Nr. 6.
Dienstag, 9. Januar.
1917.
( 16 . Korrsetzung.)
Der Bojar.
C?n Rommi aus Rumänien von Mite Arnnnitz.
(Nachdruck verboten.)
„Es war heut ein ernfrer Lag für mich", fuhr George fort. „Ich bin eben an Toten und Verwundeten vorbei- aekommen. Sie lagen tot und verwrnrdet — einer Laune Derneters wegen. Da kommen einem merkwürdige Gedanken .... Du bist schön. Sofie", er blickte sie freundlich an. „und d» hast keine Liebe in deiner Ehe gefunden . . .
Wieder' folgte ein peinliches Schweigen.
„Du weißt", fuhr sie plötzlich rauh heraus, „du weißt, daß ich eben zu ibm fahren wollte?"
Er schüttelte verneinend den Kspsi Sie ließ ihm keine Zeit zum Sprechen und setzte hinzu: „Weil ich dich hasse!"
Dabei war sie aufgestmrden und nahe an ihn heran- etreten: „Weil ich dich hasse und dich liebe, und weil u meinen Hatz und meine Lieb? gleich verachtest", wiederholte sie.
Er- sah ibr in die erregten Augen „Nicht meinetwegen. deinetwegen gehe nicht hin?"
„Siehst du", fuhr sie immer leidenschaftlicher fort, „auch das rührt dich nicht! Ich kann deinen Namen durch den Schmutz der Straße ziehen, lind du . .
„Dn irrst", unterbrach er kalt. „Fürst Demeter hätte mir deiner gestrigen Spazierfahrt wegen Rechenschaft geben müsien, auch wenn nicht alles so gekommen wäre, wie es nun gekornmen ist! Doch", fuhr er wieder freundlich fort — er erinnerte sich, daß er sie vielleicht nie wiedeifehen würde — „du trägst rvenig Schuld!"
„Ich trage alle Schuld! Denn. George, ich habe dich geliebt, seitdem ich dick zuerst gesehen, mit der Liebe, die nicht fragt, u»as er ist. und wi» er ist! Und als ich meine schönsten Träume erfüllt iah. als ich deine Frau geworden, da dächte ich. der Himmel täte sich mir auf und nun würde ich es dir >agen können Aber es blieb immer dasselbe. Jcki besaß dich zum Schein, ab.er dein Wesen war mir so fern wie in den ersten Tagen, .in denen ich dich kennen kernte und Nächte uni dich durchweinte. Das ist eben deine Natur, daß du dich nicht gibst! Drr hättest mich fa nickst geheiratet, liebtest du eine andere!"
Es war keine Frage, die sie stellte, cs war ein Ausbruch der kindlichen Zuversicht, dre noch einmal in ihr erwacht war.
George sagte langsam:
„Und wenn ich nun eine andere liebte?"
„Dann Ina re ich glücklich, .weil du auch mich dann einmal lieben könntest!"
„Und derweilen fährst dir zu Fürst Demeter!" ftel er höhnend ein. „Nein, Spfte, eine Frau, die sich für Verschmähte Liebe derartig rächt — die weiß nicht, was Liebe ist! Wir haben uns beide eben durch Phrasen betörk! Gib mir die Hand zum Abschied, wir wollen unserer Wege gehen, verzeihe mir, wie ich dir verzeihe!"
Sie war bei seinen letzten Worten in einen Lehnstuhl gesunken.
„Nein, ich verzeihe dir nicht", sagte sie hart. „Nie verzeihe ich dir, wenn du eine andere geliebt und mich genommen hast, und ich will auch deine Verzeihung nicht!"
Er ging stumm aus dem Zimmer. Die Forderung Fürst Demeters wollte er auf dem Redaktionsbureau erwarten. Ehe er sein Haus verließ, erkundigte er sich, ob vielleicht für ihn ein Brief abgegeben worden ser.
Nein, es war niemand dagewesen.
Als er die Stufen hinabging, fiel ihm aufs Herz, daß Sofie morgen in Verzweiflung sein würde, wenn et — getötet werden sollte, in Verzweiflung, weil sie nicht wenigstens im Guten voneinander geschieden waren...
Er war es ihr schuldig, noch einmal znrückzukehren.
Sie lag noch regungslos im Lehnstuhl und starrte träncnlos vor sich hin. Sie hatte gehofft, daß er wiederkäme: nun er aber da war, rührte sie sich nicht.
„Ich muß die Nacht ans der Redaktion bleiben", sagte er. „Gute Nacht, Sofie! Laß die Diener ans- bleiben. Ich sorge mich, daß dir etwas geschehen könnte. Soll ich dich nicht lieber zu den Eltern bringen?"
„Nein, ich ziehe vor, allein hinzufahren."
„So laß mich dich an den Wagen bringen!"
„Nein, ich will noch etwas warten."
„Lebe Ivohl, Sofie", sagte er darauf.
„Lebe wohl!"
Und er ging fort. ^
„Und warum sollte ich nicht das Glück haben, den Fürsten zu töten?" dachte George. Ihm schien das Leben mit einem Mal reizvoll, . . . nun er nahe daran war, es zu verlieren.
In diesem Augenblick packte ihn jemand an der Schulter.
Es war eine dunkle Rauht und die Lampen in den Straßen hatte man nicht anqeznndet. Doch augenblick- lich erkannte George den Fürsten Demeter.
„Wir können ja unsere Angelegenheit gleich hier regeln", sagte Demeter mit höhnischer Stimme. „Wir sparen uns die Sekundanten, und ein paar Tropfen Blut mehr auf dieser Straße merkt man nicht . . ."
„Ich ziehe den gebräuchlichen Weg vor", entgegnete George ruhig und wollte weiter gehen.
Es war sehr still in der engen Gasse. Sie schien ausgestorben. Fürst Demeter hatte wohl gewußt, wo er George anhielt.
„So schieß ich Sie hier wie einen Hund nieder! Mir paßt ein offizielles Duell nicht!"
George sah sich um. Wenn er Lärm machte, kam vielleicht ein Trupp Soldaten. Aber dis dahin war er erschossen und Fürst Demeter entflohen.
„Hier haben Sie zwei Revolver, wählen Sie, welchen Sie wollen — und schnell!"
„Ich will nicht sterben", sagte sich George. Traum« hast flogen die ihm lieben Gestalten an fernem Augch vorbei. . . . „Ich muß ihn töten."
George ergriff den Revolver.
--
