Verlag Lauggaffe 21
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Sonntag» 7. Januar 19l7.
Morgen-Kusgabe.
Nr. tt. . 65. Jahrgang.
Die Zukunft der Religion und die Religion der Zukunft.
Von Geheimer Konststorialrat D. Dr. Reinhold Seeberg, ordentlicher Professor an der Universität Berlin.
Je weniger Gewisses wir in diesen Tagen unseres nationalen Daseinkanipfes über die Zukunft sagen können, desto lebhafter drängen sich uns die Fragen nach dieser Zukunft auf. Es ist nicht die letzte dieser Fragen, die sich mit der Religion der Zukunft befaßt. Wir haben unendlich viel Traurigkeit in unserer Mitte. Kein Trost ist so sicher wie der der Religion. Wir sehen ungeheure, fast übergroße Ausgaben auf allen Lebensgebieten vor uns. Keine Kraft erhebt so sehr als die Religion. Wir fürchten einen jähen Absturz unserer Kultur in den Materialismus der Sorge um das tägliche Brot. Kein Idealismus ist so erhaben wie der erlebter Religion. Wir brauchen die Religion für unser Volk nötiger, dringlicher denn je zuvor.
Es hat in den letzten Jahrzehnten bisweilen so aus- gesehen, als fei die Uhr der Religion abgelaufen. Philosophie und ästhetisches Empfinden schienen in manchen gebildeten Kreisen an ihre stelle getreten zu fein. In den unteren Schichten der Bevölkerung schien ein gewisser sozialer Altruismus ihren Ersatz bilden zu sollen. Aber schon vor dem großen Kriege ncchm ein schärferes Auge wohl wahr, wie sich in manchen Erscheinungen unseres geistigen Lebens, so etwa in der Neuromantik, eine Rückkehr zu der Religion ankündigte. Freilich über Ahnungen und Stimmungen kan: man selten dabei hinaus. Die kirchliche Frömmigkeit Mit allen ihren alten Formen blieb weiteren Kreism verschlossen. Eine erstaunliche Unwissenheit hatte bei unseren Gebildeten Platz gegriffen bezüglich aller religiösen Dinge. Im Tone kritischer Überlegenheit konnten wohl Gemeinplätze trivialster Natur vorgetragen werden, wenn das Gespräch auf solche Fragen kam.
Der Krieg hat fraglos hierin einen großen Wandel bewirkt. Der schwere Ernst der geschichtlichen Entwicklung, der sich ans aller Herzen legte, die Ungewißheit des Menschenlebens, das düstere Rastel des Todes — das alles wirkte zusammen, im Felde und daheini. Ein Sehnen nach dem lebendigen Gott, ein Spüren seines Waltens, ein Hoffen auf Gnade von oben bewegte wieder vieler Herzen. Selten nur war es einfach eine Rückkehr zu dem übeclieierten Glauben. Orthodoxe wie Liberale fanden manches daran auszusetzen. Aber es war Leben darin und Religion ist Leben. Sie kann nicht sein ohne Formen und Formeln, aber sie ist Erleben des Göttlichen.
Wir haben die Hoffnung, daß diese Ansätze wirklicher Religion sich erhalten und weiter autzbreiten werden. Niemand, der an die Zukunft unseres Volkes glaubt, wird an der Zukunft der Religion zweifeln. Es gibt kein starkes Volk ohne Religion. Und die Religion ist nicht bloß Weihe der Kraft, sondern auch Quelle des frohen Mutes, den Kampf mit dem Leben aufzunehmen und die Herrschaft über alle Dinge dieser Welt durchzuführen. Die Vislgeschäftigkeit dieser Welt ivird ;öbe ohne den Glauben an eine andere Welt und die Welt wird dunkel ohne die innere Gemeinschaft mit dem ^ewigen Geist, der ihr Herr ist.
