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Verlag Langgasse 21

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Sonntag» 21. Ianuar 1917.

Morgen-ktusgabe

Nr. 37. » 63. Jahrgang.

Ereignisse zur See.!

Zwölf Schiffe in zwei Tagen von einem einzigen U-Boot torpediert.

W. T.-B. Rotterdam, 20. Jan. Hier sind gestern die zwei Kapitäne und 33 Mann der dänischen Dampfer „Ge r d a" und „C h a s s i e m a e r ä l" angckommen, die Mitte Dezember bei Finistcre von einem deutschen U-boot versenkt wurden. Am 16. Dezember wurde „Gerda" von einem deutschen U-Boot ohne Nummer angehalten. Das Schiss erhielt eine aus sieben Köpfen bestehende Prisenbesatzung und wuroe darauf als Rettuugssäjiff benutzt. Am selben Tage wurde „Chassieniaersk" angehalten und verienkt. Die Be­satzung von 19 Mann wurde auf die „Gerda" gebracht, dann ging das U-Boot ans die Jagd nach anderen Schissen. Das nächste Opfer war der englische Darnpfer „B a g h a l l", dessen Besatzung von 30 Mann ebenfalls an Bord der „Gerda" gebracht wurde. Einige Stunden später ereilte den japanischen Dampfer „T a k i M a r u" dasselbe Los. Hierauf erhielt „Gerda" Befehl, Finistcre anzulaufen. Dort wurden die ver­schiedenen Besatzungen gelandet, worauf die „Gerda" selbst außerhalb der territorialen Gewässer von der Prisenbesatzung mit Bomben zum Sinken ge­bracht wurde. In zwei Tagen hatte das deutsche U-Boot zwölf Schisse torpediert, darunter norwegische und portugiesische Fahrzeuge.

Die englische Presse iiber die Kaperfahrt der ne»»en „Möwe".

W. T.-B. Amsterdam, 19. Jan. Die Londoner. Zeitungen vom 18. Januar erörtern ausführlich die Nachricht über die Schiffsverluste, die die Kaperfahrt der „neuen Möwe" ver­ursachen. Da weitere Nachrichten noch fehlen, fo • {teilt-«um Vermutungen über die Fahrt und die Maskierung des Schiffes an und ffischt die Erinnerung an die Leistungen der ,,Appam" und „Möwe" wieder auf. Einige Blätter bemühen sich, die Schiffsverluste als ziemlich geringfügig hinzu- ftellen, da' die „Möwe" eine größere Beute gemacht habe, gleichzeitig wird hie Admiralität entschuldigt, daß sie diese Kreuzfahrt nicht verhinderte. Es sei nahezu un­möglich, ein einzelnes Säuft im weiten Ozean aufzu­spüren. Archibald Hurd teilt im „Daily Telegraph" mit, daß die britischen Kreuzergeschwader wöchentlich 80 Schiffe an­hielten und durcksucbten. „Daily Mail" schreibt, der Beute­zug wäre an sich nicht gefährlich, aber er werde es in Ver­bindung mit der Tätigkeit der deutschen Unterseeboote. Der Feind zerstöre Tag für Tag 10 000 Tonnen der Han­delsflotte der Alliierten. Tie einfachste Berechnung zeige, daß dies jährlich eine gewaltige Totalsumme ergebe. Das Blatt schiebt die Schuld auf das frühere Admiralitäis- kollegium. Carfon miiffe die Unterseebootsgefahr durch neue Schiffsbauten, Bewaffnung der Handelsflotte und andere Mittel bekämvfen. deren Geheimnis das Blatt nicht enthüllen will. Aber England dürfe Jellicoes Warnung keinen Augen­blick außer Augen lassen, daß die Unterseebootsgefahr jetzt größer sei als in irgend einer früberen Periode des Krieges.

Br. Rotterdam, 19. Jan. (Drahtbericht. zb.) Der Marinesachverständige der „Times" glaubt aus der Tatsache, daß eines der erbeuteten Scbiffe eine Prisenbemannung er­halten hat, schließen zu dürfen, daß sich der Vorgang mit der „Appam" wieder erneuern wird. Es sei aber möglich, daß einige der erbeuteten Dampfer als Auftlärungs- und Ver- proviantternngsschiffe benutzt werden, wie es seinerzeit die „Karlsruhe" und die „Emden" machten.

