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Der Sanöliote.
Bolkslmliche greibeilnge Des Wiesbaden» Tagblolls.
Die Welt.
Nicht mit Unrecht unsere Welt Mancher für 'neu Garten hält,
Wo viel schöne Blumen sprossen.
Aber wo so viele blüh'n,
Ist auch stets das Kraut der Müh'n Und der Schmerzen aufgeschossen.
I. Kehrein.
Der späte Pfenning.
Von A. Stifter.
Und es traten Etliche zusammen und sagten: „So lasset uns ein Werk gründen, welches Früchte trage für alle künftigen Tage und Jahre, es werde ein Haus des Herrn, wir wollen dann seine Jünger rufen, daß sie kommen und ibm sein Lob singen zu allen Zeiten des Tages, daß unter ihren Äxten sinke die dichte Pracht der Wildnis, die jetzt noch über allen diesen Bergen liegt, und der lieblicheren der Menschenhände weiche, daß sie dann hingehen und in ihrer Kirche die sanfte Lehre predigen, damit die Menschen kommen und horchen und gesittet werden, wie es vordem auch die Wildnis wurde, und daß sich eine Gemeinde sammle, und von ihr der neue Wandel ausgehe in die Länder und in die Zeiten und so immer fort und immer fort."-
„Und ich," sagte der Gründer des Werkes, „werde mein Gemüt auftun, und gebe Grund und Boden und Berg und Tal und Wälder und Wässer, daß sie jagen und fischen."
„Und ich," sagte sein Freund, „werde die Hand auftun und mehr als tausend Goldgulden geben, daß sie ihr Haus und das des Herrn aufrichten und bestellen mögen."
„Und ich gebe auch, und ich auch, und wir alle!" riefen die andern, und dann schlug man zur Bekräftigung die Hände ineinander, und das Werk war beschlossen.
Und wie nun in der Stille der Wälder der Lärm begann von den stürzenden Bäumen und den Schlägen der Äxte, und wie die Gerüste emporstiegen, und die Lieder der Bauleute klangen, und an dem wachsenden Gemäuer hundert Hämmer klopften, da ging der Ruf von dem neuen Wunderwerke in die Welt, und in deren Herzen schon der Same des Heiles Christi war, da kamen alle, einer um den andern, und brachten Gaben zu dem Werke, große und kleine, wie es jeder vermochte, und baten, daß man sie nehme und irgend einem Gliede des Ganzen einbaue, daß sie Teil hätten an dem Werke Gottes und ein Gutes täten für die Ewigkeit.
In derselben Zeit lebte ein armer Mann in den Bergen, dessen nur ein Bogen und eine Haue war, zu jagen im Walde und zu graben auf dem Felde, daß er den Seinen Nahrung erwürbe. Auch zu ihm in die Ode verlor sich der späte Ruf des Dinges, was man weit draußen in dem schönen Tale bereite. Er hing den Bogen an die Wand seiner Hütte, die Haue aber gab er seinem Sohne und lehrte ihn, was er zu tun habe und zu graben, dieweil er ferne sei — er aber sch mit im Morgengrauen einen Stab aus dem Haselgebüsche und wanderte fort, da er früher ein Säckelchen von Pfenningen in seinem Gewände verborgen. Des Weges aber war es sehr weit und mühselig, und zuletzt ergriff ihn noch Krankheit, daß er seine Pfenning alle bis auf einen dem harten Wirt darreichen mußte, der ihn verpflegte. Und als er endlich sein Ziel erreicht hatte, so sah er das große, schöne, heilige Haus fertig vor seinen Augen glänzen, und eine Menge Volkes war versammelt, und staunte und betete, ihm aber wurde es sehr schwer um das Herz — aber der Pfenning in feiner Tasche war Gottes angelobtes Eigentum und inußte übergeben werden, sonst wäre der Manu also-
gleich umgekehrt und nach Hause gegangen: so sehr schämte er sich selbst und der Gabe. Mitten im Volke, stattlich hoch zu Rosse, hielt der Herr, der Gründer des Werkes, und sah strahlenden Antlitzes umher — da trat ihn der arme Mann bescheiden an und sagte die Worte: „Herr, ich habe hundert Pfenninge geiwmmen und gelobt, was mir davon nach demütiger Wegzehrung überbleibe, dem neuen Gotteshause zum Opfer zu bringen, daß ein Steinchen dgvon das meinige sei und der Herr darauf mit Wohlgefallen sehe, — allein der Engel der Krankheit hat mich unterwegs heimgesucht, und alle die Pfenninge gingen hin bis auf einen, er ist Gottes, und ich bin noch den Weg eines Tages gegangen, um ihn zu übergeben. Herr, zürne nicht deines Knechtes."
