Verlag Langgaffe 21
„Tagltiatthau»".
SLaUee-Hallr geöffnet »an 8 Ui)t morgens bi» 7 wir
wöchentlich
Bezngs-Prris für Heide Ausgaben: Mk. t- monatlich, 4SI S— vierteljährlich durch den Berlog Sl, ohne Bringerlohn Ml S 0ö vierteljährlich durch alle deutichen Pafianftalten, aurfchlietzlich
vefiellgeld — Bezug»-Bestellungen nehmen außerdem entgegen, in «ioibaven die Zweigstelle B>s- marckrntg 18. iowie die Ausgabestellen in alle» Teilen der erlabt; in Biebrich. die dortigen Au», »»bestellen und in den bntachbanen Landorten und im Sihetngau die betreffenden Tagdlan-Träger
»erlmer Abteil««, de« Wi.Sbade«-rT.,»l-ttS- »erlm W
13 Ausgaben.
Fernruf:
„TagblatidauS" Rr. 6«0»S. von 8 Uhr morgen» bi» 7 Uhr abends. Sicher Einntagd
Aazeiaen-Preis für die Zeile: lb Pfg. für Örtliche Anzeigen st» „«rbettsmartt- und »Kleiner «nzeuwr- in einheitlicher Satzform, Ai Pfg. in davon abweichender SatzauSführnna. iowie für alle übrigen örtlichen Anzeigen: 8» Pfg. für »de auswärtigen Anzeigen: i Ml. für örtliche Rellamen: 2 Ml. für auswärtige lkellamen. Ganze, halbe, drittel und vierte! Seiten, durchlanfenv, nach befonderer Berechnung, — 1 Bei wiederhvlter Aufnahme unveränderter Anzeigen in kurzen Zwiichenränmen entsprechender Nachlaß,
.. P,t«da»rr «N.1S1«. Kentspr.:«». Lü,°w 6202 a.6203.
Samstag, 30. Dezember 1916.
Morgen'klusgabe.
Nr. 634. ♦ 64. Jahrgang.
Deutsche Zinanzkrast im Zahre Wb.
Von Wirk. Geh. Qberfiuanzrat Dr. O. Schwarz, Berlin.
Wenn inan heute rückschauend unsere triegsftnan- ziellen Leistungen im dritten Kriegsjahrs überblickt, so weiß man nicht, ob man mehr über die Finanzkraft des Deutschen Reiches oder über die Opferwilligkeit seiner Bevölkerung staunen soll. Während im Frieden an den deutschen Börsen jährlich nur etwa 3 bis 4 Milliarden Mark Wertpapiere aller Art emittiert wurden, hat das Deutsche Reich im abgelaufenen Jahre 1916 mittels seiner vierten und fünften Kriegsanleibe nicht weniger als 21,3 Milliarden Mark langfristig ausgenommen, nachdem im Jahre vorher (1915) bereits eine nur wenig geringere Summe. 21,2 Milliarden Mark, und in der zweiten Jahreshälfte 1914 4,5 Milliarden Mark an Kriegsanleihen aufgebracht worden waren. Das ergibt eine Gesamtsunlme von 46 Milliarden Mark. Wie die friiheren, legten auch die vierte und fünfte Anleihe Z-»ugnis von deni unbedingten Vertrauen uird der Opferwilligkeit aller Schichten der Bevölkerung ab, waren sie wiederum V o l k Z a n l e i h e n im wahrsten Sinne des Wortes. Je 3 bis 4 Millionen Zeichner waren bei jeder der beiden. Anleihen mit Zeichnungsbeträgen bis 2000 Mark beteiligt. Sie brachten inehr als den sechsten Teil der 21,3 Milliarden Mark auf. Von den 46 Milliarden Mark unserer gesamten bisherigen Kriegsanleihen haben Sparkassen und ihre Einleger fast den vierten Teil gezeichnet und dabei doch ihren E i n l a g e b e st a n d auf der Höhe, wie er vor dem Kriege war, erhalten können. Andererseits find die D arl e h n s k a' sen auch diesmal, wie früher, wieder nur mit minimalen Beträgen in Anspruch genommen worden, die Einzahlungen auf die Anleihen gingen wiederum in überraschend schneller Weist vor sich.
Diesen Anleiheerfolgen gesellten sich st e u e r l i ch e hinzu. Im Frühjahr 1916 wurden vom Reichstag an neuen Steuern eine einmalige Kriegsgewinnsteuer mit einem voraussichtlichen Ertrage von 1 bis 2 Milliarden Mark sowie annähernd % Milliarde Mark dauernder Abgaben und Steuern bewilligt. In den Bundesstaaten und Gemeinden sind daneben noch einige Hunderte von Millionen Mark Steuererhöhungen durchgesetzt worden.