Wir glauben an eine Zukunft der Religion in unserem Volke und wir hoffen aus sie mit warmem Herren, weil wir unser Volk lieben. Es ist keine Frage, ^doß nur das Christentum die Zukunftsreligion unseres Volkes sein kann. Zu tief ist es in die Herzen eingedrungen, zu eng ist es verschlungen mit unseren besten Gedanken und' höchsten Idealen, als daß ein Sturmwind es wegtragen könnte. Man stellt das sehr deutlich daran, was es heute wieder dem deutschen Volk rst. Eine verrneintliche „deutsche Religion", von der man hier und dort reden hört, ist nur ein Traum und nicht einmal ein schöner Traum. Man kann die Runen Wotans wieder entdecken zu können meinen, man kann den Idealismus Fichtes oder Goethes wieder beleben — das alles ergibt keine Religion für unter deutsches Volk. Da liegt nicht der Trost für die Mühseligen und Beladenen, da strömt nicht die Kraft, die uns über Eigensinn und Eigensucht hinweg zum Dienst höchster ewiger Ideale befähigt. Helfen wird uns Deutschen nur der alte Christenglaube, der unsere Kraft gewesen ist auf den Höhen unserer Geschichte und in ihren Tiefen.
Aber freilich, soll das Christentum wieder unser Volksleben durchdringen und sich als wirksame Realität in den Herzen erweisen, 'o muß es als deutsches Christentum gedeutet und dem geistigen Bedarf unserer Zeitgenossen entsprechend verkündigt werden. Das soll nicht heißen, daß man alles Fremde und Wunderbare aus dem Christentum fortnimmt und es zurecht biegt und zusammenschneidet, bis nur ein paar „vernünftige" Gemeinplätze von ihm nachbleiven. So würde es erst recht niemand nützen und würde keiner nach ihm fragen. Aber es soll Antwort geben —- und das kann
es — auf die Sehnsucht der Kinder unserer Tage nach dem Ersten und dem Letzten. Alle Religion eröffnet den Weg zu einem wunderbaren Leben, sie lebt im Wunder und sie treibt in das Wunderland hinein. Das wird auch von dem deutschen Christentunl der Zukunft gelten, wenn anders es unseres Volkes tiefstes sehnen stillen soll. Deutsches Christentum — das ist die Religion Marftn Luthers. Das Jahr 1917 wird uns wieder an sie erinnern.
Der denkende Geist des Menschen zerlegt die Welt in unendlich viele Teile und baut aus dem einzelnen sich ein Ganzes auf nach seinen eigenen Gesetzen. Aber der Geist empfindet und erlebt die Wirklichkeit auch als ein in sich zusammenhängendes Ganzes in der unlösbaren Einheit ihres Lebens. So geschieht es etwa bei der ästhetischen Anschauung, in der Empfindung der Schönheit. Man kann hiernlit in gewissem Sinne vergleichen das Erlebnis der Religion. In uninittelbarem Empfinden und mit erregtem Willen werden wir inne einer ewigen Geistmacht, die das Leben ist und alles Leben schafft, durchdringt und gestaltet. Es ist Wille, der in allem lebt, allmächtiger Wille. Es ist Gott.
Aber das ist noch nicht christliche Religion. Es ist nur der Nahmen, in den das Gemälde eingestellt werden soll, nur die Vorhalle, die znm Allerheiligsten führt. Wir Menschen widerstreben mit heißem, unruhigen! Drang dem ewrgen Lebensgeist, der drängt uns zum Guten, wir aber wollen das Böse. Wir sollen, aber wir wollen nicht. Keine Vernunft und kerne Erziehung hilft uns darüber hinweg. Äußerlich lernen wir uns fügen, aber innerlich bleibt das Herz bei seinem Widerstreben. Das ist die tieffte Not im Leben. Sünde nennen es die Chrffte«, vom „radikal Bösen" sprach Kant. Das Sollen ist ims angetan, die Letzen smacht selbst läßt es uns spüren. Aber dem ewige« Willen widerstreitet der eigene Wille, hart und unbeugsam nnü doch zu seiner eigenen Qual und Angst. Das ist die Not, wie sie einst Luther im Kloster erlebte. Ein ohnmächtiger Kampf wider das Böse, der zugleich ein ohnmächtiger Kamps wider das Gute ist. Es ist das Wunder von Christus, daß er als lebendiger und wirk- samrr Geist uns innerlich dem Gnten unterwirft und uns innerlich vom Bösen löst. Wir sollen nicht mehr, sondern wir wollen. Wir selbst wollen mit eigenen: Herzen, in freier froher Hingabe, und Christus wirkt und kein Zwang ist es, keine Gewalttat. Es ist die wimderbare Güte des ewigen Gotteswillens, die imser Herz schmelzen macht, so daß es nun selbst das Gute will. Christus wird der Herr der Seele, sie wird sein freies Organ. Er gibt ihr das Gute, das ibr bisher nur aufgegeben zu sein schien. ^Das ist die Erlösung, die macht frei und sie erhebt die Seelen aus dem Staube nichtigen Eigenwillens in die Höhenluft freien Dienstes.
