Morgen-Beilage des Wiesbadener Tagbiatts. ^. »i
Nr. 5. _ Sonntag» 7. Januar. 1917.
(15. Fortsetzung.)
Der Bojar.
Ein Roman au« Rumänien von Mite Kremnltz«
(Nachdruck verboten.)
Als George in die eigentliche Stadt zurückkam, hörte er ein gewaltiges Tosen. Es schwoll ihm entgegen, bevor er nach dem grotzen Platz etnbog, und dort, vor dem Rathaus, konnte sein Wagen, nicht weiter. Der ganze Platz war mit schreienden Menschenmassen gefüllt, der Balkon des Rathauses besetzt. George hörte die wilden Rufe: „Es lebe die Unabhängigkeit!" „Es lebe Fürst Demeter!" „Nieder mit dem Fremden!"
Seit Wochen war es zu erwarten. George wußte, daß es ein künstlicher Aufstand war. mit russischem Geld angefacht. Doch im ersten Augenblick benahm ihm die wogende Menschenschar fast die Sinne. Er stand im Wagen aufrecht und spähte nach der großen Gestalt des Fürsten. Doch Demeter war nicht zu sehen.
George stieg aus dem Wagen.
„Ick, hole mir einen Revolver und schieße ihn tot, meuchlings, wo es auch sei!" murmelte er vor sich hin.
Er suchte durch eine Seitengasse in seine Wohnung zu gelangen. Das war nicht so leicht. Lruppweis durchzogen bewaffnete Männer die Straßen. Er hätte mit ihnen marschieren oder sich flüchten müssen.
So kehrte er auf den Platz zurück. Es gellte wirr durcheinander. Tie Glocken der Hauptkirche lauteten. Die Geistlichkeit, die wohlbezahlte Leibtruppe Ruß- lands, feierte die Loslösung der Provinz von ihrem Schwesterland und den Zaren in Petersburg in Ansprachen und Hetz-Prediqten.
George griff sich an den Kopf. Ihm war, als solle er den Verstand verlieren.
„Das ist doch alles Spaß! Eine Handvoll bezahlter Menschen schreien, und damit soll unser Schicksal entschieden sein? Aber morgen merden die Russen einrücken unter dem Vorwand, daß sie die Ruhe aufrecht- halten müssen! Dann freilich ist es um uns geschehen!"
George drängte sich durch die Menge. Man kannte ihn. Sein Schuhmacher und sein Schneider, sein Milchmann und sein Hutfabrikant standen ja da mit den Bauern und tobten! Man ließ ihn ruhig durch. Die Losung tckrr: höllischen Lärm zu machen. Daß das Militär kommen und — schießen würde, daran dachte noch keiner.
George arbeitete sich bis zum Rathaus durch, stieg die Treppen hinauf und trat auf den Balkon.
„Seid ihr wahnsinnig?" donnerte er den auf den Balkon Dichtgedrängten zu und stieß einen Kerl, der ihm auf den Leib rückte, zur Seite. „Wollt ihr augenblicklich den Balkon räumen?!"
Die Leute erschraken sichtlich. George hatte etwas Gebietendes in seinem Zorn. Keiner wußte, was er eigentlich wollte. Die Leute gaben den Balkon frei. George blieb dort allein zurück. Unten auf der Straße wurde man aufmerksam. Alles starrte zu George hinauf. Lange genug hatte man ja gewartet, endlich sollte doch etwas Besonderes sich ereignen. . . .
„Seid ihr wahnsinnig!" donnerte George noch einmal. „Wißt ihr denn, wer Fürst Demeter ist?"
Alles schwieg. Man erstarrte vor dem Unerwarteten, das man zu erfahren hoffte.
George fuhr fort: „Ein Mann, der euer Verderben will, ein Mann, der nicht Recht und Gesetz kennt, ein Mann, der keinen Gott bat!"
Unten wurde ein anschwellendes Murren laut. ES waren die Popen, die der Fürst immer tüchtig bezahlt hatte. George hörte dieses Murren, und nicht mehr Herr seiner Worte, nach etwas suchend, was die Menge verstehen und entsetzen konnte, fuhr er fort: „Ein
Mann, der sein eigen Kind gemordet hat!" . . .
War es die Schrecklichkeit der Anklage, die Gewalt der Stimme, war es die Sicherheit, mit der er seine Lüge hinausschleuderte: die Wirkung war außer
ordentlich. Plötzlich trat lautlose Stille "in. Es mußte wahr sein, was George BeleScu so laut verkündete! Davon gehört hatten schon alle, . . . und die Bauern von des Fürsten Gütern — er batte sie heute in die Stadt kommandiert, sie machten fast die Hälfte der Aufständigen aus — waren wie vom Blitz getroffen.
„Gebe Gott, daß jetzt nicht das Militär kommt! Dann geht ja alles ruhig ansemander", dachte George, als er vom Balkon zurücktrat. Ein anderer sollte den Leuten nun zurufen, daß sie sich schleunigst verziehen möchten. Er durfte kein Wort inehr hinzusetzen, um die Wirkung nicht zu schwächen.
In diesem Augenblick knallten Schüsse.
Eine der Patrouillen kam fliehend aus der Haupt- straße zurück. Ein furchtbares Durcheinander entstand. George begriff sogleich, daß die Truppen von der oberen Chaussee einrückten, und daß der Kampf begonnen habe.
„Es wird auch so für uns gut enden" — sagte er sich. „Jetzt kommt cs nur darauf an, diesem Aufstand in der Presse eine lächerliche Färbung zu geben . . ."
Eilig suchte George die Redaktion auf. Doch er konnte nicht schreiben. Er war übererregt. Und — plötzlich befiel ihn die Sorge um Paula! Falls ihr Mann, wie wahrscheinlich, sein Halls den Truppen zur Verfügilng gestellt — es lag an der Hauptstraße — dann konnte der Kampf dort in ihrer linmittelbaren Nähe wüten . . . Und wenn sie allein wäre und Nicu auf der Straße . . .1
Er stürmte auf tausend Umwegen — der Garten hatte einen hinteren Eingang — zu ihr.
Alles ruhig im Hause. Nur in der Ferne hörte man das Schießen. Paula saß anr Fenster ihres Boudoirs und blickte in das erlöschende Tageslicht. Sie zitterte, als George eintcat. und die Hand, die er er» griff, war eiskalt.
„Du bist's, George?"
Sie klammerte sich an ihn.
„Es geht wohl alles zugrunde?"
„Nein, Paula", entgegnete er hastig — ihn bedrückte die Dunkelheit des Zimmers. „Es steht gut! Das Militär ist treu geblieben. Ja, hätte das zir schießen sich geweigert . . . .1"