ünd s i n a n » i e l l e Gesamtleistungen für 1916, die bei Beginn des Jahres selbst in Deutschland nur wenige für möglich gehalten haben dürften.
Wie bescheiden nehmen sich diesen Erfolgen gegenüber die finanziellen Taten des „reichen" Frankreichs, des „reicheren" Englands im abgelaufenen Jahre aus! Frankreich legte vor kurzem eine — zweite — langfristige Kriegsanleihe ans, die ihm noch nicht 10 Milliarden Mark und damit die französischen Gesamtanleiheleistungen mt Kriege erst auf 20 bis 21 Milliarden Mark brachte. Das englische Parlament bewilligte im Frühjahr )916 allerdings neue Steuern von insgesamt l 1 /-, Milliarden Mark, langfristige Anleihen aber hat die Regierung in diesem Jahre überhaupt nicht herausg.-bracht, vielmehr alle die. gewaltigen Kriegsausgaben des Jahres 1916 kurzfristig gedeckt. In England sind somit seit Beginn des Krieges im ganzen ebenfalls nur rund 20 Milliarden Mark durch langfristige Anlechen aufgebracht, d. h. endgültig pedeckr ivorden, und der englische Staat befindet sich heute in dem Weng beneidenswerten Besitze einer kurzfrist r g e n Schuld von mehr als 35 Milliarden Mark, eines Betiages, der die größte Staatsschuld, die es vor dem Krieg gab, die französische (mit 24 Milliarden Markt, noch um 11 Milliarden Mark übersteigt. Wie stolz fuhr das Lloyd George-Finanzschiff, getragen von einer 3z4prozentigen Kriegsanleihe, emittiert zu 95 im November i914, auf die Wogen des Krieges hinaus, wie uninhig inag heute Bonar Law, der soeben die un» bcaueme Erbschaft MacKennas übernommen hat, auf dessen 6prozentigen Exchequer-Bonds von einer großen Dreadnought-Kriegsanleihe zu 5 Prozent zu einem Emiifionskvrs von — ? — träiunen!
Und iricht genug, daß England und Frankreich bei zusammen fast doppelt so hohen Kriegskosten nur 40 bis 41 Milliarden Mark Kriegsanleihen unseren deutschen 46 Milliarden Mark gegennbeczustellen haben. Unsere Kriegsanleihen konnten alle zu gleichem Zinsfuß und fast gleichem Emissionskurs ausqegeben werden. Während sich bei uns der Realzinsfuß der Anleihen gegen die Zeit vor dem Kriege nur um etwas über 30 Prozent steigerte, erhöhte er sich in England um fast 40 Prozent, in Frankreich sogar um fast 70 Prozent.
Worin liegt das Geheimnis bteiet Finanzkraft Deutschlands gerade seinen finanziell stärksten Gegnern, England und Frankreich, gegenüber?
Unsere militärischen Großtaten, die Opfer tiwtliftf ei t unseres Volkes» die Or>
ganisationsgabe seiner finanziellen Führer haben zu unseren Erfolgen zweifellos viel beigetragen. Der letzte tiefste Grund unserer finanziellen Stärke ist aber doch in folgendem zu suchen:
Im Frieden kann es Vorkommen, daß in einem reichen, aber stark arbeitenden und schaffenden Lande die öffentlichen Finanzen vorübergehend leiden, weil Handel und Industrie zuviel Sparkapitalien aufsangen. (S. unser von den Feinden in seinen Ursachen so falsch bewertetes.Reichsfinanzelend im Anfang dieses Jahrhunderts.) Im Kriege wird das mit einen: Schlage anders. Da werden Privat- und Gesamtwirtschaft so eng zuianimengeschweißt, daß privatwirtschaftlichc Leistungsfähigkeit und staatliche Finanzkraft gar nicht mehr voneinander zu trennen sind, daß sie nur noch verschiedene Seiten eines einheitlichen Ganzen bilden. Staatsauftcäge treten an Stelle von Privataufträgen, Staatsverbranch an Stelle von Privatverbrauch, Staatskredit an stelle von Privatkredit. Ein fortwährendes Gebeit und Nehmen im größten Umfange und Maßstabe findet zwischen Privat- und Staatswirtfchaft statt. Diese Umwälzung der wirtschaftlichen Bedürfnisse und ihrer Befriedigung stellt auch die Finanzkraft auf eine neue Grundlage. Alter, in Auslandswerten aufqespeichrcter Reichtum, auf den England und Frankreich sich inr Frieden soviel zugute taten, verliert ber längerer Kriegsdauer um so mehr an Wert für die Finanzkrast eines Volkes. Nicht nur schwindet er bei den enormen Kriegskosten schnell dahin; zum großen Teil ist er »nährend des Krieges