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Donnerstag, 18. Januar 1917.

Morgen-Kusgabe

Nr. 31. . 65. Jahrgang.

Die besetzten Gebiete zu Beginn der neuen Jahres.

Br Berlin, 17. Jan. (Eig. Drahtbericht, zb.) Zu Anfang des Jahres 1917 waren von uns besetzt: In Belgien 29 000 Quadratkilometer, in Frankreich 22 310 QuadraUilometer. während von deutschem Boden 900 Quadratkilometer in den Händen der Fran­zosen waren. In Rußland waren von uns besetzt 280 450 Quadratkilometer, in Rumänien 100000 Quadratkilometer, während 28 231 Quadratkilometer österreichisch-ungarischen Bodens in den Händen der Russen waren. In Serbien waren es 85 867 Quadratkilometer, in Montenegro 14180 Quadrat­kilometer, in Albanien 2004 Quadratkilometer, die von unseren Truppe« besetzt waren.

was wird Kmerika tun?

O Berlin, 16. Januar.

Die englischen Blätter können uns natürlich keine zuverlässige Quelle für Nachrichten aus Anierika sein, aber da die Verbindung mit den Vereinigten Staaten erschwert ist, bleiben wir auf die Mitteilungen der Londoner Zeitungen aus Washington angewiesen; wenn wir sie mit gebotenen Zweifeln lesen, so müssen wir sie jedenfalls zunächst eben lesen. Nach der Morning Post" soll Wilson so gut wie entschlossen sein, an uns heranzutreten, um uns zu bewegen, ebenso offen zu hqndeln wie der Zehnverband und unsere Frie­densbedingungen oekanntzugeben. Dies Wifhingtoner Telegramm derMorning Post" sagt uns einstweilen nur, daß nian in London solche Wünsche hat, und es sagt uns nicht, daß Wilson wirklich die angekündigte Einladung an unsere Reichsleitung richten wird. Ob cs jedoch geschieht oder nicht, auf alle Fälle glauben wir, daß der Präsident der Vereinigten Staaten seine Tätig­keit, die schon vor seiner Dezembernote einsetzte, keines­wegs einstellen und nunmehr völlig beiseite treten wird, um die beiden Mächteverbände ihre Sache allein aus­fechten zu lassen. Die Erklärung Wilsons, daß Amerika bei der* Fortdauer des Krieges genötigt sein werde, Folgerungen für sich daraus zu ziehen, kann, doch durch die jetzt abgeschlossene Zeit der Unterhaltungen über den Frieden nicht entkräftet sein, tritt vielmehr gerade durch die schroffe Ablehnung unseres Friedensangebots von seiten des Vierverbandes erst recht in Kraft. Es fragt sich nur, nach welcher Richtung hin Herr Wilson die Folgerungen zu ziehen beabsichtigt. Wir dürfen uns durch die Überzeugung von der fleckenlosen Rein­heit unserer Sache und durch die Gewißheit, daß unsere Feinde zu ihrer Niedertracht jetzt auch eine erhebliche Menge von kaum begreiflicher Dummheit hinzugefügt haben, nicht etwa dazu bestimmen lassen, eine gleiche Betrachtungsweise auch in Amerika vorauszusetzen. Wir müssen auf vielerlei von drüben gefaßt bleiben. Freilich besteht die Möglichkeit, daß Wilson die Grund- und Kernfragen des Weltkrieges heute anders als vor Jahr nnd Tag ansieht, und es mag in den letzten Monaten mancher Faden gesponnen worden sein, von dem in der Öffentlichkeit nichts bekannt geworden ist. Auch ist es wohl richtig, daß die überwiegende Mehrheit in den Vereinigten Staaten ein wachsendes Interesse an der Beendigung des Krieges hat; die Kriegslieferun­gen haben sich, seitdem England eine einzige Waffen- und Munitionfabrik geworden zu sein scheint, wesent­lich verringert, unter der Teuerung leidet die große Masse der Bevölkerung, die Beschränkungen des Ver­kehrs und die Abschneidung jeder wirtschaftlichen Ver­bindung mit uns werden senfeits des Ozeans immer häxter empfunden. Wir. die wir wissen, daß unsere Feinde die Schuld an iier Verlängerung des für sie aussichtslos gewordenen Krieges tragen, sind begreif­licherweise geneigt, von den Amerikanern anzunehmen, daß sie die Lage ebenso beurteilen, und daß sich deshalb ihre Unzufriedenheit gegen England in erster Linie richten muß. Aber keine Täuschung liegt näher und keine ist zugleich schädlicher als die, welche die eigene wohlbearündete Auffassung auch bei den anderen als unumgänglich voraussetzt. Wer sagt uns denn, daß die Amerikaner nicht u m g esi ehrt folaern, der Krieg, dessen Beendigung allerdings auch sie ersehnen, könne und müsse am schnellsten ansgetilgr werden, indem wir und unsere Verbündeten einein verstärkten Druck unter­worfen würden? Es ist nicht nötig, bei allein, was in Washington getan wird oder unterbleibt, sogleich an die allergefährlichsten, gegen uns gerichteten Ziele und Absichten zu denken; es ist aber ebenso zu widerraten, Herrn Wilson das Einlenken in wirkliche Neu­tralität zuznschreiben, bloß weil wir von unserem Standpunkte aus schließen, .daß die uns natürlich und

