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Montag» 13. Januar 1917.
Morgen-klusgabe.
Nr. 25. ♦ 65. Jahrgang.
Belgien.
Nicht zrrerst und zuletzt, immer aber und unbedingt geht es um Belgien. Seitdem die Erörterung der Kriegsziele in gewissen Grenzen freigegeben wor- den ist, haben wir viele, bis dahin notgedrungen zurück- gehaltene Urteile und Forderungen hinsichtlich Belgiens zu hören und zu lesen bekommen. Es ist nicht gerade leicht, sie in ein System zu bringen, denn diese Forderungen enthalten alle möglichen Abschattrerungen, und wo sie in Einzelheiten übereinstiminen, gehen sie wieder in wesentlichen Punkten aufeinander. Nur die volle und runde Einverleibung ivicü nirgends empfohlen: sonst aber überwiegt durchaus und ganz selbstverständlich das Verlangen, daß dies Land militärisch, politisch und wirtschaftlich fest in unserer Hand bleiben muß. Die Formel jedoch, wie das zu geschehen hätte, vermißt man bisher. Anscheinend verlassen sich die Befürworter eines solchen engen Verhältnisses, bei dem die Selbständigkeit Bel- giens nicht gänzlich zu verschwinden brauchte, auf die Weisheit der Reichsleitung, die doch, da auch der Kanzler nachdrücklich von den „realen Garantien" gesprochen hat. wissen muß, wie sie diese „Garantien" auszugestalten beaüstchtigt. Dem Reichs- kanzler ist natürlich kein Vorwurf daraus zu machen, daß er uns nicht sagt, was ihm bei den geforderten Bürgschaften vorschwebt: dies gehört in das Gebret unserer Friedensbedingungen, von denen nicht gesprochen werden kann und darf, bevor die Feinde bereit oder gezwungen sind, sich um den Konferenztisch zu setzen. Aber vielleicht wäre es unseren leitenden politischen wie militärischen Stellen ganz willkommen, wenn die öffentlichen Kriegszielerörterungen, die seit * einigen Wochen doch im Gange sind. Gedanken hervor- brächten, mit denen die Absichten der Reichsleitung g e- st ü tz t oder erweitert werden könnten. Solchen Gedanken sind wir bis zur Stunde nicht begegnet. Wir erfahren wchl, was dieser oder jcn-r Beurteiler für wünschenswert oder notwendig hält, aber damit ist noch keine brauchbare Form für das zukünftige staats- rechtliche Verhältnis geschaffen, und auf diese Form kommt es selbstverständlich an: Allgemeinheiten nützen da zu nichts. Wir wissen einstweilen nur eines: nach dem Willen und der verständnisvollen Einsicht der ungeheuren Mehrheit unseres Volkes, wie auch nach d-m auskfesprochenen Willen unserer politischen Leitung soll Belgien niemals wieder ein E i n f a l l s t o r kür unsere Feinde sein, also müssen seine Beziehungen zu uns derartig geregelt werden, daß wir dort stehen bleiben und uns uichr wegdrängen lassen. Die Größe der Aufgabe, die uns bei der Fortdauer des Krieges erwächst, wird ganz erst klar, wenn man. sich sagt und sagen muß. daß England gerade in Belgien seine Meltstellung verteidigt und daß es dieselbe,zähe Kraftanspannung wie wir daran wen- den wird, in diesem Land? Herr zu bleiben oder viel- mehr zu werden. Nun ist eS ja möglich, daß in Eng- land Meinungen lautgeworden stnd, daß Großbritannien nicht unbedingt auf der Oberhoheit über Belgien zu bestehen braucht. ES find solche Nachrichten freilich nicht bekannt geworden, indessen die Möglichkeit besteht, daß sie geäußert worden stnd. Wir sprechen hiervon, weil eS immerhin van Interesse ist. das deutschen Gegen- bild zu einer vielleicht vorhandenen englische Ansicht zu betrachten, di? sich niit dem Entschluß der ganzen Nation und ihrer Regierung in Widerspruch setzte. Dies deutsche Geaenbild ist keine bloß» Vorstellung, sondern Wirklichkeit. Wenn wir Stimmungen und Forderungen unseres Volkes in bezug auf Belgien beobachten, so haben wir. ,im zur Vollständigkeit zu ge- langen, auch die Auffassung heranzuziehen, nach der wir uns. um es gerade heraus zu sagen, aus Belgien zurückziehen sollten. Diese Auffassung wagt sich allerdings nur schüchtern hervor, was sich gut begreifen läßt, aber sie ist vorhanden. Sie drückt sich beispielsweise in dem Vorschläge aus. daß wir Belgien gegen die Kolonien auStauschen und uns von England gewissermaßen ein Draufgeld in der Gestalt eines niittelafrikanischen Kolonialreichs für die Freigabe Belgiens zahlen