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Sonntag, 31. Dezember 1916.

Morgen-Kusgabe.

Nr. 636. ♦ 64. Jahrgang.

Schicksal und Schöpfung.

Zürn Neujahrstag 1917.

Von Alfred Fischer, Pfar-rr an der*Jerusalemskirche zu Berlin.

Zwischen Vergangenheit und Zukunft halten wir heute einen Augenblick still! Wir wissen wohl, daß der Strom der Entwicklung darum ruhig seinen Gang weitergeht, aber nehmen das Reckt des geistigen Men­schen in Anspruch, nicht nur in dem Lause der Dinge zu stehen, wie diese Dinge stlbst, sondern ihn auch be­trachten und erkennen zu können, denn eben diese Ent­wicklung der Dinge, die um uns und durch uns weiter­rauscht, während wir sinnend und denkend ihr gegen­überstehen, hat uns Menschenkinder aus ihrem Strom herausgehoben zur Freiheit, die ein rmmer neu durchgrübeltes Wunder und dennoch eine Tatsache ist. Der Menschengeist erkennt die einander im gleichen Strom des Geschehens treibenden, einander ergänzen­den oder hemmenden Kräfte in chrer Eigenart, und der Menschen Wille nimmt sie aus ihrem Zusammen­hang, schaltet nach seinem Entschluß sie neu zusammen und erzielt Wirkungen und Gestaltungen, die die Natur als solche und ohne Eingreifen nie erzeugt hätte. Wie­derum zieht er seinen Willen aus diesen neuen Zu­sammenhängen, und die Natur gewinnt wieder ihre eigene Gewalt: das Hans zerfällt, das Meer braust

über dem Damm seinen alten Strom, das Gras wuchert auf dem Wege; oder er schaltet sie wieder aufs neue um und Unerhörtes wird möglich und wirklich. So ist es gewesen, seit der Mensch zuerst Mensch geworden ist, aber die Tatsache seiner Freiheit, seiner M i t- arbeit am Weltgeschehen durch Erkennen und Handeln ist dem Menschen l a n g s a m erst zum Bewußtsein gekommen und hat noch längst nicht alle Glieder der Menschheit in ihrer Größe, Verant­wortlichkeit und Schönheit ergriffen. Immer noch fühlen Tausende und wieder Tausende Menschen, immer noch fühlen Völker das Geschehen und Leben als Schicksal, das sie erleiden müssen als Naturnot- w e n d i g k e i t, die sie zwingt, als Drang und Dr u ck, dem man nur durch Leichtsinn oder Trotz auf Zeiten sich entziehen kann, den die Frommen abwendcn möch­ten durch Opfer und Flehen. Das aber ist im tiefsten Sinne das Wesen der neuen Zeit, im Unterschied von der antiken Welt, daß in ihr der Gedanke aufgeleuchtet ist — zuerst in Genien des Gedankens und der Tat, in Schöpsernaturen und aus Schöpserwerken, immer mehr aber nun auch in Grundsätzen der Erziehung, in Ele­menten der Weltanschauung, in Ordnungen des Wirt­schaftslebens und Forderungen der Politik —, der Ge- danke, daß nicht in der Umwelt des Menschen, sondern in der I n n e n w e l t seines Geistes die sein Dasein be- sftmmenden Kräfte liegen. Nickt ein fremder Wille von außen her gibt ihm das Gesetz seines Daseins, er s e l b st gibt es sich von innen her; nicht ist das Leben des Men­schen Schicksal, Schöpfung ist es, so daß er nicht ein Objekt des Geschehens, sondern sein Subjekt ist, erkennendes, wollendes und schaffendes Subjekt, in hohen Ehren, aber auch mit furchtbarer Ve r a n t w o r t u n g, die vom Menschen mehr fordert als naive Lebensfreude oder senftmentales Lebensleid, nämlich das bitterernste und dock so herrlich-stolze Pflichtbewußtsein.