Der Herr aber sah ihn an und sagte: „Sei gegrüßt, und sei bedankt für deine Gabe, das Haus ist zwar fertig, aber es glänzen noch nicht alle seine Fenster; für deinen Pfenning tvird eine der Scheiben gesetzt werden — Gott segne dich, mein Sohn."
„Amen!" sagte der arme Mann, „nun aber, Herr, lasse mir aus deinem weltlichen Eigentume eines deiner Brote reichen, daß ich zurück zu den Weinigen könne, der Trank quillt mir überall aus den Bergen."
Der Herr und Gründer des Werkes empfing den Pfenning, und legte ihn andächtig zu den Schätzen des Gotteshauses, dem Wanderer ließ er aber Brot und Fische, Wein und Fleisch reichen und anderes, was seine Speisekammer vermochte, damit er sich mit Wegzehrung belade — der Mann aber nahm nur ein einziges der Brote, betete an der Schwelle des neuen Hauses, schnitt einen neuen Stab aus dem Haselbüsche und wanderte heimtvärts.
Und Tage und Wochen vergingen, das Werk stand fertig da, blank, als wäre es mit einem Winke gegossen worden, die Stimmen der Brüder ertönten darinnen zur Ehre Gottes, und wenn es Abend wurde, erglänzte die ganze Fensterreihe in Purpur und Gold, und darunter die Scheibe des armen Mannes so rosig und hold wie die andern, so von Fürsten und reichen Leuten gesetzt wurden.
Und tausend Tage sind vergangen und wieder tausend und tausend — der Gründer und der arme Mann waren längst tot, ja ganze Geschlechter hatten gewechselt und waren vergangen, ja, nicht einmal mehr die alten Bäume standen auf den Bergen, sondern ihre Enkel und Urenkel, dünner und sparsamer; denn sie waren besiegt von einem unscheinbaren, schwachen Halme, der aber allmälig siegreich ist über alle Wildnis der Erde — dem schönen, wallenden Korne — andere Zeiten und andere Sitten waren gekommen: siehe, da gefiel es dem Herrn, den Engel der Prüfung zu senden über sein Haus und dessen Diener, er entfaltete sein goldenes, funkelndes Panier, das wunderbare Feuer, über den Dächern, und sie wurden weggezehrt unter seinem Hauche, und weggezehrt wurde alles, dahin nur eine Falte des Paniers zu wallen vermochte, und die Trauerkunde drang in die Länder, und es waren viele, die da trauerten uni das, was vergangen, und die da trauerten um das, wie es wieder sollte gutgemacht werden.
Und es traten ihrer Etliche zusammen und sagten: „So lasset uns ein Werk gründen, das da fruchte für alle künftigen Tage und Jahre; es sind ihrer, die nicht Gold und Silber haben, es niederzulegen an dem Hause des Herrn, aber in ihrem Haupte sind allerlei liebliche Gedanken und in ihrem Herzen Gefühle, die sie auszusprechen vermögen, daß die andern, die es nicht können, sich daran erfreuen — lasset uns min ein Werk der Gedanken errichten, daß die -Gaben dafür niedergelegt werden an dem geschädigsen Hause." Und dann schlug man zur Bekräftigung die Hände ineinander, und das Werk war beschlossen.
Es erging nun der Ruf, und wie vor den tausend und tausend Tagen kamen auch jetzt die Gaben, große und kleine, wie jeder es vermochte. Unter ihnen aber lebte wieder ein armer Mann, dessen nichts war, als der Drang seines HerzcnS,
