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Der Roman.

Morgen-Vellage des Wiesbadener Tagblaltr. g

u

Nr. I.

Mittwoch, 3. Januar.

1917.

(11. Fortsetzung.!

Der Bojar.

Sin Roman aus Rumänien von Mit« Kremnitz.

(Nachdruck verbaten.!

IX.

Es war Ende Februar, als Fürst Demeter die Chaussee Hinausritt nach seiner Besitzung Locaso. Aus­nahmsweise begleitete ihn sein kleiner Sohn. Zu Neu­jahr hatte Raoul ein neues Pferdchen zum Geschenk be­kommen. Das Tier war wild, und Raoul zögerte, es zu besteigen. Ein höhnisches Lächeln seines Paters, das deutlich sagte: „Natürlich, du bist ein Feigling!" traf ihn so scharf, daß er wortlos sich in den Sattel schwang.

Fürst Demeter zeigte sich nicht ohne Absicht häufiger mit seinem Sohn. Es stand ihm an, ein guter Vater zu sein, jetzt, wo er auf dem Wege war, Landesvaler zu werden....

Vor einigen Tagen hatte der regierende Fürst das Land verlassen, und man gab die neue Losung aus: Wir wollen uns einen Fürsten von: Ausland holen. Auch Iürst Demete»' äußerte W- derweilen überall in die­sem Sinne — das weitere würde sich ja finden.

Noch nie war der Frühling so früh eingezogen. Abergläubische sahen darin ein gutes Omen.

Raoul freute sich der keimenden Natur. Sein bleiches Gesicht rötete sich ein wenig infolge der wohl­tuenden Bewegung. Er gab sich dem Zauber des Früh- länoS hin. wäbr"nd ?»"»• 'S» 5 »** bin unb "rimmig

lächelte. In seinen Gedanken, die zurückschweiften, war ihm alles herrlich geglückt! Alle mutzten nach seinem Willen tun, aber keiner ahnte, datz er nichts anderes tat, als ihm gehorchen. In der Nacht vor dem Sturz des Fürsten war Demeter selbst in der Hauptstadt ge­wesen und hatte gesehen, datz man auf guten Wegen war. Der regierende Fürst setzte viel Vertrauen in seine Leibwache, deren Cüef ihn — gefangen nahm!

„Wie konnte er denn auch vertrauen!" — lachte Fürst Demeter in sich. „Er war so lange Fürst, ver­achtete die Menschen und klebte noch immer an einem Rest von Vertrauen . . . Mir wird das nicht begegnen, ich kenne das ganze Menschenpack'"

„Was würdest du tun. Raoul", fragte Fürst Demeter seinen Sohn, ..wenn dir "in Ostizier den Revolver den du ihm sechs Wochen vorder geschenkt hast, vor die Brust hielte, um dich zu töten?"

Der Knabe wußte keine Antwort.

„Irgend etwas müßtest du doch dabei tun", fuhr ihn Fürst Demeter ärgerlich an.

„Ich würde mich lieber niederschietzen lassen, als daß ich mich wie der regierende Fürst c;efangen setzen ließe", entgegnete der Knabe etwas trotzig.

„Dann wärst du ein Narr!" — sagte Fürst Demeter aus Widerspruch, obgleich ihm seines Sohnes Antwort gefiel.

Sie ritten schweiaend weiter. Als sie in den Park einbogen, fing Raouls Ponnv an, unruhig zu werden. Der Knabe änastiote sich, doch wagte er kein Wort zu sogen. Plötzlich scheute daS Tier vor einer weißen Säule. Raoul stieß einen leisen Schrei aus und wurde vom Pferde geworfen.

Als der Reitknecht, der eine Strecke hinterher ge* ritten, eiligst herankam, kniete Fürst Demeter aus der Erde neben dem Knaben und untersuchte seine Glieder.

„Reit' so schnell wie möglich zur Stadt und hol' den Wagen und den ersten Arzt den du findest", sagte er hart. Dann nahm er das Kind in seine Arme und setzte sich mit ihm auf eine Bank.

Der Aufschrei war das letzte Lebenszeichen des Kna­ben gewesen. Jetzt lag er regungslos im Arme des Vaters. Fürst Demeter wh ihn an. Er hatte ihn wohl noch nie angesehen? Oder war der Knabe plötzlich so verändert? Wie in Erz gegossen schienen die Züge des kleinen Gesichtes, starr und streng, nicht verzerrt, nur wie versteinert. Er fühlte den Körper in seinen Armen ruhen, er fühlte die Weichheit der kleinen Glieder, und wie in einem Bann hielten sic rhn. Es war ein Zau­ber, den seines Kindes leichter Körper, den er da leblos im Arme hielt, auf ihn. den großen, kräftigen Mann ausübte. Plötzlich siel ihm ein, daß er ihn ja noch nie im Arm gehalten, daß dieser Ring, der ihin jetzt ums Herz gelegt zu sein schien und der ihn so beengte, daß er hätte schluchzen mögen, das Vatergefühl sei, über das er so ost gespottet. „Du süßes Kind'" sagte er mit stummen Lippen, und seine Brust hob und lenkte sich, als weinte sein Herz vor wunderbarem »Wohlgefllhl, das sich von seinen Armen drc das Kind uiuschlossen, langsam durch seinen ganzen Körper verbreitete. „Mein Sohn!" sprach es in ihm noch einmal. Dann blickte Fürst Demeter fort über ihn, auf den keimenden Rasen. Er konnte den Knaben nicht mehr anwheu. Ihm war, als müsse er ihn an sich drücken und küssen, — und er wollte ihin doch keinen Schmerz antun.

Im Rasen aber blühten schon die Veilchen und hatten die Anhöhe vor ihm violett überzogen. Ihre üppige Pracht, so hatte er oft gehört, prangte nur bei ihm in Locaso so wunderbar. Auch das sah ec zum erstenmal, daß sie so berauschend fürs Auge waren, — wie für den Geruch, wenn der Windhauch über sie hin­fuhr und ihn zu ihm trug. Doch wieder kehrte der Blick zurück zu seinem Kind. Ihm schien, als hinge eins der Füßchen unnatürlich hinab — es war viel­leicht gebrochen! Und wie ihm der Gedanke plötzlich kam, stand ihm fast das Herz still vor einem anderen. Wenn . . . wenn sein Sohn tot wäre? . . . Wild er­griff er die beiden kleinen Hände. Nein! sie waren nicht kalt. Aber wenn er sich ein inneres Leid angetan, an dem er sterben müsse? Fürst Demeter sah nicht mehr die grünende, keimende Welt in ihrem ersten FrühlingSrausch, er sah nicht di? schwellenden Knospen an den mächtigen Bäumen seiner königlichen Besitzung, er sah, in weiter Ferne der Vergangenheit, das zarte, durchsichtige Gesicht von Raouls Mutter auf ihrem Sterbebette. ... Er war allein bei ihr gewesen, als sie gestorben, er war auch jetzt allein bei keinem Sohn, der ihre Züge trug, — war auch er sterbend? Nein! Sie batte sterben können, ec batte sie nicht mehr ge­braucht, aber er nicht, er, der Thronfolger, der Begrün-