag e:n erheblich anderes Bild bieten dürste als etwa die Reichskcnferenz 'der Gesamtpavtei vom September 1916. Denn zu ihm haben selbstredend die Mitglieder und Anhänger der Arbeitspemei'i- schaft und der Anavchosozialen keinen Zutritt, da die Parteitage 'der deutschen Sozialdemokratie natürlich nur von Mitgliedern dieser Partei beschickt und beeinflußt werden köniwn, und da sich diese Gruppen seit dem 7. Januar selber als eine neue Partei konstituiert hoben.
Deutschland, pack an!
Die „Köln. Ztg." schreibt:
Nachdem die Verbandsmächte das Friedensangebot unsers edlen Kaisers in brutaler Weise abgelehnt haben, in einer Note, welche den Gipfel menschlichen Wahnwitzes darstellt, muß die Stimmitng in unserem Volke entschlossener denn je sein, nrcht nur durchzuhalten, - sondern zu siegen. Was n n s e re Fe i n de wollen, das ist so ziemlich alles, was wir und unsere Bundesgenossen besitzen. Der- Russe will Konstantrnopel, Galizien, die Bukowina, Ost- und Wsstpreußen, Posen; der Italiener Triest und einen Teil von Tirol; der Franzose will Elsaß-Lothringen und das linke Rheinufer; der Engländer will unsere Kolonien, selbstverständlich auch Helgoland und die Häfen der Nord- und Ostsee. Unsere Flotte, die gesamte Artillerie und das ganze Geschoßmaterial sollen ausgelietert, unier Heer aufgelöst und unser Volk wehrlos gemacht werden. Dazu hätte dann unter Volk alle im Laufe des Krieges beschädigten Gebiete wiederherzustellen. Garantien für die Zukunft zu bieten, daß es nie wieder eigne, selbständige Wege gehe, welche die Wege der anderen Völker durchkreuzen und ihre Kreist stören. Weiter müßte unser Volk eine Kriegsentschädigung bezahlen von, sagen wir einmal 100 Milliarden, und unsere Feinde würden uns das Aufbringen dieser Summe sreundlichst erleichtern, indem sie all» öffentlichen Veckeürseinrichtunaen
in Verwaltung nehmen, die staatlichen Wälder und andere nutzbringenden Liegenschaften nrit Beschlag bergen, den Staat also aller Einkünfte berauben würden. Kurz: unsere Feinde wollen nichts niehr und nichts weniger als Deutschland vernichten und unser deutsches Volk zum Bettelvolk Europas machen. Was das aber zu bedeuten hätte, das dürfte doch in dieser teuren Zeit jedem einleuchtend sein.
Dank der hochentwickelten Industrie hat unser Land bisher seine 70 Millionen Bewohner glatt ernähren können. Die Lebenshaltung des einzelnen war in allen Teilen des Reiches infolge stets zunehmender Arbeitsgelegenheit immer besser geworden. Die Auswanderung hatte fast vollständig aufgebört, ja hatte vielfach derEin- wanderung und Rückwanderung Platz gemacht. Auch diese für unser Volk so ersprießlichen Zustände sollen, wenn es den Feinden zu willen geht, wieder anders werden. Unsere Industrie wird durch schlaue Beschneidung der Zufuhr der ails dem Auslande kommenden Rohstoffe auf ein sehr bescheidenes, für die Bedürfnisse unseres Volkes vollkommen unzureichendes Maß herabgedrückt werden. Unser Volk wird gezwungenerweist wieder das Volk der Dichter und Philosophen werden, das aus hungrigen Augen zuschaut, wie seine Feinde vor vollgedeckten Tafeln den gemeinsamen Raub genießen. Tann wird unter dem Druck der allgemeinen Not, hervorgerufen durch die erdrückende Last der Steuern, die mangelnde Arbeiisgeleqenheit und teure Lebenshaltung, unter dem Weh über das verlorene Vaterland die Auswanderung wieder einsetzen, stärker denn je, und die Söhne unseres Volkes werden mit ihrem Schweiße die Arbeitsfelder der Welt düngen zum Nutzen anderer, während in der Leimat Fremde sich bereichen. Das darf nicht werden. Drum: deutsches Volk, pack an!
