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rilorgen.Veilage des Wiesbadener Tagblatts. >-

Nr. S0S.

Samstag, SS. Dezember.

Ivlb.

(S. Frrisetzung.)

vor vojar.

Ein Roman aus Rumänien von Mite Kremuitz.

(Nachdruck verboten.^

Raoul mußte sein bestimmtes Pensum lernen, wah­rend sein Hauslehrer mit dem Fürsten draußen in Locaso den Luftballon steigen ließ. Der Knabe wurde in seinem Zimmer eingeschlossen. Konnte er abends nicht aufsagen, was ihm aufgegeben war, so mußte er in die Nacht hinein lernen. Todmüde saß er dann da und konnte kaum die Augen offen halten. Er wurde blaß und blässer. Was er sich einbläute, begriff er nicht, konnte es nicht behalten. Sein kleines, blutleeres Ge- Hirn war nicht mehr imstande, etwas aufzunehmen.

War Raoul allein, kam manchmal die Wirtschafterin zu ihm, herzte ihn und brachte ihm geröstete Kastanien.

Der Lehrer äußerte sich mißfällig zu Fürst Demeter über die Unaufmerksamkeit und Beschränktheit des Jungen* „Es wäre schrecklich", meinte er, „wenn solch ein Knabe einmal berufen sein sollte, den Thron seines Vaters zu besteigen!"

Obgleich zu ihm der Fürst nie von Politik gesprochen atte, glaubte der Lehrer doch verstanden zu haben, wo as Ziel seines Gebieters lag.

Der Erzieher hielt sich für gewissenhaft. Hatte er doch Raoul sehr zurückgeblieben vorgefunden. Der Knabe war bald zehn Jahre rlt, hätte Quarta-Reife haben müssen. Raoul verstand fast kein Wort Deutsch — und aller Unterricht wurde ihm in dieser Sprache er­teilt. Er arbeitete vom Morgen bis zum Abend und wurde nur müder und verwirrter.

Eines Tages wurde das Kind von heftigem Fieber befallen. Nach der Ansicht seines Vaters konnte Fieber nur durch Bewegung kuriert werden. Das Kind wurde also im Freien herumgetrieben, bis es umsank.

Raouls bleiches Gesichtchen war so klein geworden und die blauen Augen leuchteten so märchenhaft klar und groß, daß Sofie Petru erschrak, als sic ihm auf der Straße begegnete. Sie machte sich Vorwürfe, sich so ! lange nicht um ihn gekümmert zu haben. Nun lud sie ihn zu sich und schrieb an den Fürsten eines der Billette, die nur sie so niedlich schreiben konnte. Es war eigen, wie all die Biegsamkeit und Geschmeidigkeit, die ihrer Person fehlte, sich ihrem Stil, gegeben hatte! Der Fürst wollte die Bitte zuerst abschlagen, da der Er­zieher nicht mit eingeladen war; auch erinnerte er sich an den Brief seines Sohnes und es reizte ihn, dem

S unden weh zu tun, der so sehr an Sofie hing .... chließlich aber schien es ihm bequemer, ja zu sagen. Sofie aino seit dem Winnh, an dem Georae um ihre Hand angehalten, wie im Traume umher. Ihre ganze Matur schien sich verändert zu gaben, sie fühlte Leben in sich pulsen und warf die Überfülle ihres Glückes auch auf andere. Es war ihr so neu, zu vertrauen! Desbalb tat sie'K aus PaNen und unbedingt. Ihre warme, großmütige Regung klagte sich selbst an, wenn

! ie ihren Verlobten zu kalt, zu formell fand. LÜe er- lärte alles zu seinem Vorteil.

Auch äußerlich war sie verändert. Ein rosiger Hauch ergoß sich über sie, und sie bewegte sich schnell. Ihre Gebärde hatte Freudigkeit.

Raoul sah es mit seinen scharfen, altklugen Kinder- äugen. Mit unerklärlichem Schmerz nahm er di( größere Zärtlichkeit hin, die Sofie ihrem kleinen Gastt widmete. Er fühlte sich gekränkt von ihrer liebevolles Güte.

Raoul haßte diesen George, von deni sie zu ihm sprach lvie von einem Heiligen, und er war froh, als er endlich nach Hause geholt wurde. Lieber noch dak viele Kopfweh, die vielen Arbeitsstunden und die größt Müdigkeit, als Sofies Mitleid! Er wollte ein stärket und ein gescheiter Mann werden, dann sollte sie Schutz bei ihm suchen, und er wiirde Heldentaten für sie ver­richten! Daß aber die Heldentaten damit beginnen sollten, Deklinationen und Konjugationen zu lernen» das nahm ihm allen Frohsinn. Sein eintöniges Leben schien ihm unendlich schwer und endlos lang. r

VIII.

Paula fühlte sich leidend. Sie lebte zwischen Bett und Sofa. Und sie war tief verstimmt, slkicu, manch­mal nahe daran, zu verzweifeln, seufzte über die schwer erkaufte Vaterfreude.

Einmal hatte sich Niru bei Veri erkundigt, ob. alle Frauen in den ersten Wochen ihrer Mutterschaft leiden müßten. Veri meinte, seine Frau habe dabei nie ge­litten.

„Cleopatra ist eine Ausnahme in allem!" — dacht- Nicu. Er sehnte sich nach ihrer unverwüstlichen Heiter­keit. Seit seiner Verheiratung hatte er die Einst-Ge­liebte nicht mehr unter vier Augen gesprochen. Immer schwerer wurde es ihm, der Versuchung zu widerstehen. Es reizte ihn, sie des Fürsten Demeter wegen zur Rebe zu stellen. —

Wenn Paula ihren Mann quälte, so quälte sie sich! selbst weit mehr. Sie war im höchsten Grade mit sich unzufrieden. Weinte stundenlang darüber, daß siq nicht imstande war, Glück zu verbreiten. O, sie würde ein schlechte Mutter werden, nicht Geduld und Ausdauer haben! So gern hätte sie sterben mögen!

Paula erfuhr, daß ihres Mannes Vermögensverhält- nisse schlecht standen. Er hatte Hypotheken auf sein Gut ausgenommen. Zoe Navru, der sie ihre Tür nicht verbieten konnte, teilte es ihr mit. Nun bestand Paula auf Einschränkung. Ihr Mann sollte Wagen und Pferde abschaffen. >

„Aber dann denken alle, ich sei ruiniert!"

„Besser, daß sie es denken, als daß es wirklich ge­schieht! — Unser Kind toll zur Wahrheit erzogen wer­den. Jeder falsche Schein ist schändlich!"

„Die Pferde kosten wenig, das Futter habe ich vom Gut, und der Kutscher ist seit zwanzig Jahren im Hause."

Es nützte ihm nichts. Wohl hatte er, unter tausend Vorwänden, die Sache noch acht Tage, hinausgeschoben, aber eines Morgens raffte sich Parila in seiner Ab­wesenheit auf. Sie ließ einen Juden kommen, der den Verkauf besorgen sollte, und kündigte dem Klltscher.