Das ist das Christentum in seinem innersten Kerrr. Gnade, Erlösung, innerste Umwandlung, das Erleben des ewigen Willens als wunderbarer Mite, die das Gute gibt, die dankbare Hingabe an dies Gute und diese Güte in freiem, frohem Dienst. Man könnte viel hiervon reden. Manches alte Wort und manche vertraute Formel empfingen vielleicht neues Licht dabei. ■ Aber der Leser mag selbst von hier aus das alte Christentunl überlegen, um seine Kraft zu verstehen.
Dies Christentum soll die Religion unserer Zu- kunft werden. Möchten die Kinder lmseces Volkes bald wieder das große Wunder selbst erleben, das inuner noch von Jesus Christus, dem .Herrn des Menschengeschlechtes. ausgeht. Wenn dies die Religion der Zukunft wird, dann ist un£ nicht bange ivegen der Zukunft der Religion in unserem Volke.
Die verpuffte Zriedensaktion.
Desavouierung Wilsons durch den amerikanischen Staat.
W.T.-B. Washington. 6. Jan. (Drahtbericht.) Der Senat hat mit 48 gegen Stimmen einen Antrag der Republikaner angenommen, durch welchen das Ansuchen des Präsidenten um Bekanntgabe der Friedensbedingunge«, nicht aber seine Rote gebilligt wird.
Das Problem der Entente - Antwort aus die Wilson-Note.
W. T.-B. Stockholm, 6. Jan. (Drahtbericht.) „Stockholms Dagblad" meint: Auch wenn die Antwort auf die Wilson-Note, wie ein Reutertelegramm initteilt, die einzelnen Vorbedingungen andeuten wird, unter welchen die Alliierten zu Verhandlungen bereit sein können, so dürfte dieses Zugeständnis an die öffentliche Meinung sowohl in den neutralen Staaten wie auch in der Mehrzahl der Ententeländern schwerlich ein Aufgeben des einmal eingenonimenen Grund- standpunktes bedeuten, daß sich die Verhandlungen wie ein Verfahren zwischen Richter und Ver.
b rech er gestalten müssen. Wenn jetzt die Beantwortung der Wilson-Note bevorsteht, werden die Ententemächte vor ein Problem gestellt: Wollen sie bo« historischer und ethischer Polemik nach Schablonen, die durch zweijährigen Gebrauch abgenützt sind, zur offenen Bekanntgabe der eigenen Pläne übergehen und dadurch womöglich ein offenes Bekenntnis der Mittelmächte Hervorrufen? Geschieht das nicht, so kann man als Neutraler sich des Eindrucks nicht erwehren, daß die englische Regierung, die wohl die Seele des Widerstandes gegen Friedensverhandlungen ist, am liebsten die Bedingungen der beiden Parteien in Dunkel gehüllt wissen will — aus Sorge um den Zusammenhalt innerhalb des 10-Mächte-Ver^ bandes.
Kerne neue FricdenSnote Wilsons.
W. T.-B. Woshigntvil, 6. Jan. (Drahtbericht. Meldung des Reuterschen Bureaus.) Nach einer Meldung des Staatsdepartements beabsichtigt Präsident Wilson n ich t, eine neue Friedensnote abzuseriden.
Der Krieg gegen Italien.
Der Entente-Kriegs rat in Rom.
W. T.-B. Rom, 6. Jan. (Drahtbericht.) Gestern begab sich Briand in Begleitung von Barrere und den Mitgliedern der französischen Mission um 10,30 Uhr zum Besuche Bosellis und Sonninos in die Kvnfulta. Lloyd George folgte um 11,30 Ubr mit Steimel Rodd und den Mitgliedern der englischen Botschaft. Nachmittags zwischen 3 und 4 Uhr wurden die in Rom eingetroffeuen Missionen von der Königin, dem Stellvertreter des Königs und der Königin-Mutter empfangen.