Auch ein vorzeitiger Friedensschluß ohne rechte Kriegsentscheidung käme für unier Volk einer Niederlage gleich. Welch ungeheure Lasten würde dann unser Volk zu tragen haben, wobei nicht zu vergessen wäre, daß der entscheidende Krieg doch in wenigen Jahren nach kurzer Friedenspause geführt werden müßte. Wollte unser Volk die Zinsen der Anleihen decken, die Kriegsinvaliden verstrgen, der Witwen und Waisen gedenken, die Schulden amortisieren und auch für den kommenden Krieg entsprechend rüsten, so würde es jährlich nach oberflächlicher Berechnung eine Sunnne von etwa 15 Milliarden nötig haben. Diese Summe müßte durch Stenernmlagen aufgebracht werden. Auch dann käme also für unstr Volk eine Zeit mit einer fast unerträglichen Stenerlast. Dazu käme noch die aufreibende Erwartung des Entscheidungskriegs. Wer möchte das ans sich nehmen? So schwer die Opfer auch jetzt für nnstr Volk sein mögen, cs gilt durchzubalten und den Siegesprers zu erringen. Drum: deutsches Volk, pack an!
Durch deutschen Sieg zu deutschem Stieben!
Der Unabhängige Ausschuß für einen deutschen Frieden hat folgende Entschließung gefaßt:
Unsere Bereitwilligkeit, in Friedensverhandlungen erw- zutreten, haben unsere Feinde mit Hohn zurückgewiesen. Wir begrüßen das als Klärung der Lage. England und seine Verbündeten haben nnS die Augen darüber geöffnet, daß ihr letztes Kriegsziel die völlige politische und wirtschaftliche Vertüchtung unseres Volkes und unserer Bundesgenossen ist. Zwar sehen sie die Hoffnung, einen entscheidenden Waffensieg zu erringen, von Tag zu Tag mehr dabinschwin- den. Uln so sicherer aber rechnen sie mit unserer schliehlichen wirtschaftlichen und militärffchen Erschöpfung. Sie wollen uns zerschmettern.
Das wird ihnen nicht gelingen. Aber auch die Wiederherstellung derjenigen politischen Lage, die vor dem Ausbruch des Krieges bestand, wäre gleichbedeutend mit einem Zusammenbruch des deutschen Wirtschaftslebens und einer lauernden Lähmung der Entwicklungsmöglichkeiten unseres Volkes. England und Rußland würden nach einer Niederlage noch reichlichen Anteil an der Welt behalten. Wir aber, eingekreist von feindlichen Mächten, mären verloren, wenn der Krieg nach dem Sinne der Versöhnungspolitiker mit einem „Geschäftsfrieden" auSgehen würde.
Gedanken von Versöhnung und Ausgleich sind jetzt Träume. In schamloser Enthüllung ihres Vernichtungswillens haben die Feinde die angebotene Verständigung zurückgewiese». Deshalb müssen wir weiterkämpfen und durch den Sieg unsere Gegner zu einem Frieden zwingen, der unsere Zukunft sichert.
Für diesen Sieg gilt es, jetzt unsere militärische uüd wirffchaftliche Kraft restlos zu gebrauchen. Es gilt insbesondere die sofortige und rücksichtslose Einsetzung aller unserer Machtmittel. Mit halben und verspätete» Maßnahmen ist der Krieg nicht zu gewinnen. Nur die volle Befreiung unserer herrlichen Untersrebootswaffe von allen ihr auferlegten Beschränkungen kann uns die Abkürzung des Krieges uud damit den Sieg uud baldigen Frieden bringen. Nachdem ich;
