lirorgen.Seilage der Wiesbadener Tagblatts.
Nr. 304. Krellag, 29. Dezember. 1916.
(8. Fortsetzung.)
DCf BOjCt, (Nachdruck verboten.;
Ein Roman aus Rumänien von M-te Kremnitz.
„Ich kenne die Klatscherei schon, daß Nicu in sie verliebt war. Mein Gott! Die Frau mag sehr kokett sein, aber sie ist reizend."
„Und du, Paula, du wirst auch kokett!"
Sie blickte ihn überrascht an, er war gereizt und fuhr, aufstehend, fort:
„Gestern kamst du ganz in Frau Veris Weise auf mich zu: „Bin ich nicht schön Für wen habe ich mich geschmückt?" Ich glaubte, mir stünde das Herz still, als ich dich so sah. Das ist der Anfang, aber das Ende wäre nicht wie bei Frau Veri, die ohne Herz und Kopf ist, — nein, dein Ende wäre eine Tragödie . . ."
Paula war dunkelrot geworden.
„Du hast recht", sagte sie nach einer kleinen Pause. „Du hast recht! Ich habe mich selbst gewundert, wie schnell ich in den frivolen Ton der anderen verfallen bin."
„Natürlich", entgegnete er plötzlich ruhig, „damit entwaffnest du mich. Im übrigen habe ich weder ein inneres noch ein äußeres Recht, dir zu predigen . . . Ich war eigentlich gekommen ... dir zu sagen, daß ich mich im nächsten Monat verheirate. . ."
Paula verfärbte sich.
Sie sahen sich mit einem Mal wie zwei Feinde an.
„Mit wem?" fragte sie tonlos.
„Mit Sofie Petru", antwortete er.
Ja. Paula hatte gewußt, daß sie von dem Freund ihrer Jugend geliebt war. Sie hatte nach Frauenart auf diese Liebe gebaut, wenn sie auch nie daran dachte, sie zu erwidern. Das sah nun George. Sah es mit einem Blick in ihre weit geöffneten Augen. Und sie erkannte es auch erst jetzt, — jetzt, da er ihr mitteilte, daß er eine andere heiraten werde . . .
„Du bist ein Ausbund von Falschheit!" _ stieß sie heftig hervor. „Mit dem Schein der Aufrichtigkeit gehst du in dSr Welt umher, und ich Törin vertraute dir!"
Sie lachte bitter auf.
Nichts hätte rhm süßere Musik sein können. Er fühlte, daß sie ihn liebe, unbewußt, instinktiv, — über es war Liebe! Er hätte sich ihr zu Füßen werfen wollen und ihr sagen: „Deinetwegen heirate ich eine
verhaßte Frau." Aber er mußte, mußte schweigen. —
Nicu trat ein. Erstaunt über die Erregung seiner Frau blieb er an der Tür stehen. Paula ging auf ihn fru und sagte mit höhnischer Stimme- „Du kannst dein verschwiegenen George zu seiner Verlobung gratulieren! Fräulein Petru ist die Auserwählte. Sie bringt ihm prcht nur ein erwünschtes Vermögen, sondern auch das Abgeordneten-Mandat und reizende Verwandte mit... Kor drei Tagen leugnete er noch jede Möglichkeit einer solchen Verbindung!"
„Die Liebe ist unberechenbar", erwiderte George. „-Ich hätte es gestern früh selbst nicht geglaubt." Und pamit empfahl er sich.
„Paula, wie konntest du so unhöflich sein?" sagte Nicu zu seiner Frau, als sie allein waren.
„Ich kann Heuchelei nicht vertragen — und dann — empört mich's, daß wir diese Leule in die Familie bekommen!"
„Familie? George ist ja nicht einmal dein rechter Vetter!"
„Das ist wahr . . . Dennoch!"-
Fürst Demeter ging unterdes auf seinem Hofe auf und ab. Der Stallknecht, Naouls Brief an Sofie in der Hand, wollte an ihm vorbei
„Was hast du da?" fragte der Fürst.
„Einen Brief des jungen Herrn."
„Gib her! Mach', daß du an deine Arbeit kommst!"
Fürst Demeter las und wieherte vor Lachen. „An dem Jungen ist doch mehr, als ich dachte! Er haßt mich, wie ich meinen Vater haßte. Muß also doch einen Tropfen meines Blutes haben. Außerdem, in seinem Alter schon verliebt! Dis verspricht etwas! Wer mag ihm in den Kopf gesetzt haben, daß ich heiraten will? O, das Frauenvolk I Ich werde sie alle entlassen und ihm einen Erzieher verschreiben."
Und so geschah es.
Raoul konnte sich denken, warum. Der Stallknecht hatte ihn« gebeichtet. Er war nicht seines Vaters Sohn, denn er schlug den Knecht nicht, sondern sagte stolz:
„Das schadet nichts. Mein Vater wird den Brief dann selbst abgegeben haben." Er händigte dem Knecht den versprochenen Botenlohn aus.
VII.
„Ich finde keine andere Rolle für die Veri als dis Jeanne, und zu der ist sie auch zu dumm", bemerkte Lodescu, der das Programm für die Aufführung in der Neujahrsnacht zusammenstellte. Bei Fürst Demeter sollte Theater gespielt werden. Von den Herren imd Damen der Gesellschaft. Und Lodescu fuhr nach kurzer Überlegung fort: „Die Marquise würde sie wie eine derni mondaine spielen — sie weiß sich ja auch im Leben nicht zu bewegen« In den, Schlußstück ist sie vollends unmöglich, weil sie nicht singen kann."
„Du bist ja schlimm daran", lachte der junge Costica Petru. „Kannst es doch nicht allen recht machen! Stell' ein paar lebende Bilder und laß Cleopatra das Gret- chen sein!"
„O, sie möchte am liebsten in einer Männerrolle auftreten, ich finde aber leider kein aufführbares Stück, das ihr Gelegenheit gäbe. ."
„Nimm ein unausführbares!"
„Du hast leicht lachen, hast keine Verantwortung! Ich kann dir sagen, daß ich schon ein paar Nächte nicht habe schlafen können!"
„Könnte Belescu dir nicht rasch ein Stück schreiben, wie vor drei Jahren, als er in den Ferien hier war?"
„Er wird nicht in der Stimmung sein, hat die Wahl und die Heirat im Kopfe!"
