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Morgen-Beilage des Wiesbadener Tagblatts. i«---

Nr. 7.Mittwoch. 10. Januar. 1917.

(©cWttfe.)

Der Bojar.

Ekn Roman aus Rumänien von Mite Kremnktz.

fllachdruck verboten.)

Nicu Navru wartete ein, zwei Stunden auf dem Redaktionsbureau auf George Belescus Komnien. Als es fast Mitternacht geworden, fing er an, sich zu ängsti­gen. Die .Zeitung konnte ja ohne George nicht fertig­gestellt werden . . und das muhte George — und von

lvrlcher Wichtigkeit gerade die morgige Nummer war, wußte er auch. . . . Warum kam er also nicht?

Von einigen Gehilfen auf der Druckerei erfuhr Nicu, welchen Anteil George an den Vorgängen auf dem Rathausplatz genommen. Wenn ihm etwas zuge- stoßen wäre? —

Nauru machte sich mit zwei anderen auf, um in Belescus Haus nochzufraaen. Ehe sie aber dahin gelangten, versperrte ihnen, nur ein paar hundert Schritte entfernt von dem Redaktionszimmer, ein auf der Erde liegender menschlicher Körper den Weg.

„Um Gottes Willen, ec ist es!" rief Nicu und warf sich über den Liegenden.

„Er ist toll"

„Nein, er ist nicht tot", sagte ein anderer, „wir wollen ihn in die Redaktion tragen."

Sie trugen ihn alle drei schweigend ins Haus. Dann machte sich einer auf, emm Arzt zu suchen. Sie hatten George im Bureau auf ein kleines Ledersofa gelegt.

„Er ist tot", sagte Nicu, nachdem er den bleichen Mann untersucht hatte. „Die Kugel ist ins Herz ge- drungen. Er hat sich selbst erlchossen . . . Seine Hand hielt den Revolver krampfhaft fest."

„Warum sollte er sich erschossen haben? Ob nicht Fürst Demeter . . ."

Navru machte ihm ein Reichen zu schweigen, denn der Arzt trat ein.

Der Arzt stellte fest, daß der Tod schon vor einiger Zeit erfolgt sei. und machte sich auf, der jungen Witwe das Unglück mitzuteilen. Auch Nicu ging fort und schritt langsam nach Hause. ... Er war sehr erschüt- tert von dem plötzlichen Tode seines Freundes und fürchtete sich, die schwarze Post seiner Frau zu bringen.

XII.

Es war der Abend des nächsten Tages, Sofie hatte die Augen nicht geöffnet, seit nran ihr den Tod ihres Mannes gemeldet. Sie lag wie in einem Starrkrampf. Ein herzzereißender Schrei war ihr entfahren und dann rührte sie sich nicht mehr. Aber ein Gedanke blieb wach und klar in ihr:

„Es ist zu spät, es ist zu spät, ich kann ihm da? gute Wort ni-e mehr sagen, nie seh' ich ihn wieder!"

Ihre Eltern waren gekommen. Der Arzt aber hatte gemeint, es wäre das Beste, Sofie in ihrer halben Ohn­macht, zu lassen, ihr die Ruhe zu gönnen. So hatten stch die Eltern wieder zurückgezogen.

Eine Ampel brannte im Zimmer und erleuchtete es schwach, als Sofie zu sich kam. Sie sah sich vorsichtig Um, ob auch niemand da sei, der sie bewache. Dann

tastete sie sich leise vom Bett herunter. Sie wollte ihren Mann noch einmal sehen. Sie fürchtete, man ließe si« nicht. Aber jetzt gehörte er doch ihr, einzig ihr — ihr, die ihn getötet!

Wo mochte er aufgebahrt sein? Leise zündete sie ein. Licht an und ging in den Saal. Der war leer. Dann in sein Zimmer. Dort lag er. Auf einem großen Divan, wie ein Schlafender. Die Spuren seines Falles waren von den Haaren und dem Anzug entfernt. Er trug noch die Kleider, in denen sie ihn zuletzt gesehen. Ihm zu Häupten brannten Wachskerzen, und neben seinem Lager kniete eine Frau.

Softe schrak zusammen, als sie Paulas entstellt, Züge erkannte. Pmcka aber ging auf sie zu, umschlang sie und sagte einfach:

„Ich bin gekommen, mit dir die Lcichenwacht zn halten. Wir beide haben ihn geliebt. . ."

Dann verschloß sie die Tür. Softe war keines Wor­tes mächtig. Paula nahm ihr das Licht aus der Hand und sagte leise:

„Sieh, wie schön er schläft!"

„Nein, er schläft nicht'" schrie Sofie auf. „Er ist tot! Ich habe rhn getötet!"

„Weißt du, Paula", fuhr sie, ruhiger, fort, „weißt du, wie ich ihn geliebt habe? Mit so einer heißen, heißen Liebe . . . und nun verbrenn' ich selber an ihr . . ."

Sie warf sich über die Leiche und schrie: „George, höre mich nur noch einmal und sag mir, daß du mi« vergeben!"

Regungslos blieb sie liegen.

Paula sann: Sie war doch seine Frau . . . und et wußte es nicht. . .

Dann ging sie und holte Hilfe, damit man Softe auf ihr Bett trüge.

„Nehmt ihn mir nicht fort, laßt mir wenigstens den Toten!" rief Sofie. Dann verfiel ste wieder in ihren Starrkrampf.

Paula blieb allein bei George. Sie sah ihn an und träilmtc von verqangenen Zeiten. Sie streichelte sein, Hand und konnte nichts mehr denken. . . . Wozu denn noch Gedanken, nun er nicht mehr war, dem sie sie hätbr sagen ckönnen!!

Nach einer Weile stand sie auf, es war spät gewor­den, sie fuhr nach Hause.

Ihr Mann erwartete sie mit schwerem Herzen.

„Paula", sagte er vorwurfsvoll, „wo warst du?"

„Wo ich war?" entgegnete sie. „Bei dem Manne, den ich liebe. Wenn du noch Ehre im Leibe hast, so tötest du mich auf der Stelle'"

Er sah sie starr an. Er glaubte, sie sei wahnsinnig geworden.

Doch sie fuhr fort: „Ich war bet dem Manne, den ich hätte heiraten tollen. Bei dem Manne, dem jeder meiner Gedanken, jedes meiner Gefühle gchört, zu