Die U-Bootspraxis gegenüber Kapitänen und Kanonieren bewaffneter Handelsdanrpfer.

Br. Genf, 20. Jan. (Eig. Drahtbericht, zb.) Dem „Lyo­ner Progres" zufolge landeten an der Küste Spaniens 88 Matrosen des französtschen bewaffneten Handels­dampf e r s „Sydney". Der Kapitän und zwei Artille­risten. wurden auf dem Unterseeboot zurückbehalten Die französische Regiev.ing ermächtigte die Hafenbehörden von Fecamp Saint-Malo, Camcal uslw., die Fischerboote für die diesjährige Nsittundlandfischerei zu bewaffnen, doch wurde verfügt, daß :m Interesse der Landesverte:diaung die Besatzungen der Schiffe von 82 auf 84 Mann herabzusetzen seien.

Ein holländischer Postdampfer von unseren Torpedobooten aufgebracht!

W. T.-B. Berlin, 20. Jan. (Amtlich.) Unsere Torpedo- loote brachten am 19. Januar, früh, den holländischen Post- dampfer „Prinz Hendrik", von Vlissingen nach London besttmmt, zur Untersuchung nach Zeebrügge ein.

Ein deutscher Dampfer von holländischer Seite angehalten.

Br. Rotterdam, 20. Jan. (Eig. Drahtbericht. zb.) Heute passierte Vlissingen der dsutsche Dampfer „Ursula Fischer", unterwegs von Zeebrügge nach Amerika. Ter Dampfer wurde durch die holländische Marine a n g c - halten, weil er ei« als Prise erklärtes englisches

Schiff fein soll, das einen deutschen Namen bekam. Der Dampfer liegt jetzt auf der Mssmger Reede.

Landung der Besatzung des Dampfers „Theodor" in Pernambnco.

Br. Rotterdam, 20. Jan. (Eig. Drahtbericht. zb.) Aus Rotterdam wird berichtet, daß das amerikanische Konsulat in Pernambuco meldet: Neun Amerikaner der Besatzung des als Prise erklärten Dampfers „Theodor" sind hier durch den japanischen Dampfer „Hudson M a r u" mit den Mannschaften anderer vernichteter oder aufgebrachter Schiffe gelandet worden. Alle befinden sich Wohl.

Der japanische Dan,pfer „Hudson Maru" von Brasilien als deutsche Prise anerkannt.

W. T.-B. London, 20. Jan. Das Reutersche Bureau meldet aus Rio de Janeiro: Der Marineminister erklärte in einem Interview, daß der D a m p f e r „Hudson Maru" als deutsches Schiff bettachtet und deshalb nicht in Pernam­buco interniert werde. Er werde als deutsche Prise dort bleiben. >

Die Erbitterung englischer Reederkreisc über die Untätigkeit der britischen Flotte.

(Drahtbericht unseres i<r.-Sonderberichterstatters.)

Kr. Genf, 20. Jan. (zb.) „Eclair", „Petit Parifien" und andere Pariser Blätter erhalten übereinistiinmend die Mel­dung, wonach Verbitterung in Londoner R -e e der- kreisen über die Untätigkeit der britischen Kriegsflotte im Zunahmen begriffen sei, da die Zahl der Schiffsversenkungen sich ständig mehrt. Insbe­sondere seit Austauchen des unbekannten deutschen K o r s a r s ans dem Allantischen Ozean, dem nach den bis­herigen Meldungen schon 16 Schiffe, darunter 0 eng­lische mit 60000 Tonnen Gehalt, und 4 französische von durchschnittlich je 6000 Tonnen zumr Opfer gefallen sind, hat sich die Mßistimrnung sehr -erhöht. Dies um so mehr, als das Reedereffyndikat außer den von der Admiralität als versenkt verzeichneten Schiffe noch ein« ganze Reihe anderer als überfällig meldet.

*

Ein Tauchboot-Postdienst für die Neutralen.