Aber ist solche Rede nicht Übermut und Frevelsinn, daß der Mensch in der Gottheit heiligem Bezirk zu dringen, daß er sich neben die Gottheit zu stellen an­maßt. statt tief drunten in Demrst zu empfangen und zu duldend Nein! Vor vielen hundert Jahren schon hat einer die Menschen w stolz und frei machen wollen dem Schicksal gegenüber; Jesus von Nazareth hat die Menschen Gottes .Kinder genannt, das aber heißt im tiefsten Sinne dieses Wortes: er hat das hohe Recht des Menschen erkannt, nicht als ein Knecht dem Gebote des Herrn zu gehorchen, sondern als ein Kind aus dem Geiste des Vaters frei zu leben und zu handeln. Und ein an­derer Prophet ist aufgestanden in unseren Tagen, nicht als Vorhersager der Zukunft, aber im tieferen Sinne des Prophetentums, als ein Offenbarer ewiger Wahr­heit, die er in der von ihn: ergriffenen und erschütter­ten Menschheit zum Bewußtsein ruft, nachdem Gott von Ewigkeit her sie in dem Mcuschengeist ver­borgen hat.

Der Krieg i st dieser Prophet. Er ist uns dazu geworden im vergangenen Jahr. Was war es denn, was wie ein lähmender Bann auf uns lag wäh­rend der langen Sommerszeit bis zu'jenem erlösenden Tage, da H i n d e n b u r g die Führung des deutschen Heeres ergriff? Was trieb im Volke die zornige For­derung hervor nach dem U-Bootskrieg und ließ ein Murren und Murmeln durch alle Schichten und Stände gehen wider den Leiter unterer Staatsgefchäfte?

. . . . Wir hatten die Initiative verloren. Wir waren Objekte des Angriffs der Feinde,

er bestimmte unser Tun und Leiden, wir fühlten uns wie unter einem Schicksal, dem wir überlassen waren. Das ist anders geworden, seitdem' das Hirn dieses .Krieges wieder in unserem Hauptquartier arbeitet, seit die Handlung dieses Dramas wieder von dort aus geht, seit wir spüren, daß drüben bei den andere n, die Zeit des Harrens und Wartens gekommen ist und der Gang ihrer Rechnungen durch Faktoren von unserer Seite gesetzt wird. Dies Bewußtsein ist doch höher ge­stiegen, da seit dem Friedensangebot auch die diplo­matischen Fäden nicht mehr an der Themse zusammen­laufen und von dort allein Zuck 'und Ruck eiupfangen, seit dieser Knoten geschlungen ist, an dem sie doch alle hängen und hängen werden, die in das Gewebe dieses Geschehens verwickelt sind.

Unser Volk hat den Ruf des Propheten Krieg ge­hört, weil seine Natur Handeln ist und nicht Dulden, sein Ruf trat ins eigentliche Wesen dieses Volkes, dessen Geschichte immer dann groß war und als Größe von ihm selbst empfunden wurde, wenn das Volk im Handeln, in der Freiheit und Selb st- b e st i m m u n g, alsSubjekt u n d S ch ö p f e r seiner Zukunft aufgetreten ist. Freilich sind das keine „goldenen Zeitalter" gewesen, in denen in der „Gloire" oder im sicheren Weltmachtbesitz oder im üppi­gen Genuß und im rauschenden Farben- und Lebens­spiel das Volk oder seine Mächtigen sich sonnten. Zeit­alter waren es voll Blut und Schweiß, aber auch voll Kraft und Größe: die Zeiten Karls, oer Hein­riche und der Stauffer, die Zeiten der Krcuzzüge und der Reformation und das Zeitalter Friedrichs, die Tage von Leipzig und von Belle-Alliance und Anno 48 bis Anno 70 und 71! Da ward im Leiden geschaffen und um des Schaffens willen qelitten, da war. nicht Genuß, sondern Arbeit, nicht Dulden, sondern Kämpfen, da litt man nicht Schicksal, sondern schuf Zukunft. Nun hat heute auch den Letzten der Deutschen das Kriegshilfsgesetz befreit von dem Fluch, daß er den Krieg nur als ein Schicksal ertragen soll, und hat ihm den deutschen Segen gegeben, daß er handelnd mit Kräften des Körpers und des Geistes Eingreifen darf und soll. So haben wir es denn im vergangenen Jahre vom Krieg selbst gelernt, ihn. den so viele als ein furchtbares Geschick, das gerade diese Generation treffen mußte, ansahen, ihn, diesen Krieg, umzuschaffen aus freiem Willen zur Schöpfung deutschen Gei st es und deut­scher Kraft.