lassen müßten. Stützpunkte sucht dies? Meinung in Darlegungen, wonach wir eine wirksame Bedrohung Eng- lands von der flandrischen Küste aus doch nur dann ermöglichen könnten, wenn wir auch Calais und B o u l o g n e in die Hand bekämen, wovon jedoch keine Rede sein könne. Wie sich di'' Befürworter dieses Aus- tauschgedankenS die Möglichkeit vorstellen, England zur Überlassung Mittelafrikaö von Meer zu M->er an uns zn bewegen, davon verraten sie nns freilich nichts. Weil sie wünschen, daß es so werden möge, übersehen sie. daß »u den englischen Zielen auch die unbehinderte Herr- chast vom Kap bis Kairo gehört und daß den Eng- sondern dieser Anspruch nicht durch freundliches Zureden Und durch das Angebot eines Tauschgeschäfts, sondern immer nur durch unsere Waffengewalt wird aus
getrieben werden können. Zu den Männern, die, wenn man sie recht versteht, unseren Verzicht auf Belgien erwägen, gehört, aber auch Professor Hans Delbrück. In einem Artikel der „Deutschen Korrespondenz' weist er die Anschauung zurück, daß unsere Sicherheit und Zukunft von der Herrschaft über Belgien abhänge, und er prüft einige Vorschläge, nach denen Belgien innerlich freibleiben, staatsrechtlich aber an das Deutschs Reich gebunden werden könnte, darunter den Vorschlag einer Militärkonvention, wobei wir die Ordnung des belgischen Militärwesens in dir Hand nehmen, vielleicht kommandierende Generale an die Spitze des belgischen Heeres stellen, auch einige deutsche Garnisonen in Belgien unterhalten würden usw. Delbrück „lehnt das alles als verkehrt, unzweckmäßig, sogar unmöglich ab; er schreibt den Sah nieder: „Alle die unklaren und undurchdachten, Vorstellungen, daß man, sei es die Maaslinie, sei eS die flandrische Küste, sei es Antwerpen, sei es ganz Belgien, militärisch in der Hand behalten müsse, sind ja nur dadurch entstanden, daß man sich der Einsicht, daß wir Belgien nicht annektieren können, nicht zu entziehen vermochte, nach einem Mittelweg sticht und sich einen solchen niit allerlei Phrasen vorgaukelte; einen solchen Mittelweg gibt es nicht."
Wir müssen sagen: es gehört Mut dazu, so zu sprechen. Aber nun wollen wir abwarten, welchen Widerhall dieser zum ersten Male geäußerte offene Verzicht auf Belgien finden wird. Wir haben die feste Überzeugung, daß das Echo für Delbrück einiger- maßen mißtönig sein wird, und wir glauben nicht einmal, daß er auch im sozialdemokratischen Laaer sonderliche Zustimmung zu gewärtigen haben wird.
LI« russischer Vorstoß am Sereth abgeschlagen.
Erfolgreicher Angriff deutscher Grenadiere in den Ostkarpathen.
Sonst bei Regen und Schnee nur geringe Gefechtstätigkeit.
ver Tagesbericht vom 14. Januar.
W. r J\-B. Großes Hauptquartier, 14. Jan. (Amtlich.)
Westlicher Krieqsfcliauplatz.
Außer lebhaftem Artillericfeuer beiderseits der Somme war an der ganzen Front bei Regen und Schnee nnr geringe Gefechtstätigkeit.
Während der Nacht wurden an mehreren Stellen feindliche Patrouillenvorstöße abgcwiescn.
Östlicher Kriegsschauplatz.
Front des Generalfeldmarschalls Prinz Leopold von Bayern.
Keine Errigniffe von wesentlicher Bedeutung.
Front des Generalobersten Erzherzog Joseph.
In den Ostkarpathcn drangen nördlich der Goldenen Bistntza deutsche Grenadiere an mehreren Stellen in die russische Stellung ein, fügten dem-Feinde schwere Vrrlnste zu und kehrten befehlsmäßig mit Beute und Gefangenen in die eigene Stellung zurück.
Südlich der Oitozstraße wurde eine vom Feinde be- setzte Kuppe gestürmt; 50 Gefangene fielen in die Hand des Angreifers.
Heeresgruppe des Generalseldmarschalls v. Mackensen.
Ungünstige Witterungsverhältnisie schränkten die Grscchtt-Iäliakeit ein. Ein russischer Vorstoß am Sereth, nordwestlich Braila, ist abgeschlagen.
Mazedonische Front.
Zwischen Wardar und Doiransec blieb ein feindlicher Angriff gegen unsere Stellungen südlich Stojokove erfolglos.
Der erste Generalqnartiermeister:
^ Ludendvrff.
vaderii genommen.
Der deutsche Abendbericht vom 14. Januar.
W. T.-B. Berlin, 14. Jan., abends. (Amtlich.)
An West- und Ostfront keine besonderen Kamps Handlungen.
An der Bahn Braila-Galatz »st der Ort Badem genommen
3um Aufruf fces Baisers.
Ein Telegramm des Königs von Bayern an den Kaiser.