selbstverständlich erscheinende Vernunft seine Politik bestimmen müsse. Wir haben uns in Wahrheit dahin zu bescheiden, daß Amerika jetzt genau wie vorher das große Fragezeichen darstellt, von dem wir, solange drü­ben nicht offen Stellung genommen worden ist, nicht aussagen können, was alles es in sich birgt. Wir wer­den das an dem Tage wissen, an dein wir unsere Macht­mittel gegen den H a u p t sie i n d mit der vollen Wucht und Rücksichtslosigkeit anwenden wer- den, über deren Notwendigkeit jetzt zum Glück nirgends noch im deutschen Volke ein Zweifel be­sieht. Wird unser Unterseebootskrieg so geführt, wie wir alle es fordern und wie die Reichsleitung und die militärischen Stellen ihn zu führen entschlossen sind, dann werden sich ganz von selbst Wirkungen einstellcn, die ciile Probe auf die^ letzten Auffassungen und Ab- sichtcn der Vereinigten Staaten werden ergeben müssen. Die Auseinandersetzungen über die an Herrn Wilson von uns und unseren Feinden gerichteten Noten sind vollkommen zwecklos geworden, und nicht mehr an ihnen sollte das Interesse hasten, sondern K muß sich dar­über hinaus in die Zukunft richten, also auf die be­ginnende Erweiterung und Verschärfung der Kriegshandlungen selbst. aber auch auf die Stellung der Vereinigten Staaten, die ja nicht.auf­hören werden und nach ihrem eigenen beträchtlichen Willen nicht aufhören wollen, an den Welthändeln teil­zunehmen, In dieser zweiten Beziehung aber sind wir durch unsere eigene Meinung von Wert und Unwert der feindlichen Noten nicht weiterqekommen, wir werden erst zur Klarheit gelangen, wenn Amerika nicht sowohl abermals gesprochen, als vielmehr ans Grund neuer Tatsachen, die unsere Kriegführung schaffen soll, ge­handelt haben wird. Wir müssen allen Möglichkeiten ins Gesicht sehen und tun es auch. Zu den schönsten Wirkungen der jüngsten Ereignisse gehört es, daß nie­mand mehr in unserem Volke noch Bedenken tragen will, alles auf sich zu nehinen, auch vielleicht die offene Fe i n d s ch -i f t Amerikas, wenn es das Schicksal so fügen Zollte. Jedoch wird auch niemand dieses Schicksal leicht nehmen oder gar herbeiwünschen wollen. Uns bleibt nichts übrig als gelassen ab­zuwarten.

Eine neue Erklärung Wilsons?

W. T.-B. London, 16. Jan.Central News" meldet aus Washington: Wilson beabsichtigt in einer Er­klärung zu den beiden ihm übermittelten Noten Stel- lunge-zu nehmen. Er werde aber die Versendung der Erklärung an die beiden kriegführenden Mächtegruppen von der Haltung des Kongresses abhängig machen^

Ni. Wien, 17. Jan. (zb.> Amerikanische Kreise in Wien glauben, daß Wilson seine Aktion zur Wieder­herstellung des Friedens fortsetzen werde. Die Ant­wort der Entente dürfte in Anierika kann: einen günstigen Eindruck gemacht haben, wird aber doch die Möglichkeit zur Fortsetzung der Friedensaktion offen lassen. Wilson werde seine Bemühungen nicht aufgeben, bis das Ziel erreicht ist.