Mit stolzem Bewußtsein und Willen treten wir dem neuen Jahre gegenüber, das uns entgegenkommt. Nicht mit Sorgen, nicht mit Furcht, nicht mit Leidenswillen und Duldersinn, nicht mit der Frage grüßen wir es: „Was bringst du uns. was. willst du uns schenken, Freud oder Leid?" Nur eine Frage haben wir an das neue Jahr:. „Was b a st du für mich zu tun? Zeige mir meine Aufgabe, so will ich meine Pflicht leisten!" _

Militärischer Iahresrückblick.

l'Bon unserem militärischen Mitarbeiter .1

Der Beginn des jetzt abgelaufenen Kriegsjahres 1916 sah unsere Feinde in vollster Tätigkeit auf den äußeren Rändern des Weltkriegsschauplatzes, in den Kampfgebieten des näheren Orients mit dcni Ziele, Deutschlands Bestrebungen in diesem Gebiete nrilitärisch und politisch zu Fall zu bringen. Der aussichtslose An­griff gegen die Dardanellen auf den: Wasser­wege hatte zur Genüge dargetan, daß dieses Vorhaben nicht zur Wirklichkeit werden sollte. Dem verfehlten Unternehmen zur See folgte das monatelange Bemühen, diesen Zweck durch starke Vorstöße gegen die Landbe­festigungen zu erreichen. Schon Anfang Dezember 1916 waren Engländer und Franzosen von dem west­lichen Teile der Halbinsel GKllipoli vertrieben worden. Kaum 4 Wochen später mußten die feindlichen Angrifss- truppen auch von der S ü d s p i tz e dieser Halbinsel sich zurückziehen, wodurch das Dardanellenunter­nehmen endgültig zu Fall qekommen war. Die Eroberung von Konstantinopel von den Meerengen aus mußten unsere Feinde nach dieser empfindlichen Nieder­lage vollständig aufgeben. Stärker und kräftiger denn je ging die Verbündete Türkei aus diesem monatelangen Ringen hervor. Ansehnliche Kräfte wur­den jetzt frei und traten sehr bald inr m e s o p o t a in i- s ch e n Kampfgebiet gegen die Engländer auf. Der Stoß, der die Türkei vor den Toren von Gallipoli nicht ge- troffen hatte, sollte hier in Verbindung mit den Russen mit neuer Kraft einsetzen. Durch anfängliche Erfolge waren Englands Truppen bis vor die Tore von Bagdad gelangt und voller Hoffnung auf seiten un­serer Feinde, glaubte man an eine schnelle Eroberung dieser heiligen Stadt. Da setzte der türkische

Gegenstoß ein und traf die englischen Kolonnen derartig heftig, daß die bisherige Vorwärtsbewegung nicht nur zum Stillstand kam, sondern eine rückläufige Richtung einschlug. Vergebens suchten die Engländer, sich unter Anlehnung an die Tigrisfestung K u t - e l - Amara heldenmütig zur Wehr zu setzen. Vergebens hofften unsere Feinde, diesen befestigten Platz zu ent­setzen, um dann von neuem den Marsch auf Bagdad an­zutreten. Nach mehrmonatiger Belagerung mußte die Tigrisfestung am 29. April kapitulieren, wodurch der mesopotamische Feldzug unserer Gegner sein höchst un­rühmliches Ende erreichte. Gleichzeitig mißlang der Plan der Engländer und Russen, sich in Persien die Hand zu reichen, um die Bagdad bahn zu zerschnei­den und den deutschen Orientweg zu versperren. Seit jener empfindlichen Niederlage kam dieser Feldzug für unsere Gegner nicht wieder in Fluß. Auch die russi­schen .Versuche, von der armenischen Hochfläche aus weiter nach Westen vorzudringen, führten zu keinem weittragenden Erfolge. Die Eroberung der Festung Erz er um und die Besetzung der Hafenstadt Tro­pe z u n t waren freilich örtliche Siege, jede weitere Fernwirknng blieb ihnen jedoch versagt. Alles in allem gehört der orientalische Kriegsschauplatz im abgelaufenen Kriegsjahre also nicht zu den Entschei­dungsfeldern im Sinne unserer Feinde. Englands bis­her immer noch erfolgreiche Verteidigung östlich des Suezkanals und seine Herrschaft über Ägypten sind zwar unerschüttert geblieben, England kann dies aber nur insofern als Erfolg fiir sich buchen, als bisher großzügige Operationen um den Besitz dieser Wafser- straße noch nicht statffanden.