Br. Kopenhagen, 20. Jan. (Eig. Drahtbericht, zb.) Das spanische Unterseeboot „Jsaach Pirel" wird in den nächsten Tagen hier erwartet. Das Tauchboot, das von Barcelona nach New Dort abgeyangen war, bringt jetzt der dänischen Regierung wichtige Aktenstücke aus Amerika. Es scheint, daß auf Veranlaffu>ng -Spaniens die Neutralen sich einen regelrechten Kursdien st per Tauchboot eingerichtet haben, um den Plüuderun- gen der Post durch die englischen Kriegsschiffe auszuweichen.

Wie England die neutrale Schiffahrt vergewaltigt.

W. T.-B. Amsterdam, 20. Jan. (Drähibericht.) Die Blätter melden, daß der holländische Dampfer „W e st e r d i n k" mit 4500 Tonnen Getteide für die nieder­ländische Regierung schon 34 Tage in S t o r n e w a y liegt. Das Schiff mußte den Hasen wegen Kohlen mangels anla-usen. Man bedeutete dort dem Kapitän, daß er nur dann Kohlen bekommen könne, wenn seine Reederei sich verpflichte, 30 Prozent ihres Laderaums der, englischen Regierung zur Verfügung zu stellen oder jedes ihrer Schiffe eine Reise für englische Rechnung nehmen zu lassen. Die Reederei konnte aus das Angebot nicht e i n - gehen, weil ihre Schiffe von der niederländischen Regie­rung für Getteide requiriert worden sind. Reederei und Re­gierung haben seitdem vergeblich alle möglichen Schritte unternommen, um den Dampfer frei zu -bekommen. Die einzige Möglichkeit, das Schiff heraus- zubekommen, wäre, als es Schleppdampfer avholen zu lassen. Aber die Schleppdampfer der Reedereien weigern sich, aus Furcht vor englischen Repressalien diese Arbeit zu übernchmen.

Ein englischer Dampfer infolge Zusammenstoßes gesunken.

lDrabtbericht unseres Kr.-SonderberichterstatterS.)

Kr. Genf, 20. Jan. (zb.) „Pettt Parisien" meldet aus Le Havre: Bei einem Zusammenstoß im Nebel erlitt der Dampfer „M aste r" ein Leck und sank sofort. Nur ein Tell der Bern Innung konnte gerettet werden.

Die ungeheuere Steigerung des Wertes von Schiffen.

Br. Haag, 20. Jan. (Eig. Drahtbericht, zb.) Der schwer beschädigt in der Themse liegende Dampfer der Hamburg-Amerika-Linie „Prinz A d a l b c r t" (6030 Bruttotonnen) wurde am Mittwoch zu 6000 Pfund Sterling a u s g e b o t e n. Nach leibhaftem Bieterkampf, an dem sich lediglich französische Reeder ibeteiligten, wurde das Schiff zu dem außerordentlich hohen Preis von 162000 Pfund Sterling der Pariser Südallantischen Dampffchiffahrts- gesellschaff zug eschlagen.

Vas wahre Gesicht unserer hauptseinder.1

Von Graf Posadowsky.

Der jetzige Kampf der Mittelmächte gegen Englands See- und Landmacht ist indes im Begriff, an die Wur­zeln dieses Staatswefens zu greifen. Das englische Staatswesen und die englische Gesellschaft mit ihrer wirtschaftlichen Grundlage ist hierdurch in einem Maße in Anspruch genommen, das vielleicht zum ersten Male in der Geschichte Englands jeden einzelnen Eng­länder erkennen läßt, was Krieg für ein Land bedeutet. Diese Erkenntnis kommt in den Äußerungen der Mitglieder der englischen Regierung, der Volksvertretung und der Presse in einer seelisch sehr bemerkenswerten Weise zum Ausdruck.