ZV. T.-B. München, 14. Jan. Die Korrespondenz Hoff- mann meldet amtlich: Seine Majestät der König hat an Seine Majestät den deutschen Kaiser folgendes Telegramm gerichtet:
„Seine Majestät dem deutschen Kaiser, Großes Haupt- quartier. Die prachtvollen Worte, die Eure Majestät in der Entrüstung über die anmaßende Antwort unserer Feinde zum deutschen Volke gesprochen haben, erweckten lebhaften Widerhall in unserer aller Herzen. Mit Eurer Majestät teilt das ganze deutsche Volk den ehernen Willen, den Übermut der Feinde zu brechen, und ich weiß mich eins mit allen meinen Bayern, wenn uh Eurer Majestät in schicksalsschwerer Stunde erneut oersichere, daß wir in unerschütterlicher Bundestreue den uns aufgezwungenen Kampf fortsetzen wollen, um den Frieden zu erzwingen, den die Feinde uns jetzt noch verweigern.
Mit ihren Kriegszielen haben unsere Gegner ihre maßlose Eroberungssucht und den Willen, un» und unsere Verbündeten zu vernichten, enthüllt. Alle Welt weiß jetzt, wen die Schuld an diesem furchtbaren Bölker- ringen trifft und wer nach 30 Monaten des Krieges die Verantwortung für weiteres Blutvergießen trägt. Mir waren zu einer Verständigung bereit. Unsere Feinde wollen es anders. Der Mur unserer siegreichen Heere und der Opfermut des ganzen Volkes werden auch ferner jedem Ansturm und jeder Tücke trotzen, werden uns zum Siege und zum Frieden führen. Gott sei auch weiter mit uuS und unserer gerechten Sache. L u d w i g."
Eine Kundgebung der Berliner Handelskammer.
ZV. T.-B. Berlin, 14. Jan. Die Berliner Handelky»«:« hat an Seine Majestät den Kaiser folgendes Telegre Bfe gerichtet „Euerer Kaiserlichen und Königlichen MajeMt den ehrerbietigsten Dank für die Kundgebung an das deuffche Volk vom 12. Januar daczubringen, ist unserer Kammer tiefempfundenes Bedürfnis. So freudigen Widerhall bet ser Kaufmannschaft der Reichshauptstadt vor Monatsfrist der hochherzige Versuch Euerer Majestät gefunden hat, durch ein großzügiges Friedensangebot der furchtbaren Vergeudung von Menschenleben und wirffchaftlichen Gütern Einhalt zu tun, so gewaltig ist heute ihre Empörung über die schändliche Abweisung dieses Angebots, so unbeugsam ihre Entschlossenheit, der feindlichen Machtgier und Vernichtungswut den festen Willen zum Ducchhalten bis zum guten Ende entgegenzustellen, so unerschütterlich ihr Vertrauen, daß Deuffchland und seine Verbündeten den volle» Sieg erringen werden. Um das erreichen zu helfen, wird Handel und Industrie keine Anstrengung zu schwer, kein Opfer zu groß sein.
Handelskammer zu Berlin: Franz v. Mendelssohn."
Für Vorgeschichte des deutschen Friedensangebots.
Ei» kaiserliches Handschreiben.
W. T.-B. Berlin, 14. Jan. Tie „Nordd. Allg. Ztg." sibreibt- Zur Vorgeschichte de? Friedensangebots der Mittelmächte, das die Feinde als unaufrichtiges Krieg«- manöver hingestellt haben, ist da« nachstehende kaiserliche Handschreiben an den Reichskanzler ein Beitrag von besonderer Bedeutung:
Neues Palais, 31. Oktober 1916. Mein lieber Bctbmann! Unsere Aussprache habe ich noch nachträglich gründlich überdacht ES ist klar, die in Kriegspsychose befangenen, von Lug und Trug im Wahn deS Kanwffr und im Haß gehaltenen Völker unserer Feinde haben keine Männer, die imstande waren, die den moralischen Mut besäßen, das befreiende Wort zu spreche«. Ten Vorschlag zum Frieden zu machen Ist eine sittliche Tat. die notwendig ist um die Welt, auch die Neutralen, von dem auf ihnen lastmden Druck zrr bl'freien. Zu einer solchen Tat gehört ein Herr- scher, der ein Gewissen hat und sich Gott verantwortlich fühlt und ein Herz hat für seine und die feindlichen Menschen, der unbekümmert um die eventuellen absichtlichen Mißdeutungen seines Schrittes, den Willen bat, die Welt von ihrem Leid zu befreien. Ich habe dm Mut dazu ich N'ill es auf Gott wagen. Legen Sie mir bald di" Note vor und machen Sie alles bereit.
gez. Wilhelm I. R.
Unsere Feinde können sich darauf oerlaffen, daß der Ehrlichkeit des in diesem kaiserlichen Schreiben bekundeten Friedenswillens die rücksichtslose Catschlossenbeit entsprechen wird, mit der uür iv.s Krieg, dessen Fortsetzung sie uns oufgezwungeu haben, bis zum siegreichen Ende dunhsührea wecr-eu.
