Einzelbild herunterladen
 

> Mrgen-Beilage der Wiesbadener Tagblatts.

Nr. 306.

Sonntag. 31. Dezember.

(10. Fortsetzung.)

Der Bojar.

Ein Roman aus Rumänien von Mit« Krenmitz.

(Nachdruck verboten.s

„Ich habe viele", sprach sie leise..Nicht wahr,

du sagst mir die Wahrheit? Immer? Immer? Ich habe ein Recht zur Angst uni dich. Ja, Angst! Es gehen schwere Dinpe vor. George! Sag' mir die Wahrheit! Wollt ihr den Regenten ermorden? Wenn ich Fürst Demeter sehe, ahne ich, daß Blut fließen wird . . . ."

George drehte sich langsam um. Seine Augen waren wie geblendet von der Helle draußen.

„Nein, Paula", sagte er, die Gedanken mühsam sammelnd, „er soll nur zur Abdankung gezwungen wer­den. Ich aber, ich habe mich von allem zurückgezogen. Nenn' es kindisch! Seit ich meinem geheimen Los ver­fallen bin. fühle ich nicht den Beruf, andere zu strafen. Jeder hat leine eigene Moral? Ich bin nicht ohne Fehl. Soll ich einen Stein auf ihn werfen? An seiner Stelle lväre ich schwerlich besser!"

„Zieh' meinen Helden nicht in den Staub", sagte Paula. „An dem Tage, an dem ich anfhören müßte, das blindeste Vertrauen in deine Lauterkeit zu setzen, würde ich aufhören dich zu lieben, würde ich dich nicht mehr sehen wollen . . .

Er kachelte trübe. „Dn hattest Angst vor mir, daruni gebrauchtest du so scharfe Waffen, ich aber dachte weit über alles hinweg, dickste an Zeiten, die sein werden, wenn wir lange vergangen . , . Ob es dann immer wieder so sein wird, daß die Menschen mit frischer Kraft und Selbstbewußtsein ins Leben treten, daß sic nach dem Höchsten streben und dem Kleinen verfallen? Ob immer das Tägliche die armen Träumer zermürben und zertreten wird?"

„Darüber darfst du nicht klagen, nur ich! Wüßtest du, wie viel Mißmut ich um mich verbreite. . . ."

„Ich N»eiß. woran es liegt. Paula", entgegncte er jetzt klar und ruhig. „Es hat zwei Gründe, nur einen davon darf ich dir sagen: Denk' einmal daran, wie

gleichgültig die meisten Dinge sind, die dich kränken! Ist denn etwas anderes wichtig, als daß die Menschen fick, wohl fühlen? Alle Ansichten über Recht und Un­recht sind individuell. Wichtig ist das bißchen Glück... Schnell entschwindet das Leben . . . Auch das meine", setzte er leise hinzu.

Er erhob sich rasch, griff nach ihrer -Hand und ver­ließ schweigend das Zimmer.

„Ist nun Klarheit zwischen nnS?" fragte sich Paula. Ihr war zumute, als hätten sie noch nicht angefangen sich curszusprechenl Ob er wohl morgen wiederkommt? Sie hatte ihm so viel zu sagen! Doch — wenn er es nickt hören wollte?

An diesem Tag konnte Paula nicht traurig werden. Als ihr Mann zm-ückkam, ging sie ihn, freundlich ent­gegen und fragte, wo er ge>vesim? Gerade heute war ihm das etwas peinlich. Endlich hatte er mit Cleo patra gesprochen.

Ausgelacht hatte ihn die reizvolle Circe und ihn er- sucht, sie nicht wieder zu besuchen. Dabei zeigte sie aber nicht Übel Lust, ihm uni den .Hals zn fallen. Keiner

ihrer vielen Anbeter hatte ihr je so gefallen. Ihre „erste Liebe" nannte sie ihn. Es imponierte ihr in der Tat, daß seine Liebe so ernsthaft gewesen, ernst genug, daß er sich losritz von ihr und sich sogar verheiratete, weil sie sich nicht von Veri hatte scheiden lassen . . . . Energie und Opfer hatten ihm einen besonderen Wert in ihren Augen gegeben, der den vielen anderen fehlte! Nur um ihn fester an sich zu binden, ließ sie ihn jetzt warten. Zu ihren Wollüsten gehörte die der Katze, die mit der Maus spielt, ehe sie sie frißt. Eifersüchtig war sie-natürlich auf Paula! Nicn sollte ihr, ganz allein ihr Eigentum sein! Würde sie ihn wieder in Gnaden annehmen, so mußte er sich mit seiner Frau hoffnungs­los entzweien ....

Kaum hate Nicu sie verlassen, überkam Cleopatra die leise Schwäche, die jede verliebte Frau, sei sie sonst wie sie wolle, fühlt: sie fürchtete zn hart gewesen zu sein. Rasch schlug sie ihrem guten Mann vor, mit ihr den Abend bei der „armen kleinen Paula" zuzubringen.

Nicu saß mit seiner Frau in deren Boudoir, es w«r endlich eine Stunde, wie sie Paula sich im Beginn ihrer Ehe geträumt. Ihr Mann laS vor, sie häkelte ein kleines Jäckchen für das Kind, das im nächsten Sommer zur Welt kommen sollte. Da wurden Veris gemeldet.

Nicu war rok vor Freude. Um sie zu verbergen, sagte er: „Soll ich sagen, daß du zu angegriffen bist?"

„Im Gegenteil, ich freue mich, sie zu sehen!"

Cleopatta nickte Nicu flüchtig zu und wandte sich dann ausschließlich an Paula: „Die Neuigkeit, daß Sie endlich wieder ausgehen, durchlief beute die aanze Stadt!"

Paula hielt sich ein wenig kühler als sonst — Georges Warnung fiel ihr ein.

„Sie lasen im Locke?" fragte Veri, der das eben zugeschlagene Buch zur Hand nahm.

Paula erwiderte verlegen: „Mich interessierte das Kapitel über Erziehung!"

Veri sah sie freundlich an: „Das Beste muß die

Mutter aus der Eingebung des Herzens schöpfen. Ich hatte eine Mutter, die wohl lesen und schreiben gelernt hatte — sie war ja nach damaliger vornehmer Sitte erzogen —, die aber seit ihrer Verheiratung kein Buch mehr zur Hand genommen. Sie erzog uns mit Hilfe eines Hauslehrers so gut. daß wir im Wissen anderen Knaben unseres Alters weit voraus waren, und dabei war sie in ihrer Strenge so milde, daß >vir ihr immer blind gehorchten."

„Paula, Ihr Mann war heute bei mir und hat niir den Hof gemacht", rief Frau Veri dazwischen, „hat er es Ihnen gebeichtet?"

„Er hatte ja nichts zu beichten", erwiderte Paula liebenswürdig. „Er weiß, daß ich stolz bin, wenn Sie dulden, daß er Ihnen den Hof macht!"

Nicu stand ans. Dir Art, wie Cleopatra scherzte, war ihm unheimlich, überhaupt! Wie sie da alle so harmlos zusammen saßen, als brenne nicht ein teuf­lisches Feuer in ihnen, unter ihnen!

Ai'httr

s.iy