*

Russische Verstimmung über das Vorgehen Wilsons.

Angebliche deutsche Friedensbedingungeu.

lDrakstbericht unseres 8.-SonüerberichterstatlerS.)

8. Stockholm, 17. Jan. (zb.) Die vom russischen Ministerium des Äußern informierten Blätter schlagen neuer­dings einen ungewöhnlich höhnischen uni anfge­hr a ch t e n T ,o n gegen die Vereinigten Staaten an, besonders gegen den Präsidenten Wilson. So bemerktNowoje Wremja" zu der von Amerika ausgehenden*Friedensbe- wegung: Die amerikanischen Pazifisten, welche unter An­führung ihres Präsidenten Wilson intervenieren,paar los beaux yeux du roi de Prasse", sollten erst die deutschen Frie­densbedingungen kennen lernen. Diese sehen nach einer von russischer offiziöser Seite verbreiteten Darstellung zufolge folgendermaßen aus: Deutschland erhält von Frankreich den Streifen längs der Vogesen nebst B e l s o r t. Belgien stellt seine äußere Politik sowie die strategisch wichtigen Eisenbahnen unter deutsche Kontrolle. England garantiert volle Freiheit des Meeres und Kohlen- st a t i o n e n an allen großen Meereshäfen. Rußland wird weit nach Osten zurückgeworfen. Der polnische Staat ist Deutschland anzuschließen, ebenso Litauen. Auch Österreich- Ungarn und Bulgarien -erhalten reichen Gebietszuwachs.

Wiener Keststellunyen zur Sntentenote an Wilson.

Wien, 16. Jan. Da-Fremdeiiblatt" schreibt: Die Wahrheit, das; der Bestand Österreich-Ungarns als Großmacht sür unsere Gegner an sich ein genügender Grund zum Kriege war, tritt durch ric Antwort der Entente air Wilson in hellster Bedeutung zutage. Die Frndensbedingungen" der Entente lassen kernen Zweifei, Laß wir für unsere Gegner Freiwild gewesen sind. Aus deu Trümmern Österreich-Ungarn-, glaubten sie, ihren habgierigen

Ehrgeiz befriedigen zu können, überzeugt, eme recht gesahrtose Beute zu machen, ein Ge'oankcngang, welcher die Politik unserer südlichen und östlichen Beachbarn beherrschte und irr der englischen und noch inehr der französischen Presse und Literatur verbreitet war. Ein Niederschlag der Überzeugung von der Lcbeirsunj.ihigkeit der Habs­burger Monarchie findet sich in der letzten Errtentenote und unsere Gegner versuchen an diesem Anachronismus auch heute noch sestzu- balten, obwohl die Erfahrungen des Weltkrieges sie eine- Besseren belehrt haben müßten. Der zweieinhalbjährige Existenzkampf, den wir erfolgreich bestanden, hat aber die Unzerstörbarkeit der Struktur unseres Staates unzweideutig bewiesen. Aber ebenso kann heute nicht mehr bezweifelt werden, daß die Aufteilung der Monarchie von langer Hand geplant war und wir dazu ausersehen waren, den Appetit unserer Nachbarn zu stillen. Was die letzte Cntentenote klar enthüllt, war schon l ä n g e r e Zeit vor Kriegsausbruch lein Geheimnis mehr sür unsere maßgebenden Kreise, und die unabweisliche Pflicht der Notwehr zwar:g uns, unser Schwert scharf zu halten. Darin liegt eben der fundamentale Unterschied zwischen uns und unseren Gegnern, daß diese den B c - st a n d Österreich-Ungarns allein sür emen genügenden Kriegsgrund hielten und entschlossen waren, die erste Gelegenheit zu benutzen, um die Existenz der Habsburger Monarchie zu vernichten. Bei uns aber wäre es niemandem eingefallen, Rußlands oder Italiens Dasein als Kricgsawaß aufzufassen und die Zerstörung und Zer­stückelung dieser Staaten als das durch das Scywert zu erkämpfend« Ziel unsere! Politik zu betrachten. Auch das Zarenreich ist ist weit entfernt, ein u a t i dm a l homogenes Gebiet darzu- ftellen, unddie Fremdvölker" unter der Herrschaft des Zaren wären wohl glücklich, wenn sie sich derselben Freiheit erfreuten wie die Völker der österreichisch-ungarischen Monarchie, die die Entente erlösen" will. Die Behauptung unserer Gegner, daß sie auf Grund des Nationalitätenprinzips und für die Freiheit der einzelnen Bolksstämme das Schwert gezogen, ist nichts als ein heuchlerischer, lügnerischer Vorwand. In Ruß­land gibt es gewiß mehr Arbeit für die B c k ä m p f e r der Unterdrücker als bei uns. Die Aussicht auf die Zerstörung der Habsburger Monarchie allein vermochre das Zarcilrerch und Italien an di- Westniüchte zu binden. Niemand bei uns hot zum Kriegegehetzt". Wir mußten nur aus der Hut vor drohender Wirk- lrchkert fern. Die letzte Kundgebung unserer Gegner gab nur allzu­sehr jenen Recht, die seit vielen Jahren mrt begründeter Sorge in die Znflrnft blickten.