überhaupt nicht realisierbar, England kann zwar große Summen von seinen Amerikaiverten, aber doch nur einen kleinen Teil seines viel größeren Kolonialwertbesitzes, Frankreich nur wenig von seinen zahlreichen Russen-, Balkan- und Türken werten im Kriege abstoßen. Diejenige finanzielle Krattguelle, die »nit jedem Tage wirksamer auf den Plan tritt, ist die wirtschaftliche Produktion straft eines Volkes, Nur dasjenige Land, das seinen gesamten Kriegs- und Zivilbedarf aller Art innerhalb der eigenen Grenzpfähle erzeugen und Herstellen kann, ist finanziell fähig, einen Krieg schier endlos durchznhalten. Gold und Geld sind fa doch nur 11 m- satz-, nur Bewegungsmittel, Anleihen nur Wertbegriffe für all die Gegenstände, die der Staat vom Volke leihen will. Was er in Wirklichkeit braucht, sind Produkte aller Art. Solange dieser immer »vieder im Lande genügend gewonnen werden, ist auch die Kriegsfinanzierung gesichert, ist sie letzten Endes nichts anderes als eine Organisationsfrage. In dieser glücklichen Lage sind »vir! Wir genießen heute die Früchte dessen, daß wir in» Frieden den größten Teil unserer reichen Ersparnisse in einheimische Neuanlagen und Betriebsmittel aller Art gesteckt haben. Diese Voraussicht hat uns die Leistungsfähigkeit unserer I n d u st r i e, unserer L a n d w i risch a f t im Kriege gesichert. Das .,H i n d e n b u r g- programm" wird neue Gelegenheit bieten, dein Auslande die Kräfte Wielands, des „Deutschen Schmiedes", vor Augen zu führen. Seine Folgen werden sein: >veitere Steigerung der Leistungen unserer Kriegsindustrie, unserer Landwirtschaft, weitere Einschränkung des Luxus Verbrauches. Auf diesen» fruchtbaren Boden »verden uns neue finanzielle Erfolge erblühen!
Und unsere Gegner? Der eine (England) hat inr Frieden seine Landwirtschaft, der aitdere (Fraitkreich) seine Industrie vernachlässigt, der dritte (Rußland) trat industriell überhaupt noch nicht geitügend entwickelt in den Krieg ein. Nun müssen sie zur Ergänzung ihrer unzureichenden eiilheiniischen Kriegswirt-! schuft — sie unterliegen nicht der Blockade, müssen aber doch, durch unsere Erfolge zu Lande und zu Wasser ge- zivungen, immer mehr ihre Friedensivirtschaft durch Kriegswirtschaft ersetzen — jahraus, jahrein Milliarden über Milliarden auf Nimmerwiedersehen ins A u s- land schicken oder sie zu hohem Zins vom Auslands leihen. Das Defizit in der englischen Handels- bilartz, der Einfuhrüberschuß schließt in diesein Jahre, wenn man die Reqierungsankäufe einrechnet, »nit »nin- destens 12 bis 13 Milliarden Mark, der französische mit 8 bis 9 Milliarden Mark ab. (Nach der unten wiedergegebenen Drahtnachricht ist dieser Schätzungsbetraa des Verfassers allein in den ersten elf Monaten dieses Jahres um 2 bis 3 Milliarden Mark übertroffen wor- den, wird also in der Jahressuirrme dein für England geschätzten Gesamtbetrag gleichkommen. Schrift!.) Selbst die reichsten Volkswirtschaften können solche Aderlässe nicht lange aushalten, selbst die entgegenkommendsten Gläubiger »nüssen solchen Ziffern gegenüber auf die Dauer stutzig und zurückhaltend werden.
Dia Schwäche der Gegner mehrt unsere Stärke. Das gilt auch auf finanziellem Gebiete.' Auch auf diesem dürfen »vir uns bisher als Sieger betrachten. Ein neues Jahr, nach menschlichem Ermessen das Jahr der Entscheidung bricht heran. Die
Finanzkraft Deutschlands, die Zuversicht und Opfer Willigkeit seiner Bevölkerung werden dafür sorgen, daß auch hier der schon gewonnene Vorsprung zum endgültigen Siege führen »vird.
Oie Zrieöensfrage.
Die bevorstehende Antwort der Entente.
Nr. Amsterdam, 29. Dez. (Gig. Dvahtbericht. zb.) Die Entente aut wort auf die deutsche Note kann noch im Laufe dieser Woche erwartet werden. Die Antwort wird nach einer privaten Mitteilung and London keine glatt- Ablehnung enthalten, viel mehr darauf berechnet sein, Zer t zu gew in ne n. Weder die 8lote Wilsons noch diejenige der Schweig werden darin berücksichtigt werden.