Weitere italienische Blattcrstrvrmen.
W. T.-B. Rom, 6. Jan. (Drcchtbericht. Meldung der Agenzia Stefani.)' Über die Entente-Konferenz schreibt die „Trikmna": Die Konferenz findet nach der von der Entente den hinterhältigen deutschen Friedensanerbietungen erteilten Ablehnung statt. Es handelt sich also um eine Versammlung, die, ein tatkräftiges Vorgehen imb eine energischere Führung des Krieges bezweckt. Die Wahl Roms Äs Sitzung der ersten Konferenz, welche die Pläne zu einem neuen Abschnitt des Krieges verwirklichen sollen, schließt die Anerkennung der Wichtigkeit der italienischen Front in Zusammenhang mit der östlichen und den Dardanellenfronten in sich. — „Jdea Nazionale" schreibt: Die Konferenz ist eine große und entscheidende Kriegshandlung., Sie bedeutet die volle Gemeinbürgschaft der Alliierten und ist dazu bestimmt, die Vereinbarungen über bevorstehende und entscheidende Unternehmungen in die Tat umzusetzen. Unter den dringlichen Fragen befindet sich zweifelws die eines allgemeinen Aktionsplanes. Die Entente mutzte entsprechende Lehren aus den bereits gemachten Erfahrungen ziehen, welche gezeigt haben, daß es nutzlos ist, die Kräfte zu zersplittern und daß man die wichtigsten oder mn wenigsten widerstandsfähigen Punkte des Feindes angreifen mutz. — „(Sortiere della Sera" sagt: Die gegenwärtig bedeutungsvollsten Probleme stick> die Lage an der Front von Saloniki und die Lage in Griechenland. Die Konferenz wird die geeigneten Pläne schaffen, um die Gegner zu zwingen, den Kamps an jenen Punkten auzu- nehmen, wo ihr Widerstand am schwächsten ist.
wie man in England den Wert der deutschen Zlolte beurteilt.
Die „Morning Post" wendet sich in einem heftigen Angriff gegen die Verkennung der eigentlichen Aufgabe der englischen Flotte durch die bisherige Regierung. Hätte man der Motte die volle Ausnützung ihrer Kainpfmittel gestattet, so wäre der Krieg aller Wahrscheinlichkeit nach jetzt längst zu Ende. Das Volk müsse endlich erfahren, ob die gegenwärtige Regieriing auf einem mrderen Standpunkt stehe. Denn „eins sei sicher, die Unmöglichkeit, einen Sieg zur See zu erringen, ist gleichbedeutend mit einer Niederlage zur See. Ein entscheidender Sieg heiße aber Vernichtung der feindlichen Flotte oder zum mindesten ihre völlige Lahmlegung. Man wende zwar oft ein, daß, so lange die deutsche Flotte in ihren Häfen liege, ihre Zerstörung nicht ausführbar sei, und daß sie somit ja auch völlig lahmgelegt sei". Unglück-, licherweise aber sei die Ansicht, die deutsche Flotte sö'i ausgeschaltet, grundfalsch. Die Folgerung daraus sei also gleichfalls irrig. B'sher habe man den Endzweck eines jeden Seekrieges, nämlich die Zerstörung der feindlichen Flotte, in geradezu unverständlicher Weise verkannt. Man huldigte der Auffassung, der Hauptzweck einer Flotte sei „die Bewachung der Handelswege und ihren Schutz sicherzu- ftellen". Man übersah dabei völlig, daß dies nur nach einem entscheidenden Siege über die feindliche Flotte zu erreichen sei. So führte Asquith in seiner letzten Rede aus, die Hauptaufgabe der Flotte sei die Aufrechterhaltuug der Blockade, was doch schließlich dasselbe bedeute wie die Sicherung der Seestraßen. Er sagte weiter, daß die Flotte unmöglich die Versenkung von Handelsschiffen durch Torpedos od,er Minen verhindern könne.