Oer Unterseebootskrieg.

Lüge, Verleumdung und tendenzkLs» Stimmungsmache in London!

Eine energische amtliche deutsche Zurückweisung.

W. T.-B. Berlin, 17. Jan. (DrahDevicht. Amtlich.) Rach derTimes" vom 30. Dezember 1916 machte die engli­sche Admiralität mit Bezug ans die Versenkung des Dampfers Wesrmlnster" durch ein deutsches U-Boot und die Be­schießung der in den Booten befindlichen Besatzung folgen­des bekannt: Ter Grad der Wildheit, den die Deutschen in ihrer U-Bootstaktik erreicht hätten, schiene aufs höchste ge­stiegen zu sein bei der BevsenLuug des englischen Dampfers Westminster". Am 14. Dezember 1916 wäre er vo>n einein deutschen U-Boot ohne Warnung angegriffen worden, als er 180 Seemeilen vom Land sich befand, und wäre schnell hinter- einander von zwei Torpedos getroffen morden, die vier Mann töteten. Die Offiziere und die Besatzung des Dampfers wären, während sie sich von dem sinkenden Schiff zu retten versuchter!, voir demi. U-Boot aus 2700 Meter Entfernung be­schossen worden. Der Kapitän und der leitende Maschinist wären aus der Stelle getötet worden; ihr Boot wäre ge- suuken. Der zweite und dritte Maschinist und drei Mann der Besatzung wären nicht aufgesischt worden. Es folgen dann die üblichen Ausdrücke der Entrüstung über Kaltblütige? Morden, Beweis sür den Tiefstand der deutschen Ehre, offen­bar mit dem Zweck, die Erinnerung an denBarralong"^ King Stephan"- und .Cromptvn"-Fall zu er­sticken

Demgegenüber wird, nachdem die d i e n st l i ch e Mel­dung des betreffenden N-Bootskommandantc» vorliegt, fest- gestellt:

1. Es ist nur e i n Torpedo auf den bewaffn ete» DampferWestminster" abgefeuert worden.

2. Mt einer Kanone ist überhaupt nicht geschossc» worden.

!i. Als das Unterseeboot nach dem Torpedoschuß auf­tauchte, war das Schiff schon gesunken. Die Angabe, die Besatzung wäre, als sie sich von dem sinkenden Dampfer gu retten versuchte, beschossen worden, ist somit frei er­funden.

4. Das U-Boot versuchte, nach der Versenkung sich den Rettungsbooten zu nähern. Bei diesen Versuchen kam ein feindlicher Bewach ungsdampfcr in Sicht. Das U-Boot mußte sich im Interesse der eigenen Sicherheit entfernen. Dies konnte um so unbedenkliches geschehen, als die Aufnahme der Besatzung des Dampfers durch den Bc- wachungsdampfer gesichert erschien.

Der Bericht der englischen Admiralität ist somit in allen Einzelheiten falsch und trägt den Stempel tendenziöser Stimmungsmache im eigenen Land und bei den Neutralen im der Stirn.