In der gebildeten englischen Gesellschaft galt es bis­her für guten Ton, seine Ansichten mit vorsichtiger Mäßigung zu äußern, sich nicht zu sehr vreiszugeben und auch gegnerischen Ansichten die Wohltat des Zwei­fels in der Unterhaltung zuzugestehen. Vor allem aber hielt man es im gesellschaftlichen Leben Englands für besonders geschniacklos, zu prahlen oder zu übertreiben. Jene durch Erziehung geglättete Oberfläche ist indes im gegenwärtigen Augenblick, wo England sich einem ihm vollkommen ebenbürtigen Gegner gegenübecsieht, geborsten. Es werden selbst von den Vertretern der Regierung Behauptungen aufgestellt, die im geraden Gegensatz zu den Tatsachen der Vergangen­heit und Gegenwart stehen und nur die Wirkungen eines leidenschaftlichen, fassungslosen Hasses sein können, der jedes Augenmaß für die Wirklichkeit verloren hat. England wird dargestellt als eine friedliebende Familie von Gemein­wesen auf der Oberfläche der zivilisierten Welt, wäh­rend man Deutschland die Absicht zuschreibt, das ganze Gebilde freier Staaten rm Westen des europäi­schen Kontinents tatsächlich zu vernichten und vor den Toren Englands einen herrschsüchtigen und drohen­den Despotismus zu errichten. Deutschland wolle die kleineren Staaten beseitigen und die größeren verkrüppeln Die Verbündeten kämpften für das Recht und für die Freiheit, die Mittelmächte für das Unrecht und den Despotismus. England sei der Fahnenträger der Demokratie, sein Erfolg bedeute den Sieg des Fortschritts und dauernden Friedens, während der Sieg der Mittelmächte die ungebändigte Herrschaft preußischen Militär­regiments sein würde. Freiheit und Frieden seien die Ideale des britischen Volkes in der Heimat und in den Kolonien. Wer sein Vertrauen, auf Eng- land baue, baue auf einen Fels. In England gäbe es keine Hintergedanken und keine selbstsüchti­gen Ziele. England wolle gleiche Rechte für alle zivilisierten Staaten und känipfe deshalb gegen eine Regierung, die von einer militärischen Kaste beherrscht werde. England könne den Völkern, die versuchen, ein fremdes Joch abzuschütteln, seine Teilnahme nicht versagen.

In der englischen Thronrede wurde uns vorgeworfen, daß wir Macht für Recht und Nützlichkeit für Ehrenhaftigkeit hielten. Ganz besonders heftig pflegt sich Lord Rosebery zu äußern, der ehemalige Minister der auswärtigen Angelegenheiten und Schwie­gersohn der Rothschilds. Als Kanzler der Universität London erklärte er bei einer Festlichkeit: „Was ist der Krieg anders wie ein Streit der Charaktere, ein Kampf zwischen dem mutigen, vertrauensvollen Briten, der immer überrascht wird, und dem kal­ten, be r e ch n e n d e n Volke von Mördern, die während einer ganzen Dauer eines Geschlechts alle Hilfsmittel ihrer Wissenschaft und ihre Kenntnisse auf­wendeten, um eine scheußliche Verschwörung gegen ihre Nachbarn und die Freiheiten aller Welt vor- z u b e r e i t e n. Wenn 'der Tcutone — wir wollen alle Verwandtschaft mit ihm abschütteln —, wenn der Preuße siegt, wird er Europa in eineni Sarge ver- schließen mit einem preußischen Posten als Schildwache." Bei einer anderen Gelegenheit bezeichnet er uns als

*) Die ftbcrschrist, die G r e i P o s a d o w s k v dem zu unserer Lerstigunq gestellten Aussatz gegeben patte, lautete „M r. Pecksnis f" und war durch die Tatsache gerecht­fertigt, daß diese Dickenssche Figur das genaue Vorbild zu der eriglisctcii Tartüfserin ist, die uns auf Schritt und Tritt be­gegnet und die Graf Posadowsky in seinen wertvollen Ausführungen so klassisch kennzeichnete. In deu, Dickensschen Roman „Marte» Cbuzzlewit" ist dieser Mr. Peckniff ein habgieriger, räukcvoller, scheinheiliger Charalter, der aber in allen seinen Äußerungen von Tugend und Edelmut trieft, eine Stütze der bürgerlichen Gesellschaft Dickens, der tiefblickende Seelenmaler des englischen Volkes, sagt ron ihm: „Wenn ein Mensch jemals die sausten Eigenschaften des Lammes mit dem starken Anflug einer Taube in sich vereinigt — ohne die Spur eines Krokodils oder die mildeste Beigabe einer Schlange - so war er es." Obwohl sonach die Überschrift „Mr. Pccksnifs" sehr treffend war, schien uns nn Interesse des Verständ- uljjes vieler unjerer Leser obige Änderung zweckmäßig.