Unser Konferenzvorschlag die „allerschlimmste Falle"!
Genf, 29. Dez. (zb.) Die auf 'den Text und Ton der Ententenvte vorbereiteten heutigen halbamtlichen Pariser Blätter erklären, der Konfererizvorschlag sei die aller- fchlimmste der bisher von Mittelmächten gestellten Fallen. Die Entente werde sich wohl hüten, Bevollmäckl- tigte namhaft zu machen, bevor die Mttebmächte selbst die zu machenden Anerbietungen zur öffentlichen Kenntnis bringe»:, bringen.
Einschüchterung der Friedensfreunde inr englischen Unterhaus durch die Regierung.
Br. Kopenhagen, 29. Dez. (Eig. Drahtbericht, zb.) „National Tidende" melden aus London, daß den Friedensfreunden im englischen Unterhaus von der Regierung mit der sofortigen Auflösung des Parlaments und der Ausschreibung von Neutvahlen gedroht worden sei. Aus Angst vor diesen Aussichten, habe die Gruppe der betreffenden Parlamentsmitglieder eine Sitzung einberufen und darin erlklart, daß die Annahme des »deutschen Friedensangebots für England augenblicklich ein verhängnisvoller Schritt sei.
Die Dnnra besinnt sich in der Friedensfrage.
(Drahtbericht unseres L.-Soriderberichterstatters.)
8. Kopenhagen, 29. Dez. (zb.) Die Duma beschloß nach Petersburger Blättermeldungem, weil die Friedens- frage eine greifbare Gestalt annehme, eine Reihe Abgeordneter in das neutrale und verbündete Ausland zu entsenden, um die Meinungen angühören, welche in den verschiedenen Ländern über die Friedenssrage herrsche.
Die Friedensaktion der Neutralen.
(Von unserer Berliner Abteilung.»
I-. Berlin, 29. Dez. (Gig. Drahtbericht, zb.) Der schwedische Geschäftsträger in Berlin Freiherr v. E f s e n erschien heute im Auswärtigen Amt als Erster oer drei fkandinavischen Diplomaten, welcher die Friedens- note ihrer lRegievungen zu überreichen hat. Man ersieht aus diesem enfreulichen Schritt, der von der deutschen Re- gteru-ng in derselben zuvorkommenden Weife beantwortet werben wird wie bereits der schweizerische, daß die ablch- nertbe Haltung be§ Bierverbands uriid die fast beleidigende Sprache der Londoner und Pariser Presse die Neutralen nicht abhält, das Werisprechen zu erfüllen, das sie offenbar dem Präsidenten Wilson gegeben .hatten. Jetzt begimrt eine neue EinkreifUlUgspolitik, eine friedliche, die sich gegen die kriegerische der Entente richtet. Wie auch die Antwort des Bierverbands «ussallen mag, so steht jetzt fest, daß die Neutralen die Ansicht der Mittelmächte teilen, der Augenblick für Friedensverhandlungen wäre gekommen. Bau: militärischen Gesichtswinkel wollen wir keine 'Schlüffe ziehen, öbschon es für die Haltung der Neutralen nur die eine Erklärnng geben kann, daß ein weiteres Menschengemetzel der Entente auch nichts mehr nützen würde. Aber jetzt, wo die neutrale Aktion bereits in Fluß gekommen ist, darf »nvn bei uns einen anderen Schluß ziehen, SBIr wissen, daß die Shnrpathie einiger der Staaten, die sich jept für dert Frieden ausgesprochen haben, nicht uns, sondern England und Frankreich zuneigeii. Wenn sich diese Staaten in die Gesvlgschafi Wilsons begöben, so hoffen sie, den Ententevölkern offenbar einen Di enst zu leisten, wie sehr sie auch die Ententeregie rungen und die Entente- Presse das Gegenteil glauben lassen möchten. Der Feind erhebt großes Protestgcschrei, seine Freunde handeln an seiner Stelle; sonnt dürsten /seine geheimen Wünsche, wie in Washington, so auch in Ebristiania oder in Kopenhagen gut errate» »worden sein. Zum Jahresschluß dürfen wir den nicht zu kühne» Gedanken aussprechen, >daß die Frieden?- Verhandlungen zwar aus einem langen Umweg, aber dennoch ihrem Ziel z u st r c b e n. -
Der Anschluß der skandinavischen Regierungen an die Note Wilsons.
W. T.-B. Wien, 29. Dez. (Drahtbericht.) Der schwedische Gesandte und der dänische Geschäftsträger haben heute dem Ministerium des Äußer» die wörtlich übereinstimmenden Noten überreicht, m welchen ihre Regierungen das Interesse an den Vorschlägen Wilsons und die Hoffnung ausdrückeu, daß seine Initiative zu einem Ergebnis führen möge.
