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Nr. 2,

Morgen-Beilage des Wiesbadener Tagblatts.

Donnerstag» 4. Januar.

p a l

1917.

( 12 . Kortfebling.)

Oer Bojar.

Ein Roman aus Rumänien von Mite Kremnitz.

(Nachdruck verboien.)

Es war klar, sonnenklar für ihn, daß Raoul schein­tot war, daß der Arzt von den Geanern seiner Partei, ja, er wußte von wem: von George Velescu! — be­stochen worden war, um den Knaben für tot auszugeben. Wie wäre es denn auch möglich gewesen, daß das Kind vom Pferde stürzte und nie wieder zum Bewußtsein kam! Es lag in einer tiefen Ohnmacht, und er, Fürst Demeter, wie ein Besessener, hatte an den Tod ge­glaubt, hatte mit sich spielen lassen! Wo hatte er denn seine fünf Sinne? Es war, um sich selbst zu zer­fleischen!

Fürst Demeter ballte die Fäuste, dann donnerte er dem Kutscher zu, schneller zu fahren. Er hätte laufen mögen, war überzeugt, daß er auf seinen eigenen Füßen rascher ans Ziel käme, von der Wut, die ihn beherrschte, getrieben. — Aber er brauchte die Knechte mit den Fackeln, um ins Grabgewölbe zu steigen. Er zog seinen großen Pelz aus, den er halb unbedacht — und doch, wie er jetzt glaubte, instinktiv vorsichtig sich umgehangen und breitete ihn in die eine Wugenecke. In ihn würde er Raoul hiillen, wenn er ihn zum Leben erweckt. Mas­er dazu tun würde, wußte er noch nicht, mitgenom­men hatte er nichts. So ließ er denn an einer Dorf- schenke halten und verlangte, man wlle die Leute wecken, um Branntwein zu kaufen. Als der Wirt, der glaubte, er würde von Räubern überfallen, nach einigem Klopfen nicht öffnete, verlor Fürst Demeter die Geduld und jagte weiter.

Die Kirche war verschlossen. Sie hatte nur eine kleine Holztür. Es war leicht, sie zu erbrechen. Das Gewölbe stand noch offen. Fürst Demeter hätte sich ge­wiß nicht die Zeit genommen, den Priester zu wecken. Er hätte das Gewölbe, war' es verschlossen gewesen, aufbrechen lassen! Kaum konnte er noch Atem finden, um zu sprechen . . . und doch mußte er den Befehl geben, die Fackeln zu entzünden.

Schauerlich war es, ihn zu sehen. Sein langes, glattes Haar hing in Strähnen über das Gesicht, die Augen waren aus ihren Höhlen herausgetreten, die Züge verzerrt, aber hoch und gerade die Haltung des großen, mächtigen Mannes.

Seine Leute stießen sich verstohlen an, sie verstan­den sich, ohne ein Wort zu sagen: „Er ist wahnsinnig ge­worden" — stand auf ihren Gesichtern geschrieben.

Der Fürst ließ sich leuchten. Er fühlte nicht die Unheimlichkeit des alten Grabgewölbes, eilig ging er auf den Sarg des Knaben zu. Doch er hatte nichts bei sich, ihn zu öffnen! Einmal fuhr ec sich über die Stirn in Verzweiflung, dann fiel ihm sein großes Messer ein. Er zog es aus der Tasche und beqann den Sarg zu er­brechen. Er war nicht fest geschlossen, doch brach die eine Schneide des Messers ab. Der Kutscher, der unter­des verstanden, um was es sich bandelte, holte eine große Zange aus dem Wagenkasten. Ter Fürst riß sie ihm aus der Hand, benutzte sie als Stemmeisen und lösend fiel der Sargdeckel auf die Steins des Bodens.

Der Fürst schwankte einen Asiigenblick, die Leut« traten grauenerfüllt zurück. „Durchlaucht!" wagte ein Diener beschwörend zu sagen. Demeter hörte nichts, er wollte die Leiche des Kindes in seine Arme nehmen -- gierig griff er nach ihr,-als er umstürzte.

Ein Diener stand hinter ihm, die anderen eilten her­bei. Der Fürst schlug nicht nut der ganzen Gewalt seines mächtigen Körpers auf die Steinfliesen auf. Die Leute schleppten ihn an die frische Luft und streckten ihn lang auf der feuchten Erde aus. Tann holte einer den Pelz, auf dem sie ihn betteten. Sie standen ratlos da. Die Fackeln waren verlöscht.

„Er hat das Kind vergiftet und ihm isr's leid ge­worden", flüsterte der eine Diener. Der andere war so voll abergläubischer Furcht, daß er am ganzen Leibe zitterte und nichts erwidern konnte. Später dankte er dafür seinem Gott, denn gerade in diesem Augenblick, als der Kutscher sich daran machte, eines der Pferde abzuschirren, um auf ihm zur Stadt nach Hilfe zu reiten, kam der Fürst zu sich

„Ist der Sarg wieder geschlossen?" fragte er laut.

„Nein."

„Dann geht hinunter und legt den Deckel wieder, auf!"

Das war ein furchtbarer Befehl. Sie waren ihrer drei, aber sie zögerten. Es währte lange, bis sie sich entschlossen, die Stufen hinabzugehen.

Fürst Demeter merkte nicht, wie viel Zeit verging — er hatte nicht mehr Eile. Er wußte letzt, daß sein Sohn tot war, — selbst wenn er es damals nicht ge­wesen wäre, als man ihn begrub. Jetzt war kein Zwei­fel mehr. Er lehnte sich an eines der Kreuze, die rund um die kleine Kirche herum standen, und ihn überkam eine solche Müdigkeit, daß er sich am liebsten nicht mehr vom Platze bewegt hätte.

Es war eine mondhelle Nackt, mit tiefdunklem Himmel, von dem die Sterne sich klar und hell, ohne jedes Flimmern, abhoben. Sie strahlten ruhig her­nieder. Drüben, jenseits der Landstraße, lag der Park mit den noch blattlosen Bäumen, bic_ gigantisch mit ihren kahlen Zweigen gen Himmel strebten: Fürst

Demeter sah alles so scharf, daß er es nie wieder ver­gaß, aber er wußte späte'' nicht, wo er das Nachtbild ge­sehen. Er hatte kein Bewußtsein seiner selbst in dieser Stunde, nur das der großen Müdigkeit und der tiefen Ruhe. Wie im Traum hörte er endlich die Schritte seiner Leute nahen, stieg ein, fuhr zurück — diesmal schien der Weg ihm kurz — und legte sich im öden, kinderlosen Palast zur Ruhe.

Kinderlachen hatte nie durch die großen Räume ge­hallt, aber der kurze Schritt, der ein Echo gleich kleinen Hammerschlägen gegeben, der war in ihnen ertönt, und die Hallen und die Flure und die großen Säle merkten es an ihrer lautlosen Stille, daß ihr Herr ohne Zu, kunst war.