Der zweite Mißerfolg unsere Feinde in dem abgelaufenen Jahre, noch deutlicher und empfindlicher für sie als auf dem Orientkriegsschauplatz, ist auf dem Balkan festzustellen. Weder in der Verteidigung noch im Angriff zeigten sich hier untere Feinde den Heeren der Mittelmächte gewachsen. Weder ihre eigenen Truppen noch die ihrer Verbündeten ernteten hier mili- tärische Erfolge. Das Saloniki-Unternehmen befindet sich noch in demselben Zustande der Er- starrung wie vor einem Jahre. Alle Versuche, einen Durchbruch nach Norden zu erzwingen, blieben stets ohne Erfolg. Serbien und Montenegro gehören ebenso am Ende des Kriegsjah'-es 1916 zu den Besiegten der Mittelmächte wie vor einem Jahre. Hinzu trat noch vor wenigen Wochen unser bisheriger rumänischer Bundesgenosse, auf dessen Eingreifen unsere Gegner die größten Hoffnungen setzten. Der Balkan bietet infolge der schnellen Züchtigung dieses gemeinsten aller Verräter nun am Ende dieses Jahres für hie nnlitäri- sche Lage der Mittelmächte ein noch viel günsti­geres Bild als vor 12 Monaten. Die Verbindung mit der Türkei wurde nicht nur weiter aufrecht erhalten, sie erfuhr noch eine Verbreiterung durch die Niederwerfung Rumäniens und durch die restlose Beherrschung des Donanweges. Nach dieser zahl- losen Reihe von Mißerfolgen bleiben untere Feinde nur auf zwei Punkte auf dem Balkan beschränkt. Im Westen stehen die Italiener noch bei Balona, im Süden behaupten die Truppen desGenerals S a r r a i l das Vorgelände vor Saloniki und unbedeu­tende Teile des südlichen Serbiens. Mit Monastir, da sie jeder weiteren Operationsfreiheit beraubt, ohne Aus­sicht auf den Beitritt neuer Bundesgenossen, angewiesen auf weite, über See laufende rückwärtige Verbindungen dasteht, ist die militärische Lage der Entente auf dem südlichen Balkan nicht mehr dazu anMan, daß sie den Krieg entscheidende Handlungen unternehmen könnte.

Das dritte und größte Ziel unserer Gegner, auf das sie bereits nach den ersten Kriegsmonaten mft aller Kraft hinarbeiteten, ist die einheitliche Kampffront und Kampfesart gewesen. Das Frühjahr 1916 war von ihnen dazu ausersehen, durch einen gewaltigen Druck von Osten, Süden und Westen das Deut­sche Reich und seine Verbündeten militärisch niederzu- ringen. Auch dieses Vorhaben kam im abgelaufenen Jahre nicht zur vollen Geltung. Fast stets waren die Mittelmächte diejenigen, welch das Gesetz des Handelns diktierten und so rechtzeitig ihren Willen dem Gegner aufzwangen, daß dieser seine Matznahinen nicht nach freiem Ermessen, sondern unter dem Zwange urplötzlich eingetretener Verhältnisse treffen mußte. Der Angriff gegen die Maasfestung von V e r d u n, dessen Anfänge beinahe ein Jahr zurückliegen, war ein dicker Strich durch die Frühjahrsosfenstve unserer Gegner. Dieses gewaltige Unternehmen kam unsererseits zwar nicht zu einem völligen Abschluß, seine strategische Bedeutung als V o r b e u g u n g s° und Kreuzungsmittel der Pläne